Die Nukkār () auch an-Nakkāra oder an-Nakkārīya, waren eine ibaditische Sekte, die vor allem in Nordafrika verbreitet war. Der Name Nukkār stammt daher, dass die Mitglieder dieser Sekte sich weigerten, den zweiten rustamidischen Imam von Tahert, ʿAbd al-Wahhāb ibn ʿAbd ar-Rahmān, anzuerkennen.Lewicki: “al-Nukkār”. 1993, S. 112b Die nordafrikanischen Ibaditen, die ihrer Lehre nicht folgten, werden nach ʿAbd al-Wahhāb als Wahbīya bezeichnet.
Entstehung Die Darstellung Abū Zakarīya al-Wardschlānīs Hintergründe und Ursprünge des Konflikts unter den Ibaditen Die ibaditische historische Tradition Nordafrikas, die zum Ende des 11. Jahrhunderts von dem ibaditischen Geschichtsschreiber Abū Zakarīyā Yahyā ibn Abī Bakr al-Wardschlānī schriftlich fixiert wurde, verbindet das erste Auftreten der Nukkār mit der Wahl ʿAbd al-Wahhābs zum Imam (um 784/5) und nennt Abū Qudāma Yazīd ibn Fandīn al-Ifranī als Gründer der Sekte. Ihm soll sich später der einer ibaditischen Minderheitengruppe angehörende Gelehrte Schuʿaib ibn al-MaʿrūfJosef van Ess hält die Lesung “al-Maʽrūf” für wahrscheinlicher als die in anderen Quellen vorkommende Lesung “al-Muʿarrif”; van Ess, Josef: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jh. der Hidschra. 1992, S. 210. aus Ägypten angeschlossen haben. Nach dieser Tradition sind die Ursprünge der Sekte eng mit dem Maghreb verknüpft.Lewicki: “al-Nukkār”. 1993, S. 112b
Der Hintergrund für die Abspaltung war folgender: Nach dem Willen von ʿAbd ar-Rahmān ibn Rustam, dem Vater ʿAbd al-Wahhābs und ersten Rustamidenherrschers von Tahert, sollte eine Wahlversammlung (šūrā) aus sieben Delegierten seinen Nachfolger unter sich bestimmen. Dieser Schūrā gehörten u. a. ʿAbd al-Wahhāb ibn ʿAbd ar-Rahmān, Masʿūd al-Andalusī und Abū Qudāma Yazīd ibn Fandīn al-Ifranī an, wobei letztgenanntem, der zudem verwandtschaftliche Beziehungen zu ʿAbd al-Wahhāb hatte, die Rolle eines Vertreters der lokalen Berberstämme zukam. Nachdem die Wahl zunächst auf Masʿūd al-Andalusī gefallen war, dieser das Amt aber nicht übernehmen wollte – so dass dieses zwei Monate lang unbesetzt blieb – und selbst als erster ʿAbd al-Wahhāb ibn ʿAbd ar-Rahmān huldigte, erklärte sich auch Yazīd ibn Fandīn mit ʿAbd al-Wahhāb als Imam einverstanden, unter der Bedingung, dass dieser „[…] keine Entscheidung treffen würde ohne (Befragung) einer bestimmten Gruppe (ǧamāʿa maʿlūma).“Al-Warǧlānī, zitiert nach Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 165.
Yazīd ibn Fandīn forderte außerdem, dass der frömmste Gelehrte (al-aʿlam) in der Gemeinschaft der Muslime Imam werden solle. Diese Forderung war nicht neu, sondern entsprach frühchāridschitischen Grundsätzen, nach denen nur der Vorzüglichste Anspruch auf das Imamat hat.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 165f.
Die Zurückweisung dieser Forderungen durch die Anhänger ʿAbd al-Wahhābs markierte den Beginn eines Konflikts von bürgerkriegsähnlichem Ausmaß, der als „Schisma der Leugner“ (iftirāq an-nukkār) bezeichnet wird und der der Einheit der Ibaditen Nordafrikas ein frühes Ende setzte.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 163–167, 172. Nach der Darstellung al-Wardschlānīs brachten die Nukkār nach der Wahl zwei grundsätzliche Vorwürfe gegen ʿAbd al-Wahhāb vor: erstens würde er sich nicht an die Bedingung halten, in wichtigen politischen Entscheidungen den Rat der anderen hochrangigen Ibaditen einzuholen; zweitens erachteten sie ʿAbd al-Wahhāb nicht als den nach religiös-moralischen Gesichtspunkten besten verfügbaren Kandidaten für das Imamat und seine Herrschaft daher als unrechtmäßig.Al-Warǧalānī: Kitāb Siyar al-aʾimma wa-aḫbārihim. 1982. S. 89–90.
