mini|Alaunwerk bei Freienwalde (Oder), 1798 Die Gewerbegeschichte der Mark Brandenburg beschreibt die Entwicklung des produzierenden Gewerbes, allgemeinhin als Sekundärsektor bezeichnet im Verlauf der Bestehenszeit der Mark Brandenburg vom Mittelalter bis zum Ende der Frühen Neuzeit. Im Mittelalter Brandenburg war ein ressourcenarmes Land und das Vorkommen der damals wichtigsten Erze Silber, Gold, Eisen, Zink und Zinn war gering. Bedingt durch den Status als Kolonisationsland, das viel später in die Geschichte eintrat als die süd- und westdeutschen Territorien, lag die Mark im Spätmittelalter vom zivilisatorisch-wirtschaftlichen Entwicklungsgrad hinter den Kerngebieten des Reiches am Rhein zurück.Jan Winkelmann: Die Mark Brandenburg des 14. Jahrhunderts: markgräfliche Herrschaft zwischen räumlicher Ferne und politischer Krise, Lukas Verlag, Berlin 2011, S. 46.

Gewerbe im 16. Jahrhundert Die Anfänge einer Gewerbelandschaft liegen im 16. Jahrhundert im Raum Berlin, Potsdam und im Finowtal. Zu den Werkstätten zählen Mühlen, Hammerwerke an fließenden Gewässern, Papiermühlen und Glashütten. 1532/1539 entstand in Eberswalde eine Papiermühle (bis 1650), andere Papiermühlen entstanden in Reipzig (1539), Cottbus (1557) und Neudamm (1568). Bis zu Ende des 16. Jahrhunderts wurden Glaswaren aus Schlesien und Böhmen importiert. Da es Sand und Holz in der Mark zu genüge gab, erfolgten entsprechende Hüttenbildungen. Seit 1575 ist eine Glashütte am Grimnitzsee (Uckermark) nachgewiesen. Zwischen 1648 und 1713 gab es Produktionsstätten am Bernsee (Bernseesche Hütte) die den Hof mit qualitativ hochwertigen Glas beliefernde Hütte in Potsdam-Zechlin, zwei Hütten in der Neumark, Althüttendorf am Grimnitzsee., die Hütte am Spiegelberg bei Neustadt an der Dosse. Insgesamt gab es 75 Hütten an 60 Orten in der Mark Brandenburg. Die meisten von ihnen produzierten Gebrauchsglas. Nur einige schufen und schliffen feine Gläser.Gerd Heinrich: Kulturatlas Brandenburg - Historische Landkarten - Geschichte der Mark im Überblick, hendrik Bäßler Verlag, 4. Auflage, Berlin 2015, S. 32.

Es gab vereinzelte Unternehmen, die auf einem landesherrlichen Regal basierten, so zum Beispiel die Kupferhämmer in Peitz (seit den 1550er Jahren), das Messingwerk bei Eberswalde, Zehdenick und Neustadt an der Dosse. Deren Arbeit war aber nur so gut, wie es die begrenzte Qualität der in Brandenburg vorhandenen Raseneisenerze erlaubte. Für den Kurfürsten waren diese Hütten wichtig, da sie die Garnisonen mit Munition versorgten aber darüber hinaus war ihr wirtschaftlicher Nutzen gering.Ortstermine – Stationen Brandenburg-Preußens auf dem Weg in die moderne Welt. In: Museumsverband des Landes Brandenburg (Hrsg.): Ausstellungskatalogs des Projektes „Kulturland Brandenburg 2001“. Verlag Henschel, 2001, S. 51. Das dort produzierte Eisen war bei Frost wenig bruchfest. Brandenburg war damit auf dem regionalen Markt im Metallhandel nicht konkurrenzfähig und ohne Förderung durch den Staat in Form von Aufträgen und Einfuhrbeschränkungen hätte sich der metallverarbeitende Sektor nicht gehalten.

Abgesehen von den Glashütten und den (kleinen) Montanwerken existierte bis ins späte 17. Jahrhundert in Brandenburg kein nennenswertes höher entwickeltes Gewerbe, das das handwerkliche Niveau überschritt. Brandenburg galt als wirtschaftlich gering entwickeltes Land zum Beispiel im Vergleich zu den zeitgemäß vorne stehenden Gewerbelandschaften Flanderns und Hollands oder dem Montangebieten des Erzgebirges.

