mini|Ulrich Duchrow (2013) Ulrich Duchrow (* 13. Juni 1935 in Hannover) ist ein evangelischer Theologe und Sozialethiker, der sich seit 1968 in der Ökumenischen Bewegung für einen bekennenden, biblisch begründeten Antikapitalismus engagiert. 1989 gründete er dazu das Netzwerk Kairos Europa mit. Er ist emeritierter, aber aktiver außerplanmäßiger Professor an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Duchrow unterstützt die Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) gegen den Staat Israel.
Ausbildung und Tätigkeiten Ulrich Duchrow legte das Abitur 1955 am Gymnasium Martino-Katharineum Braunschweig ab und studierte dann bis 1960 evangelische Theologie und Philosophie in Tübingen, Heidelberg, Zürich und Basel. Von 1960 bis 1963 schrieb er seine Dissertation über „Sprachverständnis und biblisches Hören bei Augustin“, forschte in Paris und Heidelberg und wurde an der Universität Heidelberg promoviert. 1964 legte er das Zweite theologische Examen ab.
1963 heiratete Ulrich Duchrow die Gymnasiallehrerin Ulrike Scharmer. Das Ehepaar Duchrow hat drei Kinder und lebt in Heidelberg. Die jüngste Tochter, die Völkerrechtlerin Julia Duchrow, ist seit 2023 Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International. Von 1964 bis 1970 war er wissenschaftlicher Referent bei der interdisziplinären Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) mit den Schwerpunkten auf theologischer Grundlagenforschung zum interdisziplinären Gespräch mit Philosophie, Physik, Biochemie, Friedensforschung und Marxismus.Lebenslauf von Ulrich Duchrow, Professor für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg. ulrich-duchrow.de
1968 habilitierte er sich in den Fächern Systematische Theologie und Sozialethik mit der Arbeit „Christenheit und Weltverantwortung – Traditionsgeschichte und systematische Struktur der Zweireichelehre“. Seit 1968 war er nebenamtlich als Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg tätig, seit 1984 als außerplanmäßiger Professor. Sein bisher letztes Lehrangebot dort erfolgte im Wintersemester 2021/2022.Universität Heidelberg: Gerechtigkeit in Ökonomie, Philosophie und Theologie (Weichenstellungen von biblischer Zeit/8. Jh. V. Chr. bis zur Gegenwart); Wintersemester 2021/2022. Die Universität führt ihn aktuell (2023) als außerplanmäßigen emeritierten, aber aktiven Professor der theologischen Fakultät.uni.heidelberg.de: LSF: Lehre, Studium und Forschung: apl. Prof. em. Dr. theol. Ulrich Duchrow.
Von 1970 bis 1977 war er Direktor der Studienabteilung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Genf und leitete ein interdisziplinäres Team zur kontextbezogenen Studienarbeit mit Mitgliedskirchen des Weltbundes und dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). Aus dieser Tätigkeit entstand seine Ekklesiologiestudie.
Von 1977 bis 1978 war er Gastprofessor am Ökumenischen Institut Bossey und schrieb dort sein Werk Konflikt um die Ökumene. Von 1979 bis 2000 war er Regionalbeauftragter für Mission und Ökumene der Evangelischen Landeskirche in Baden.
Duchrow gehörte von 1967 bis 1987 zum Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages (DEKT) und gab die Zeitschriften Pastoraltheologie und später die Junge Kirche mit heraus. Von 1981 bis 1983 gründete er in Baden das erste Ökumenische Netz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und in Heidelberg die erste „Werkstatt Ökonomie“ mit.
Von 1983 bis 1986 war er Berater des ÖRK zum Aufbau des „Konziliaren Prozesses gegenseitiger Verpflichtung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ und einer der Initiatoren dieses Prozesses bei der VI. Vollversammlung des ÖRK in Vancouver 1983.Ulrich Duchrow: Ökumene und kapitalistisches Imperium: Der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Befreiung der Schöpfung. In: Hans-Georg Link, Geiko Müller-Fahrenholz (Hrsg.): Hoffnungswege. Wegweisende Impulse des Ökumenischen Rates der Kirchen aus sechs Jahrzehnten. Lembeck, Frankfurt am Main 2008, S. 291–320. Von 1985 bis 1986 beauftragte ihn der ÖRK, mit seinen verschiedenen Abteilungen und dem Vatikan einen Rahmenplan für diesen Prozess auszuarbeiten.Ökumenischer Rat der Kirchen: Rahmen des ökumenischen Prozesses zur gegenseitigen Verpflichtung (Bund) für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Arbeitspapier für des Exekutivkomitee des ÖRK. März 1986. Beilage zu: Junge Kirche, Heft 4, April 1986, Bremen.
