mini|hochkant|Ernst Ludwig von Hessen (1905) Ernst Ludwig Karl Albrecht Wilhelm von Hessen und bei Rhein (* 25. November 1868 in Darmstadt; † 9. Oktober 1937 in Schloss Wolfsgarten bei Langen) war von 1892 bis 1918 der letzte Großherzog von Hessen und bei Rhein.

Biographie Kindheit und Jugend links|mini|hochkant|Ernst Ludwig mit seiner Mutter Alice vor 1877 Ernst Ludwig entstammte der jüngsten Linie des Hauses Hessen. Seine Eltern waren Großherzog Ludwig IV. und dessen Frau Alice von Großbritannien und Irland. Seine Großeltern mütterlicherseits waren die britische Königin Victoria und Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha.

Er wurde am 28. Dezember 1868 in der Großen Halle des Neuen Palais durch Hofprediger Emil Bender nach dem Ritus der Evangelisch-Lutherischen Kirche getauft. Seine Taufpaten waren Königin Victoria, König Wilhelm I. von Preußen, Großherzog Ludwig III. von Hessen und bei Rhein, Prinz Karl von Hessen und bei Rhein, Prinzessin Elisabeth von Preußen und Prinz Leopold von Hohenzollern.

Ernst Ludwig, von der Familie „Ernie“ genannt, wuchs mit seinen Geschwistern Viktoria, Elisabeth, Irene, Friedrich, Alix und Marie in Darmstadt auf.

Großherzogin Alice war karitativ tätig und nahm ihre Kinder mit zu Besuchen in Krankenhäusern und zu Wohltätigkeitsorganisationen.

mini|hochkant|Ernst Ludwig im Feb. 1879 mit seiner Großmutter Victoria, seinem Vater Ludwig IV. und seinen Schwestern Viktoria, Elisabeth, Irene und Alix Im Jahr 1873 erlebte der damals Fünfjährige den Tod seines jüngeren Bruders Friedrich „Frittie“ aus unmittelbarer Nähe mit. Die Jungen hatten ein Spiel gespielt, als Friedrich, der an Hämophilie litt, durch ein Fenster auf den dreißig Meter tiefer gelegenen Balkon fiel. Ernst Ludwig war untröstlich und sagte zu seiner Gouvernante: „Wenn ich sterbe, müssen auch Sie und alle anderen sterben. Warum können wir nicht alle zusammen sterben? Ich möchte nicht allein sterben, wie Frittie.“

Ludwig IV. hatte großen Wert gelegt, dass seine Kinder Schlittschuhlaufen lernen. Im März 1875 brach Ernst Ludwig auf dem Kranichsteiner Teich auf dünnem Eis ein und wurde von Leibwächtern gerettet.

1878 grassierte in Darmstadt die Diphtherie. Ernst Ludwig, sein Vater und seine Geschwister, mit Ausnahme von Elisabeth, die sich bei den Großeltern väterlicherseits aufhielt, steckten sich an. Großherzogin Alice pflegte ihre Kinder und ihren Ehemann. Die jüngste Tochter Marie starb an am 16. November. Alice hielt Maries Tod für einige Wochen vor ihren anderen Kindern geheim, bis Ernst Ludwig, der ein inniges Verhältnis zu seiner Schwester hatte, nach ihr fragte. Als sie Maries Tod offenbarte, war er von Trauer überwältigt. Alice tröstete ihren trauernden Sohn und steckte sich so bei ihm an. Durch die Erkrankung und die Trauer starb die Großherzogin erst fünfunddreißigjährig am 14. Dezember 1878.

Nach den Ereignissen wuchsen Ernst Ludwig und seine Schwestern größtenteils bei der Großmutter Königin Victoria in England auf, die sich ihrer Enkel annahm.

Ehen und Familie links|mini|hochkant|Ernst Ludwig und Victoria Melita am Tag ihrer Hochzeit, 1894 Am 19. April 1894 heiratete Ernst Ludwig auf Schloss Ehrenburg in Coburg seine Cousine Victoria Melita von Edinburgh (1876–1936), genannt Ducky, die Tochter seines Onkels Herzog Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha und Maria Alexandrowna Romanowa. Der Weg zur Ehe wurde maßgeblich von Königin Victoria geebnet, die von einer Verbindung zwischen ihren beiden Enkeln sehr angetan war. Auch seitens der Familie der Braut wurde die Heirat begrüßt. Ernst Ludwig und Victoria Melita hielten weniger von dem Vorhaben, fügten sich dann aber auf Druck der Familie. Auf der Hochzeit verlobte sich Ernst Ludwigs jüngere Schwester Alix mit dem späteren russischen Zaren Nikolaus II.

1895 wurde das erste Kind, Tochter Elisabeth, geboren. Im Jahr 1900 brachte Victoria Melita einen totgeborenen Sohn zur Welt.

