mini|Sir Gawaine the Son of Lot, King of Orkney, von Howard Pyle in The Story of King Arthur and His Knights (1903) Gawain von Orkney, Gwalchmei fab Gwyar [], auch Gawan oder Gawein und französisch Gauvain, ist eine Sagengestalt aus der walisischen Mythologie und daraus hervorgegangener Artuslegenden. In den früheren Überlieferungen spielt der Neffe Artus’ als Gwalchmei zunächst eine nur untergeordnete Rolle als Begleiter bei Abenteuern, wohingegen die mittelalterliche Artusepik der Matière de Bretagne ihm als Ritter der Tafelrunde eine wesentliche Stellung bei der Queste, der Suche nach dem Heiligen Gral, zukommen lässt.

In neuerer Zeit ist die Figur Gawains in Comics, Filmen und Fernsehserien dargestellt worden.

Etymologie Gawain kommt in der Literatur unter einigen Namen vor: Gwalchmai, Gwalchmei, Galvaginus, Galvanus, Gawan, Gwaine, Gavan, Gavin, Gauen, Gauvain, Walewein, Waweyn, Walwen, Balbhuaidh, je nach Sprache und Alter des Werkes. Alle diese Variationen sind vermutlich vom kymrischen (walisischen) Namen Gwalchgwn („weißer Habicht“) hergeleitet (gwalch, „Habicht“; wyn, „weiß“). Gwalchmai, auch Gwalchmei („Falke des Feldes“, „Maifalke“) ist eine weitere Übersetzungsmöglichkeit,Gwalchmai bei Helmut Birkhan: Gwalchmei bei Bernhard Maier; die Silbe -mei, -mai ist unsicher, eventuell vom mittelkymrisch ma (Feld) oder vom modernen walisischem Monatsnamen Mai (bei Rachel Bromwich) der Vater- oder Muttername fab Gwyar (Sohn des/r Gwyar, letzteres „Blut“?) bleibt rätselhaft. Eine andere Theorie besagt, dass Gwalchmei mit seinen französischen Variationen vom kymrischen Epitheton (Hinzufügung, Attribut) Gwallt advwyn („mit hellem Haar“) kommen soll, einem „Jugendnamen“, der allerdings im Zusammenhang mit Gwalchmei nicht belegt ist.Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 1, S. 44, 254 Anm. 37. Die etymologische Verbindung des kymrischen Namens Gwalchmai/Gwalchmei mit altfranzösisch Gauvain (Vorstufe Galvagin), lateinisch Galvanus oder anderen Variationen ist nicht sicher erschlossen.Helmut Birkhan: Nachantike Keltenrezeption. 2009, S. 108 f, und Anm. 4.

Herkunft und Umfeld Gawain wird meist als der älteste Sohn von König Lot von Orkney und von Morgause, oder von Anna, der Schwester von König ArthurArthur ist die ältere keltische, Artus die altfranzösische Schreibweise, die auch in den anderssprachigen kontinentalen Artus-Romanen übernommen wurde (bei Geoffrey von Monmouth), genannt. Er hat drei Brüder – Gareth, Gaheris und Agravain – sowie einen Ziehbruder namens Mordred und einen oder zwei einmalig genannte Brüder Gwalhauet und Gwalchavad (möglicherweise zwei Versionen desselben Namens). Sie alle sind Mitglieder der Tafelrunde. Als Gawains Schwester wird einmal Soredamors genannt, als Söhne Guiglain oder Wigalois, als Enkel Lifort Gawanides. Sein Vetter ist Owein fab Urien, er gilt wie dieser als „Mann des Nordens“ (gwr y Gogledd) von Galloway (bei William of Malmesbury). Wegen seiner von Ritter Cei fab Cynyr bespöttelten Redegabe („… so lange nur deine Zunge und deine schönen Worte dir bleiben, wird dir als Rüstung ein Umhang von dünner Bliantseide [Leinenbatist] genügen, …“, Peredur fab Efrawg, Vers 32) wird er der „Goldzüngige“ genannt.Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 1, S. 254 Anm. 37.

Im erst spät (14./15. Jahrhundert) niedergeschriebenen Fragment Von Arthurs Geburt und wie er König ward (Handschriften Llanstephan Ms. 4, fol 505, Ms. 201) sind Gawains Eltern Llew ap Kynwarch und Gwyar ferch Gwrleis, sein Bruder Medrawt, seine Schwestern Gracia, Graeria und Dioneta und sein Halbbruder Hywel.Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 2, S. 143. mini|König Artus Runder Tisch in der Großen Halle von Winchester Castle Gawain wird im Gegensatz zu Mordred, dem ehebrecherischen Neffen von Artus, als der getreue Neffe und Protagonist dargestellt.Helmut Birkhan: Nachantike Keltenrezeption. 2009, S. 93. Beim walisischen Autor Grooms ist zu lesen, Gwalchmei/Gawain sei ein Riese von Gestalt gewesen, so wie alle prominenten Kämpfer um König Artus.Chris Grooms: The Giants of Wales. Cewri Cymru. (= Welsh Studies. 10). Lewiston / Queenston / Lampeter 1993, S. 230.