Im Zusammenhang damit baute Duchrow das ökumenische Basisnetzwerk Kairos Europa mit auf. Es wurde 1990 von 120 Delegierten verschiedener Gruppen in Monteforte bei Neapel gegründet und setzt sich im Konziliaren Prozess unter anderem für gerechtere Wirtschaftsbeziehungen mit den Ländern des Südens und Gerechtigkeit in Europa ein. Es versteht sich als Teil einer breiten Koalition der Opfer und Verlierer der ökonomischen Globalisierung.International Documentation on the Contemporary Church – IDOC Internazionale, Bände 22–23, Rom 1991, S. 38 Im Jahr 1999 bereiteten Kairos Europa, WEED, Pax Christi und Share gemeinsam die Gründung von Attac Deutschland vor.Donatella Della Porta, Sidney G. Tarrow: Transnational Protest and Global Activism. Rowman & Littlefield, London 2005, ISBN 0-7425-3587-8, S. 99
Von 1997 bis 2004 gehörte Duchrow zur internationalen Arbeitsgruppe des Reformierten Weltbunds und des ÖRK, die den ökumenischen „Prozess des Erkennens, Lernens und Bekennens (processus confessionis) bezüglich wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und Naturzerstörung“ aufbaute und koordinierte. Als solcher war er an den Vollversammlungen des Lutherischen Weltbunds in Winnipeg 2003 und des Reformierten Weltbunds in Accra 2004 beteiligt.
Seit 2008 gehört er dem Wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland an.
Gerechte Weltwirtschaftsordnung Duchrow gilt wegen seines langjährigen Engagements für soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit als „Befreiungstheologe in ökumenischer Perspektive“. Er habe vielfach „für eine auf Gottes Option für die Armen gerichtete Kirche gekämpft“ und dazu beigetragen, dass die weltweite Ökumene „von unten und von den Opfern her solidarisch ist und sich an der Seite der Opfer wehrt“, während der globale Kapitalismus für Menschen und die ganze Schöpfung tödlich sei und „in einer Kultur des Lebens überwunden“ werden müsse, so die Theologen Franz Segbers und Simon Wiesgickl in einer Festschrift zu Duchrows 80. Geburtstag, der sie als Herausgeber als Titel eine Aussage von Papst Franziskus gaben: „Diese Wirtschaft tötet“ (Evangelii gaudium Nr. 53).Franz Segbers, Simon Wiesgickl: Für Ulrich Duchrow. In: Franz Segbers, Simon Wiesgickl: „Diese Wirtschaft tötet“ (Papst Franziskus). Kirchen gemeinsam gegen Kapitalismus. VSA: Verlag, Hamburg 2015, S. 22.Papst Franziskus: Apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“, 24. November 2013 Duchrow wird als „der renommierteste theologische Kritiker des Kapitalismus in Deutschland“ angesehen; Wiesgickl bezeichnet ihn als „öffentlichen Theologen“, in dessen Schriften und Äußerungen „der kritische Umgang mit Öffentlichkeit, die Frage nach der verantworteten öffentlichen theologischen Rede und das Zusammenspiel von Theologie und Politik eine wichtige Rolle spielen“, als jemand, „der von seinen christlichen Überzeugungen her argumentiert und immer wieder [...] Denkanstöße gibt, wie eine andere Welt aussehen könnte. Ein öffentlicher Theologe [...], der sich nicht mit der Welt zufrieden gibt, wie wir sie heute erleben, sondern, der danach strebt, sie aktiv mitzugestalten und zu verändern“.Simon Wiesgickl: Just one footnote. Interventionen, Aufbrüche und Anstöße des öffentlichen Theologen Ulrich Duchrow (*1935). Vortrag, Mannheim, 26. Juni 2015, S. 1f.
