mini|Französisches Theriakgefäß (1782) Der Theriak (über lateinisch theriaca bzw. theriacus oder griechisch ϑηριακός, „gegen das Gift der Tiere – besonders gegen den Schlangenbiß – dienlich“,Vgl. Georges, 1913. zu griechisch thēriakón (antídoton), aus griechisch thēr(ion): Tier, wildes Tier, giftiges Tier,Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 777. Plural: thēria) ist eine in der Antike als Antidot entwickelte, aus vielen Zutaten bestehende, auf Honigbasis als Latwerge zubereitete und meist opiumhaltige Arznei. Ursprünglich als „Gegengift“ bzw. Gegenmittel gegen tierische Gifte (insbesondere Schlangengift) angewandt, wurde sie im Mittelalter und in der Frühneuzeit als kostspieliges Universalheilmittel gegen viele Krankheiten und Gebrechen verabreicht. Heute wird Theriak in abgewandelter, opiumfreier Zusammensetzung vereinzelt noch für die volksmedizinische Anwendung angeboten, vorwiegend im Internet.

Antike Die Ärzte des klassischen Griechenland versuchten, die Bisse giftiger Schlangen mit einer Kräutermixtur aus Anis, Fenchel und Kümmel zu behandeln. Das Rezept für dieses Heilmittel war in die Mauer des Asklepieions von Kos eingemeißelt. Die Arznei nannte man Theriak, eine Bezeichnung, die erstmals um 170 v. Chr. bei Nikandros von Kolophon, Arzt, Grammatiker und Dichter, erwähnt wird.

Mithridates VI. Eupator (* 132 v. Chr.; † 63 v. Chr.), König von Pontos in Kleinasien, hatte Grund, sich vor Giftanschlägen aus seiner Familie und seinem Umfeld zu fürchten, denn er hatte als Jugendlicher vermutlich seinen Vater und seine Mutter vergiftet, um an die Macht zu gelangen. Er erweiterte mit Hilfe seines Leibarztes die Rezeptur des Theriak von 37Ingegerd Ljungqvist: Das mittelniederdeutsche Arzneibuch des Codex Guelferbytanus 12.13 Helmstediensis. Germanistische Lizentiatsabhandlung, Stockholm 1971, S. 114. auf 54 Ingredienzen, darunter Bestandteile „giftresistenter“ Tiere wie Entenblut, Schlangen- und Krötenfleisch. Nach ihm wurde das Mittel, das er selbst als Vorbeugung gegen Giftanschläge eingenommen haben soll, auch Mithridat oder Mithridatium genannt.

Die Zusammenstellung wurde später um Opium als weitere Zutat erweitert. Die persische bzw. turkmenische Bezeichnung „Teriak“ oder „Theriaak“ für die aus dem Mohn gewonnene SubstanzP. G. Kritikos, S. P. Papadaki: The history of the poppy and of opium and their expansion in antiquity in the eastern Mediterranean area. In: Bulletin on Narcotics. Bd. 19, Nr. 4, 1967, , S. 17–38 (online)Carl A. Trocki: Opium, Empire, and the Global Political Economy. A Study of the Asian Opium Trade, 1750–1950 (= Asia's Transformations. Band 4). Routledge, London u. a. 1999, ISBN 0-415-19918-2, Appendix 3.Nina Kerimi: Opium use in Turkmenistan: a historical perspective. In: Addiction. Bd. 95, Nr. 9, 2000, S. 1319–1333, doi:10.1046/j.1360-0443.2000.95913194.x, . ist eine der mutmaßlichen Sprachwurzeln des Begriffs. Nach einer anderen etymologischen Deutung könnte er von dem griechischen Wort θηρίον (therion = wildes Tier) abgeleitet sein.

Aus den Compositiones des Scribonius Largus stammt das von ihm in Scrib. Larg. 164 theriace prima genannte Rezept. Es handelt sich hierbei um den ältesten Beleg des latinisierten Namens theriace(-a). Die in Scrib. Larg. 165 beschriebene Rezeptur enthält kein Opium.