Dass in Gawains Biographie die Stellung von Artus als Onkel mütterlicherseits wichtiger ist als die seines leiblichen Vaters, entspricht der im Inselkeltischen bezeugten hohen Position des Mutterbruders. Diese matrilineare Geschlechtsfolge ist beispielsweise in der Ogham-Schrift zu erkennen, wo urkeltisch *neāts („Neffe“) und *neits („Held“) zu Ogham NET(T)A zusammenfällt. Ebenso wird MAQQI („Sohn“) häufig durch NET(T)A plus Genitiv des Oheim-(Onkel-)namens ersetzt.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 1026.

In der Beschriftung der in Winchester Castle aufbewahrten „Round Table of legendary King Arthur“ sind auch Gawain (hier in der altfranzösischen Schreibweise gauen) und sein Bruder Gareth (garethe) zu lesen. Nach einer Übersetzung des amerikanischen Gelehrtenehepaares LoomisArtikel Loomis in der englischsprachigen Wikipedia. sitzt Gawain als vierter im Uhrzeigersinn neben Artus, Mordred (mordrede) als erster auf der anderen Seite.R. S. Loomis, L. H. Loomis: Arthurian Legends in Medieval Art. New York 1938. (Neuauflage: Kraus Reprint, 1975, ISBN 0-527-58300-6) S. 40 f, Abb. 18. Die Reihenfolge im Uhrzeigersinn ist: arthur, galahallt, launcelot deu lac, gauen, percivale, lyonell, trystram de lyens, garethe, bedwere, bloberrys, la cote maletayle, lucane, plomydes, lamorak, born de ganys, safer, pelleus, kay, ector de marys, dagonet, degore, brumear, lybyus dysconyus, alynore, mordrede. Dieser Tisch wurde laut einer dendrochronologischen Überprüfung um 1275 aus Eichenholz mit einem Durchmesser von 6 m gefertigt und während der Regierungszeit von Heinrich VII. (1485–1509) in den Tudor-Farben grün-weiß und mit der Tudor-Rose dieses walisischen Geschlechts in der Mitte neu bemalt.Helmut Birkhan: Nachantike Keltenrezeption. 2009, S. 181.

Gawain in der Literatur Walisische Sagen (aufgezeichnet im 12. bis 14. Jahrhundert) In der chronologischen Aufzählung von Werken mit Gawain nehmen die walisischen Sagen eine Sonderstellung ein: Einerseits sind die alten mündlichen Überlieferungen Vorgänger des Arthurischen Sagenkreises, andrerseits wurden die im Llyfr Gwyn Rhydderch („Das Weiße Buch von Rhydderch“) und im Llyfr Coch Hergest („Das Rote Buch von Hergest“) aufgezeichneten Erzählungen stark von den zu dieser Zeit schon existenten altfranzösischen Artus-Romanen beeinflusst. [Bei den Y Tair Rhamant („Die drei Romanzen“) handelt es sich] um walisische Bearbeitungen französischer Texte, allerdings vor dem Hintergrund einer eigenständigen Sagentradition, aus der jene schon früher abgezweigt und in der für den Roman typischen Weise verändert worden waren.Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 1, S. 41.

Diese sogenannten „Arthurischen Romanzen“, in denen Gawain als Gwalchmei vorkommt, sind jüngeren Datums als die Vier Zweige des Mabinogi, wo von König Arthur und seinen Rittern noch keine Rede ist. Sie sind wie schon erwähnt eine Mischung aus mündlich überlieferten volkstümlichen Sagen aus dem 6. bis 9. Jahrhundert und vom Kontinent her beeinflusster höfischer Denkweise. Durch bretonische Sänger und Geschichtenerzähler wurden die alten Sagen um Arthur und Gawain auf dem Kontinent verbreitet und von dort in weiterentwickelter Form zurück auf die Inseln gebracht. Diese Romanzen bildeten den „ideologischen“ Unterbau für die mittelalterliche ritterliche Kultur.Wolfgang Meid: Die Kelten. S. 225 f. Gwalchmei wird in den Y Tair Rhamant als altkymrisches Vorbild für den Gawain der Matière de Bretagne als mustergültiger Ritter am Hofe von Artus genannt.

