mini|Erklärvideo: Wo setzen Wirkstoffe zur Angstminderung an? Angststörung ist ein Sammelbegriff für mit Angst verbundene psychische Störungen, deren gemeinsames Merkmal exzessive, übertriebene Angstreaktionen beim Fehlen einer wirklichen äußeren Bedrohung sind.Harald J. Freyberger, Wolfgang Schneider (Hrsg.): Kompendium Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatische Medizin. Karger, Basel u. a. 2002, ISBN 978-3-8055-7272-9, S. 119 f. Bei einer Angststörung hat man Angst vor verschiedensten Dingen.

Unterschieden werden dabei grob zwei Formen:Theo R. Payk: Psychopathologie – Vom Symptom zur Diagnose. 4. Auflage. Springer, 2015, ISBN 978-3-662-45531-9. Kapitel 5.5. Angst und Panik (Kapitel 5.5, S. 188 f.). Diffuse, unspezifische Ängste treten spontan und zufällig auf und haben keine Situation oder Objekte als Auslöser. Phobien (von „Flucht; Furcht, Schrecken“) sind dagegen auf konkrete Dinge ausgerichtet und an bestimmte auslösende Objekte, Situationen oder Räumlichkeiten gebunden (zum Beispiel Tiere, Menschen oder Platzmangel).

Definition Angst ist zunächst eine notwendige und normale Gemütserregung (Affekt), deren entwicklungsgeschichtlicher Ursprung in einer Schutzfunktion liegt (Kampf-oder-Flucht-Reaktion). Der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers beschreibt die Angst als

Die Abgrenzung einer unspezifischen Angststörung ist dagegen oft schwierig und wird von verschiedenen Autoren unterschiedlich definiert. Klarer und einfacher sind dagegen die Definition der Phobie sowie die Abgrenzung der Phobien untereinander. Unter Phobien versteht man überwertige spezifische Ängste vor bestimmten Gegenständen, Lebewesen oder Situationen. Die Psychoanalyse interpretiert die Phobie als die Abwehr (Verschiebung) eines inneren Konfliktes auf ein bestimmtes Objekt.Sven Olaf Hoffmann und G. Hochapfel: Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin. , CompactLehrbuch, Schattauer, Stuttgart 62003, ISBN 3-7945-1960-4; S. 104–106.

Eine Störung des Angsterlebens kann nach den Erkenntnissen der Wagnisforschung aber auch in einem zu geringen Maß an Angst bestehen, was zu unbeherrschbaren Risikohandlungen verführen kann. Im Gegensatz zu überdimensionierten Ängsten besteht hier jedoch in der Regel kein unmittelbarer Leidensdruck und damit keine Behandlungsmotivation.Siegbert A. Warwitz: Die Kontrasttugenden Angst und Mut. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. 3., erweiterte Auflage. Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2021, ISBN 978-3-8340-1620-1, S. 41.

Volker Faust (1995) nannte folgende Kriterien für die Abgrenzung der „krankhaften Ängste“ (im Sinne einer Störung) von den vielfältigen „angemessenen Ängsten“:Volker Faust (psychosoziale-gesundheit.net): Angststörungen.

die „Unangemessenheit“ der Angstreaktion gegenüber den Bedrohungsquellen (d. h. ohne wirkliche Bedrohung) die Symptomausprägung (etwa hohe Angstintensität und langes Fortbestehen der Angst (Persistenz)) Unfähigkeit, die Angstzustände selbst zu kontrollieren oder auszuhalten ein plötzliches Auftreten mit vor allem körperlichen Symptomen

Klassifikation

Einteilung nach ICD-10 In Deutschland und den meisten europäischen Staaten wird zur Klassifikation und Diagnostik psychischer Störungen die Einteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) benutzt (Kapitel V der ICD-10). Obwohl Angst einen „Affekt“ darstellt und das ICD-10 ein modernes Klassifikationssystem ist, werden die Angststörungen (also auch Panikattacken und phobische Störungen) dort nicht zu den affektiven Störungen gezählt (Rubrik F3).