Die Einholung von Gutachten zur Beilegung des Konflikts Zur Beilegung ihres Konflikts einigten sich die beiden Parteien, die der Nukkār und die Anhänger ʿAbd al-Wahhābs, schließlich darauf, Boten zu den ibaditischen Autoritäten im islamischen Osten zu schicken, um deren Schiedsspruch einzuholen. Schuʿaib ibn al-Maʿrūf, ein Gelehrter, der von den Delegierten des Imam zu Rate gezogen wurde, kam daraufhin von Ägypten nach Tahert geeilt, um dem Imam seine Rechtsmeinung zu unterbreiten. Dass er sich dabei, nach einer anfänglichen Unterredung mit ʿAbd al-Wahhāb, auf die Seite von Yazīd ibn Fandīn stellte und diesen zur Auflehnung gegen den Imam aufrief, beruht, ibaditischen Chroniken zufolge, auf machtpolitischen Interessen Schuʿaibs. Von den östlichen Ibaditen wurde er wegen seiner Parteinahme für Yazīd ibn Fandīn exkommuniziert.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 163–167, 172.Al-Warǧalānī: Kitāb Siyar al-aʾimma wa-aḫbārihim. 1982. S. 89–92.
Die in Mekka weilenden ibaditischen Gelehrten ar-Rabīʿ ibn Habīb al-Farāhidī, Wā'il ibn Aiyūb und Machlad ibn al-ʿAmūd unterstützten hingegen ʿAbd al-Wahhāb und erklärten dessen Imamat für rechtmäßig. Dem Vorwurf der Nukkār, ʿAbd al-Wahhāb habe bei seinen Entscheidungen die anderen ibaditischen Würdenträger nicht mit einbezogen, setzte ar-Rabīʿ ibn Habīb entgegen, dass eine solche Bedingung es unmöglich machen würde, das Recht Gottes zur Geltung zu bringen und seine Strafen anzuwenden. Letztere würden vielmehr behindert, Urteile nichtig werden und das Recht verkümmern.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 169. Auch die Einsetzung eines Imams, der nicht gleichzeitig der am besten geeignetste Kandidat für dieses Amt sei, betrachtete er als gerechtfertigt. Die islamische Geschichte biete dafür Anhaltspunkte: So sei z. B. Abū Bakr Kalif geworden, obwohl es mit Zaid ibn Thābit, ʿAlī ibn Abī Tālib und Muʿādh ibn Dschabal Kandidaten gegeben habe, die in verschiedenen Bereichen größere Kompetenzen besessen hätten als jener.Al-Warǧalānī: Kitāb Siyar al-aʾimma wa-aḫbārihim. 1982. S. 91.
Die von ar-Rabīʿ ibn Habīb in seinem Gutachten vertretene Position entspricht dem Konzept des Imamat des Geringeren (imāmat al-mafḍūl), auch wenn diese Terminologie in der damaligen Auseinandersetzung nicht verwendet wurde. Sie kam einem realpolitischen Zugeständnis gleich, das eigentlich im Widerspruch zu den frühchāridschitischen Grundsätzen stand.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 165f. Nach seiner Rückkehr nach Basra wurde er dementsprechend dafür kritisiert, dass er sich gegen Schuʿaib gestellt habe, obwohl jener doch gar keine „Neuerung“ (Bidʿa) eingeführt habe.van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jh. der Hidschra. 1992, Bd. II, S. 211.
Der Aufstand des Yazīd ibn Fandīn Noch bevor das Gutachten von Rabīʿ ibn Habīb eintraf, stachelte Schuʿaib ibn al-Maʽrūf Yazīd ibn Fandīn und seine Anhänger zum Aufstand gegen ʿAbd al-Wahhāb's Herrschaft an. Zunächst zogen sich diese in die Berge zurück, von wo aus sie in bewaffneten Kleingruppen in die Stadt Tahert eindrangen. Der Konflikt eskalierte nach einem gescheiterten Attentat auf ʿAbd al-Wahhāb. Nachdem die Nukkār nach diesem zunächst aus der Stadt geflohen waren, griffen sie, von Schuʿaib dazu angestachelt, die Stadt an. Im Verlauf der anschließenden Kämpfe, bei denen die Gegenpartei von ʿAbd al-Wahhāb's Sohn Aflah ibn ʿAbd al-Wahhāb angeführt wurde, sollen etwa 12.000 Anhänger Yazīd's und der Nukkār getötet worden sein. Der Imam, der sich selbst zu der Zeit nicht in der Stadt aufgehalten hatte, bot den überlebenden Nukkār, zugunsten der Einheit der Muslime, die Versöhnung an.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 170f.Al-Warǧalānī: Kitāb Siyar al-aʾimma wa-aḫbārihim. 1982. S. 96f.
