Ida Ehre (* 9. Juli 1900 in Prerau (Mähren), Österreich-Ungarn; † 16. Februar 1989 in Hamburg) war eine österreichisch-deutsche Schauspielerin, Regisseurin und Theaterleiterin. Ab 1945 war sie Direktorin der Hamburger Kammerspiele, hatte viele Bühnen- und Filmrollen, führte zahlreiche Inszenierungen durch und trug ab 1975 den Titel Professor der Stadt Hamburg.

Leben Kindheit und Ausbildung Ida Ehre war die Tochter des Chasan Salomon Ehre (* 1864; † 1902 in WienMatriken der Israelitischen Kultusgemeinde, Eintrag für Salomon Ehre, 22. November 1902, in Familysearch) und dessen Ehefrau Bert(h)a (* 1866 in Lučenec; † 1942 im Ghetto Theresienstadt ). Sie wurde als zweitjüngstes von sechs Kindern geboren. Ihr Vater starb, als sie zwei Jahre alt war. Obwohl er Beamter war, erhielt seine Ehefrau aufgrund seines jungen Sterbealters keine Pension, worauf Ida Ehres Mutter mit den Kindern nach Wien umzog, um dort ihren Lebensunterhalt durch Näharbeiten zu verdienen. Die Mutter und eine Schwester wurden später – nach dem Anschluss Österreichs – aus Wien deportiert und im Ghetto Theresienstadt ermordet.

Während des Ersten Weltkriegs lernte Ida Ehre, die an einem Lyzeum ihr Reifezeugnis erhalten hatte, die Burgschauspielerin Auguste Wilbrandt-Baudius kennen und wurde deren Gesellschafterin und Sekretärin. Auf Vermittlung von Auguste Wilbrandt-Baudius erhielt sie beim Burgschauspieler Heinrich Prechtler Schauspielunterricht. Nachdem dessen Ehefrau 1915 gestorben war, beging er 1917 Suizid.Faith Bueltmann Stern: The Pollak Family Of Pressburg, Hungary and Vienna, Austria. 2. September 2020; . Ida Ehre stellte sich 1916 an der k.k. Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien zur Hauptprüfung vor. Nach deren Bestehen erhielt sie ein Stipendium und konnte mit einer zweijährigen Schauspielausbildung beginnen. Nachdem sie ihr Abschlussdiplom erhalten hatte, wurde sie sofort von einem Theaterdirektor engagiert und hatte 1918 ihr erstes Engagement in Bielitz-Biela in Oberschlesien.

Werdegang

Ihre Karriere führte Ida Ehre nach ihrem Debüt im Jahr 1919 am Stadttheater (Bielitz) an mehrere mitteleuropäische Theater, unter anderem nach Budapest, Czernowitz, Cottbus, Bonn, Königsberg, Stuttgart und an das Nationaltheater Mannheim. Ab 1930 spielte sie am Lessingtheater in Berlin.