An den Schleusen des 1668 vollendeten Oder-Spree Kanals entstanden wie am Finowkanal kleinere Gewerbesiedlungen, so in den Rüdersdorfer Kalkbergen, von denen aus die Städte mit Baukalk beliefert wurden.

Erste Welle von Manufakturgründungen bis 1700 Die Zeit von 1640 bis 1713 war die Auftaktphase einer bis 1810 wirkenden Zeit merkantilistischer staatlicher Wirtschaftspolitik im gesamten Hohenzollernstaat. Die Landesherrlichen Bemühungen hatten zum Ziel, aus den wirtschaftlichen Partikularinteressen Einzelner und Interessensbezogen gegensätzlicher Akteurskonstellationen von Städten, Grundherren, Patrizier/Kaufleute und Zünften eine einheitliche und ganzheitliche Volkswirtschaft zu formen.Otto Büsch, Wolfgang Neugebauer: Moderne Preußische Geschichte 1648-1947, Band 2, Walter de Gruyter Verlag, Berlin-New York 1981, S. 952.

Die Handelsbeziehungen der Kaufleute zu den gewerblichen und kommerziellen Zentren Mittel-, Ost- und Norddeutschlands waren nach dem Dreißigjährigen Krieg gestört. Die Konkurrenz der kapitalkräftigeren Hamburger, Leipziger, Frankfurter/M. Kaufleuten drängte die Berlin-brandenburgische Handelsschicht in dieser Region des Reiches in den Hintergrund. Die gewerbliche Kleinproduktion in der Mark hatte kaum noch überörtliche Bedeutung. Die Maßnahmen der Zünfte begrenzten eher die Produktion als sie auszuweiten. Waren von 1500 bis 1612 zu den elf vorhandenen noch 27 weitere Zunftorganisationen dazugekommen, wurde bis 1682 nur ein einziges neues Gewerksprivileg (1643 für die Seifensieder) erteilt. Von 1682 bis 1722 wurden dann wieder 40 neue Gewerksprivilegien erteilt, was für eine starke gewerbliche Belebung nach 1682 spricht und eine gewerbliche Rückentwicklung während des Dreißigjährigen Krieges und eine Stagnation danach widerspiegelt. Die Zeit von 1648 bis 1680 war von wirtschaftspolitischen Entwicklungen begleitet, die vor allem den Vorstellungen holländischer Merkantilisten entsprach.Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Akademie der Wissenschaften der DDR, Institut für Wirtschaftsgeschichte, Sonderband: Zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Berlins vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Akademie-Verlag, Berlin 1986, Artikel von Horst Mauter: Zur Geschichte der Berliner Fayencemanufakturen von 1678 bis etwa 1779, S. 29–37, S. 36f

Bedingt durch die rasche ökonomische Entwicklung der Nachbarterritorien wie Sachsen oder die führenden europäischen Staaten wie England oder die Niederlande drohte Brandenburg und Preußen in einen halbkolonialen Status zu fallen. Als ein Land, das billig Rohstoff produzierte und ausführte und alle verarbeiteten Fertigwaren teuer importierte.Ingrid Mittenzwei, Erika Herzfeld: Brandenburg-Preußen 1648–1789 – Das Zeitalter des Absolutismus in Text und Bild. Verlag der Nation, 3. Auflage, Berlin 1990, S. 141. Das Vorbild der weiterentwickelteren westeuropäischen Staaten wirkte stimulierend und beschleunigte die Entwicklung einer eigenen wirtschaftspolitischen Strategie. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm I. suchte für seinen in Zusammenwachsen begriffenen Hohenzollernstaat, in dem Brandenburg weiter eine zentrale Position innehatte, den Anschluss an die entwickelteren Staaten Europas wie zum Beispiel den Niederlanden.