Victoria Melita, die als unkonventionell galt, gab während ihrer Ehe mit Ernst Ludwig häufig Hauspartys, bei denen auf Formalitäten verzichtet wurde, um sich ausgelassener amüsieren zu können. Ein Cousin, Prinz Nikolaus von Griechenland, erinnerte sich später an einen Aufenthalt bei ihnen „als die lustigste, fröhlichste Hausparty, auf der ich je in meinem Leben gewesen bin.“ Diese Vergnügungen entsprachen eher Victoria Melitas Neigungen und verdeutlichten die unterschiedlichen Charaktere und Temperamente der Eheleute. Aufgrund dieser Unterschiede wurde die Ehe zunehmend unglücklicher. Hinzu kam, dass Victoria Melita keine Erfüllung in ihrer Rolle als Landesmutter fand und es vermied, den entsprechenden Tätigkeiten ihrer Position nachzugehen. Sie ließ die Korrespondenz unbeantwortet und schob Besuche bei älteren Verwandten, deren Gesellschaft sie nichts abgewinnen konnte, auf. Bei offiziellen Anlässen ignorierte sie Personen hohen Ranges, die sie als langweilig empfand, und sprach nur mit Menschen, die sie mochte und die sie unterhielten. Ihre Unaufmerksamkeit gegenüber ihren Pflichten löste weitere Spannungen mit ihrem Ehemann aus. Es kam zu lautstarken Streitereien, die manchmal auch körperlich wurden. mini|hochkant|Ernst Ludwig mit seiner Tochter Elisabeth, ca. 1901 Über George William Buchanan, den britischen Geschäftsträger in Darmstadt, hörte Königin Victoria von den Schwierigkeiten in der Ehe, doch zog sie aufgrund der gemeinsamen Tochter Elisabeth eine Scheidung nicht in Betracht. Auch Ernst Ludwig hielt sich aus diesem Grund mit Scheidungsplänen zurück. Bemühungen, die Ehe zu retten, scheiterten. Nach der Totgeburt des Sohnes im Mai 1900 trennte sich das Paar nicht nur räumlich voneinander, Victoria Melita verreiste vermehrt und Ernst Ludwig verbrachte viel Zeit mit seiner Tochter Elisabeth. Diese entwickelte zu dieser Zeit eine enge Bindung zu Ernst Ludwig, der seine Tochter verehrte und ihr viel Zuneigung und Aufmerksamkeit schenkte. Das Kind erwiderte dies und zog ihren Vater der Mutter vor. Inzwischen verbrachte Victoria Melita einen Großteil des Jahres in Südfrankreich und gab Unsummen in den Casinos von Monte Carlo aus. Mit Königin Victorias Tod im Januar 1901 wurde die Opposition gegen eine Scheidung beendet. Kaiser Wilhelm II. erfuhr von seinem Bruder Prinz Heinrich von den Scheidungsplänen und ihrer Ursache. Er war empört, nicht so sehr über Ernst Ludwigs Homosexualität, sondern vielmehr darüber, dass dieser trotz seiner Veranlagung geheiratet hatte, und dass er jetzt, statt sich damit zu arrangieren, durch seine Scheidung die Institution der Ehe in Misskredit bringe.John C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund (1900–1941), C. H. Beck München, 2008, ISBN 978-3-406-57779-6, S. 576 Ernst Ludwig und Victoria Melita wurden am 21. Dezember 1901 wegen „unbesiegbarer gegenseitiger Antipathie“ durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofs von Hessen geschieden.

Nach Gerüchten in Darmstadt soll Ernst Ludwig außereheliche Verhältnisse mit Frauen und Männern unterhalten haben.John van der Kiste: Princess Victoria Melita. Sutton Publishing, ISBN 0-7509-3469-7, S. 54. Nach der Scheidung soll Victoria Melita einigen nahen Verwandten mitgeteilt haben, dass er homosexuell sei. Sie habe ihren Mann mit einem männlichen Bediensteten im Bett erwischt, als sie 1897 von einem Besuch ihrer Schwester Königin Marie von Rumänien zurückkehrte. Sie machte ihre Anschuldigung nicht öffentlich, sagte aber zu einer Nichte, dass „kein Junge in Sicherheit sei, von den Stallburschen bis zur Küchenhilfe. Er schlief ganz offen mit ihnen allen.“

Elisabeth blieb nach der Scheidung in der Obhut ihres Vaters, der sich ihr nun ganz widmete und sich um ihre Erziehung kümmerte. Ernst Ludwig beauftragte 1902 den österreichischen Architekten Joseph Maria Olbrich mit dem Bau des sogenannten Prinzessinnenhauses, eines Spielhauses im Park von Schloss Wolfsgarten, das ganz nach den Bedürfnissen eines Kindes eingerichtet ist. Dieses existiert noch heute.