In Iarlles y Ffynnawn („Die Herrin der Quelle“) findet er seinen verschollenen Vetter, den Ritter Owein fab Urien (spätere Namensvariationen Yvain, Iwein) wieder. Da er und Owein einander wegen der die Rüstung umhüllenden Kovertüre (cwnsallt, Überwurf) nicht gleich erkennen, kämpfen sie drei Tage erbittert gegeneinander. Erst als im Schwertkampf die Helme heruntergeschlagen werden, beenden sie das Duell und bieten sich gegenseitig den Sieg an. Und sogleich sprach Owein: „Herr Gwalchmei, ich erkannte dich deines Überwurfs wegen nicht. Du bist mein Vetter ersten Grades. Nimm mein Schwert und meine Waffen.“ – „Du, Owein, bist Herr über mich“, erwiderte Gwalchmei, „denn du hast gesiegt. Nimm mein Schwert.“Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 1, S. 88 ff. (ganzer Absatz Iarlles y Ffynnawn)

In Peredur fab Efrawg („Peredur, der Sohn Efrawgs“) heißt er den Titelhelden im Namen von König Artus freundlich willkommen, nachdem sich Peredur siegreich gegen Kei (Cei) durchgesetzt hatte und wird sein Gefährte. Gemeinsam brechen sie vom Hofe des Königs auf, Peredur, um das Geheimnis der blutigen Lanze zu lösen, Gwalchmei, um einer bedrängten Jungfrau zu helfen. Nach einigen Abenteuern kämpfen sie gemeinsam gegen die Hexen von Gloucester (gwidonot Caer Loyw), die mit der Lanze Peredurs Vetter ermordet hatten und erschlagen sie alle.Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. S. 155.Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 1, S. 135 ff.

In Gereint fab Erbin („Gereint, der Sohn des Erbin“) wird von Gwalchmei gesagt, er … ragte am meisten unter den neun Hauptleuten wegen seines Ruhmes, seiner kriegerischen Tüchtigkeit und der Würde seiner Abkunft heraus. Als Gereint mit seiner jungen Gattin Enit in das Reich seines Vaters Erbin zurückkehrt, begleitet ihn Gwalchmei mit einigen Rittern des Hofes dorthin und gibt ihm gute Ratschläge für die Regierung. Darauf sprach Gwalchmei: „Es ist das beste für dich, wenn du heute die Bittsteller zufrieden stellst. Morgen magst Du dann die Huldigung [der Männer] deines Reiches empfangen.“Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 1, S. 177 f, 208. (ganzer Absatz Gereint fab Erbin)

In anderen, zum Teil älteren, Erzählungen gibt es keinen erkennbaren Einfluss der kontinentalen Artus-Romane. Eine der ältesten walisischen Sagen um Arthur ist Culhwch ac Olwen („Kulhwch und Olwen“). Gwalchmai fab Gwyar wird als ein Neffe von König Artus erwähnt, er ist der schnellste Läufer und der beste Reiter der Kriegerschar, der jede ihm gestellte Aufgabe zur Zufriedenheit des Königs erfüllt. Diese magischen Fähigkeiten werden in den späteren Romanen der Matière de Bretagne in kriegerisches Können und höfisches Gebaren Gauvains umgedeutet.Helmut Birkhan: Nachantike Keltenrezeption. 2009, S. 136. Zusammen mit Gwalchmei wird sein sonst nirgends erwähnter Bruder Gwalhauet angegeben, beide in der Aufzählung der am Zuge gegen Ysbaddaden teilnehmenden Ritter. In der Handlung selbst werden sie nicht mehr genannt.Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 2, S. 46 f. (ganzer Absatz Culhwch ac Olwen)

In der nur bruchstückhaft überlieferten Ystoria Drystan wird Gwalchmei „Herr des Friedens“ genannt, weil er im Auftrag von Arthur den Streit zwischen Drystan fab Tallwch und dessen Onkel March fab Meirchiawn um die Liebe Essyllts schlichten soll. Dies gelingt ihm, wenn auch nur für einige Zeit, indem er die beiden Verfeindeten durch das Singen von Englynssiehe bei Englynion Gereint#englyn (eine traditionelle kymrische Strophenform) umzustimmen trachtet. Es tost die unendliche Woge, Wenn die Meereswoge am Höhepunkt der Flut. Wer bist du, feuriger Krieger? […] Drystan mit Sitten ohne Tadel, keinen Fehler fand ich in deiner Rede, Gwalchmei war dir Gefährte. Drystan reagiert vorerst ärgerlich auf Gwalchmeis Beschwichtigungsversuche (siehe Ceis Spottrede oben), lässt sich aber schließlich umstimmen und akzeptiert Arthur als Vermittler.Helmut Birkhan: Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Teil 2, S. 115 f. (ganzer Absatz Ystoria Drystan)