mini|Dokument einer Lohnauszahlung
Als Keilschrift bezeichnet man ein vom 4. Jahrtausend v. Chr. bis mindestens ins 1. Jahrhundert n. Chr. benutztes Schriftsystem, das im Vorderen Orient (Naher Osten und Vorderasien) zum Schreiben mehrerer Sprachen verwendet wurde. Die Bezeichnung beruht auf den Grundelementen der Keilschrift: waagrechten, senkrechten und schrägen Keilen. Typische Textträger sind Tontafeln, die durch das Eindrücken eines Schreibgriffels in den weichen Ton beschrieben wurden.
Die Keilschrift war anfänglich eine Bilderschrift. Sie entwickelte sich zu einer Silbenschrift, aus der auch eine phonetische Konsonantenschrift (die ugaritische Schrift) hervorging. Die Keilschrift wurde von den Sumerern erfunden und später von den Medern und anderen zahlreichen Völkern des Alten Orients verwendet: von den Akkadern, Babyloniern, Assyrern, Hethitern und Persern (darunter der babylonische Kyros-Zylinder). Schließlich wurde sie von anderen Schriftformen (z. B. der phönizischen und der daraus abgeleiteten aramäischen Schrift) verdrängt und geriet in Vergessenheit. Letzte Keilschrifttexte wurden in seleukidischer und parthischer Zeit verfasst.A. J. Sachs, D. J. Wiseman: A Babylonian King List of the Hellenistic Period. In: Iraq. Band 16, 1954, S. 202–212; M. J. Geller: The Last Wedge. In: Zeitschrift für Assyriologie. Band 87, 1997, S. 43–95.
Geschichte und Verbreitung Sumerische Keilschrift Die sumerische Keilschrift ist neben den ägyptischen Hieroglyphen die heute älteste bekannte Schrift. Sie entstand etwa um 3300 v. Chr. in Sumer in Mesopotamien und konnte ihre Vormachtstellung bis etwa 1800 v. Chr. halten. Zunächst begann die sumerische Keilschrift als Bilderschrift, bestehend aus rund 900 Piktogrammen und Ideogrammen, die in Ton geritzt wurden.
In Kisch wurden Kalksteintäfelchen mit den ältesten Zeichen gefunden. Es waren stark vereinfachte Darstellungen etwa eines Kopfes, eines Dreschhammers, eines Pfeiles, eines Kruges, eines Fußes. Drei Berggipfel standen für „Gebirge“. Andere Zeichen stammten von Zählsteinen und waren von Anfang an abstrakt, wie etwa das Kreuz für „Schaf“. mini|500px|Rekonstruktion der Entwicklung des Schreibens (beginnend vor 3500 v. Chr. bis 1000 v. Chr.) mit der Hypothese, dass die sumerische Keilschrift im Vergleich zu den ägyptischen Hieroglyphen die ältere Schriftform sei.Geoffrey Barraclough, Norman Stone: The Times Atlas of World History. Hammond Incorporated, Maplewood, New Jersey 1989, ISBN 0-7230-0304-1, S. 53. (archive.org auf archive.org)
Viele Wörter entstanden – ähnlich wie heute noch bei den chinesischen Schriftzeichen – durch einfaches Zusammenschreiben solcher Piktogramme. „Weinen“ wurde mit den Zeichen „Auge“ und „Wasser“ ausgedrückt, „Fürstin“ ergab sich aus den Zeichnungen „Frau“ und „Schmuck“. „Strafen“ wurde durch „Stock“ und „Fleisch“ ausgedrückt. „Gebirge“ und „Frau“ ergab „Bergweib“, was Sklavin bedeutete, weil die Sumerer wohl Frauen aus dem Zagros-Gebirge versklavten. „Heuschrecke“ stand als Piktogramm für „Heuschrecke“, aber auch als Ideogramm für „Vernichtung“. Man hatte wohl durch Heuschreckenschwärme abgefressene Felder und Gärten vor Augen. Ein „Stern“ stand als Piktogramm für „Stern“, als Ideogramm für „Himmel“ (sumerisch an) und „Gott“ (sumerisch: dingir). Eine Essschale stand für Speise. Ein Kopf und eine Essschale stand für „essen“.