Sie heiratete 1928 den Frauenarzt Bernhard Heyde (1899–1978). In der Zeit des Nationalsozialismus wurde Ida Ehre als Jüdin mit Berufsverbot belegt und arbeitete daher als Arzthelferin in der Praxis ihres Ehemanns in Böblingen. Eine nach den Novemberpogromen 1938 geplante Auswanderung nach Chile schlug 1939 fehl, da das Schiff, auf dem sich das Ehepaar mit ihrer am 20. Oktober 1927 in Mannheim geborenen Tochter Ruth (die später in den USA heiratete) befand, wegen des Beginns des Zweiten Weltkriegs wieder nach Hamburg zurückbeordert wurde. Ida Ehre wurde später von der Gestapo verhaftet und war im Frauenlager des KZ Fuhlsbüttel inhaftiert. In einem Interview berichtete sie später, dass sie zufällig bei Filmaufnahmen anwesend gewesen war und dort von einem Kameramann gebeten wurde, doch vor die Kamera zu treten und sich filmen zu lassen. Da sie Angst hatte, ihre jüdische Herkunft anzugeben, habe sie diesem Wunsch entsprochen, sei dann aber von einer anderen Frau angezeigt worden, weil sie sich nicht als Jüdin zu erkennen gegeben habe. In Fuhlsbüttel versuchte sie, die übrigen inhaftierten Frauen nach Möglichkeit aufzumuntern und ihnen Mut zu machen, was ihr – trotz mehrerer Transporte in Vernichtungslager, die während ihrer Haftzeit zusammengestellt wurden – auch gelang. Schließlich wurde sie wieder entlassen; ihrer Vermutung nach, weil ihr Ehemann einen Brief an Heinrich Himmler geschrieben hatte und darin Erinnerungen an seine Schulzeit schilderte – Bernhard Heyde hatte, wenn auch in einer anderen Klassenstufe, dasselbe Gymnasium besucht wie Himmler, wo zudem dessen Vater Gebhard Himmler Konrektor gewesen war.Interview mit Ida Ehre: https://www.youtube.com/watch?v=xVSXxa07Q_8

Nach Kriegsende eröffnete Ida Ehre 1945 die Hamburger Kammerspiele in der Hartungstraße im Stadtteil Rotherbaum – in einem Theatergebäude, das bis zu seiner „Arisierung“ 1941 vom Jüdischen Kulturbund genutzt worden war. Die Kammerspiele entwickelten sich unter ihrer Leitung zu einer führenden deutschen Schauspielbühne. Neben junger deutscher Dramatik (u. a. Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür) stellte Ehre in den Kammerspielen viele moderne Theaterstücke erstmals in Deutschland vor, darunter Stücke von Jean Anouilh, T. S. Eliot, Jean Giraudoux, Jean-Paul Sartre und Thornton Wilder. Dabei arbeitete sie in den 1960er Jahren eng mit der Dramaturgin Marei Obladen zusammen.

Ida Ehre wirkte verstärkt ab Mitte der 1950er Jahre in verschiedenen Film- und Fernsehproduktionen mit. Darunter befand sich 1947 der Episodenfilm In jenen Tagen von Helmut Käutner mit Gert Karl Schaefer, Erich Schellow und Willy Maertens. Im Jahr 1962 verkörperte Ida Ehre die Figur der Ella Ward in dem Edgar-Wallace-Film Die toten Augen von London in der Regie von Alfred Vohrer mit Joachim Fuchsberger, Karin Baal und Dieter Borsche in den Hauptrollen. 1972 spielte Ida Ehre in der vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) produzierten mehrteiligen Verfilmung des Kriminalromans Der rote Schal von Wilkie Collins die Frau Oldershaw.

Ida Ehre arbeitete ab 1945 auch in sehr vielen Hörspielen als Sprecherin mit. In der Hörspieladaption (Produktion Nordwestdeutscher Rundfunk) des Theaterstücks Unsere kleine Stadt von Thornton Wilder in der Regie von Helmut Käutner mit Dagmar Altrichter, Fritz Wagner und Harry Meyen sprach sie die Rolle der Mrs. Webb.

Sie war auch als Synchronsprecherin tätig. So konnte man Ida Ehre unter anderem in dem Frank-Capra–Film Ist das Leben nicht schön? als deutsche Stimme von Beulah Bondi als Ma Bailey hören.Ehre, Ida in der Synchrondatenbank von Arne Kaul, abgerufen am 3. Juli 2011.

