Haarausfall ist ein permanenter oder vorübergehender, diffuser oder herdförmiger verstärkter Haarverlust. Er kann altersabhängig auftreten, aber auch andere Ursachen haben. Im Normalfall fallen dem Menschen durchschnittlich zwischen 70 und 100 Kopfhaare pro Tag aus und werden ersetzt. Fachbegriffe für unerwünschten Haarausfall sind Effluvium (über die Norm gesteigerter Haarausfall) und Alopezie bzw. Alopecia für eine sichtbare Lichtung ohne oder mit abnorm schütterem Haupthaar (Hypotrichose).

Arten mini|Erklärvideo: Wie kommt es zu Haarausfall? (in 91 Sekunden)

Androgenetischer Haarausfall

Androgenetischer Haarausfall (Alopecia androgenetica oder androgenetische Alopezie (AGA), durch Androgene hervorgerufener Haarausfall) ist eine normale Erscheinung des Älterwerdens. Durch Enzyme wird wie bei allen Hormonen auch das Testosteron ab- und umgebaut. Das dabei entstehende Dihydrotestosteron (DHT) ist die biologisch aktive Form von Testosteron. Bei Männern bewirkt dieses DHT einerseits ein gesteigertes Wachstum im Bartbereich, andererseits die Vermehrung von Talgdrüsen auf dem Kopf. Die Vermehrung der Talgdrüsen führt im Kopfbereich nach und nach zu einer fortschreitenden Verkleinerung der Haarwurzeln und kann schließlich zum Ausfall der Kopfhaare führen.Deutsches Endolrinologisches Versorgungszentrum: Anlagebedingter Haarausfall (Androgenetische Alopezie). – Der Unterschied bei Männern und Frauen. Auf: endokrinologen.de; zuletzt abgerufen am 18. August 2024. Etwa 80 % der Männer und 50 % der Frauen weltweit sind betroffen. Auch das Rauchen beschleunigt den Haarverlust.R. M. Trüeb: Effect of ultraviolet radiation, smoking and nutrition on hair. In: Current problems in dermatology. Band 47, 2015, S. 107–120, doi:10.1159/000369411, PMID 26370649 (Review).

Bei Männern ist der Beginn der AGA meistens durch das Zurücktreten der Stirn-Haar-Grenze an den Schläfen mit der Ausbildung von Geheimratsecken gekennzeichnet. Im weiteren Verlauf tritt eine zunehmende Haarlichtung in der Scheitelregion (Tonsurbereich) ein. Allerdings zeigen einige Männer mit AGA ein eher weibliches Haarausfallmuster (FPHL), das durch eine diffuse Ausdünnung der Haare im mittleren Frontalbereich und am Oberkopf gekennzeichnet ist, während der vordere Haaransatz erhalten bleibt. AGA bei Jugendlichen wird Alopecia praematura genannt.

Bei Frauen beginnt der AGA im Bereich des Mittelscheitels. Im weiteren Verlauf tritt eine zunehmende Haarlichtung in der Kronenregion ein. Der AGA beginnt in der Regel nach der Menopause. Die Behandlung hormonabhängiger Tumoren wie Brustkrebs mit Aromatasehemmern können ebenfalls zu einem androgenetischen Haarausfall bei jüngeren Frauen führen. Rund ein Drittel der weiblichen und etwa 10 % der männlichen Haarausfall-Patienten sollen auch unter Kopfhautschmerzen (Trichodynie) leiden.A. Rebora, M. T. Semino, M. Guarrera: Trichodynia. In: Dermatology. Band 192, Nummer 3, 1996, S. 292–293, PMID 8726656.I. Kivanç-Altunay, C. Savaş u. a.: The presence of trichodynia in patients with telogen effluvium and androgenetic alopecia. In: International Journal of Dermatology. Band 42, Nummer 9, September 2003, S. 691–693, PMID 12956679.

Familiär gehäufter Haarausfall spricht für eine erbliche Überempfindlichkeit der Haarfollikel gegen das Steroidhormon Dihydrotestosteron (DHT). Die Wachstumsphase (Anagenphase) der Haare ist verkürzt. Daher setzen viele Medikamente darauf, die Wirkung des DHT zu vermindern.

