mini|Buddha als Asket, Skulptur, 2./3. Jahrhundert n. Chr., British Museum
Askese (), gelegentlich auch Aszese, ist ein vom griechischen Verb ‚üben‘ abgeleiteter Ausdruck. Seit der Antike bezeichnet er eine Übungspraxis im Rahmen von Selbstschulung aus religiöser oder philosophischer Motivation. Angestrebt wird damit die Erlangung von Tugenden oder Fertigkeiten, Selbstkontrolle und Festigung des Charakters. Der Praktizierende wird Asket (griechisch ) genannt.
Eine asketische Schulung beinhaltet Disziplinierung sowohl hinsichtlich des Denkens und Wollens als auch hinsichtlich des Verhaltens. Dazu gehört einerseits „positiv“ das beharrliche Einüben der angestrebten Tugenden oder Fertigkeiten, andererseits „negativ“ das Vermeiden von allem, was nach der Überzeugung des Asketen der Erreichung seines Ziels im Wege steht. Den Ausgangspunkt bildet die Annahme, dass eine disziplinierte Lebensweise die Beherrschung der Gedanken und Triebe voraussetzt. Die auffälligste Auswirkung auf die Lebenspraxis besteht im freiwilligen Verzicht auf bestimmte Bequemlichkeiten und Genüsse, die der Asket für hinderlich und mit seinem Lebensideal unvereinbar hält. Meist betrifft der Verzicht in erster Linie die Bereiche Genussmittel und Sexualität. Hinzu kommen Maßnahmen zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung, in manchen Fällen auch Übungen im Ertragen von Schmerzen.
Im heutigen Sprachgebrauch werden die Wörter Askese, asketisch und Asket verwendet, wenn eine freiwillige Enthaltsamkeit zwecks Erreichung eines als höherwertig geltenden Ziels praktiziert wird. Dabei können religiöse oder philosophische Motive in den Hintergrund treten oder ganz entfallen.
Erscheinungsformen und Merkmale In der Religionswissenschaft fallen zahlreiche Praktiken der Selbstkontrolle und des Verzichts unter den Begriff der Askese. Als Asketen bezeichnet man Menschen, die sich einer von dauerhaft ausgewählten Askesepraktiken bestimmten Lebensform verschrieben haben. Viele Asketen haben Texte verfasst, in denen ihre Lebensweise dargestellt wird, oft idealisierend und werbend. In der neueren Forschung werden verschiedene kulturübergreifende Vorschläge zur Definition der Askese erörtert, darunter die Bestimmung als „zumindest teilweise systematisches Programm der Selbstdisziplin und Selbstverleugnung“.Oliver Freiberger: Der Askesediskurs in der Religionsgeschichte, Wiesbaden 2009, S. 11–16, 252 f.
In zahlreichen Religionen und in den Verhaltensnormen vieler indigener Völker wird Askese positiv bewertet und – oft nach festen Regeln – zeitweilig oder dauerhaft, individuell oder kollektiv praktiziert. Häufig sind befristete Askeseübungen, etwa Einhaltung bestimmter periodisch wiederkehrender Buß-, Fasten- oder Trauerzeiten oder Enthaltsamkeit und Abhärtung im Rahmen der Vorbereitung auf Übergangsriten.Zur Askese im Rahmen von Übergangsriten (Initiationen) siehe Mircea Eliade: Das Mysterium der Wiedergeburt, Zürich 1961, S. 112 f., 120–128.
Die Aspekte der Freiwilligkeit und des bewusst angestrebten übergeordneten Ziels gehören zumindest theoretisch immer dazu. Daher gilt jemand, der unter dem Zwang äußerer Umstände wie Nahrungsmittelknappheit und Armut ein bescheidenes, genussarmes Leben führt, nicht als Asket. Allerdings ist Askese oft ein Bestandteil strikter religiöser oder sozialer Normen, die für Angehörige bestimmter Gruppen oder in manchen Fällen für alle Gläubigen verbindlich sind. Der Übergang zwischen Freiwilligkeit und Zwang, bloßer Empfehlung und mit Sanktionsandrohung verbundener Vorschrift ist daher fließend.Zur Problematik der Definition von Askese siehe Jan Bergman: Askese. I. In: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 4, Berlin 1979, S. 195–198, hier: 195–197.