Bis zu ihrem Tod 1989 war Ehre Leiterin der Kammerspiele, nur wenige Gehminuten von dort entfernt hatte sie eine Wohnung in der Hallerstraße.Foto Hallerstraße 74 in „In diesen Häusern wohnte einst die Prominenz“ (Hamburger Abendblatt) unter Hinweis auf Christiane Kruse: Wer lebte wo in Hamburg, Stürtz-Verlag, Würzburg, 2011, ISBN 978-3-8003-1996-1

mini|hochkant|Grab auf dem Friedhof Ohlsdorf

Am 9. November 1988 trug Ida Ehre während einer Gedenkstunde zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 vor dem Deutschen Bundestag in Bonn das Gedicht Todesfuge von Paul Celan vor. Die anschließende Gedenkrede von Bundestagspräsident Philipp Jenninger wurde scharf kritisiert.

Ida Ehre starb am 16. Februar 1989 in Hamburg im Alter von 88 Jahren und wurde in Hamburg auf dem Friedhof Ohlsdorf am äußersten südöstlichen Rand des Althamburgischen Gedächtnisfriedhofs in einem Ehrengrab (Nr. 06 (6), neben Gustaf Gründgens beigesetzt.Grab von Ida Ehre. knerger.de

Auszeichnungen und Ehrungen Im Jahr 1970 verliehen die Mitglieder der Hamburger Volksbühne Ida Ehre den Ehrenpreis Silberne Maske. 1971 erhielt sie die Medaille für Kunst und Wissenschaft der Freien und Hansestadt Hamburg. Im selben Jahr wurde Ida Ehre mit dem Schillerpreis der Stadt Mannheim geehrt. Sie war Ehrenmitglied der Hamburger Volksbühne (VB) und des Deutschen Bühnenvereins (DBV). Im Jahr 1973 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. 1975 wurde ihr der Ehrentitel Professor durch den Senat der Stadt Hamburg verliehen. 1983 wurde ihr das große Bundesverdienstkreuz überreicht, womit auch ihr politisches Engagement für Frieden und Freiheit gewürdigt wurde. 1984 erhielt sie das Silberne Blatt der Dramatiker-Union. 1985 wurde sie als erste Frau Ehrenbürgerin der Hansestadt Hamburg. Außerdem wurde sie 1988 Ehrendoktor der Universität Hamburg.

Im Jahr 2025 verfasste und inszenierte die Hamburger Dramatikerin und Regisseurin Nicole Heinrich das dokumentarische Theaterstück 125 Jahre Ida Ehre. Das Werk wurde an Ehres 125. Geburtstag, dem 9. Juli 2025, in den von ihr 1945 gegründeten Hamburger Kammerspielen vor über 400 Zuschauern uraufgeführt. Es beleuchtet das bewegte Leben Ehres von ihren künstlerischen Anfängen über die Verfolgung in der NS-Zeit bis zu ihrem Wirken in der Nachkriegszeit und stellt sie als zeitloses Sinnbild für zwischenmenschliche Stärke und unerschütterlichen Mut dar.

Widmungen Im Jahr 1992 wurde der Platz vor der Kongresshalle in Böblingen in Ida-Ehre-Platz umbenannt.

In der Hamburger Altstadt wurde am 9. Juli 2000 ein Platz zwischen Mönckebergstraße und Speersort in Ida-Ehre-Platz benannt.

Im Jahr 2001 wurde die Jahnschule in Hamburg-Harvestehude in Ida-Ehre-Gesamtschule umbenannt, die seit 2010 den Namen Ida-Ehre-Schule trägt.

In Brühl (bei Köln) gibt es einen Ida-Ehre-Weg.

Zum August 2010 wurde die Integrierte Gesamtschule Bad Oldesloe in Ida-Ehre-SchuleHomepage der Ida–Ehre–Schule, abgerufen am 6. Juli 2011 umbenannt.

In Hamburg gibt es den Ida Ehre KulturvereinWebsite Ida Ehre Kulturverein und den Kinder-Leseclub Ida Ehre.

Im Juli 2016 wurde die ehemalige Kriegerehrenallee auf dem Ohlsdorfer Friedhof nach der Pazifistin in Ida-Ehre-Allee umbenannt.

