mini|Ausdehnung des Römischen Reiches um 125 n. Chr., Pannonien rot hervorgehoben mini|Ausdehnung und wichtige Städte der beiden pannonischen Provinzen im 2. Jahrhundert n. Chr. Pannonien () war von 9 bis 433 n. Chr. eine Provinz des Römischen Reiches und wurde bis Mitte des 1. Jahrhunderts Illyricum inferius genannt. Die Provinz umfasste die westliche Hälfte des heutigen Ungarn, das Burgenland, Teile der Oststeiermark, des Wiener Beckens, die Region Syrmien in Serbien sowie das zwischen Drau (Dravus) und Save (Savus) gelegene Staatsgebiet des heutigen Slowenien und Kroatien. Um 105 n. Chr. wurde die Provinz zweigeteilt, um 300 viergeteilt und 433 schließlich an die Hunnen unter ihrem Anführer Attila abgetreten.
Der Name Pannonien Der römische Senator, Konsul und Geschichtsschreiber Cassius Dio war in den Jahren 226–228 n. Chr. Statthalter der Provinz Pannonia superior.Benedikt Simons: Untersuchungen zum Bild des römischen Gemeinwesens in den Büchern 3–35 der 'Ρωμαϊκά (= Beiträge zur Altertumskunde 273), de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-022587-7, S. 174. Er leitete den Namen Pannonien von der ärmlichen Kleidung der Einheimischen, die damit charakterisiert und verspottet wurden, ab und schrieb: „Der Name ist abgeleitet von der Tatsache, dass ihre Ärmeltunikas aus Stücken alter Kleidung gemacht sind, die sie in Streifen schneiden, zusammennähen und Panni (Latein für Lumpen, Tuch) nennen.“Cassius Dio, Römische Geschichte 49,36. Der ungarische Altertumswissenschaftler Karl Kerényi (1897–1973) führte den Namen auf den Fruchtbarkeitsgott Pan zurück.Karl Kerényi: Pannonia. In: Glotta. Band 22, 1933, S. 31–42.
Der österreichische Landesarchäologe Karl Kaus (1940–2015) hingegen leitete Pannonia von „*pen“ – „feucht“ ab. Demnach würde Pannonien „feuchtes, sumpfiges Land“ bedeuten. Zu beachten sei jedoch, dass sich der Name „Pannonien“ beziehungsweise die darunter zu verstehende Lage im Lauf der Zeiten immer wieder verändert hat. Daher werde der Begriff auch in den verschiedenen Disziplinen der Wissenschaften (beispielsweise der Geschichte, Geologie, Klimatologie, Botanik usw.) nicht einheitlich verwendet.Karl Kaus: Pannonien, Scarbantia und die Bernsteinstraße. In: Burgenland. Archäologie und Landeskunde. Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland. Hrsg.: Amt der Burgenländischen Landesregierung, Abteilung 7 – Landesmuseum, Eisenstadt 2006, ISBN 3-85405-153-0, S. 127 ff.
Die Bevölkerung vor Ankunft der Römer In den letzten vorchristlichen Jahrhunderten war das Gebiet der Siedlungsraum der von den Römern so bezeichneten illyrischen Pannonier, die namensgebend für die Provinz wurden. Ansonsten waren im Nordteil der Provinz um diese Zeit fast ausnahmslos keltische Völker beheimatet. Als deren größte Volksgruppe standen im Nordwesten des Landes die Boier rund um den Neusiedler See, südlich folgten die Wohnsitze der 1969 durch den Archäologen András Mócsy (1929–1987) lokalisierten Arabiates,; Rudolf Noll: Gold- und Silberschätze der Völkerwanderungszeit aus dem Donauraum in der Wiener Antikensammlung. In: Urgeschichte – Römerzeit – Mittelalter. Materialien zur Archäologie und Landeskunde des Burgenlandes I. Eisenstadt 1984, ISBN 3-85405-091-7, S. 102–103; hier S. 103. denen wiederum südlicher die Taurisker folgten, deren Südgrenze an das Territorium der Serretes anschloss. Südlich des Plattensees waren ein Teil der keltischen Cotini beheimatet, während entlang der pannonischen Ostgrenze – von Norden nach Süden die Donau hinab – westlich der Csepel-Insel die spätkeltischen Eravisker und etwas südlicher die Gebiete der Hercumiates lagen. Neben den Serretes waren folgende Stämme nördlich und südlich der Drau von Westen nach Osten beheimatet: Serapilli, Iasi sowie Andizetes. Die an diesen Stamm anschließenden Cornacates wurden von der Wissenschaft als pseudoethnische Gruppe identifiziert, die ihren Namen nach dem römischen Kastell Cornacum erhielt. Erst mit dem Einmarsch der Römer waren die Cornacates organisiert worden. Ihr Territorium, eine Civitas peregrina, lässt sich durch eine bei Sirmium entdeckte Inschrift. sowie durch den Ortsnamen Cornacum bestimmen. Südöstlich von Cornacum am Südufer der dort von Westen nach Osten fließenden Donau hatten die ebenfalls Amantini ihre Heimat. Von Osten aus besiedelten die Daker die Pannonische Tiefebene bis zur Donau. In geringem Maße zogen einige Daker auch weiter nach Nordwesten.
