Neuendettelsau () ist eine Gemeinde im Landkreis Ansbach im bayerischen Regierungsbezirk Mittelfranken. Sie zählt zur Metropolregion Nürnberg und bildet mit den benachbarten Gemeinden Heilsbronn und Windsbach ein Mittelzentrum.

Der Ort Neuendettelsau ist eine spätmittelalterliche Ausgründung des kleinen Dörfchens Altendettelsau. Durch die Anlage eines Herrensitzes, des Ritterguts Tetelsau, das 1298 erstmals erwähnt wurde, wuchs die Bedeutung des Ortes. Über Jahrhunderte hinweg blieb aber Neuendettelsau eine kleine Landgemeinde mit etwa 400 Einwohnern, vergleichbar mit den benachbarten Orten und Rittergütern Vestenberg und Dürrenmungenau. Im 19. Jahrhundert erfuhr der Ort durch das Wirken des Pfarrers Wilhelm Löhe und seiner Mitstreiter einen tiefgreifenden Wandel. Aus ihrem Engagement erwuchsen die Diakonissenanstalt Neuendettelsau, die heute unter dem Namen Diakoneo der größte Arbeitgeber Westmittelfrankens ist, und die Mission EineWelt. Seit 1949 gibt es in Neuendettelsau die Augustana-Hochschule, eine Einrichtung der evangelisch-lutherischen Kirche zur Ausbildung von Theologen. Neuendettelsau ist außerdem Standort einer Hostienbäckerei, einer Paramentik und einer Zollhundeschule.

Geologie Naturräumlich liegt das Gemeindegebiet in den „südlichen Mittelfränkischen Platten“, die Teil des Mittelfränkischen Beckens sind. Der Untergrund besteht überwiegend aus Sandsteinkeuper, jedoch ohne Feuerletten. Dieser hat eine Sandstein-Tonstein-Wechselfolge mit Dolomitsteinlagen bzw. Chalcedonlagen. Im Bereich der Flusstäler der Aurach und der Fränkischen Rezat dominiert Gipskeuper, der meistens aus Tonstein mit Steinmergel- und Gipslagen, zum Teil auch aus Sandstein besteht. Beim Sandstein handelt es sich überwiegend um Blasensandstein, im Westen der Gemeinde auch um Coburger Sandstein. Teilweise überlagern Schotterschleier diese Schichten. Eine Fläche südwestlich des Hauptortes weist hochgelegene Schotter auf. Die Flusstäler haben anmoorige Böden und an den Rändern Sande und Schotter der Hauptterrassen. Im Übergang zum Blasensandstein befinden sich Lehrberger Schichten teilweise mit Hangschutt.

Physische Geografie mini|Aurachtal bei der Jakobsruh mini|Feldulmen bei Geichsenhof mini|Die Fränkische Rezat bei Bechhofen

Topografie Der Hauptort der gleichnamigen Gemeinde liegt auf einer welligen Hochebene (ca. ), die im Westen bis nach Ziegendorf und im Osten bis nach Birkenhof, Haag und Reuth reicht. Die übrigen Gemeindeteile liegen in Tallage. Es gibt einige weitere Anhöhen, so den Geißberg () bei Wernsbach, den Lerchenbuck () bei Aich und den Aschberg () im Wald zwischen der Jakobsruh und Watzendorf. Der Höhenunterschied zwischen dem tiefsten Punkt in Bechhofen () und dem höchsten Punkt im Neuendettelsauer Wald () beträgt 88 Meter.

Durch das Gemeindegebiet fließen die Aurach, die Fränkische Rezat, Nebenflüsse der Aurach (rechts: Heiligenbächl, Froschwasser und Watzendorfer Bach; links: Triebenbach) und Nebenflüsse der Rezat (rechts: Weihergraben, Hopfengraben; links: Wernsbach, Leitersbach, Schwalbenbach). Die Flüsse speisen einige kleine Weiher, die größtenteils künstlich angelegt wurden. Der Flusslauf der Aurach ist durchgängig verändert und erreicht nur die Gewässerstrukturgüte IV, bei der Geichsenmühle wurde der Flusslauf vollständig verändert (= Güteklasse VII). Selbiges gilt für die Rezat, hier gibt es allerdings zwei Abschnitte, die nur geringfügig verändert wurden (= Güteklasse II). Das Aurachtal bei der Jakobsruh ist ein Trinkwasserschutzgebiet.Wolfgang Steinbauer: Die ortsgeschichtliche Entwicklung von Neuendettelsau, S. 34.

