Die Geschichte der Medizin umfasst die historischen Entwicklungen der Heilkunde, einschließlich der Biografien von Personen, die Einfluss auf die Medizin ihrer Zeit ausübten.

Als Synonyma sind Medizinhistorie und Medizingeschichte weniger gebräuchlich.

Prähistorische Medizin Die Erforschung der medizinischen Praktiken der schriftlosen Völker der Steinzeit (mit einer ursprünglich rein auf Empirie beruhenden, auch „primitive Medizin“ genannten, prähistorischen Medizin als Heilkunde und Krankheitslehre zwischen 18.000 und 4000 v. Chr.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 1.) ist ein Gegenstand der Paläopathologie.

Als Ursache von Krankheiten und Schmerzen wurde ursprünglich, ausgehend von präanimistischen Vorstellungen (Entfernung von eingedrungenen Fremdkörpern durch Austreibemittel und Bekämpfung natürlicher Emanationen durch heilkundige Frauen und Männer) und dann in animistischer Weltanschauung (mit Personifikation des Fremdkörpers als Krankheitsdämon, und vorgestellt als Besessenheit) vermutlich das Wirken von Dämonen angesehen, vor dem der Mensch sich etwa durch Armringe, Hauttätowierungen oder Amuletten versuchte zu schützen. Als Spenderin des Lebens oblag dann wohl vor allem der Frau als Heilerin, Priesterin oder Zauberin die Bekämpfung der Dämonen bzw. Vertreibung böser Geister mittels beschwörender Worte und magisch wirkender Tränke. Später übernahmen dann auch Medizinmänner, Schamanen und männliche Zauberer diese Aufgaben.René Fülöp Miller: Kulturgeschichte der Heilkunde. Chemische Fabrik Promonta, Hamburg 1935–1937. Als Kampf gegen Schmerz und Tod. Kulturgeschichte der Heilkunde. Süd-Ost-Verlag, Berlin 1938.H. Orth, I. Kis: Schmerzbekämpfung und Narkose. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 1–32, hier: S. 1. Mit Einfluss einer dogmatischen Religion in späteren Kulturstufen erfolgte die Krankheitsdeutung auch als Strafe oder Prüfung eines Gottes und die Heilhandlung (im Sinne einer auf theurgischer Pathologie beruhenden theurgischen Medizin) als Kulthandlung durch Priesterärzte.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. Neubearbeitung (7., neubearbeitete Auflage). Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 1 (Primitive Medizin).

Medizin im Alten Orient und im Alten Ägypten

Die Medizingeschichte im engeren Sinn beginnt mit dem Vorhandensein von Textzeugnissen. Aus dem Alten Orient sind von Sumerern, Babyloniern und AssyrernPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. Neubearbeitung (7., neubearbeitete Auflage). Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 1 f. die ältesten Schriften zu Arznei- und Zaubermitteln, aber auch rechtliche Regelungen für den Arztberuf bekannt (Gesetzeskodex des Hammurabi). Die Behauptung Herodots, dass die Babylonier ihre Kranken einfach auf dem Marktplatze ablegten und jeder Vorübergehende Hinweise zur Gesundung mitteilte, kann dadurch widerlegt werden. Wie bei den meisten älteren Krankheitskonzepten gingen auch die Menschen im Alten Orient von einer Krankheitsverursachung durch böse Dämonen und strafende Götter aus. Bei ihren Therapieformen lag ein großes Gewicht auf der Wiederherstellung der kultischen Reinheit.

Aus dem Alten Ägypten sind ähnliche Textzeugnisse erhalten. Ein Spezialgebiet der Medizin im Alten Ägypten ist die Praxis der Mumifizierung, die erhebliche medizinische und konservatorische Kenntnisse erforderte. In Ägypten existierte bereits ein ausdifferenziertes Spezialistentum unter den Heilern, die teilweise auch in eine ärztliche Beamten-Hierarchie eingegliedert waren.

Geschichte der europäischen und arabischen Medizin Antike

mini|Hippokrates

Im antiken Griechenland lag das Heilen zunächst in den Händen von religiösen Deutungskonzepten und Institutionen (Asklepiosmedizin, Asklepios, Epidauros), als deren älteste Autorität der mythologische Asklepios galt. Allerdings entstand Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. unter dem Einfluss der vorsokratischen Naturphilosophie (Empedokles) die sogenannte rationale Medizin, die eng mit dem Namen des Hippokrates von Kos verknüpft wird. Im 5. Jahrhundert v. Chr. versuchte sich die Medizin zudem von der Philosophie abzugrenzen.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 14 nd 40. Dabei wurde der Körper beobachtet und mit Einflussnahme auf seine Zusammensetzung (Anfänge der Humoralpathologie) versucht, seine Selbstheilung zu unterstützen.

Im Hellenismus entstand in Alexandria ein großes Zentrum für medizinische Ausbildung und Forschung, wo sich verschiedene Gruppen und Theorien herausbildeten. Große antike Entdeckungen wurden hauptsächlich in dieser Zeit gemacht, da im dortigen offenen Klima selbst Sektionen an Menschen und Tieren möglich waren. Ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. gewannen die Philosophie und Naturlehre des Aristoteles, daneben die des Platon, großen EinflussPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 8–9. auf die Entwicklung der Medizin. Zu den bedeutenden Ärzten dieser Zeit gehörte Diokles von Karystos.