Filmografie (Auswahl) 1947: In jenen Tagen 1949: Der Bagnosträfling 1956: Thérèse Raquin (Fernsehfilm) 1956: So süß ist kein Tod (Fernsehfilm) 1957: Ein Ausgangstag (Fernsehfilm) 1958: Schwarze Seide (Fernsehfilm) 1958: Die begnadete Hand (Fernsehfilm) 1959: Macht der Finsternis (Fernsehfilm) 1960: Auf Engel schießt man nicht 1961: Die toten Augen von London 1961: Königinnen von Frankreich (Fernsehfilm) 1961: Mary Rose (Fernsehfilm) 1962: Leben des Galilei (Fernsehfilm) 1962: Tevya und seine Töchter (Fernsehfilm) 1962: Der Zigeunerbaron 1963: Don Juan kommt zurück (Fernsehfilm) 1963: Der Vater (Fernsehfilm) 1964: Die höhere Schule (Fernsehfilm) 1964: Helle Nächte (Fernsehfilm) 1964: Wölfe und Schafe (Fernsehfilm) 1965: Herodes und Marianne (Fernsehfilm) 1966: Die Ermittlung (Fernsehfilm) 1967: Verbotenes Land (Fernsehfilm) 1967: Valentin Katajews chirurgische Eingriffe in das Seelenleben des Dr. Igor Igorowitsch (Fernsehfilm) 1968: Der Unbestechliche (Fernsehfilm) 1968: Die Klasse (Fernsehfilm) 1969: Zieh den Stecker raus, das Wasser kocht (Fernsehfilm) 1970: Die Auferstehung (Fernsehfilm) 1970: Tartuffe oder Der Betrüger (Fernsehfilm) 1971: Eine konsequente Frau (Fernsehfilm) 1972: Mitteilungen über eine Schuld (Fernsehfilm) 1973: Der rote Schal (Fernseh–Mehrteiler) 1973: Der Kreidegarten (Fernsehfilm) 1975: Madame Princesse (Fernsehfilm) 1978: Tatort (Fernsehreihe) – Schlußverkauf 1981: Alberta und Alice oder Die Unterwerfung (Fernsehfilm) 1981: Ein Fall für zwei (Fernsehserie) – Der Erbe 1983: Nordlichter: Geschichten zwischen Watt und Weltstadt (Fernsehserie) – eine Folge 1986: Schloßherren (Fernsehserie) – acht Folgen 1988: Bei Thea (Fernsehfilm)

Hörspiele (Auswahl) 1945: Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick – Regie: Helmut Käutner 1945: Thornton Wilder: Unsere kleine Stadt – Regie: Helmut Käutner 1946: Mein Sohn, der Herr Minister (Sylvie) – Regie: Ludwig Cremer (NWDR) 1946: Ludwig Thoma: Moral – Regie: Otto Kurth 1947: Die Ameisen (Prof. Hanna Rüderer) – Regie: Ludwig Cremer (NWDR) 1947: Der 29. Januar 1947 – Regie: Ludwig Cremer (NWDR) 1947: Fissel und die Doppelte (die Einfache) – Autor und Regie: Kurt Reiss (NWDR) 1947: Der Frosch auf der Leiter – Autor und Regie: Kurt Reiss 1948: Generalstab der schwarzen Kunst – Regie: Ludwig Cremer 1948: La Cachirra – Regie: Erik Ode 1948: George Orwell: Wie die Tiere – Regie: Kurt Reiss 1948: Johann Wolfgang von Goethe: Die natürliche Tochter – Regie: Ludwig Cremer 1949: Die Nacht, die dem Siege voranging – Regie: Ludwig Cremer 1949: Die grüne Grube – Regie: Gustav Burmester 1949: August Strindberg: Nach Damaskus – Regie: Ulrich Erfurth 1950: Aus der Traum – Regie: Ludwig Cremer 1950: General Frédéric – Regie: Kurt Reiss 1950: Die Rückkehr des verlorenen Sohnes – Regie: Hans Paetsch