Natur Neben dem Neuendettelsauer Wald, der seit 1934/35 im Staatsbesitz ist,Wolfgang Steinbauer: Die ortsgeschichtliche Entwicklung von Neuendettelsau, S. 129. gibt es im Aurachtal noch ein größeres zusammenhängendes Waldgebiet; das Gebiet südlich von Wollersdorf trägt den Namen Bachholz. Südlich von Reuth befindet sich das Waldgebiet Birket. Die Waldgebiete bestehen hauptsächlich aus Kiefern.Wolfgang Steinbauer: Die ortsgeschichtliche Entwicklung von Neuendettelsau, S. 32.

Auf dem Gemeindegebiet sind keine Naturschutzgebiete ausgewiesen. Einziges Naturdenkmal ist eine Gruppe von drei Feldulmen bei Geichsenhof. Der südliche Teil der Gemeinde bei Bechhofen liegt im FFH-Gebiet „Gewässerverbund Schwäbische und Fränkische Rezat“. Dieses ist geprägt von mageren Flachland-Mähwiesen (Wiesen-Fuchsschwanz, Großer Wiesenknopf) und Auenwäldern mit Schwarz-Erlen und der Gemeinen Esche (Alno-Padion, Alnion incanae, Salicion albae). Es gibt dort große und zusammenhängende Populationen der Grünen Keiljungfer in qualitativ hochwertigen und eng vernetzten Habitaten. Auf dem Gemeindegebiet gibt es zahlreiche Biotope, die sich überwiegend im Aurachtal finden, besonders bei Aich und Wollersdorf. Daneben sind noch Cluster bei Watzendorf, Wernsbach und Bechhofen deutlich zu erkennen. Gemäß dem Bayerischen Naturschutzgesetz wurden zahlreiche Ökoflächen ausgewiesen, um den durch Bauvorhaben bedingten Flächenfraß zu kompensieren. Die einzelnen Ökoflächen und Biotope sind fast sämtlich deutlich kleiner als ein Hektar.

Klima Das Klima in der Neuendettelsauer Gegend ist gemäßigt (Cfb). Im Zeitraum von 1990 bis 2020 betrug die jährliche Durchschnittstemperatur 9,0 °C. Innerhalb eines Jahres gab es durchschnittlich 653,9 mm Niederschlag und 1707 Sonnenstunden. Die Klimadaten stammen von der DWD-Wetterstation in Aich. Sie ist seit 1989 in Betrieb. Bis dahin war die nächstgelegene Station in Dietenhofen.

Im Zeitraum von 1891 bis 1930 betrug die durchschnittliche Niederschlagsmenge 674 mm, von 1940 bis 1960 waren es 667 mm mit einer Schwankungsbreite von 472 mm im Jahr 1942 und 881 mm im Jahr 1950.Wolfgang Steinbauer: Die ortsgeschichtliche Entwicklung von Neuendettelsau, S. 19f.

Humangeografie Nachbarorte Angaben der Entfernung in Luftlinie in aufsteigender Reihenfolge:

Petersaurach (3,8 km nordwestlich), Windsbach (5,1 km südöstlich), Heilsbronn (5,6 km nördlich), Lichtenau (7,5 km westlich), Wolframs-Eschenbach (8,1 km südwestlich), Mitteleschenbach (8,2 km südlich), Sachsen bei Ansbach (9,3 km westlich), Rohr (9,5 km nordöstlich), Bruckberg (10,3 km nordwestlich), Kammerstein (13,5 km östlich) und Abenberg (13,5 km südöstlich).