Im antiken Rom soll Andromachos, der Leibarzt des Kaisers Nero, den Theriak mit zahlreichen weiteren Zutaten u. a. Vipernfleisch, ergänzt und andere Zutaten weggelassen haben. Die aus 64 Bestandteilen zusammengesetzteGiuseppe Olmi: The prince of all drugs: Theriac. In: Attilio Zanca (Hrsg.): Pharmacy through the ages. Ancient drugs. (Aus dem Italienischen übersetzt von Nicoletta Canesi und Jennifer Hart) Farmitalia Carlo Erba (Astrea Coop.r.l.) Parma 1990, S. 105–122; hier: S. 105 f. Arzneimittel-Spezialität wurde Theriaca Andromachi (auch antídotos theriakē, im Lorscher Arzneibuch später auch antidotus theriace) genannt und erfreute sich noch im 17. JahrhundertJ. Loeselius: Theriacam Andromachi, a Christophoro Meyero, Pharmacopoeo, XX. Ianuar. M.DC.LIV. confectam, recensuit Johan Loeselius. Königsberg 1654 (Digitalisat) großer Beliebtheit. Nero soll sie, ebenso wie der römische Kaiser Mark Aurel, aus Angst vor einem Giftmord regelmäßig zur Vorbeugung eingenommen haben.

Die Theriaca Andromachi hatte folgenden Bestandteile: Opium (Opium subtile pulverisatum), Sherry (Vinum Xerense), Engelwurzwurzel (Radix Angelicae pulverisata subtilis), Serpentaria-Wurzel (Radix Serpentariae), Baldrianwurzel (Radix Valerianae), Zimtrinde (Cortex Cinnamomi), Meerzwiebel (Bulbus Scillae), Zitwerwurzel (Rhizomae Zedoariae), Kardamomfrüchte (Fructus Cardamomi), Myrrhe (Myrrhae pulvis subtilis), Eisensulfat (Ferrum sulfuricum pulverisatum), Bienenhonig (Mel depuratum).Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 11.

Der griechisch-römische Arzt Galen empfahl in einer Abhandlung über GegenmittelVgl. etwa Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 164–165 (Galen: Über Gegenmittel, Buch I, Kap. 1) und S. 204. Theriak mit einem Zusatz von Vipernfleisch als Heilmittel gegen Vipernbisse. Mit zunehmender Verbreitung der auch als Domina medicinarum bezeichneten Arznei wurde die Zusammensetzung immer komplizierter, bereits Galen beschreibt in seinem Werk De Antidotis eine Rezeptur mit 70 Zutaten.Lutz Winckler: Galens Schrift „De Antidotis“. Ein Beitrag zur Geschichte von Antidot und Theriak. Marburg 1980, (Dissertation Philipps-Universität Marburg, 1980).

Mittelalter Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit galt Theriak, lateinisch um 1300 auch tyriacaJulius Leopold Pagel: Über den Theriak, nach einer bisher ungedruckten Schrift des Bernhard von Gordon. In: Pharmaceutische Post. Band 27, 1894, S. 205 f., 220–224, 235–237 und 257–262. und später auch umgangssprachlich bzw. regional Driakel, Dryackel, DriackerVgl. auch Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 366–367 (Driacker). oder Tyriaker genannt, als ein universelles, zur „Himmelsarznei“ erhöhtes Wundermittel,Thomas Holste: Der Theriakkrämer. Ein Beitrag zur Frühgeschichte der Arzneimittelwerbung. (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 5). Wellm, Pattensen/Hannover, jetzt bei Königshausen & Neumann, Würzburg, 1976, ISBN 3-921456-04-5 (Zugleich: Würzburg, Universität, Medizinische Dissertation, 1976). das therapeutisch und auch vorbeugend gegen alle nur denkbaren Krankheiten Linderung und Heilung versprach, von der Pest bis zur Lebensschwäche von Föten.Emil Höring: Der schwäbische Theriak-Pesttraktat von 1389. In: Medizinische Monatsschrift. Band 30, 1976, S. 308–311.Gundolf Keil: ‚Straßburger Theriaktraktat‘. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1364. Daher wurde sie auch als Domina medicinarum („Herrin der Heilmittel“) bezeichnet.Mesue cum expositione Mondini super canones universales ac etiam cum expositione Christiophori de Honestis in antidotarium eiusdem. Venedig 1496, S. 295 (Verso): „Tyriaca magna galieni: tiriaca dicitur domina medicinarum: galieni quia ab eo composita fuit“. Während und nach der Epidemie des Schwarzen Todes (Pest) um 1349 fand der Theriak als Einzelpräparat Anwendung, bevor ab etwa 1370 komplexere Pestbehandlungen üblich wurden.Gundolf Keil: Ostbrabanter Theriaktraktat. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 7, Sp. 91 f. Der Arzt und Apotheker Andreas Reichlin von Meldegg empfahl zur Behandlung der Pest in seinem um 1450 erschienenen Pestilenz Büchlein:

