Der Völkermord an den Armeniern, auch Armenozid oder von den Armeniern selbst Aghet (Աղետ, Katastrophe) genannt, war einer der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts. Er geschah während des Ersten Weltkrieges unter Verantwortung der jungtürkischen, vom Komitee für Einheit und Fortschritt gebildeten Regierung des Osmanischen Reichs. Bei Massakern und Todesmärschen, die im Wesentlichen in den Jahren 1915 und 1916 stattfanden, kamen je nach Schätzung zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen Menschen zu Tode. Die Schätzungen zur Zahl der Armenier, die während der Verfolgungen in den zwei Jahrzehnten zuvor getötet worden waren, variieren zwischen 80.000 und 300.000.

Das Geschehen ist durch umfangreiches dokumentarisches Material aus unterschiedlichen Quellen belegt, zum Beispiel durch den Bericht von Johannes LepsiusBericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei. Tempelverlag, Potsdam 1916 (PDF; 146 MB). oder die Fotosammlung von Armin T. Wegner.Armenian Deportees – 1915–1916. Website „Armenian National Institute“, abgerufen am 22. Dezember 2023. Weltweit erkennen die weitaus meisten Historiker diesen Völkermord daher als Tatsache an. Die Armenier sehen in ihm ein ungesühntes Unrecht und fordern seit Jahrzehnten ein angemessenes Gedenken auch in der Türkei. Dagegen bestreiten die offizielle türkische Geschichtsschreibung und die Regierung der aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen Republik Türkei, dass es sich um einen Völkermord gehandelt habe. Sie bezeichnen die Deportationen als „kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahmen“, die notwendig geworden seien, da die Armenier das Osmanische Reich verraten, seine damaligen Kriegsgegner unterstützt und ihrerseits Massaker an Muslimen begangen hätten. Die Todesfälle führen sie auf ungünstige Umstände und lediglich vereinzelte Übergriffe zurück.Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (Hrsg.): Das ethnische und religiöse Mosaik der Türkei und seine Reflexionen auf Deutschland. Münster 1998, S. 58. Die Auseinandersetzung um die Anerkennung des Genozids als historische Tatsache belastet bis heute die Beziehungen zwischen der Türkei einerseits und Armenien sowie zahlreichen westlichen Staaten andererseits.

mini|hochkant=1.5|Foto von Armin T. Wegner: Armenier werden im Mai 1915 von bewaffneten Wachen aus Karphert (türkisch: Harput) weggeführt. Die Gebildeten und Einflussreichen der Stadt waren selektiert worden, um sie am nächsten geeigneten Ort zu ermorden. mini|hochkant=1.5|Trauernde armenische Mutter neben den Leichen ihrer fünf Kinder (aus: Tagebuch von Maria Jacobsen, 1907–1919)

mini|hochkant=1.5|Titelblatt und Inhaltsangabe der Dokumentation von Johannes Lepsius, 1916

Vorgeschichte Gesellschaftsstruktur und Demographie mini|hochkant=1.5|Armenisch besiedelte Regionen 1896; Karte aus Petermanns Geographischen Mitteilungen mini|hochkant=1.5|Siedlungsgebiete der Armenier vor dem Völkermord

Die Armenier bildeten nach den Griechen die zweitgrößte christliche Minderheit im Osmanischen Reich.Kreiser und Neumann: Kleine Geschichte der Türkei. Stuttgart 2003, S. 371–377. Dessen nicht-muslimische Bevölkerungsgruppen waren nach ihrer Religionszugehörigkeit in Millets – d. h. in anerkannten, rechtlich geschützten „Glaubensnationen“ – organisiert. Die Armenier galten aus osmanischer Sicht traditionell als „loyale Nation“ (osmanisch: millet-i sadika), konnten ihren Glauben ohne wesentliche Einschränkungen ausüben und hatten innerhalb des osmanischen Staates durchaus Möglichkeiten, Ehre, Wohlstand und Status zu erwerben. Gleichwohl waren sie – wie orthodoxe Griechen, Juden und andere religiöse Minderheiten – nicht den Muslimen gleichgestellt. Sie mussten eine zusätzliche, nach dem Vermögen abgestufte, cizye genannte Kopfsteuer zahlen, die 1856 durch eine Militärbefreiungssteuer () ersetzt wurde.Halil İnalcık: Cizye. Osmanlılar’da Cizye. In: Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi. Band 8. TDV Yayını, Istanbul 1993, S. 48. Sie waren rechtlich unterprivilegiert und mitunter diskriminierender Behandlung ausgesetzt.Orlando Figes: Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug. Berlin 2011, S. 64 f.Suraiya Faroqhi. Geschichte des Osmanischen Reiches. München 2000, S. 49f.