Nach dieser Niederlage setzte sich Schuʿaib nach Tripolis ab, um dort für die Exkommunikation des Imam Propaganda zu betreiben. Andererseits traf zu der Zeit die Rechtsauskunft der mekkanischen Gelehrten ein, die das Imamat von ʿAbd al-Wahhāb für rechtmäßig erklärten, was die Lage beruhigte.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 171.
Ibaditische Chronisten berichten von einem nochmaligen Aufflammen des Konflikts durch die Ermordung eines Sohnes von ʿAbd al-Wahhāb namens Maimūn durch Nukkār, die von dessen Sohn gerächt worden sei, indem er den Nukkār eine vernichtende Niederlage bereitet habe. Die Glaubwürdigkeit dieser Darstellung wird allerdings von Historikern in Zweifel gezogen.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 171f.
Die Darstellung Ibn as-Saghīrs Bei Ibn as-Saghīr, einem maghrebinischen Geschichtsschreiber, der 902 eine Rustamiden-Chronik verfasste, stellen sich die Ereignisse in einem etwas anderen Licht dar. Während ibaditische Chronisten wie al-Wardschlānī die Bewegung der Nukkār nach religiös-dogmatischen Gesichtspunkten beurteilten, hatte Ibn as-Saghīr als Außenstehender Mühe, von den anerkannten ibaditischen Lehrmeinungen abweichende Positionen auszumachen.van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jh. der Hidschra. 1992, S. 211. Er schildert die Ereignisse um den Aufstand des Yazīd ibn Fandīn vielmehr aus neutraler Sicht und stellt sie in einen größeren politischen und sozialen Zusammenhang.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 168, 184. Im Kern ging es dabei um eine Auseinandersetzung zwischen nomadischen und sesshaften Teilen der lokalen Stämme, insbesondere die Forderung nomadischer Stammesvertreter, stärker an der Führung des Gemeinwesens beteiligt zu werden.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 184f.
Ausgehend von den Erzählungen einiger Ibaditen berichtet Ibn as-Saghīr, dass die Stämme der Mazāta und Sadrāta jeden Frühling nach Tahert kamen, weil es dort gute Weideplätze für ihr Vieh gab. Bei einem ihrer Besuche jedoch zeigten sich die Anführer dieser Stämme unzufrieden, weil der Qādī und die Beamten der Stadt ihrer Ansicht nach unrechtmäßig gehandelt hatten. Sie beschwerten sich darüber bei Imam ʿAbd al-Wahhāb ibn Rustam und forderten ihn auf, seine korrupten Untergebenen durch besser geeignete auszutauschen. Nachdem er ihrem Anliegen zunächst stattgegeben hatte, wurde ʿAbd al-Wahhāb später von seinen Beratern überzeugt, die Beamten doch in ihrer Funktion zu belassen, um seine Autorität nicht durch immer neue Forderungen der Stämme zu gefährden. Als die Stammesführer erneut zu ʿAbd al-Wahhāb kamen, teilte er ihnen mit, dass er keine Entscheidung ohne seine Berater treffen könne. Die Anführer akzeptieren diese Bedingung, zeigten sich jedoch enttäuscht, als ihre Forderungen auf Anraten der Berater abgelehnt wurden. Diese hatten verkündet, dass ohne den Beweis eines konkreten Fehlverhaltens die Beamten nicht ausgetauscht werden sollten. Ein solches Fehlverhalten wird als ḥadaṯ bezeichnet, das Nichtvorliegen eines Fehlverhaltens als ġair hadaṯ. Entsprechend argumentieren ʿAbd al-Wahhāb und seine Parteigänger, dass ohne das Vorliegen eines Verstoßes (bi-ġair hadaṯ) keine Absetzung erfolgen könne.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 186f. Die damit nicht einverstandenen Stammesführer, die von Ibn as-Saghīr erst ab diesem Zeitpunkt in seiner Schilderung als Nukkār („Ablehner“) bezeichnet werden, verließen daraufhin Tahert und zogen sich an einen hochgelegenen Platz (kudya) zurück, der später nach ihnen kudyat an-nukkār genannt wurde. Sie verlangten weiterhin die Absetzung der betreffenden Funktionsträger und forderten, dass sich ʿAbd al-Wahhāb und seine Leute vor Gericht verantworten sollten. Nach einer anfänglichen Mahnung marschierte ʿAbd al-Wahhāb zu ihrem Lager und ließ den Aufstand niederschlagen.Ibn aṣ-Ṣaġīr: Aḫbār al-aʾimma ar-rustumīyīn, 1986. S. 41–44.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 185ff.
Ibn as-Saghīr beendet seinen Bericht mit der Niederschlagung der Revolte der Nukkār und der Feststellung, dass die Macht ʿAbd al-Wahhābs daraufhin gewachsen sei und sein Imamat die Charakteristika eines Königtums angenommen habe.Rebstock: Die Ibaditen im Maġrib. 1983. S. 188.
Verschmelzung mit anderen ibaditischen Schulen