Diese Piktogrammschrift blieb aber nicht bei den einfachen und komplexen Zeichenbedeutungen stehen. Das Piktogramm eines Flusses stand für „Wasser“ – sumerisch „a“ –, das aber als Laut „a“ auch „in“ bedeutete. Statt hier ein neues Zeichen für „in“ zu erfinden, verwendeten die Sumerer das Piktogramm „Fluss“ in seiner Lautbedeutung „a“ gleich „in“. Da dieses Verfahren immer öfter verwendet wurde, überwog schließlich die Lautbedeutung der Zeichen.Denise Schmandt-Besserat: An archaic recording system and the origin of writing. Malibu, Undena 1977.
Ihre typische Form erhielt diese Schriftart erst um das Jahr 2700 v. Chr., als die altsumerischen Machtzentren Uruk, Ur und Lagaš enorm anwuchsen und ihre Tempelbürokratie mehr Schriftstücke produzierte, was eine Rationalisierung des Schreibprozesses hervorrief. Nun wurden Keile mit einem stumpfen Schreibgriffel in weichen Ton gedrückt, der anschließend getrocknet wurde.
Akkadisches Reich Um das Jahr 2350 v. Chr. drang das semitische Volk der Akkader nach Sumer vor und übernahm die Herrschaft über die sumerischen Stadtstaaten und dabei auch deren Schrift und Kultur. Unter der akkadischen Herrscherdynastie Sargons von Akkad breiteten sich deren Herrschaftsgebiet und damit auch Sprache, Kultur und Schrift weiter aus. Etwa zur selben Zeit gelangte die Kenntnis der Keilschrift bis nach Syrien in das Reich Ebla, wo sie für die einheimische semitische Sprache, das Eblaitische, verwendet wurde. Bereits ab 2500 v. Chr. wurde im benachbarten Königreich Elam (im heutigen Iran) die dort verwendete proto-elamitische Strichschrift von der Keilschrift abgelöst; diese hielt sich dort bis in hellenistische Zeit.
mini|Zovinar-Inschrift, urartäische Keilschrift mini|350px|Die Tabelle zeigt die fortschreitende Vereinfachung der Keilschriftzeichen von der archaischen (vertikalen) Schrift zur assyrischen Schriftform.
Hethitische und weitere Adaptationen Auch die Hethiter, deren indogermanische Sprache sich vom semitischstämmigen Akkadisch grundlegend unterschied, adaptierten die Keilschrift und benutzten sie neben den hethitischen Hieroglyphen. Dabei verlief die Verbreitung der Keilschrift im Norden bis nach Urartu (Nordosttürkei und Armenien) mit Urartäisch als Landessprache und im Süden bis nach Palästina mit Kanaanäisch als vorherrschender Sprache. Die weiterentwickelte Form der Keilschrift war so anpassungsfähig beim Gebrauch der Symbole als Lautzeichen, dass die Schrift in gleicher Weise für die Sprachen der Akkader, Babylonier und Assyrer verwendet werden konnte.
Babylonische Ära Als Hammurapi 1792 v. Chr. den babylonischen Thron bestieg, bestand Mesopotamien lediglich aus einer Reihe rivalisierender Stadtstaaten. Ihm gelang es jedoch aufgrund seiner Feldzüge, das Herrschaftsgebiet Babylons auf ganz Mesopotamien auszudehnen und weit über die Landesgrenzen hinaus die Sprache und Kultur seines Reiches zu verbreiten. Mit dem Niedergang des babylonischen und dem Aufstieg des assyrischen Reiches verbreitete sich die Schrift und die Kultur des Zweistromlandes bis in das 7. Jahrhundert v. Chr. von Babylonien und Assyrien über Palästina bis nach Ägypten. In dieser Epoche entwickelte sich die Keilschrift zu ihrer endgültigen Form weiter. Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. drangen neue Schriftsysteme, wie die phönizische Konsonantenschrift oder die griechische Lautschrift, langsam nach Kleinasien vor. Nach und nach verdrängten sie die Keilschrift.