Stattdessen sind sie im Unterkapitel F4 (Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen) aufgeführt, wo zwischen der Agoraphobie, den sozialen Phobien und den spezifischen (isolierten) Phobien unterschieden wird. Bei der Agoraphobie wird weiterhin zwischen der Agoraphobie ohne Panikstörung und der Agoraphobie mit Panikstörung unterschieden. Die spezifischen Phobien können ebenfalls weiter in folgende Subtypen unterteilt werden: Tier-Typ (z. B. Spinnen, Katzen), Naturgewalten-Typ (z. B. Gewitter, Wasser), Blut-Injektion/Verletzungs-Typ (z. B. Injektion durch Spritze), situativer Typ (z. B. Flugzeug, Fahrstuhl), andere nicht näher bezeichnete Typen. Im Laufe der Zeit und der Weiterentwicklung der diagnostischen Klassifikationssysteme sind einige zuerst zu den phobischen Störungen zählende Störungsbilder genauer oder an anderer Stelle eingeordnet worden. Die WHO zählt beispielsweise die (nicht wahnhafte) Dysmorphophobie und die Nosophobie nicht mehr zu den phobischen Störungen, sondern zu den hypochondrischen Störungen. Auch bezüglich der Agoraphobie gibt es einige Forschungsergebnisse, die eine andere Klassifikation fordern (siehe das US-amerikanische DSM-5). Gleichwohl steht bei diesen Krankheitsbildern die Angst symptomatisch im Vordergrund.

Da sich prinzipiell spezifische Phobien gegen alle denkbaren Situationen oder Gegenstände entwickeln können, ist eine spezielle Bezeichnung jeder phobischen Störung auch innerhalb der spezifischen Phobien kaum sinnvoll. Andererseits ist es für die medizinische Behandlung wichtig, die genauen auslösenden phobischen Stimuli (z. B. Spinnen, Fahrstühle) zu dokumentieren, da die Verhaltenstherapie unter anderem mit der Konfrontation mit den angstauslösenden phobischen Stimuli arbeitet.

Menschen mit Angststörungen empfinden selber oft gar nicht die Angst als das hervorstechende Symptom. Stattdessen werden häufig körperliche Symptome zuerst genannt, etwa Schwindel, Herzrasen, Zittern, verminderte Belastbarkeit oder auch Magen-Darm-Beschwerden.

Die Unterteilung in der ICD-10 ist wie folgt:

Phobische Störungen Furcht: rationale Reaktion auf objektiv vorhandene Gefahr

Phobie: irrationale und übertriebene Angst vor Objekten, Aktivitäten oder Situationen Agoraphobie (ICD-10 F40.0): Furcht vor oder Vermeidung von Menschenmengen, öffentlichen Plätzen, Reisen allein oder Reisen von zu Hause weg. auch: Enochlophobie. Soziale Phobie (ICD-10 F40.1): Furcht vor oder Vermeidung von sozialen Situationen, bei denen die Gefahr besteht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, Furcht, sich peinlich oder beschämend zu verhalten, zum Beispiel Paruresis. Spezifische Phobie (ICD-10 F40.2). Diese können nach bestimmten Objekten oder Situationen unterschieden werden: Tierphobien (Zoophobie): zum Beispiel Angst vor Spinnen (Arachnophobie), Insekten (Entomophobie), Bienen (Apiphobie), Hunden (Kynophobie), Schlangen (Ophidiophobie), Reptilien (Herpetophobie), Haien (Elasmophobie), Katzen (Ailurophobie), Maulwürfen und Mäusen Situative Phobien: Flugangst, Höhenangst, Tunnel, Aufzüge, Dunkelheit Natur-Phobien: zum Beispiel Donner, Wasser, Wald, Naturgewalten Anblick von Blut (Blutphobie), Spritzen-Angst (Trypanophobie), Verletzungen Sonstige phobische Störungen (ICD-10 F40.8) Phobische Störung, nicht näher bezeichnet (ICD-10 F40.9)

Andere Angststörungen Panikstörungen (ICD-10 F41.0): Spontan auftretende Angstattacken, die nicht auf ein spezifisches Objekt oder eine spezifische Situation bezogen sind. Sie beginnen abrupt, erreichen innerhalb weniger Minuten einen Höhepunkt und dauern mindestens einige Minuten an. Generalisierte Angststörung (ICD-10 F41.1): Eine diffuse Angst mit Anspannung, Besorgnis und Befürchtungen über alltägliche Ereignisse und Probleme über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten, begleitet von weiteren psychischen und körperlichen Symptomen. Angst und depressive Störung, gemischt (ICD-10 F41.2): Angst und Depression sind gleichzeitig vorhanden, eher leicht ausgeprägt ohne Überwiegen der einen oder der anderen. Andere gemischte Angststörungen (F41.3) Sonstige spezifische Angststörungen (F41.8) Angststörungen, nicht näher bezeichnet (F41.9)

Zwangsstörungen Zwangsstörungen äußern sich in Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen

Zwangsgedanken: Ideen, Bilder, Impulse, die sehr bedrängend wirken („ungewollter Übergriff auf das Bewusstsein“)

