mini| Das Land der Aramäer (Syrien & Mesopotamien) des Kartographen Jodocus Hondius, 1607 in Amsterdam Die Aramäer () sind eine semitische Völkergruppe, die seit der ausgehenden Bronzezeit in der Levante und in Mesopotamien mehrere Königreiche wie Aram (Damaskus), Arpad (Aleppo) und Hamath (Hama) gründete, die später meist unter die Herrschaft des neuassyrischen Reiches gerieten. Durch Wanderungen sowie Umsiedlung und Bevölkerungsverschiebung in neuassyrischer Zeit breitete sich die aramäische Sprache über ihr Kerngebiet im heutigen Syrien aus und wurde zur Kanzleisprache des neuassyrischen, des neubabylonischen und des Achämenidenreiches sowie mehr und mehr zur Verkehrs- und Diplomatensprache im Vorderen Orient, unter der Herrschaft der Seleukiden, der Parther und noch der Römer. Seit parthischer Zeit (im 3. Jahrhundert v. Chr.) sind die aramäischen Einzelstämme nicht mehr zu unterscheiden. Später verschmolzen sie mit anderen Bevölkerungsteilen.
Bezeichnung Der Name „Aram“ findet sich erstmals in einer Inschrift des akkadischen Königs Naram-Sin aus dem 23. Jahrhundert v. Chr., wo er als Ortsbezeichnung dient. Seit mittelassyrischer Zeit dient der Begriff „Aramäer“ als eine Sammelbezeichnung für verschiedene Nomadenstämme, die wahrscheinlich seit dem 13. Jahrhundert v. Chr. von Westen her nach Nordmesopotamien eindrangen. Im Zuge der jahrhundertelangen Konflikte mit den altorientalischen Staaten und einer teils schnelleren, teils langsameren Sesshaftwerdung dürfte es im Laufe der Zeit zu einer Angleichung von Sprache und Sitten der verschiedenen aramäischen Stämme gekommen sein (Ethnogenese).
Seit Tiglat-pileser I. ist die Bezeichnung mata-ri-me belegt. In den Annalen Aššur-bel-kalas (Teil III, Zeile 27) findet sich die Bezeichnung a-ri-mi.Kurt Jaritz: The problem of the Broken Obelisk. 213.
Achlamu Assyrische Quellen Achlamu, Halbnomaden, werden in assyrischen Quellen seit Rim-Anum (18. Jahrhundert v. Chr.) und in Texten aus Mari erwähnt. Seit der Herrschaft Arik-den-ilus (1307–1296 v. Chr.) kämpften die Achlamu oft auf der Seite Mittanis oder der Hethiter gegen die Assyrer. Nach dem Fall von Hanigalbat gelang es Assyrien nicht, die Nomaden zu kontrollieren. Die meisten assyrischen Befestigungen lagen, wie Dur-Katlimmu, östlich des Chabur. Die Siedlungsdichte auf der Dschesireh und im Tur Abdin ging wegen der unsicheren Zustände deutlich zurück, die zerstörten mitannischen Städte wurden nicht wieder aufgebaut. Vermutlich gingen Teile der bislang sesshaften Bevölkerung in diesen unsicheren Zeiten zum Nomadismus über.
Vielleicht sind auch die Hirana, die in Briefen aus Dur-Kurigalzu auftauchen, zu diesen Völkergruppen zu rechnen. Diese Hirana hatten sich in Subartu niedergelassen und wohnten auch in Mari und Suhu am mittleren Euphrat. Manche Forscher sehen auch in den 'Army der Ugarit-Texte frühe Aramäer.
Sehr bald wuchsen sich die Achlamu zu einer Bedrohung für Assur aus, die bald größer wurde als die durch die Lullubäer im Osten. Aššur-reš-iši I. (1133–1116 v. Chr.) rühmte sich, die Achlamu vernichtend geschlagen, „ihre weitverstreuten Horden getötet und ihre Truppen zerschmettert“ zu haben, aber sein Sohn Tiglat-pileser I. (1115–1077 v. Chr.) musste insgesamt 14 Feldzüge gegen sie führen. Die Nomaden flohen vor seinem Heer über den Euphrat. Es gelang dem König, sechs ihrer Städte einzunehmen, aber ein dauernder Erfolg blieb aus, die Nomaden zerstreuten sich, statt sich zur Schlacht zu stellen. Diese Feldzüge fanden im Gebiet zwischen der Stadt Tadmor (Palmyra) und dem Berg Dschabal Bischri statt (Hana), der vielleicht sogar den Namen „Gebirge der Achlamu“ bekam.