Erscheinungsformen von Askese, die in unterschiedlichen Kombinationen auftreten, sind: zeitweiliger oder dauerhafter Verzicht auf alle oder manche Genussmittel und insbesondere Meidung von Rauschmitteln Nahrungsaskese (Fasten oder Beschränkung der Ernährung auf das Lebensnotwendige)Axel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 22–25. sexuelle Enthaltsamkeit (zeitlich befristet oder dauerhaft als Zölibat)Axel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 33–49. Verzicht auf Kosmetik und Körperpflege (beispielsweise auf Waschen, Bart- und Haareschneiden; das Haar wird ganz oder teilweise rasiert oder es wird überhaupt nicht mehr geschnitten)Maria-Elisabeth Brunert: Das Ideal der Wüstenaskese, Münster 1994, S. 64. Zum Haar siehe Carl Olson: Indian Asceticism, Oxford 2015, S. 14 f.; Axel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 19–22; Patrick Olivelle: Deconstruction of the Body in Indian Asceticism. In: Vincent L. Wimbush, Richard Valantasis (Hrsg.): Asceticism, New York/Oxford 1995, S. 188–210, hier: 203–206. bescheidene oder auch grobe, unbequeme Kleidung, in manchen Fällen auch NacktheitCarl Olson: Indian Asceticism, Oxford 2015, S. 15–17; Axel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 14–19. SchlafentzugAxel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 25–27. freiwilliges Aushalten von Kälte oder Hitze harte Schlafstätte Verzicht auf Besitz, freiwillige Armut, BettelnAxel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 62–72. Rückzug aus der normalen sozialen GemeinschaftAxel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 83–86. Einordnung in die Gruppendisziplin einer religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaft, die Verzicht auf Befriedigung persönlicher Bedürfnisse fordert Gehorsam gegenüber einer spirituellen Autoritätsperson, beispielsweise einem Abt oder GuruAxel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 87–90. Kommunikationsverzicht (Schweigegebot)Axel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 115–117. Beschränkung der Bewegungsfreiheit (Klausur, Einsiedlerzelle) Heimatlosigkeit, „Hauslosigkeit“ (permanente Wanderschaft, Pilgerwesen)Axel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 77–83. körperliche Übungen wie die japanische Laufaskese im Ritual Kaihōgyō,Axel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 78. langes Stehen, ausdauerndes Sitzen in besonderen PositionenAxel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens, München 2004, S. 73–76. körperliche Schmerzen und Verwundungen, die der Asket sich selbst zufügt, als Sonderform der Askese.Zu diesem Phänomen und seinem Hintergrund siehe die Untersuchung von Ariel Glucklich: Sacred Pain. Hurting the Body for the Sake of the Soul, Oxford 2001.