Androgenetischer Haarausfall ist keine Krankheit, kann sich aber auf das Selbst- und Fremdbild auswirken.R. Bergler, T. Hoff: Psychologie des ersten Eindrucks. Die Sprache der Haare. Deutscher Instituts-Verlag, Köln 2001; Ronald Henss: Social perceptions of male pattern baldness. A Review. In: Dermatology + Psychosomatics. Band 2, 2001, S. 63–71. Männer mit Haarausfall werden tendenziell als älter und intelligenter,M. S. Wogalter, J. A. Hosie: Effects of cranial and facial hair on perceptions of age and person. In: The Journal of social psychology. Band 131, Nummer 4, August 1991, S. 589–591, doi:10.1080/00224545.1991.9713892, PMID 1943079. aber auch als weniger dominant, weniger dynamisch und weniger maskulin wahrgenommen.J. Butler, B. Pryor, M. Grieder: Impression formation as a function of male baldness. In: Perceptual and motor skills. Band 86, Nummer 1, Februar 1998, S. 347–350, doi:10.2466/pms.1998.86.1.347, PMID 9530759. In der Eigenwahrnehmung der Betroffenen geht der Verlust der Haare z. B. mit dem Verlust des Selbstwertgefühls, mit einer Introversion, mit Depressionen, mit einem Neurotizismus und mit Gefühlen der Unattraktivität im Selbstbild einher.P. A. Wells, T. Willmoth, R. J. Russell: Does fortune favour the bald? Psychological correlates of hair loss in males. In: British Journal of Psychology. Band 86 (Teil 3), August 1995, S. 337–344, PMID 7551645. Dieses negative Selbstbild kann sich bei der Partnerwahl, im sozialen Umfeld und in der beruflichen Entwicklung auswirken.B. Tischer: Einfluss von Haarausfall auf Personalentscheidungen. EMNID-Institut, Healthcare, Pullach 1999.Eine Glatze verschafft Macht und Erfolg. In: Die Zeit: Zeit online. 11. Oktober 2012, abgerufen am 23. Februar 2013.

Alopecia areata mini|Alopecia areata

Unter einer Alopecia areata (auch: Alopecia circumscripta, Pelade, Areata celsis, kreisrunder Haarausfall) versteht man einen runden, lokal begrenzten krankhaften Haarausfall. Bei über 80 % der betroffenen Personen geht der Haarausfall vom Kopf aus. Bei Männern kann auch der Bartbereich oder in Ausnahmefällen der Bereich der Körperbehaarung betroffen sein. Dieses Krankheitsbild wurde erstmals von Hippokrates erwähnt und in Anlehnung an das altgriechische Wort für Fuchs bezeichnet ( „Fuchs“). Die genaue Bedeutung ist jedoch ungeklärt. Entweder geht sie auf die Beobachtung zurück, dass manchen Füchsen die Haare fleckförmig ausfielen,Zusammenfassung zu: Wolfgang Raab: Haarerkrankungen in der dermatologischen Praxis. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2012, Kapitel Alopecia areata. . oder darauf, dass an Stellen, auf die Füchse uriniert hatten, lange nichts wuchs. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung.R. M. Trüeb, M. F. Dias: Alopecia Areata: a Comprehensive Review of Pathogenesis and Management. In: Clinical reviews in allergy & immunology. Band 54, Nummer 1, Februar 2018, S. 68–87, doi:10.1007/s12016-017-8620-9, PMID 28717940 (Review).J. F. Rork, M. Rashighi, J. E. Harris: Understanding autoimmunity of vitiligo and alopecia areata. In: Current opinion in pediatrics. Band 28, Nummer 4, 08 2016, S. 463–469, doi:10.1097/MOP.0000000000000375, PMID 27191524, (Review).

Alopecia areata ist die häufigste Haarausfallerkrankung (ca. 1,4 Millionen Menschen in Deutschland) und tritt in jedem Lebensalter auf, bevorzugt im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt. Die Lebenszeitinzidenz beträgt etwa zwei Prozent. Beschrieben wird auch ein Verlust der gesamten Kopfbehaarung (Alopecia totalis) und auch der Körperbehaarung (Alopecia universalis).Arznei-Telegramm, 53. Jahrgang, Nummer 9/2022, 23. September 2022, S. 69.

Typischerweise liegen am behaarten Kopf eine oder mehrere kreisrunde kahle Stellen vor. Daher spricht man auch von kreisrundem Haarausfall. Im Randbereich findet man häufig sogenannte „Ausrufezeichen-Haare“. Dies sind kurz abgebrochene Haare, die an ihrem Ende immer dünner werden. Die Kahlstellen sind glatt, eingesunken, nichtschuppend, und die Haarfollikel bleiben erhalten. Häufig bestehen zusätzlich Veränderungen der Fingernägel mit Grübchen, Rillen oder sandpapierartigen Aufrauungen. Die Ursache ist eine Autoimmunreaktion, die durch cytotoxische CD8+-T-Zellen hervorgerufen wird, die die Haarfollikel angreifen.L. Xing, Z. Dai u. a.: Alopecia areata is driven by cytotoxic T lymphocytes and is reversed by JAK inhibition. In: Nature medicine. Band 20, Nummer 9, September 2014, S. 1043–1049, doi:10.1038/nm.3645, PMID 25129481, .

