Die Gynäkologie (von , Genitiv , „Frau“, und -logie, „Lehre, Wissenschaft“) oder auch Frauenheilkunde (ab 1909 auch FrauenkundeFranz von Winckel: Allgemeine Gynäkologie. Vorlesungen über Frauenkunde vom ärztlichen Standpunkte. Bergmann, Wiesbaden 1909.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 67.Heinrich Eymer: Polypragmasie in der Frauenkunde. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. 53–56.), ist die Lehre von der Entstehung, Erkennung, Behandlung und Verhütung der Erkrankungen vor allem des weiblichen Sexual- und Fortpflanzungstraktes.
Der Begriff wurde im 18. Jahrhundert in die deutscheMartin Schurig: Gynaecologia historico-medica, hoc est consideratio congressus muliebris […]. Dresden/Leipzig 1730. und im 19. Jahrhundert in die deutschsprachigeCarl Gustav Carus: Lehrbuch der Gynaekologie […]. 2 Bände, Leipzig 1820. Literatur eingeführt.Peter Schneck: Frauenheilkunde (Neuzeit). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 429–435; hier: S. 429.
Das entsprechende Fachgebiet für männliche Patienten ist die Andrologie, zum Teil die Urologie. Allerdings beschäftigen sich Urologen auch mit weiblichen Patienten, wenn es um Erkrankungen der Nieren, der Harnblase und der Harnröhre geht und Gynäkologen mit männlichen Patienten, wenn es sich um Erkrankungen des Brustdrüsengewebes handelt.
Im engeren Sinne befasst sich die Gynäkologie mit den Erkrankungen der nicht schwangeren Frau im Gegensatz zu ihrem Teilgebiet, der Geburtshilfe (Obstetrik). Die Frauenheilkunde (in ihrem weiteren Sinne auch als Frauenmedizin bezeichnet) ist eines von mehr als 30 Teilgebieten der Humanmedizin. Die Facharzt-Ausbildung erfolgt in Deutschland immer gemeinsam mit der Geburtshilfe (siehe Frauenheilkunde und Geburtshilfe).
Zu den Aufgaben der Gynäkologie gehört auch die Behandlung von Erkrankungen der weiblichen Brust und die entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen (Vorsorgemedizin; siehe auch Mammografie).
Behandlungsspektrum in der Gynäkologie
Die moderne Gynäkologie konzentriert sich zunehmend auf individuelle Vorsorge, die Erhaltung der Organfunktion sowie auf schonende minimal-invasive Alternativen zu traditionellen Operationen. Zu den klassischen operativen Eingriffen zählen Hysterektomie (Gebärmutterentfernung), Ovarektomie (Eierstockentfernung, 1809 durch Ephraim McDowell), Operation der Retroflexio uteri (ab 1882 nach William Alexander und James AdamsPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 34 (zur Ovariotomie durch Ephraim McDowell, 1771–1830) und 51 (zur Operation nach Alexander-Adams, benannt nach William Alexander, gestorben 1902, und James Adams, 1818–1899).), Tubenligatur (Eileiterunterbindung zur Sterilisation) sowie die offene abdominale Myomektomie.
Neben herkömmlichen Methoden werden in der modernen Gynäkologie minimal-invasive, organerhaltende Alternativen eingesetzt. Dazu gehören die laparoskopische sowie hysteroskopische Myomektomie, die gebärmuttererhaltende Lasertherapie bei Myomen, die Uterusarterienembolisation (UAE) zur Myombehandlung, die laparoskopische ovarielle Zystektomie (Eierstockzystenentfernung mittels Schlüssellochoperation durch die Bauchwand), Lasertherapie bei Endometriose, Laserbehandlung bei vaginaler Atrophie sowie minimal-invasive Behandlungen bei Blasensenkung (Zystozele) und Gebärmuttersenkung (Uterusprolaps).
Darüber hinaus umfasst die konservative Therapie medikamentöse Maßnahmen wie Hormonpräparate (GnRH-Antagonisten, selektive Progesteron-Rezeptormodulatoren) sowie nicht-medikamentöse konservative Ansätze wie Fertilitätsberatung, Kontrazeptionsberatung, Schmerztherapie, Beckenbodentraining und physiotherapeutische Begleitung.