Da der Gesamthohenzollernstaat Brandenburg-Preußen im 17. Jahrhundert nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges überhaupt kein exportorientiertes Großgewerbe besaß, waren Protoindustrialisierung und die Schaffung der Grundlagen für die Industrialisierung (Kapital, Personal, Absatz) eine Leistung, die das frühneuzeitliche Staatswesen initiieren musste.Jahrbuch für Geschichte Lateinamerikas, Anuario de Historia de America Latina, Band 32, Heft 1, Seiten 257–302, ISSN (Online) 2194-3680, doi:10.7788/jbla-1995-0116 Kapitel: Amerikanische Kolonialwaren und Wirtschaftspolitik in Preußen und Sachsen: Prolegomena (17./18. und frühes 19. Jahrhundert), S. 268. Solche staatlichen Förderungen betrafen finanzielle Zuwendungen oder eine rigorose Zollpolitik. Die fehlende Einheit im Inneren des Gesamthohenzollernstaates aber auch die divergierenden und opponierenden Interessenlagen der Wirtschaftsakteure erlaubten nur eine sehr energische, bevormundende, antreibende und abwehrende Staatspolitik. Mit diesen Methoden glich die preußische Wirtschaftspolitik denen der anderen europäischen Staaten.Otto Büsch, Wolfgang Neugebauer: Moderne Preußische Geschichte 1648-1947, Band 2, Walter de Gruyter Verlag, Berlin-New York 1981, S. 951.

Die Ressourcen für den Aufbau einer Gewerbelandschaft lagen in Brandenburg aber auch in den anderen zugehörigen Hohenzollernprovinzen wie in Ostpreußen, dem Herzogtum Magdeburg oder Hinterpommern nicht vor. Das vorhandene Kapital der Bewohner war gering, die Kompetenzen im Gewerbe- und Kapitalsektor der Wirtschaft gering und durch die geringe Liberalisierung der Landgesellschaft die ökonomische Eigeninitiative nicht ausgeprägt, so dass wirtschaftliche Stimulationen von außen kommen mussten. Dies gelang auch durch die Peuplierungspolitik der Hohenzollernherrscher in ihren gesamten Provinzen. Viele Hugenotten ließen sich nach dem Edikt von Potsdam in der Mark nieder mit Schwerpunkt im Berliner Raum und gründeten neue Gewerbearten, die es so bisher nicht gegeben hatte. Mit ihnen setzte die eigentliche Gründungswelle von Manufakturen in Brandenburg ein.

Staatlicherseits wurde die anziehende Manufakturpolitik von dem in den 1680er Jahren bedeutendsten brandenburgische Staatsmann Eberhard von Danckelmann gelenkt. Anfang der 1680er Jahre entstanden unter Beteiligung der beiden Berater des Kurfürsten Elard Esich und Daniel Stephani erste Manufakturen. 1678 wurde eine Wollmanufaktur in Berlin angelegt, die im Verlagssystem dezentral produzierte. Die verarbeitenden Gerätschaften mussten aus Amsterdam importiert werden, da es in Brandenburg hierfür keine Produzenten gab. Die Manufaktur ging schlecht, existierte aber zumindest 1711 noch und hatte 1680 bereits 200 Arbeiter. 1679 gründeten die beiden Berater eine Zuckersiederei in Berlin, 1681 folgte eine Tabakspinnerei auf Initiative des Berliner Bürgermeisters Christian Friedrich Bartholdi (1644–1707) und des Frankfurter Steuerrates Johann Senning. 1686 ließ der Berliner Kaufmann Johann Andreas Kraut eine „Gold- und Silberzieherei“ anlegen. Die Manufaktur wurde vom Leipziger Gebrüdern Caspar Bose und Georg Bose erworben und dann an Severin Schindler veräußert. Dieser Betrieb expandierte und beschäftigte 1708 bereits 900 Menschen. Henri de Moor gründete 1696 in Neustadt an der Dosse eine Spiegelglasmanufaktur, die später zum Lieferanten von Spiegeln für die preußischen Schlösser wird. Hier genau wie bei der Gold- und Silberzieherei waren es die französischen Arbeiter mit ihren Produktionserfahrungen, die zum Aufblühen des Unternehmens beitrugen.Ingrid Mittenzwei, Erika Herzfeld: Brandenburg-Preußen 1648–1789 – Das Zeitalter des Absolutismus in Text und Bild. Verlag der Nation, 3. Auflage, Berlin 1990, S. 147. 18 französische Meister waren dort mit 120 Arbeitern tätig. Die Potsdamer Glashütte unter der Leitung von Johannes Kunckel stellte hochwertige künstlerische Glaserzeugnisse her.