Zwangshandlungen: Wiederholte Handlungen, die bestimmten Regeln/Ritualen folgen, um ein Unbehagen in einer Situation abzuwenden

vorwiegend Zwangsgedanken oder Grübelzwang (F42.0) vorwiegend Zwangshandlungen (Zwangsrituale) (F42.1) Zwangsgedanken und -handlungen, gemischt (F42.2) sonstige Zwangsstörungen (F42.8) Zwangsstörungen, nicht näher bezeichnet (F42.9)

Reaktion auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen akute Belastungsreaktion (F43.0) Posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) Anpassungsstörung (F43.2) sonstige Reaktion auf schwere Belastung (F43.8) Reaktion auf schwere Belastung, nicht näher bezeichnet (F43.9)

Diagnose Im Mittelpunkt der Diagnostik steht das ärztliche oder psychotherapeutische Gespräch. Anhand der geschilderten Symptome kann der Psychiater oder psychologische Psychotherapeut eine erste Verdachtsdiagnose stellen.

Um körperliche Beschwerden der Angst (wie zum Beispiel Atemnot und Herzrasen) von einer organischen Erkrankung unterscheiden zu können, muss zunächst eine ausführliche medizinische Untersuchung zum Ausschluss einer körperlichen Ursache erfolgen. Dazu sind meist auch laborchemische und technische Untersuchungen erforderlich (Blutuntersuchung, EKG und ähnliche). Erst nach Ausschluss einer körperlichen Erkrankung soll eine seelische Störung diagnostiziert und die Behandlung geplant werden.

Folgende Kriterien sprechen für eine Angststörung: Die Angst ist der Situation erkennbar nicht angemessen. Die entsprechenden Angstreaktionen halten deutlich länger an, als von der Sachlage her nötig wäre. Die besonders geartete Angst ist durch die Betroffenen weder erklärbar noch beeinflussbar noch zu bewältigen. Die Ängste führen zu deutlichen Beeinträchtigungen des Lebens der Betroffenen. Die Ängste schränken den Kontakt zu fremden Menschen ein.

Allgemeine Symptome Herzklopfen und Pulsbeschleunigung, Schwindel, Schweißausbruch, Zittern oder Beben, Mundtrockenheit, Hitzewallungen, Sprachschwierigkeiten, dazu Atembeschwerden, Beklemmungsgefühl oder Brustschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall, auch Bewusstseinsstörungen, zum Beispiel das Gefühl, verrückt zu werden, das Gefühl, dass Dinge unwirklich sind oder man selbst „nicht richtig da“ ist, dass man nicht mehr die Kontrolle über die eigenen Gedanken hat, Benommenheit, Angst zu sterben, allgemeines Vernichtungsgefühl. Jeder vierte Patient mit Angststörung klagt über chronische Schmerzen.Angststörung kann Schmerzen bereiten. In: Ärzte-Zeitung. 18. Januar 2007, S. 11.

Geeignete Fragebögen „Symptomspezifische Skalen wie die Hamilton-Angstskala (HA-MA) werden heute nicht mehr zur Diagnostik herangezogen (denn dann würden sie ja mit ICD oder DSM in Konkurrenz treten), sondern nur noch zur Schweregradbestimmung.“ Laut S3-Leitlinie können globale Maße, wie die Clinical Global Impression (CGI) verwendet werden. Weiterhin werden folgende Fragebögen erwähnt: Form der Angststörung Fremdbeurteilung SelbstbeurteilungPanikstörung/AgoraphobiePAS (Panik und Agoraphobie-Skala), Fremdbeurteilung (Bandelow, 1999) PDSS (Panic Disorder Severity Scale) (Shear u. a., 1997)PAS, Selbstbeurteilung (Bandelow, 1999)generalisierte AngststörungHAMA (Hamilton-Angst-Skala) (Hamilton, 1959)BAI (Beck Anxiety Inventory) (Beck u. a., 1961)soziale PhobieLSAS (Liebowitz Social Anxiety Scale) (Liebowitz, 1987)LSAS (Liebowitz, 1987)spezifische PhobieFQ (Fear Questionnaire) (Marks, 1987)

Begleiterkrankungen Angststörungen weisen eine hohe Komorbidität auf – sowohl untereinander als auch zu Depressionen, somatoformen Störungen und Substanzstörungen (intrapersonal gesteuerter Gebrauch von psychotropen Stoffen). Die Wahrscheinlichkeit, eine weitere Störung zu entwickeln, ist bei Panikstörungen und Agoraphobie am höchsten. Sekundäre Depressionen sind am häufigsten bei Panikstörungen, gefolgt von der Generalisierten Angststörung und der Agoraphobie. Substanzstörungen als Folge einer Angststörung werden als Versuch der Selbstmedikation betrachtet.

Erscheinungsformen

Spezifische Phobien