Sonderformen mini|Keilschrift-Inschrift am Tor aller Länder in Persepolis
Eine Sonderform der Keilschrift stellt die persische Keilschrift dar. Zu Beginn der Regierungszeit Dareios I. im Jahr 521 v. Chr. besaßen die Perser noch keine eigene Schrift. Die Verwaltungssprache des persischen Reiches war Elamisch; daneben wurde in Reliefs stets auch eine Übersetzung in Babylonisch bzw. Akkadisch im neubabylonischen DialektErika Bleibtreu: Achaimenidische Kunst. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, ISBN 3-85497-018-8, S. 186–219, hier: S. 188 f. angebracht. Dareios I. ordnete die Schaffung einer eigenen persischen Schrift (Altpersisch) an. Die persische Keilschrift war viel einfacher strukturiert (34 Zeichen) als die Keilschriften der Elamer (ca. 200 Zeichen) und Babylonier (ca. 600 Zeichen) und hatte zur besseren Lesbarkeit Worttrenner. Die persische Keilschrift wurde später (um 400 v. Chr.) durch die Einführung des Aramäischen verdrängt. Der jüngste bekannte Keilschrifttext, eine astronomische Tabelle, stammt aus dem Jahr 75 n. Chr.
Entschlüsselung und Übersetzung der Keilschrift mini|Inschrift aus Persepolis in der Umzeichnung von Niebuhr
Der Italiener Pietro della Valle hatte 1621 in einem Brief erstmals mehrere Keilschriftzeichen von einem Ziegel aus Persepolis richtig kopiert und in seiner Reisebeschreibung vermutet, dass diese Buchstaben „auf unsere Weise von der lincken zur rechten Hand geschrieben werden“.Theodor Zachariae: Kleine Schriften zur indischen Philologie, zur vergleichenden Literaturgeschichte, zur vergleichenden Volkskunde. Bonn und Leipzig 1920, S. 12. Der deutsche Arzt und Forschungsreisende Engelbert Kaempfer besuchte 1685 die Ruinen von Persepolis und studierte die Täfelchen mit Schriftzeichen, für die er die Bezeichnung „Keilschrift“ prägte. Der englische Orientalist und Sprachwissenschaftler Thomas Hyde benutzte in seinem Hauptwerk Historia Religionis Veterum Persarum (The History of the Religion of Ancient Persia), das im Jahr 1700 in Oxford erschien, zum ersten Mal das Wort „Cuneiform“ für Keilschrift. Die Entschlüsselung dieser vereinfachten persischen Keilschrift erfolgte mit den Kopien von Inschriften aus Persepolis, die der Orientforscher Carsten Niebuhr im Jahre 1765 angefertigt hatte. Dem deutschen Philologen Georg Friedrich Grotefend (Göttingen) gelang es ohne Kenntnisse von Schrift und Sprache, vor allem aber auch ohne eine parallele Textfassung in anderen Sprachen, im Sommer 1802 binnen weniger Wochen fast ein Drittel des gesamten Zeicheninventars zu entschlüsseln. Das war möglich, weil es sich um recht einförmige Texte handelte, die weitgehend aus Königsnamen mit Filiation und Titulatur bestand, auf die historische Kenntnisse angewandt werden konnten. Dementsprechend blieben Grotefend die – wenigen – sachlichen Teile dieser Inschriften verschlossen.
mini|Die Behistun-Inschrift zeigt den Bericht über die Siege des Großkönigs Dareios I. in drei Sprachen. Fortschritte ergaben sich zunächst durch die Erforschung verwandter Sprachen (Avestisch und Sanskrit), vor allem durch den norwegischen Philologen Christian Lassen. Die Einsichten in diesem Bereich konnten auf persische Inschriften angewandt werden. Auch hier halfen Namen – diesmal Völkernamen – weiter.Siehe dazu Lassens Arbeit Die Altpersischen Keil-Inschriften von Persepolis. S. 15, z. B. bei Google-Books. Dazu kam vor allem aber weiteres Material, wie die Behistun-Inschrift, die der englische Offizier Henry Creswicke Rawlinson 1835–1837 kopierte und 1846/47 und 1851 veröffentlichte. Erneut waren es Namen, durch die noch fehlende Zeichen erschlossen werden konnten. Die Inschrift auf dem Felsen von Behistun ist eine Trilingue. Sie war für die Entzifferung der Keilschrift gleichbedeutend mit dem Fund des Steins von Rosette für die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen. Nach der Entzifferung des persischen Textes war der Weg frei zur Entzifferung auch der komplexeren Keilschriften in Elamitisch und Babylonisch.