Um 1800 lebten die Armenier mehrheitlich unter osmanischer Herrschaft. Ihre Hauptsiedlungsgebiete im Osmanischen Reich lagen im heutigen Ostanatolien – im Gebiet von Erzurum, Kars, Van und Diyarbakır, in Kilikien bei Adana und Maraş, in den osmanischen Metropolen Alexandria, Smyrna (İzmir) und vor allem in Konstantinopel.

Vor dem Ersten Weltkrieg stellten die Armenier mit 1,7 Millionen Menschen ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung Anatoliens. Ihre Zahl übertraf in keinem Vilâyet (Großprovinz) die der Muslime. Dies war 1896 nur in wenigen Kazas (Gerichtsbezirken) der Sandschaks Van und Siirt (Saird oder Sairt) der Fall. Als Minderheit waren sie jedoch unübersehbar. Die türkische Regierung gab ihre Zahl später mit 1,3 Millionen an. Das armenisch-apostolische Patriarchat von Konstantinopel ging dagegen nach einer Volkszählung, die es 1913/1914 in seinen Gemeinden abhalten ließ, von knapp 2 Millionen Kirchenmitgliedern im Osmanischen Reich aus.Raymond Kévorkian: Le Génocide des Arméniens. Paris 2006, S. 338 (französisch).

Osmanen und Armenier in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Reformversuche, Nationalismus und Zuspitzung der innenpolitischen Lage Im 19. Jahrhundert befand sich das multiethnische Osmanische Reich im Niedergang. Der sogenannte „kranke Mann am Bosporus“ fiel wirtschaftlich und militärisch immer weiter hinter seine europäischen Rivalen zurück. Im Inneren störte das erwachende Nationalbewusstsein seiner Völker und Ethnien zunehmend das „empfindliche Gleichgewicht zwischen offizieller Ungleichheit und relativer Toleranz“.Norman M. Naimark: Flammender Haß. Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert. Fischer Taschenbuch, Stuttgart 2008, S. 32. (Originaltitel: Fires of Hatred: Ethnic Cleansing in Twentieth-Century Europe, 2001)

In der Tanzimat-Periode (1839–1876) versuchte das Reich, sich durch Übernahme westlicher Konzepte zu reformieren. Europäische Mächte mahnten solche Reformen häufig an; damit verfolgten sie eigene Interessen. Das Russische Kaiserreich etwa, das sich als Schutzmacht der orthodoxen und altorientalischen Kirchen im Osmanischen Reich betrachtete, versuchte im Rahmen seiner Expansionspolitik, die anatolischen Armenier für dessen Destabilisierung zu instrumentalisieren. Unter dem Druck äußerer Ereignisse wie der Balkankrise von 1876 führte Sultan Abdülhamid II. die Reformen seiner Vorgänger zunächst weiter und verpflichtete sich in Artikel 61 des Berliner Vertrages von 1878, die Armenier vor Übergriffen durch die Kurden zu schützen und ihnen im Zuge einer Verwaltungsreform gewisse Autonomierechte zu gewähren.Vgl. Yves Ternon: Tabu Armenien: Geschichte eines Völkermordes. Frankfurt am Main/Berlin 1988, S. 69 (Kapitel Der Artikel 61) und Wolfgang Gust: Der Völkermord an den Armeniern. München und Wien 1993, S. 74ff. Diese Verpflichtungen wurden jedoch nie umgesetzt, denn Abdülhamid II., der ihnen ohnehin nur halbherzig zugestimmt hatte, löste noch während des Russisch-Türkischen Krieges im Februar 1878 das Parlament für unbestimmte Zeit auf.