Nach Rom kam die griechische Medizin erst spät, aber sie setzte sich trotz der Vorbehalte ehrwürdiger Römer wie z. B. Catos des Älteren durch. Auch die griechischen Heilkulte erfuhren Adaption (Aesculapius). Das medizinische Personal vom Sklaven bis zum hochgebildeten Privatarzt war meist griechischer Herkunft.

Für die Etablierung der griechischen Medizin im Römischen Reich war Aulus Cornelius Celsus († um 50 n. Chr.) von Bedeutung, er verfasste eine achtbändige, auch laienmedizinische und über die Kenntnisse der Hippokratiker hinausgehende Elemente (etwa bezüglich der Blutstillung)Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 10. enthaltende, medizinische Enzyklopädie, die bis in die Neuzeit als Standardwerk der Medizin benutzt wurde. Der in Rom wirkende Arzt Galenos von Pergamon († um 200 n. Chr.) verstand sich als Hippokratiker, vertrat aber eine eigene Lehre. Er baute die Humoralpathologie („Säftelehre“) des Hippokrates zu einer Temperamentenlehre aus, die als grundlegendes Krankheitskonzept bis ins 19. Jahrhundert von Bedeutung blieb.

In der Spätantike nach Galen und in byzantinischer Zeit wurde das bis dahin erworbene Wissen hauptsächlich gesammelt und tradiert. Die medizinischen Schriftsteller des oströmischen Reichs bis 1453 (Eroberung Konstantinopels durch die Türken) fassten hauptsächlich ältere Schriftsteller in Enzyklopädien zusammen und ordneten deren Wissen thematisch in Sammelwerken. Nur wenig Neues wurde den Schriften hinzugefügt. In der Tradition des Erhalts der bewunderten Kulturgüter der heidnischen Antike versuchte man, die Medizin von christlichen Einflüssen frei zu halten. Den Beginn machte Oreibasios, Leibarzt des Kaisers Julian, der im 4. Jahrhundert n. Chr. das erste medizinische Sammelwerk in 70 Bänden verfasste.

Die bis etwa 400 n. Chr. praktizierte Medizin der altgermanischen Heilkunde und der europäischen Volksmedizin beruhte wie bei anderen Kulturvölkern der Alten Welt im Wesentlichen auf Beobachtung. Es existierten zum einen heilkundige „Empiriker“ wie Tierzüchter und Hirten, zum anderen eine kultische Medizin betreibende Priesterschaft.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 13–14 (Die Heilkunde im germanisch-keltischen Altertum).

Mittelalter

Die arabische Medizin baute direkt auf den antiken Vorläufern auf. Die griechischen und lateinischen Texte wurden teils im Original tradiert, teils ins Arabische übersetzt. Im arabischen Raum erfuhr die Antike Medizin noch einmal eine Blüte, da arabische bzw. arabischsprachige orientalische Mediziner auf ihr aufbauend auch zu Erkenntnissen kamen, die seit den Kreuzzügen im 11. Jahrhundert durch rückkehrende Kreuzfahrer auch im Abendland eine verstärkte, über die christlich geprägten Nachbarregionen der Iberischen Halbinsel und Süditaliens hinausgehende, VerbreitungKay Peter Jankrift: Kreuzzüge. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 806 f. fanden. Die Araber entwickelten Spezialistentum und z. B. auch Krankenhäuser von einer Qualität, wie sie im Westen erst im 19. Jahrhundert wiederzufinden waren. Ein Teil des heute vorhandenen Wissens über die griechische Medizin wurde auf Arabisch festgehalten und später wieder ins Griechische übersetzt. Einer der bedeutendsten Ärzte dieser Zeit war der Perser Avicenna, seine Schrift Qanun galt seit dem 12. Jahrhundert als ein Standardwerk der Medizin. Ebenfalls von Bedeutung war der auch aus Persien stammende Rhazes, der einer der ersten Vertreter einer auf Experimenten beruhenden Medizin war.

Während die byzantinischen und arabischen Mediziner das antike Erbe bewahrten, war die Medizin des westlichen Mittelalters recht unberührt von allen Erkenntnissen, die es zuvor einmal gegeben hatte. Nur wenige lateinische Schriften aus dem Altertum hatten überlebt, das Griechische ging verloren. Lediglich klösterliche Heilkräuterkunde wurde betrieben, sodass man diesen Abschnitt als Klostermedizin zusammenfassen kann (dabei herausragend Hildegard von Bingen). Erst ab dem 13. Jahrhundert kamen über Spanien und die Mauren Einflüsse der hoch entwickelten arabischen Medizin nach Mittel- und Westeuropa. Über Italien und die dortigen Handelskontakte nach Byzanz/Konstantinopel wurden die griechischen Texte wieder zugänglich. Wesentlichen Anteil an der Einbringung des griechisch-arabischen Medizinwissens in die westliche Welt hatte die Schule von Salerno, die als eine der ersten medizinischen Hochschulen Europas gilt. Später entstand auch an der Universität FerraraLadislao Münster: Die Universität Ferrara und die Blütezeit ihrer Medizinschule im 15. und 16. Jahrhundert. In: Die Grünenthal Waage. Band 7, Heft 2, Aachen 1968. eine bedeutende Medizinschule.

Frühe Neuzeit