Römische Provinz Eroberung und Aufbau mini|Die Grenzverschiebungen Pannoniens mit den Legionslagern, Deduktionskolonien und der Bernsteinstraße zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert Von der Unterstützung des Marcus Antonius durch die Daker in der Auseinandersetzung mit Augustus bis 29 v. Chr. verwüsteten Kriege große Teile Illyriens. Die römischen Legionen eroberten im Zuge der Kampfhandlungen erst die dalmatinische Küste und später das illyrische Hinterland bis zur Drau. Anschließend wurde das Land von 12 bis 9 v. Chr. im Ersten Pannonischen Krieg in drei Kampagnen durch Tiberius, Stiefsohn des Augustus, erobert. Anlass waren neben der damals noch im Vordergrund stehenden Expansionspolitik insbesondere auch wirtschaftliche Überlegungen. In der Region gab es eine bekannte Eisenproduktion aus Raseneisenstein und guten landwirtschaftlichen Ertrag. Nach der Niederschlagung des pannonischen Aufstandes 6 bis 9 n. Chr. durch Tiberius kam das Illyricum Inferius unter Militärverwaltung. Diese hatte ihren Sitz in Carnuntum (Petronell-Carnuntum). Wahrscheinlich bereits während der Regierungszeit des zum Kaiser ernannten Tiberius (14–37) begann der Ausbau der damals wirtschaftlich bedeutenden Bernsteinstraße. Diese führte nach ihrer Fertigstellung über Carnuntum, Scarbantia (Sopron/Ödenburg), Savaria (Szombathely/Steinamanger) und Poetovio (Ptuj/Pettau) nach Italien. Möglicherweise während der Regierungszeit des Kaisers Claudius (41–54) wurde Illyrien in die Provinz Pannonien umgewandelt und eine zivile Verwaltung eingeführt.Péter Kiss, Réka Mladoniczki, Jörg Scheuerbrandt, Eszter Harsányi: Die Colonia Claudia Savaria von der Mitte des 1. bis zum 3. Jh. n. Chr. Colonia Claudia Savaria a Kr. u. 1. sz. közepe és a 3. sz. között. In: Im Auftrag des Adlers. A római sas szolgálatában. Publius Ferrasius Avitus. Begleitbuch zur Deutsch-ungarischen Sonderausstellung. Römermuseum, Osterburken 2012, ISBN 978-3-00-037759-4, S. 40.
Neben der Umsiedlung von Teilen der spätkeltischen Eravisker aus dem Raum von Aquincum (Budapest) nach dem pannonischen Aufstand war besonders die römische Politik gegenüber den im angehenden 1. Jahrhundert n. Chr. einwandernden sarmatischen Reiterkriegern der Jazygen von großer Bedeutung für die machtpolitischen und militärischen Verhältnisse der kommenden Generationen. So förderte Rom um 20 n. Chr. die Ansiedlung der Jazygen in der östlich der Donau gelegenen Großen Ungarischen Tiefebene. Dabei hofften die Verantwortlichen, mit den Jazygen einen Bundesgenossen zu gewinnen, der künftige dakische Angriffe von der Ostflanke Pannoniens im Vorfeld abwehren würde.Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit. C. H. Beck Verlag, München 1995, ISBN 3-406-36316-4, S. 271. Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Die Jazygen entwickelten rasch sehr gute Beziehungen zu den vor der nördlichen Donaufront siedelnden germanischen Quaden, die jahrhundertelang hielten. Beide Völker haben in den kommenden beiden Jahrhunderten Pannonien mehrfach überfallen und gebrandschatzt, so 92 n. Chr., als sie gemeinsam mit den germanischen Markomannen die im Legionslager Brigetio stationierte Legio XXI Rapax vollständig aufrieben. Dem damals regierenden flavischen Kaiser Domitian (81–96) gelang es zwar, die Gegner hinter die Donau zurückzuwerfen,Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit. C. H. Beck Verlag, München 1995, ISBN 3-406-36316-4, S. 274. doch er konnte sie militärisch nicht schwächen. Zur Sicherung der Machtverhältnisse machten die Flavier (69–96) den pannonischen Donaulimes (Limes Pannonicus) mit der Anlage einer Vielzahl von Holz-Erde-Lagern erstmals durchgehend kontrollierbar.
