Die Climate Intelligence Foundation (kurz: Clintel) ist eine niederländische Stiftung, die Klimawissenschaftsleugnung betreibt. Die Organisation, die gegen den Klimaschutz kämpft,Jonathan Watts: Five post-Trump obstacles to a global green recovery. In: The Guardian, 11. November 2020. Abgerufen am 30. Dezember 2020. gilt als kontinentaleuropäisches Gegenstück zur britischen Global Warming Policy Foundation.Mat Hope, Zak Derler: The Dangerous Crossover Between Climate and COVID Denial. In: Byline Times, 1. April 2020. Abgerufen am 30. Dezember 2020. Sie wurde nach eigenen Angaben von dem Wissenschaftsjournalisten Marcel Crok und dem Geowissenschaftler Guus Berkhout gegründet, der seine Karriere beim Ölkonzern Royal Dutch Shell begonnen hatte. Clintel unterhält enge Verbindungen zu weiteren Klimaleugnerorganisationen wie dem US-amerikanischen Heartland Institute, den von der Ölbranche finanzierten Friends of Science und dem europäischen Netzwerk European Climate Realist Network und vielen bekannten Klimaskeptikern.Martijn Duineveld, Guus Dix, Gertjan Plets, Vatan Hüzeirin: Climate Obstruction in the Netherlands: Strategic and Systemic Obstruction of Dutch Climate Policies (1980– Present), in: Robert J. Brulle, J. Timmons Roberts, Miranda C. Spencer: Climate Obstruction across Europe. Oxford University Press 2024, 162-185, 170.
Bekannt wurde die Climate Intelligence Foundation durch die von ihr federführend vorangetrieben Deklaration There is no climate emergency, in der laut Clintel mehrere Hundert Wissenschaftler und Fachleute die Existenz der Klimakrise abstreiten. Zu den Unterzeichnern zählen unter anderem als Klimawandelleugner bekannte Akademiker, Politiker, Lobbyisten und hochrangige Personen aus der Öl- und Gasindustrie sowie weitere Personen, die in Verbindung stehen mit verschiedenen Klimawandelleugnerorganisationen wie dem Cato Institute, dem Heartland Institute und der Global Warming Policy Foundation.Hundreds of climate sceptics to mount international campaign to stop net-zero targets being made law. In: The Independent, 6. September 2019. Abgerufen am 18. Oktober 2019. Die Unterzeichner sind, einer bibliografischen Analyse zufolge, im Themenfeld Klimawandel so gut wie gar nicht wissenschaftlich aktiv. Zudem ordnen die Autoren dieser Analyse die Deklaration als Desinformationskampagne ein, die in der Öffentlichkeit Verwirrung über den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel stiften solle. Gleichzeitig stellen sie die Deklaration in die Tradition früherer ähnlicher Initiativen zur Klimawandelleugnung wie der Leipziger Erklärung oder der Oregon-Petition, deren Aussagen auch teilweise übernommen worden seien.
Geschichte und Organisation Gegründet wurde Clintel im Jahr 2019 von Personen aus dem Umfeld des Ölkonzerns Shell sowie von Fluggesellschaften. Die Organisation steht der niederländischen Partei Forum voor Democratie um Thierry Baudet nahe, die beide ebenfalls den Klimawandel leugnen.Andreas Malm and the Zetkin Collective: White Skin, Black Fuel. On the Danger of Fossil Fascism. London/New York 2021, S. 10.
Bekannt wurde Clintel Anfang September 2019, als von der investigativ arbeitenden Nonprofit-Medien-Organisation DesmogClimate Science Deniers Planning European Misinformation Campaign, Leaked Documents Reveal. In: Desmog, 6. September 2019. Abgerufen am 18. Oktober 2019. die Hintergründe einer Kampagne aufgedeckt wurden, deren Ziel die Verhinderung der gesetzlichen Festschreibung von Nullemissionszielen durch die Politik war. Zu dem Zeitpunkt hatten ca. 400 Personen die Clintel-Erklärung unterzeichnet, die an Politiker der Europäischen Union sowie der Vereinten Nationen gesandt wurde. Im September 2019 waren es laut Clintel ca. 500 Unterzeichner. Website von Clintel. Abgerufen am 25. Oktober 2019., im Oktober 2019 rund 700.There is no Climate Emergency, Stand Oktober 2019. Website von Clintel. Abgerufen am 25. Oktober 2019. Im August 2022 sollen es ca. 1100 Unterzeichner gewesen sein, zum größten Teil ohne jegliche Erfahrung in der Klimaforschung. Hingegen verweisen Fachleute auf gut dokumentierte Verbindungen von Clintel zu Geld aus der Erdölindustrie sowie Lobbygruppen der fossilen Energieindustrie.Experts Debunk Viral Post Claiming 1100 Scientists Say "There's No Climate Emergency. In: InsideClimate News, 23. August 2022. Abgerufen am 1. September 2022.