Ein zentraler Schwerpunkt ist außerdem die gynäkologische Onkologie, die Diagnostik und multimodale Therapie von Brust-, Eierstock-, Gebärmutter- und Zervixtumoren umfasst, ergänzt durch Krebsvorsorge und Screening wie Mammografie, Pap-Abstriche oder HPV-Impfungen, um Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und die Organfunktion zu erhalten.
Facharzt-Weiterbildung
Um in Deutschland als Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe tätig zu werden, muss man eine mindestens fünfjährige Weiterbildung absolvieren.
Schwerpunkte im Gebiet Frauenheilkunde und Geburtshilfe Im Gebiet Frauenheilkunde und Geburtshilfe besteht die Möglichkeit, sich nach der Anerkennung als Frauenarzt/Frauenärztin durch eine jeweils 24 Monate dauernde Schwerpunktweiterbildung in folgenden Schwerpunkten zu spezialisieren:
Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin Gynäkologische Onkologie sowie Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin.
Zusatzqualifikationen in der Gynäkologie Die Zusatzqualifikationen sind nicht Teil der Facharzt- oder der Schwerpunktweiterbildung nach der Weiterbildungsordnung. Sie befähigen jedoch zu bestimmten Untersuchungen oder Tätigkeiten als Weiterbilder.
Pränatalmedizin: In Schwerpunktpraxen für Pränatalmedizin werden in Deutschland Untersuchungen des ungeborenen Kindes und der Schwangeren durchgeführt. Hierfür ist eine Qualifizierung in der Ultraschalluntersuchung nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) der Stufen II oder III notwendig. Urogynäkologie: Dieser Teil des Fachgebiets, der sich mit Harn- und Stuhlinkontinenz sowie Lageveränderungen der Genitalorgane beschäftigt, weist Überschneidungen zur Urologie auf und wird sowohl von Gynäkologen als auch von Urologen betrieben. Im Fachgebiet der Gynäkologie können dazu in Deutschland Qualifikationen nach den Richtlinien der Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie und plastische Beckenbodenrekonstruktion (AGUB) der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe erworben werden. Kindergynäkologie: Die Kinder- und Jugendgynäkologie befasst sich mit angeborenen und entwicklungsbedingten gynäkologischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Hier bestehen Überschneidungen zur Kinderheilkunde. Senologie: Die Senologie ist die Lehre von der weiblichen Brust. Erkrankungen der weiblichen Brust werden in Deutschland in der Gynäkologie sowie der Chirurgie, insbesondere der Plastischen Chirurgie behandelt. Zur Verbesserung der interdisziplinären Zusammenarbeit bei der Diagnostik und Therapie wurden spezielle Brustzentren etabliert. Minimalinvasive Chirurgie: Besondere Fähigkeiten in der laparoskopischen Chirurgie und Hysteroskopie werden nach Kriterien der Arbeitsgemeinschaft gynäkologische und geburtshilfliche Endoskopie (AGE) der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe nach MIC I bis III zertifiziert. Ergänzt wird das Spektrum in neuerer Zeit durch die Duktoskopie, eine Spiegelung der Milchgänge.
Organisationen
In Deutschland sind etwa 5000 Frauenärzte in der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe mit ihren 21 themenbezogenen Arbeitsgemeinschaften, 8 Regionalgesellschaften und 12 deutsch-ausländische Gesellschaften für Gynäkologie und Geburtshilfe und etwa 13500 im Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte mit 17 Landes- und 72 Bezirksverbänden organisiert.
Statistiken mini|Hauptgründe von Frauen für die Konsultation von Gynäkologen.Anna Späth, Cornelia Schneider, Lina Stutz, Sibil Tschudin, Elisabeth Zemp Stutz: Schweizerischer Verhütungsbericht (= Obsan Dossier. 59). Schweizerisches Gesundheitsobservatorium, 2021, S. 22–23.
Zum 31. Dezember 2017 waren in der Bundesrepublik Deutschland 25.515 Gynäkologen registriert, von denen 18.427 berufstätig waren. Die größte (an einem Standort befindliche) Frauenklinik Deutschlands ist die der Eberhard Karls Universität Tübingen: Sie hat 140 Betten und ca. 2.600 Geburten pro Jahr. In der Rostocker Universitätsfrauenklinik (Klinikum Südstadt) kommen jährlich 3200 Kinder zur Welt. 1998 erzielten die Gynäkologen durchschnittlich 100.700 € Praxisüberschuss vor Steuern; in den neuen Ländern 75.000 €. Anfang 2001 gab es noch 68 offene Planungsbereiche.