Aus dem vierten Regierungsjahr Tiglat-pilesers I., also 1111 v. Chr., werden die Achlamu in Verbindung mit den Aramayya erwähnt: Geschichte in Quellen (siehe Literatur) S. 91. Tiglat-Pileser I. ließ die Euphratübergänge befestigen, in der Hoffnung, die Nomaden so westlich des Flusses halten zu können – ohne Erfolg. Unter Aššur-bel-kala findet sich der Begriff Aramayya nur noch alleine.
Unter Aššur-rabi (1010–979 v. Chr.) fielen Mutkinu am Euphrat und Pitru am Sagur an die Nomaden. Diese Festungen wurden erst unter Salmanassar III. (858–824 v. Chr.) wieder erobert.
Die Achlamu waren jedoch nicht nur Räuber, sondern wurden auch als Viehtreiber und Karawanenführer eingesetzt. Sie lebten in Zelten, unter der Jurisdiktion eines Heerführers, rab zārāti, Herr des Zeltlagers. Im kassitischen Nippur dienten sie nach Ausweis der Rationenlisten als Wachpersonal. Manche trugen auch kassitische oder babylonische Namen.
Ägyptische Quellen In ägyptischen Texten werden sie P3-j-r'-m-w genannt und sind seit Amenophis III. (1391–1353 v. Chr.) belegt. Zur Zeit von Amenophis IV. (1349–1332 v. Chr.) fingen die Achlamu einen an Aššur-uballiṭ I. von Assyrien gesandten Boten des Pharaos ab. Ein Brief von Ḫattušili III. (1275–1250 v. Chr.) an Kadašman-Enlil II. von Babylon (1258–1250 v. Chr.) erwähnt Achlamu, räuberische Nomaden, die den sicheren Handelsverkehr am mittleren Euphrat bis in die Gegend von Tuttul (Tell Bi'a) bedrohen. Ḫattušili fordert Kadašman-Enlil zu einer militärischen Aktion auf.
Späthethitische Zeit mini|Wächterlöwe vom inneren Tor der aramäischen Zitadelle von Samʼal, Südosttürkei, 10.–8. Jahrhundert v. Chr. Nach dem Zerfall des Hethiterreiches um 1200 v. Chr. und in einer Zeit der Schwäche Ägyptens konnten die Aramäer in Nordsyrien zahlreiche Kleinkönigreiche begründen, Bit Agusi (Arpad, Aleppo), Bit Adini und Ja’udi. Die späthethitischen Kleinstaaten wie Karkemiš, Hamath, Aleppo und Unqi konnten ihnen auf Dauer keinen Widerstand leisten. Hamath fiel Ende des 11. Jahrhunderts v. Chr. an die Aramäer, auch das Orontes- und Litani-Tal und weite Teile Süd-Syriens wurden besetzt.
Im 11. Jahrhundert v. Chr. bekämpften gemäß biblischer Überlieferung die israelitischen Könige Saul, David und Salomo die Aramäer im Libanon. Die Bibel nennt die Stämme von Aram (Damaskus), Aram-Zoba (Beka'a), Geschur in Hauran, Aram-Ma'ka am (Hermon) und Aram-Bet-Rehob.
Spätestens seit dem 12. Jahrhundert v. Chr. bestanden bereits zahlreiche aramäische Siedlungen im Euphratbogen südlich von Karkemiš. Das Königreich von Bit Adini mit der Hauptstadt Til Barsip (Tell Achmar) erstreckte sich auf beiden Seiten des Flusses. Weitere Fürstentümer dieser Zeit waren Bit-Bahiani mit der Hauptstadt Gosan am oberen Habur, Laqê an der Habur-Mündung, Suhi am Euphrat und Gidara (aram. Radammate) am Tigris. Auch am unteren Tigris um die Diyala-Mündung siedelten sich aramäische Stämme an.
In Person von Adad-apla-iddina bestieg ein Aramäer den Thron Babylons. In seiner Regierungszeit verwüsteten plündernde Suti und Aramäer den Ebabbar des Šamaš in Sippar – das Kultbild des Gottes ging verloren – sowie Tempel in Nippur und überfielen Dêr und Dūr-Kurigalzu. Diese Vorgänge sind durch eine Weihe-Inschrift auf dem Thron des Enlil aus dem Ekurrigal in Nippur (durch zwei Abschriften überliefert)A. Goetze: An Inscription of Simbar-siḫu. In Journal of Cuneiform Studies 19, 1965, 121–134 und die eklektische Chronik bekannt.
Neuassyrische Zeit Zur Zeit von Adad-nirari II. (911–891 v. Chr.) war die assyrische Schwächeperiode überwunden (Beginn des Neuassyrischen Reiches), und er begann mit Feldzügen gegen die Aramäer und Hanilgabat (Mitanni). Er unterwarf Suhi, Hit, Nasibina Nisibis, Huzirina und Gidara. Assurnasirpal II. konnte die aramäische Vorherrschaft am Chabur brechen und erreichte das Mittelmeer. Unter Salmanassar III., der ebenfalls seine Waffen im „Oberen Meer“ reinigte, wurde die assyrische Herrschaft über die Aramäerstämme am Euphrat (Bit Adini), Chabur und in Nordsyrien (Bit Agusi) konsolidiert. Die Aramäer am Euphrat wurden mehr und mehr in das Assyrische Reich integriert.