Im Herbst 1903 heiratete Ernst Ludwigs Nichte Prinzessin Alice von Battenberg in Darmstadt Prinz Andreas von Griechenland. An den Feierlichkeiten nahmen auch seine Schwester Alix und ihr Ehemann Nikolaus teil, die ihn und Elisabeth einluden, sie nach Polen auf deren Jagdschloss in Skierniewice zu begleiten. Ernst Ludwig und Elisabeth reisten einige Tage später nach Polen und planten einen längeren Aufenthalt. Elisabeth verbrachte viel Zeit mit ihren russischen Cousinen und schien guter Gesundheit zu sein. Am Morgen des 15. Novembers klagte sie über Halsschmerzen, die jedoch im Laufe des Tages wieder abklangen. Da es Elisabeth besser ging, besuchten Ernst Ludwig und das Kaiserpaar am Abend eine Theateraufführung. Nach ihrer Rückkehr ging es Elisabeth jedoch zusehends schlechter, sie hatte Brustschmerzen und Atembeschwerden und wurde bewusstlos. Herbeigerufene Ärzte diagnostizierten Typhus, woran Elisabeth am 16. November 1903 mit acht Jahren um sieben Uhr morgens verstarb. mini|Ernst Ludwig und seine Familie im Liwadija-Palast auf der Krim im Frühjahr 1912 In ihrer letzten Handlung als Eltern begleiteten Ernst Ludwig und die nachgereiste Victoria Melita den Sarg ihrer verstorbenen Tochter zurück nach Darmstadt. Dort fand am 19. November 1903 ein Trauerzug auf die Rosenhöhe statt, wo die kleine Prinzessin beerdigt wurde. Der Bildhauer Ludwig Habich schuf eine Engelsfigur, die das Grab bewacht. Ernst Ludwig konnte den Tod seines Kindes nie ganz verwinden. Mehr als dreißig Jahre später erklärte der noch immer trauernde Vater, wie die Stunden des Trauerzuges ihm in Erinnerung geblieben waren. „Meine liebste Elisabeth war mein einziger Sonnenschein“, sagte er.

Nach dem Tod seiner Tochter pflegte Ernst Ludwig die Förderung und den Ausbau der Darmstädter Künstlerkolonie, die er bereits 1899 gegründet hatte. Durch sein Mäzenatentum wurde Darmstadt zu einem Treffpunkt wichtiger Architekten, Bildhauer, Künstler und Handwerker und zur deutschen Hauptstadt des Jugendstils. Im selben Jahr begegnete er auch seiner zweiten Frau Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich (1871–1937), die er am 2. Februar 1905 heiratete. Die Ehe galt als ausgesprochen glücklich. Eleonore wurde als loyal und warmherzig beschrieben. Sie erfüllte die Aufgaben ihrer Rolle mit Ernsthaftigkeit, folgte dem Beispiel ihrer Schwiegermutter Alice und wurde karitativ tätig, indem sie beispielsweise im Ersten Weltkrieg Krankentransporte für Verwundete organisierte und Wohltätigkeitsbasare veranstaltete. Aus der Ehe gingen der 1906 geborene Erbgroßherzog Georg Donatus sowie dessen Bruder Ludwig (1908–1968) hervor. Die großherzogliche Familie genoss zu dieser Zeit außerordentliche Popularität.

Im Monat nach seinem Tod am 9. Oktober 1937, am 16. November 1937, starben bei einem Flugzeugunglück nahe Ostende seine Frau und sein Sohn Georg Donatus sowie dessen Gattin Cecilia mit den Kindern Ludwig und Alexander. Sie alle sind in einer Gemeinschaftsgrabstätte im Park Rosenhöhe in Darmstadt begraben.

Haus Hessen-Darmstadt Vorfahren Ahnentafel Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei RheinUrurgroßelternGroßherzogLudwig I. von Hessen und bei Rhein (1753–1830) ⚭ 1777 Luise Henriette Karoline von Hessen-Darmstadt (1761–1829)Karl Ludwig von Baden(1755–1801) ⚭ 1774 Amalie von Hessen-Darmstadt(1754–1832)LandgrafFriedrich V. von Hessen-Homburg(1748–1820) ⚭ 1785 Karoline von Hessen-Darmstadt (1746–1821)KönigFriedrich Wilhelm II. von Preußen(1744–1797) ⚭ 1769 Friederike von Hessen-Darmstadt(1751–1805)HerzogFranz von Sachsen-Coburg-Saalfeld (1750–1806) ⚭ 1777 Gräfin Auguste Reuß zu Ebersdorf (1757–1831)HerzogAugust von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772–1822) ⚭ 1797 Luise Charlotte zu Mecklenburg (1779–1801)KönigGeorg III. von Großbritannien und Irland (1738–1820) ⚭ 1761 Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz (1744–1818)HerzogFranz von Sachsen-Coburg-Saalfeld (1750–1806) ⚭ 1777 GräfinAuguste Reuß zu Ebersdorf(1757–1831)UrgroßelternGroßherzogLudwig II. von Hessen und bei Rhein (1777–1848) ⚭ 1804 Wilhelmine von Baden (1788–1836)Wilhelm von Preußen (1783–1851) ⚭ 1804