Manche Hautinfektionen können (bei der Alopecia symptomatica) zu einem zeitlich begrenzten Haarverlust führen, etwa Impetigo contagiosa, Karbunkel, Wundrose und Gürtelrose.

mini|hochkant|Alopecia areata unter dem Kinn Alopecia areata führt teilweise auch zum Verlust der Nasenhaare. Dies kann Allergien verstärken sowie zu Infektionen der oberen Atemwege führen.

Eine Sonderform der Alopecia areata ist die Alopecia areata atrophicans, die auch (nach dem französischen Dermatologen Louis Anne Jean Brocq, 1856–1928) Pseudopelade Brocq genannt wird. Sie tritt besonders bei Frauen zwischen 30 und 55 Jahren auf und beginnt schleichend mit kleinen haarlosen Flecken und geröteter, glänzender Haut. Dieser Haarverlust ist fortschreitend und irreversibel.

Diffuser Haarausfall

Vom diffusen Haarausfall (diffuse Alopezie, telogenes Effluvium) spricht man, wenn die Haare vom gesamten Kopf abfallen. Dieser Haarausfall tritt öfter bei Frauen auf. Die Ursachen sind vielfältig, z. B. Hormonschwankungen, Schilddrüsenerkrankungen, Eisenmangel, Infektionen, Kopfhauterkrankungen, Lupus, Stress oder einseitige Ernährung. Einige Medikamente (so z. B. der Wirkstoff Methylphenidat, der in der Behandlung von ADHS und Narkolepsie eingesetzt wird) können ebenfalls zu Haarausfall führen. Haarausfall kann im Zuge von Hungerkuren, bei Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus, beim Morbus Crohn (einer Entzündung der Darmwand), bei einer Bulimie, bei Anorexie (Magersucht) oder auch bei Anämie (einer Verminderung bzw. Missbildung roter Blutkörperchen bzw. deren erniedrigtem Hämoglobingehalt) hervorgerufen werden. Auch Geschlechtskrankheiten wie Syphilis (im zweiten und dritten Stadium) und Pilzerkrankungen können zu Haarausfall führen.

Das giftige Metall Thallium erzeugt bereits in Mengen von unter einem Gramm einen Haarausfall. Auch bestimmte Medikamente wie Antikoagulanzien (blutgerinnungshemmende Medikamente in hoher Dosierung), Beta-Blocker, Retinoide (Vitamin-A-Derivate, die bei Hautkrankheiten eingesetzt werden), Thyreostatika (Schilddrüsen-Medikamente), Gestagene (Kontrazeptiva), Statine (Cholesterinsenker), Pestizide sowie ionisierende Strahlung können zu Haarausfall führen.

Haarausfall nach einer Schwangerschaft Zwei bis vier Monate nach einer Entbindung kommt es oftmals bei der Mutter durch einen Abfall des Östrogenspiegels zu diffusem Haarausfall, besonders auffällig im Bereich des Haaransatzes und der Schläfen. Er hält 6 bis 24 Wochen an, im Einzelfall bis zu 15 Monate. Die Haare wachsen in der Regel normal nach und eine Behandlung ist nicht erforderlich.C. Piérard-Franchimont, G. E. Piérard: Alterations in hair follicle dynamics in women. In: BioMed Research International. 24. Dezember 2013, doi:10.1155/2013/957432. PMID 24455742, .

Weitere Formen Neben diesen typischen Alopezie-Formen gibt es noch folgende: A. actinica: strahlenbedingte A. A. mechanis (Alopecia traumatica): Haarausfall aufgrund von Druck, Zug oder Reibung; z. B.: durch Haarausreißen, Tragen von schweren Lasten auf dem Kopf oder langes Aufliegen des Kopfes bei Bettlägerigen oder Säuglingen. Hier gibt es auch mehrere Unterformen wie die A. liminaris, A. marginalis frontalis traumatica, Kissen-A., Säuglingsglatze (= A. neonatorum), A. seborrhoica: Haarausfall mit begleitender Überproduktion von Talg (siehe Seborrhö), A. mucinosa: Haarausfall infolge Muzinose, A. parvimaculata: Haarausfall infolge einer Infektion, A. senilis: normaler Haarausfall im Alter, A. specifica / A. syphilitica: Haarausfall im Zuge des 2. Syphilis-Stadiums (siehe Syphilis), A. triangularis congenita Sabouraud: angeborene Haarlosigkeit in einem dreieckigen Bereich an den Schläfen, dessen Ursache ein Mangel an Haarfollikeln in diesem Hautbezirk ist, A. congenita: angeborene Haarlosigkeit am gesamten Körper. A. universalis: vollständiger Verlust der Haare, einschließlich Augenbrauen und Wimpern. Es ist eine fortgeschrittene Form von A. areata.

Zytostatika und Strahlentherapie