Um die Versorgung der Städte und Garnisonen sicherzustellen, wurde das Land mit Hilfe von Villae rusticae urbar gemacht. Diese landwirtschaftlichen Güter unterschiedlicher Größe wurden oftmals von Veteranen betrieben.
Kriege und Blüte mini|Karte des Pannonischen Limes Die Donaugrenze Pannoniens, der Limes Pannonicus, wurde vom ersten bis in das fortgeschrittene dritte Jahrhundert n. Chr. durch reguläre Hilfstruppen (Auxilia) in Kohortenstärke und je einer Legion in Vindobona (Wien), Carnuntum, Brigetio (Komárom-Szőny) und Aquincum (Budapest) verteidigt.
Während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) fand eine Zweiteilung der Provinz Pannonien statt, die sich in die Jahre zwischen 102 und 107 n. Chr. datieren lässt:Jenő Fitz: Die Verwaltung Pannoniens in der Römerzeit. Band 2, Encyclopedia, Budapest 1993, S. 371–372.
Pannonia superior (Oberpannonien) im Westen, Hauptstadt Savaria Pannonia inferior (Niederpannonien) im Osten, Hauptstadt Aquincum
Der Althistoriker Rudolf Haensch äußerte 1997, dass als mögliche Amtssitze der Provinz Oberpannonien neben Savaria auch Carnuntum oder Poetovio in Frage kämen.Rudolf Haensch: Capita Provinciarum – Statthaltersitze und Provinzialverwaltung in der römischen Kaiserzeit (= Kölner Forschungen. Band 7). Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1997, ISBN 978-3-8053-1803-7, S. 349, Anm. 155. In Savaria fanden sich als archäologische Nachweise die für Provinzhauptstädte typischen Tempel und Gebäude des KaiserkultsPéter Kiss, Réka Mladoniczki, Jörg Scheuerbrandt, Eszter Harsányi: Die Colonia Claudia Savaria von der Mitte des 1. bis zum 3. Jh. n. Chr. Colonia Claudia Savaria a Kr. u. 1. sz. közepe és a 3. sz. között. In: Im Auftrag des Adlers. A római sas szolgálatában. Publius Ferrasius Avitus. Begleitbuch zur Deutsch-ungarischen Sonderausstellung. Römermuseum, Osterburken 2012, ISBN 978-3-00-037759-4, S. 46. und Dokumente seiner Priesterschaft...
Die Grenzziehung erfolgte laut Claudius Ptolemäus zwischen Brigetio und dem Kastell Crumerum (Nyergesújfalu) und zog sich nach Süden durch das Land. Irgendwann während der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts fand eine erneute Grenzänderung statt. Die Provinzgrenze wurde nun nach Osten zwischen die Kastelle Cirpi und Ulcisia Castra südlich des Donauknies verschoben. Damit kam unter anderem das um das Kastell Solva (Esztergom/Gran) gelegene Siedlungsgebiet der einheimischen Azali nach Oberpannonien. Anschließend blieb die Grenze bis zu einer erneuten Verschiebung während der Regierungszeit des Kaisers Caracalla (211–217) unverändert.Zsolt Mráv: Kaiserliche Bautätigkeit zur Zeit Hadrians in den Städten Pannoniens. In: Acta Antiqua Academiae Scientiarum Hungaricae. 43, 2003, S. 125–137; hier S. 136–137.
Bedeutende Städte in Oberpannonien waren neben Savaria auch die Deduktionskolonien Carnuntum, BrigetioEinzige bisher bekannte Nennung als Colonia: ., sowie Siscia (Sisak), Halicanum und Poetovio im Hinterland. In Niederpannonien sind als Colonia neben Aquincum Mursa (Osijek/Esseg) und Sirmium (Sremska Mitrovica/Mitrowitz) zu nennen. Daneben gab es einige städtische Munizipien, die bedeutende Beiträge zur Aufsiedlung der Provinzen leisteten und zu regionalen Handelszentren heranwuchsen.
Nach der Provinzteilung musste der erste niederpannonische Statthalter und spätere Kaiser Hadrian (117–138) im Jahr 107 n. Chr. erneut einen Krieg gegen die Kataphrakten und Bogenschützen der Jazygen führen.Paul Lambrechts u. a. (Hrsg.): Abriß der Geschichte antiker Randkulturen. Oldenbourg-Verlag, München 1961.