Das zusammengesetzte Arzneimittel wurde meist als Latwerge zubereitet und sowohl in Apotheken, aufbewahrt in kostbaren Gefäßen, als auch von umherziehenden Händlern (Theriakkrämern) und Quacksalbern angeboten. Um einen einheitlichen Standard der meist etwa 60Konrad Goehl: Avicenna und seine Darstellung der Arzneiwirkungen. Mit einer Einführung von Jorit Wintjes. Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-86888-078-6, S. 32. Zutaten benötigenden Rezeptur zu wahren und Fälschungen zu unterbinden, sah man sich vielerorts genötigt, Theriak unter Aufsicht von Ärzten, Ratsherrn und Apothekern herzustellen. Seit dem Mittelalter fand auch ein einfacherer, gemäß dem Antidotarium Nicolai aus nur vier Arzneidrogen hergestellter Theriak (theriaca diatesseron, theriaca minor „kleiner Theriak“) Verwendung.Dieter Lehmann: Zwei wundärztliche Rezeptbücher des 15. Jahrhunderts vom Oberrhein. Teil I: Text und Glossar. Horst Wellm, Pattensen/Han. 1985, jetzt bei Königshausen & Neumann, Würzburg (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 34), ISBN 3-921456-63-0, S. 169.Vgl. auch Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 157 (Theriak: Diatessaron: ita dicitur, quia ex quattuor ingredientibus confecta).

Die Kenntnis über Theriak verbreitete sich auch im arabischen Raum. Mitte des 13. Jahrhunderts wurde im heutigen Irak eines der herausragendsten Zeugnisse islamischer Buchkunst, der Kitāb al-diryāq (arabisch كتاب الدرياق‎, „Theriakbuch“), angefertigt. Es enthält Anekdoten von neun berühmten Ärzten der Antike, welche die Theriak-Rezeptur nutzten und verbesserten; darüber hinaus finden sich Abschnitte über Schlangen und Methoden, diese einzufangen.

Renaissance mini|Öffentliche Theriak-Zubereitung in Venedig 1512Abbildung aus: Hieronymus Brunschwig. Grosses Destillierbuch. Straßburg 1512 (Digitalisat) Das zur pharmazeutischen Theriakproduktion bis ins Spätmittelalter erforderliche Schlangenfleisch wurde von Schlangenfängern besorgt.Wilhelm Crecelius: Die sieben freien Künste. In: AnzfKdVz. Neue Folge 4, 1856, Nr. 9, Sp. 273 f. und 303–305, hier: Sp. 303. Die bedeutendste Fabrikation für Theriak befand sich in Venedig. Die Zubereitung des Venezianischen Theriak wurde als öffentliche, mehrtägige Zeremonie in Anwesenheit höchster Autoritäten mit großem Schaugepränge begangen.Theriak Veneziano, der vergessene Wundertrank der Serenissima. In: Wolfgang Salomon: Blaues Venedig. Venezia Blu. Eine Reise in die Abgründe der Lagunenstadt. Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2017, S. 113–118. Der damals weltweite Handel mit diesem kostbaren und begehrten Medikament trug nicht unwesentlich zum Reichtum der Stadt Venedig bei. Weitere Zentren der Theriak-Herstellung lagen in Deutschland (Nürnberg) und in den Niederlanden (Amsterdam).