In dem Aufsatz „Ein Briefwechsel zwischen Arm und Reich und seine Folgen“ aus dem Jahre 2005 unterzog Duchrow den Neoliberalismus einer kritischen Analyse. Er mahnte an, dass Christen sich ihrer wichtigsten Aufgabe und der Wurzeln christlicher und biblischer Ansprüche besinnen sollten. Das Zentrum seiner Arbeit bildet die Frage, wie die Kirche auf die neoliberale Globalisierung antworten kann.Ulrich Duchrow: Ein Briefwechsel zwischen Arm und Reich und seine Folgen. In: Carl Amery (Hrsg.): Briefe an den Reichtum. Luchterhand, München 2005, ISBN 3-630-87186-0, S. 216–257
Zum Reformationstag 2008 veröffentlichte Duchrow mit anderen den Aufruf „Frieden mit dem Kapital? Ein Aufruf wider die Anpassung der Evangelischen Kirche an die Macht der Wirtschaft“.Frieden mit dem Kapital? Ein Aufruf wider die Anpassung der Evangelischen Kirche an die Macht der Wirtschaft. (Nachdruck) Heidelberg, 31. Oktober 2008 (PDF)
Projekt „Die Reformation radikalisieren“ Von 2015 bis zum Reformationsjubiläum 2017 war Duchrow mit einer Gruppe von Theologen am internationalen Projekt „Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise“ beteiligt. Die Initiatoren (neben Duchrow Daniel Beros, Martin Hoffmann und Hans Günter Ulrich) wollten damit die Relevanz der Reformation für aktuelle Probleme und Folgen der kapitalistischen Globalisierung erforschen und planten dazu die Herausgabe von zunächst fünf Bänden zu Teilthemen des Projekts. Der ÖRK, die EKD, Brot für die Welt, Evangelisches Missionswerk und die Landeskirchen von Baden, Hannover, Mitteldeutschland und Westfalen finanzierten das Projekt.Karen L. Bloomquist, Ulrich Duchrow: Kirche – befreit zu Widerstand und Transformation. LIT Verlag, Münster 2015, ISBN 3-643-12975-0, S. 16–21
Am 7. August 2014 stellten die Autoren 94 Thesen vor, die Luthers Thesenanschlag von 1517 befreiungstheologisch zuspitzten und aktualisierten.Karen L. Bloomquist, Ulrich Duchrow: Kirche – Befreit zu Widerstand und Transformation. Münster 2015, S. 22–42 Duchrow gehörte zu den 45 Autoren dieser Thesen, die bis Januar 2015 viele weitere Unterstützer fanden.Karen L. Bloomquist, Ulrich Duchrow: Kirche – Befreit zu Widerstand und Transformation.Münster 2015, S. 61f. Duchrow verantwortet auch die Webseite des Projekts.Radicalizing Reformation – A critical research and action project towards 2017. (Impressum) In dessen Verlauf fanden drei Konferenzen statt, die letzte im Januar 2017 in Wittenberg. Dort wurde eine „Wittenberger Erklärung 2017“ beschlossen und veröffentlicht. Deren fünf Teile rufen zu „Gerechtigkeit allein“ auf, unter anderem durch „die Überwindung der kapitalistischen Zivilisation“ (I), „Ökologisch sensible Landwirtschaft und Landverteilung“ (II), „Interreligiöse Solidarität für Gerechtigkeit in Palästina/Israel“ (III), „gewaltfreie Aktion“ (IV), „Widerstand und Transformation“ (V).„Wittenberger Erklärung 2017“ von der 3. Internationalen Konferenz „Die Reformation radikalisieren“ (10.1.2017). Reformation-radical.com
Verhältnis zu Israel und Palästina Als Reaktion auf das Kairos-Palästina-Dokument von 2009 entstand in Deutschland ein „Kairos-Palästina-Solidaritätsnetz“. Duchrow verfasste und veröffentlichte im Oktober 2016 dessen Aufruf, sich der BDS-Kampagne gegen Israel anzuschließen. Der Aufruf behauptete eine „jüdische Kolonisierung“ Palästinas und einen Missbrauch der Holocaust-Erinnerung zur Vertreibung und Unterdrückung der Palästinenser.Sebastian Mohr: Zur Aktualität der Israel-Boykottkampagnen in den deutschen Kirchen. Compass-infodienst Nr. 265, November 2017; Kairos Palästina 2017: 50 Jahre israelische Besatzung – Wir dürfen nicht schweigen. kairoseuropa.de, 18. Oktober 2016 (PDF) Die „Wittenberger Erklärung“ vom Januar 2017 sprach sich gegen jeden Antisemitismus aus und rief zugleich alle Kirchen dazu auf, BDS zu unterstützen.Katja Dorothea Buck: Radikale Reformation: Wider den Spielzeug-Luther. welt-sichten.org, 1. Februar 2017