Voraus ging dieser europäischen Deklaration eine Petition auf nationaler Ebene, in der die Autoren u. a. die Rolle menschlicher Aktivitäten bei der gegenwärtigen globalen Erwärmung bestritten und sich gegen eine Klimaschutzpolitik aussprachen.
Deklaration Die Deklaration wurde am 26. September 2019 veröffentlicht. Neben den Unterzeichnern finden sich 14 „Botschafter“ für verschiedene Staaten, unter anderem Guus Berkhout für die Niederlande, Richard Lindzen für die USA, Fritz Vahrenholt für Deutschland und Christopher Monckton für Großbritannien.
2022 wurde die Deklaration auf Initiative von Ivar Giaever in kaum veränderter Form erneut veröffentlicht. Giaever ist ein Physiker, der 1973 für seine Arbeit zur Supraleitung mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, seit einigen Jahren aber vor allem öffentlich den Klimawandel bezweifelt, nachdem er nach eigenen Angaben einen halben bis ganzen Tag auf Google zum Klimawandel recherchiert hat. Eine wissenschaftliche Arbeit zum Klimawandel hat Giaever in seiner Karriere nicht publiziert. Geteilt wurde die Deklaration neben Klimawandelleugnern nicht zuletzt von Medien und Personen aus der Impfgegner- und Coronaleugnerszene, Verschwörungstheoretikern und der politischen Rechten um Éric Zemmour, dazu von dem offen pro Trump ausgerichteten Medienplattform The Epoch Times. Im deutschsprachigen Raum wurde sie u. a. von dem rechten Webportal AUF1 verbreitet; anschließend avancierte das Video mit dem Titel „Klima-Wahn: Über eintausend echte Wissenschaftler wehren sich gegen CO2-Lüge“ im August 2022 zu einem der erfolgreichsten Telegram-Beiträge der Woche.Desinformationen zum Klima. Pseudo-Experten schaffen Glaubwürdigkeit . In: Tagesschau.de, 2. September 2022. Abgerufen am 2. September 2022.
Hauptziel ist das Bestreiten des wissenschaftlichen Konsenses zum Klimawandel.
Erklärung Die Erklärung greift die Klimamodellierung an und nutzt einige lange bekannte und viel genutzte Argumente der Klimaleugnerszene, wie dass natürliche Faktoren unterschätzt würden, dass Klimaforscher unlautere Motive verfolgten oder dass mehr Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre tatsächlich nichts Negatives, sondern etwas Positives sei.