Motivationen Die Gründe für Askese sind vielfältig. Ein Motiv ist eine fundamental kritische Einstellung zur Welt. In ausgearbeiteten religiösen und philosophischen Lehrsystemen bildet den Hintergrund der Askeseforderung meist eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Weltablehnung; die sinnlich wahrnehmbare Welt wird zwar nicht in allen asketisch orientierten Systemen als absolut schlecht eingestuft, doch gilt sie gewöhnlich als bedrohlich, fragwürdig und von Natur aus sehr mangelhaft. Daher will der Asket seine innere und äußere Abhängigkeit von ihr so weit wie möglich reduzieren, indem er seine auf sinnlichen Genuss gerichteten Begierden und Erwartungen eindämmt oder beseitigt und Genügsamkeit einübt. Eine positive Motivation liefert das Tugendstreben, das aus asketischer Sicht nur dann erfolgreich sein kann, wenn die erwünschten Tugenden unablässig durch asketische Praxis eingeübt werden. In Religionen, die von einem Leben nach dem Tod ausgehen, dient asketisches Streben nach Tugendhaftigkeit in erster Linie der Vorbereitung auf ein künftiges besseres Dasein im Jenseits. Manche Asketen, die eine vorteilhafte Stellung im Jenseits erhoffen, wollen sich durch ihre Askese dafür qualifizieren. Sie erwarten eine jenseitige Belohnung für ihren irdischen Verzicht. Ein eher diesseitsbezogenes Motiv, das auch in weltbejahenden Lehren auftritt, ist das Bedürfnis, durch Übung eine überlegene Haltung gegenüber den Wechselfällen des Schicksals zu gewinnen. Man will den Herausforderungen des Lebens besser gewachsen sein. Das Ziel ist innere Unabhängigkeit und Freiheit von Ängsten und Sorgen.Zur Vielfalt der Motive siehe Konstanze Caysa: Askese als Verhaltensrevolte, Frankfurt 2015, S. 96 f. sowie die Untersuchung einzelner Aspekte des Asketismus S. 81 ff. Ein weiterer Aspekt ist Machtgewinn: Bei Magiern, Schamanen und Mitgliedern von Geheimbünden sollen zeitlich begrenzte asketische Praktiken der Erlangung magischer Fähigkeiten dienen. Der Praktizierende kann sich davon Macht über seine Umgebung und einen hohen sozialen Rang erhoffen.Siehe zu diesem Aspekt Mircea Eliade: Das Mysterium der Wiedergeburt, Zürich 1961, S. 113, 120–128, 157–162.
Askese kommt in vielen Varianten und Abstufungen von gemäßigt bis radikal vor. Dementsprechend schwankt auch das Ausmaß der Skepsis gegenüber dem Genuss. Radikale Asketen beurteilen sinnlichen Genuss grundsätzlich negativ. Sie meinen, er sei mit ihren philosophischen oder religiösen Zielen von Natur aus unvereinbar und schaffe nur unerwünschte Abhängigkeiten. Daher wollen sie die darauf gerichteten Begierden möglichst restlos ausrotten. In gemäßigten Varianten des Asketismus wird der Genuss nicht unter allen Umständen verworfen, sondern man will nur der Abhängigkeit von ihm ein Ende setzen.
Verhältnis zur Umwelt In vielen religiösen Traditionen genießen Asketen besonderes Ansehen. Man schreibt ihnen herausragende, zuweilen auch übermenschliche Fähigkeiten zu, konsultiert sie als religiöse Autoritäten und erwartet von ihnen spirituelle Beratung und Unterweisung, mitunter auch Heilung. Literatur, in der die Entsagung verherrlicht wird, fördert solche Erwartungen. Der Ruf der Weisheit oder Heiligkeit verschafft den Asketen ein außerordentliches Prestige. Man bringt ihnen Verehrung und Dankbarkeit entgegen, und es gilt als ehrenvoll und verdienstlich, sie materiell zu unterstützen. Dieses Prestige erweist sich jedoch als problematisch, da es der asketischen Weltflucht entgegensteht und die Integrität der Prestigeträger untergraben kann. Es ergibt sich ein Dilemma: Je strenger und erfolgreicher die Askese durchgeführt wird, desto mehr soziale Beachtung findet der Praktizierende. Je berühmter er wird, desto häufiger wird er von Bewunderern und Ratsuchenden aufgesucht und desto gewichtiger wird seine Autorität. Umso schwieriger wird dann aber die Fortführung der weltflüchtigen Praxis, die den Prestigegewinn begründet hat. Sie kann nur gelingen, wenn besondere Anstrengungen unternommen werden, die soziale Einbindung aufzuheben oder zumindest zu reduzieren. Das erweist sich jedoch als schwierig, denn der Ruhm verfolgt den, der ihm zu entkommen versucht.Oliver Freiberger: Prestige als Plage. Vergleichende Untersuchungen zu einem asketischen Dilemma. In: Zeitschrift für Religionswissenschaft 16, 2008, S. 83–103, hier: 83 f., 87, 92 f., 95. Vgl. die viel ausführlichere Untersuchung in der Dissertation von Katharina Yu: Prestige durch Verzicht: Asketen im alten Indien, Ketsch 2014.