Das Königreich von Aram leistete jedoch heftigen Widerstand und konnte verhindern, dass sich die assyrische Herrschaft weiter nach Süden ausbreitete. In der Schlacht von Qarqar 852 v. Chr. besiegte Salmanasser zwar angeblich eine Koalition von zwölf Stämmen unter der Führung von Irhuleni von Hama und IM-idri von Damaskus, konnte diesen Sieg aber nicht ausbauen. Von 849 bis 835 v. Chr. erfolgten weitere Feldzüge nach Aram-Damaskus, da immer wieder Aufstände ausbrachen.
Šamši-Adad V. hatte seine militärischen Aktivitäten vor allem auf Babylon konzentriert, danach kümmerte sich Šammuramat wieder um die Verhältnisse in Syrien. 805 v. Chr. konnte Adad-nirari III. den Tribut von Aram entgegennehmen. Ferner führte er Feldzüge gegen den Nomadenstamm der ʾItū im Zab-Tal. Auch nach babylonischen Berichten richteten plündernde Aramäernomaden im Süden, im Gebiet von Babylon und Borsippa, große Schäden an. Erst Tiglat-pileser III. konnte die Nomadenstämme des Südens unterwerfen und erreichte mit seinem Heer den Persischen Golf. In Syrien konnte er Arpad, das unter Aššur-nirari V. abgefallen und ein Bündnis mit Meliddu, Kummuḫu und Gurgum eingegangen war, nach zweijähriger Belagerung 740 v. Chr. einnehmen, obwohl Sarduri II. versuchte, ihnen zur Hilfe zu kommen. 739 v. Chr. folgte Tiglat-Pileser III. dem Hilferuf des Panamuwa II. von Ja’udi und tötete den Usurpator Asarja. Anschließend setzte er Panamuwa II. als König ein.
Aram fiel erst 732 v. Chr. unter Tiglat-pileser III., die Bevölkerung wurde deportiert. Unter Tiglat-pileser III. fanden weitere große Deportationen statt, so wurden 30.000 Menschen aus dem Königreich Hama nach Urartu und Mannai umgesiedelt und 150.000 Aramäer aus dem südlichen Babylonien im östlichen Hochland. Diese Maßnahmen sollten den Widerstand der unterworfenen Bevölkerung brechen und durch die ständigen Kriege hervorgerufenen Bevölkerungsverluste ausgleichen. Gleichzeitig führten diese Maßnahmen zu einer zunehmenden Aramäisierung des assyrischen Reiches, die aramäische Sprache breitete sich immer weiter aus.
Die unterworfenen aramäischen Stämme wurden zunehmend in das assyrische Reich eingegliedert. So war die Mutter von Assurbanipal (669–627 v. Chr.) Naqi'a/Zakûtu eine Aramäerin. Sie genoss am Hof großen Einfluss und war letztlich diejenige, die nach dem Tod von Asarhaddon die Thronbesteigung von Assurbanipal sicherte. Mit der zunehmenden Ausbreitung des Aramäischen als Verkehrssprache (Reichsaramäisch) im gesamten vorderen Orient verliert sich die Spur einzelner aramäischer Stämme.
Römische und persische Zeit In christlicher Zeit konnte sich ein unabhängiges Fürstentum Edessa behaupten. Unter den Abgar-Fürsten blühte die syrische Kultur und Sprache für kurze Zeit wieder auf. Nach dem Frieden zwischen den Persern und dem römischen Kaiser Jovian im Jahr 363 wurde ein Kastell in der Nähe von Nisibis auf der Straße nach Amida, von dem heute noch mächtige Quader Zeugnis geben, zur Grenze zwischen dem christlichen Römischen Reich und dem zoroastrischen Persischen Reich. Diese Grenze trennte zugleich das syrischsprachige Christentum in zwei Flügel: der reichskirchliche gehörte zum Patriarchat Antiochien, der östliche bildete das ostsyrische Katholikat Seleukia-Ktesiphon.
Neuzeit
Aramäer sind heute eine ethnische Minderheit im Nahen Osten. Eine aramäische Flagge wurde 1980 geschaffen. Der Großteil der Nachfahren der aramäischen Bevölkerung der Antike wurde nach der arabischen Expansion und der Ausbreitung des Islams arabisiert und trat zu dieser neuen Religion über. In meist abgelegenen bergigen Gebieten überlebten christliche und jüdische Minderheiten, die bis ins 20. Jahrhundert weiterhin Aramäisch sprachen.