Sie umfasst folgende sechs Hauptpunkte mit jeweils einer kurzen Erläuterung: „Sowohl natürliche als auch anthropogene Faktoren verursachen die Erwärmung.“ „Die Erwärmung verläuft viel langsamer als vorhergesagt.“ „Die Klimapolitik beruht auf ungeeigneten Modellen.“ „Kohlenstoffdioxid ist Pflanzennahrung, die Basis allen Lebens auf Erden.“ „Die Globale Erwärmung hat Naturkatastrophen nicht verstärkt.“ „Die Klimapolitik muss wissenschaftliche und ökonomische Realitäten berücksichtigen.“
Jedes einzelne dieser Argumente findet sich in der Liste von Klimaleugner-Falschbehauptungen von Skeptical Science, einer Klimainformationsplattform, die sich der Korrektur von klimaskeptischen Behauptungen verschrieben hat.«1 200 scientifiques et universitaires» ont-ils vraiment signé une déclaration niant «l’urgence climatique» ?. In: Libération, 31. August 2022. Abgerufen am 2. September 2022. Der Guardian schrieb, dass die Deklaration die „Klimawissenschaft leugne“ und „abgegriffene und lange diskutierte Diskussionspunkte zum Klimawandel“ wiederhole, die den Ergebnissen von „wissenschaftlichen Institutionen und Akademien auf der ganzen Welt“ wie auch denen des IPCC widersprächen.‘CO2 is plant food‘: Australian group signs international declaration denying climate science. In: The Guardian, 26. September 2019. Abgerufen am 18. Oktober 2019. Robert Brulle, Soziologieprofessor an der Drexel University erklärte, die Behauptungen in der Deklaration seien sowohl „abgestanden“ als auch „offensichtlich wissenschaftlicher Unsinn“. Ziel der Deklaration sei es, das Narrativ „von der ‚umstrittenen‘ Natur des Klimawandels aufrechtzuerhalten“. Die Erklärung wirke wie eine Panikreaktion auf die erhebliche Medienberichterstattung über die Klimakrise, die es durch Greta Thunberg und Extinction Rebellion gegeben habe. Geoffrey Suppran von der Harvard University sah in der Deklaration einen Versuch, verstärkte klimapolitische Anstrengungen auf dem Klimagipfel in New York zu verhindern. „Wie immer“ ginge es darum, „die Echokammer sympathisierender rechter Medien und Blogs zu füttern und Jagd auf naive und arglose Journalisten zu machen, die versucht sein könnten, in ihrer Klimaberichterstattung auf falsche Ausgewogenheit zu setzen.“
Ein Faktencheck der Wissenschaftsplattform „Climate Feedback“ stufte die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit der Erklärung auf einer Skala von +2 bis −2 mit −1,8 ein. Die Stellungnahme sei „verzerrt“, „ungenau“, „irreführend“ und nutze Rosinenpicken. Die Behauptungen widersprächen den von Geowissenschaftlern gefundenen Belegen oder gäben diese falsch wieder, auch hätten die Autoren keine Belege geliefert, die das Kleinreden des Klimawandel stützten. Behauptungen wie die Aussage, dass die Klimamodelle den Einfluss von Kohlendioxid auf das Pflanzenwachstum ignorierten, seien schlicht falsch. Zudem wiesen die Wissenschaftler darauf hin, dass von den 500 Unterzeichnern, die sich selbst als „Wissenschaftler und Fachleute“ darstellten, tatsächlich nur zehn Klimawissenschaftler seien. Auch seien in der Vergangenheit bereits ähnliche Petitionen genutzt worden, um mit einer großen Zahl von Unterzeichnern Glaubwürdigkeit zu erlangen. In der Wissenschaft zählten aber Belege.Letter signed by “500 scientists” relies on inaccurate claims about climate science. In: Climate Feedback, 23. September 2019. Abgerufen am 18. Oktober 2019.
Weitere Faktenchecks kamen zu ähnlich kritischen Einschätzungen.500 Wissenschaftler widersprechen dem Klimawandel: Der Faktencheck. In: Mimikama, 14. Oktober 2019. Abgerufen am 18. Oktober 2019.Offener Brief zum Klimawandel: Weder haben „500 Wissenschaftler“ unterzeichnet, noch stimmen alle Behauptungen. In: Correctiv, 11. Oktober 2019. Abgerufen am 18. Oktober 2019. Correctiv kam zum Ergebnis, dass bis auf zwei der Behauptungen zwar alle zumindest teilweise richtig seien, die Autoren aber oft „zentralen Kontext“ ausgelassen hätten. Zudem seien entgegen wissenschaftlichen Gepflogenheiten keine Belege angegeben. Toralf Staud, Fachjournalist beim Klimawandel-Informationsportal Klimafakten.de, ordnete die Deklaration u. a. im Hinblick auf die komplett fehlenden Belege als „wissenschaftlich wertlos“ ein und verweist darauf, dass das Anführen einer Masse von Unterzeichnern einer Deklaration eine der häufigsten Desinformationsstrategien der Wissenschaftsleugnung sei. Insbesondere sollten die vielen Namen mit akademischen Titeln eine fachliche Expertise zum Klimawandel suggerieren, während sie tatsächlich „aber zum betreffenden Thema, zu der sie sich hier äußern, praktisch keine fachliche Expertise haben.“ Tatsächlich hätten aber die „allermeisten Unterzeichnenden solcher 'Deklarationen' praktisch nie“ echte fachliche Expertise in Form von eigenen, aktuellen wissenschaftlichen Publikationen in den jeweils relevanten Disziplinen.