Bekannte Gynäkologen
Soranos von Ephesos (um 98–138), Verfasser eines Standardlehrwerkes der Gynäkologie und Geburtshilfe Abulcasis (936–1013), andalusischer Arzt und Wissenschaftler, der sich insbesondere mit Chirurgie, aber auch mit Frauenheilkunde und GeburtshilfeMartin S. Spink: Arabian Gynaecological, Obstetrical and Genito-Urinary Practice illustrated from Albucasis. In: Proceedings of the Royal Society of Medicine. Band 30, 1937, S. 653–671. befasste Joseph Récamier (1774–1856), Begründer der Kürettage zur Beseitung von Wucherungen der Gebärmutterschleimhaut James Marion Sims (1813–1883), Operateur von Blasenscheidenfisteln Franz Kiwisch von Rotterau (1814–1852), Begründer der modernen Gynäkologie und Geburtshilfe Carl Conrad Theodor Litzmann (1815–1890), Erforscher der Anatomie des Beckens Carl Credé (1819–1892) Johannes von Holst (1823–1906), Weiterentwickler der bimanuellen gynäkologischen Untersuchung Bernhard Sigmund Schultze (1827–1919) Alfred Hegar (1830–1914), unter anderem Ausbauer der modernen Prolapsoperationen und abdominellen Fibromoperation Wilhelm Alexander Freund (1833–1917), Pionier der abdominellen Hysterektomie bei Gebärmutterkrebs Karl Schroeder (1838–1887), mit Hegar Ausbauer der abdominellen Fibrimoperation Friedrich Schauta (1849–1919) Ernst Bumm (1858–1925) Alwin Mackenrodt (1859–1925), führte 1894 die erweiterte vaginale Totalexstirpation der Gebärmutter durchPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 52. Bernhard Krönig (1863–1917) Ernst Wertheim (1864–1920), führte 1897 die erweiterte abdominale Totalexstirpation ein Carl Joseph Gauß (1875–1957) Ludwig Adler (1876–1958) August Mayer (1876–1968) Max Hirsch (1877–1948), Berliner Gynäkologe, der 1912 die Begriffe Frauenkunde und Sozialgynäkologie prägtePaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 67. Robert Schroeder (1884–1959) Gerhard Bettendorf (1926–2009), Endokrinologe August Mayer, ein Begründer der psychosomatischen Gynäkologie Heinz Kirchhoff (1905–1997) Heinrich Maass (1927–2016), Senologe Kurt Semm (1927–2003), Erfinder der Endoskopie Walter Stoeckel (1871–1961), unter anderem Ausbau der gynäkologischen Urologie
Literatur Lutwin Beck: Zur Geschichte der Gynäkologie und Geburtshilfe. Aus Anlaß des 100jährigen Bestehens der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Springer, Berlin/Heidelberg 1986. Sara Brucker u. a. (Hrsg.): Frauengesundheit – Frauenmedizin. Fachübergreifend und kompakt. Elsevier, München 2023, ISBN 978-3-437-23571-9. Johannes C. Huber: Endokrine Gynäkologie. Verlag Maudrich, Wien/München/Bern 1998, Online-Version Barbara Maier: Ethik in Gynäkologie und Geburtshilfe. Entscheidungen anhand klinischer Fallbeispiele. Springer, Berlin/Heidelberg 2000, ISBN 3-540-67304-0. Ulrike Havemann, Mahtab Bazargan: Gynäkologie, in: Margret Liehn, Brigitte Lengersdorf, Lutz Steinmüller und Rüdiger Döhler: OP-Handbuch. Grundlagen, Instrumentarium, OP-Ablauf. 6., aktualisierte und erweiterte Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 2016, ISBN 978-3-662-49280-2, S. 395–443. Diethelm Wallwiener (Hrsg.): Atlas der gynäkologischen Operationen. 8. Auflage. Thieme, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-13-240866-1.
Historische Literatur Ann Dally: Women under the knife. A history of surgery. New York 1991.