Zu den Konflikten, die die Beziehungen zwischen den ethnisch-religiösen Gruppen im 19. Jahrhundert zunehmend prägten, zählten ein permanenter Landkonflikt, verstärkt durch die Ansiedlung muslimischer Flüchtlinge aus dem Kaukasus und Europa in Ostanatolien (besonders nach 1878), und das häufig als unterdrückerisch wahrgenommene Verhältnis zwischen armenischer Landbevölkerung und kurdischen Lokalfürsten und deren Familien. Die europäisch sozialisierten Armenier in der Westtürkei hingegen zeichneten sich teilweise durch einen hohen Lebensstandard und soziale Aufwärtsmobilität aus und erregten Neid und Missgunst unter sich benachteiligt fühlenden Muslimen.Ronald Grigor Suny: „They Can Live in the Desert but Nowhere Else“ – A History of the Armenian Genocide. Princeton University Press, 2015, ISBN 978-0-691-17596-6, S. 55 ff. Der Sultan sowie konservative und liberale Eliten des Reiches sahen mit wachsendem Argwohn, dass ein kleiner Teil der armenischen Führungsschicht Reformen anstrebte und Schutz durch europäische Mächte suchte. Abdülhamid II. war entschlossen, dieser vermeintlichen Bedrohung energisch zu begegnen. Bei den Armeniern in den osmanischen Ostprovinzen wiederum erzeugte die Verschleppung der 1878 zugesagten Reformen eine permanente Unzufriedenheit. Ihre Unabhängigkeitsbestrebungen verstärkten sich, unterstützt auch von den politischen Parteien, die in den 1880er Jahren neu entstanden: Als erste wurde 1885 in Van die gemäßigte demokratisch-liberale Armenakan Kasmakerputjun (Armenische Organisation) gegründet. Radikale Forderungen nach Unabhängigkeit erhob die 1887 gegründete Sozialdemokratische Huntschak-Partei, die selbst den Einsatz terroristischer Mittel für gerechtfertigt hielt. 1890 formierte sich die Daschnak-Partei, die einen Volkskrieg gegen die osmanische Regierung propagierte.Yves Ternon: Tabu Armenien: Geschichte eines Völkermordes. Frankfurt am Main/Berlin 1988, S. 61ff. 1890 begannen armenische Terroristen mit der Ermordung osmanischer Beamter.Arnold Hottinger: 7mal Naher Osten. München 1972, S. 40.

Das Ziel der Daschnak-Partei war es, alle revolutionären Kräfte zu einen, doch schon bald trennte sich die Huntschak-Partei von ihr. Letztere verlor an Einfluss, als sie sich 1896 in zwei Lager spaltete. In der Folgezeit war die Daschnak der Hauptakteur der revolutionären Bewegung der Armenier.Guenter Lewy: The Armenian Massacres in Ottoman Turkey: A Disputed Genocide, Salt Lake City 2005, S. 12. Neben den politischen Parteien entstanden ab 1885 durch Eid verschworene Kampfgruppen der armenischen Landbevölkerung, die sich als „Selbstschutzverbände“ verstanden und sich Hajdukner oder Fedajiner nannten. Im Gegenzug schuf der Sultan ab 1891 irreguläre Kavallerieeinheiten nach dem Vorbild der Kosaken und in der Tradition der Akıncı und Deli, die ihm zu Ehren Hamidiye genannt wurden. Sie rekrutierten sich vorwiegend aus regierungsloyalen kurdischen Stämmen und wurden mit Steuerfreiheit und dem Recht auf Plünderung belohnt. Offiziell sollten sie die Grenzen zu Russland schützen, tatsächlich aber als innenpolitische Kampftruppe gegen die Armenier dienen.Tessa Hofmann: Annäherung an Armenien. Geschichte und Gegenwart. C. H. Beck, München 1997, S. 85f. Bis heute (Stand 2006) ist unklar, ob Abdülhamid II. die folgenden Massaker der ihm unterstehenden Hamidiyean an armenischen Aufständischen befürwortet oder befohlen hat.Klaus Kreiser, Christoph K. Neumann: Kleine Geschichte der Türkei, S. 350.

Massaker der Jahre 1894 bis 1896

Der wachsende Nationalismus verstärkte die ohnehin schon lange bestehenden Spannungen zwischen Armeniern und Kurden. Diese hatten eine Ursache im Streit um die sogenannten kischlak (Winterweiden) der kurdischen Hirtennomaden in armenischen Dörfern. Zudem trieben die Kurden – auch mit Gewalt – irreguläre Abgaben in Form von Geld, Naturalien oder Frondiensten von den Armeniern ein, die wie alle osmanischen Staatsangehörigen unter einem enormen Steuerdruck standen. Die osmanischen Behörden konnten oder wollten die Armenier vor solchen Willkürakten oft nicht schützen. Die Spannungen entluden sich in den Jahren 1894–1896 schließlich in zahlreichen Pogromen an den Armeniern.