Gemeindegliederung mini|360px|Gemeindeteile und Gemarkungen von Neuendettelsau

Die Gemeinde hat 18 Gemeindeteile (in Klammern ist der Siedlungstyp angegeben):

Es gibt die Gemarkungen Aich, Bechhofen, Haag, Neuendettelsau, Wernsbach (Gemarkungsteil 0) und Wollersdorf. Die Gemarkung Neuendettelsau hat eine Fläche von 8,009 km². Sie ist in 3037 Flurstücke aufgeteilt, die eine durchschnittliche Fläche von 2637,12 m² haben. In ihr liegen neben dem namensgebenden Ort der Gemeindeteil Froschmühle und die Wohnplätze Gewerbegebiet, Johannishof und Mühlhof.

Im Aurachtal zwischen Steinhof und Wollersdorf befand sich der Girkenhof, der im 14. Jahrhundert zur Wüstung wurde und von dem es heute keinerlei Überreste mehr gibt.

Dorfanlage mini|Dorfplan aus dem Jahr 1835

Neuendettelsau wurde als Straßenangerdorf planmäßig angelegt. Das damalige Dorf bildete ein Oval mit einer Länge in Nord-Süd-Richtung von 280 Metern und einer Breite in Ost-West-Richtung von 250 Metern, umgeben von einem Etter. Die Angerbreite betrug rund 30 Meter. Innerhalb des Etters gab es vier Teile: Der südwestliche Teil wurde vom Schloss eingenommen, der nordwestliche Teil wies einen etwas unregelmäßigen Baubestand auf, der nordöstliche Teil hatte eine geordnete, gerade verlaufende Baulinie der Gebäude am Anger, der südöstliche Teil hatte eine ebenfalls geordnete, jedoch etwas gekrümmte Baulinie der an den Anger angrenzenden Gebäude.Hanns Weiß: Der Dorfherr und seine Bauern. In: Hans Rößler (Hrsg.): Unter Stroh- und Ziegeldächern, S. 24–26.

Einige der heutigen Straßen lassen sich auf Wege und Straßen zurückführen, die bereits im frühen 19. Jahrhundert oder vorher angelegt wurden. Im Einzelnen sind dies die Bahnhofstraße, Haager Straße, Hauptstraße, Heilsbronner Straße, Reuther Straße, Riegelgasse, Schlauersbacher Straße, der Sternplatz, die Wilhelm-Löhe-Straße und die Windsbacher Straße. Die Johann-Flierl-Straße und die Friedrich-Bauer-Straße orientieren sich am Verlauf des früheren Dorfangers.

Die Straßennamen wurden 1926 eingeführt.Manfred Keßler: Häuserchronik der Kerngemeinde Neuendettelsau. In: Matthias Honold, Hans Rößler (Hrsg.): 700 Jahre Neuendettelsau, S. 213. Lediglich die Riegelgasse hat ihren Namen seit dem 17. Jahrhundert. Ansonsten orientierte man sich an den Hausnummern, die es seit 1792 gab, und den Ortsbezeichnungen Oberes Dorf, Unteres Dorf, Unteres Thor (Reuther Straße), Oberes Thor (Wilhelm-Löhe-Straße), Badgasse, Badhaus (bei der Hauptstraße) und Dirschenlache (heute Sternplatz).

Die nach dem Zweiten Weltkrieg angelegten Siedlungen wurden einheitlich nach Bäumen, Blumen, Vögeln und (ehemaligen) deutschen Städten benannt. Weiterhin wurden die alten Flurnamen und Ortsbezeichnungen berücksichtigt oder Personen, die in Neuendettelsau wirkten.

Flächennutzung Die Gebietsfläche beträgt 33,81 km². Sie wird folgendermaßen genutzt (Stand: 2019):

Geschichte In diesem Abschnitt wird hauptsächlich die Geschichte des Ortes Neuendettelsau behandelt. Zur Geschichte der Gemeindeteile siehe die jeweiligen Artikel.

Ortsname Der Ortsname leitet sich von dem gleichnamigen Flurnamen ab. Das Grundwort ist , das Bestimmungswort ist der Personenname Tatili, Detel. Als Erklärung ergibt sich somit Zu den Auen des Tatili. Der ursprünglichere Ort ist Altendettelsau, der bereits 1141 erstmals schriftlich erwähnt wurde. Neuendettelsau ist eine Ausgründung und erhielt dementsprechend das Präfix Neu(en)-. Da es aber bald wesentlich bedeutender als Altendettelsau war, wurde es bis ins 16. Jahrhundert hinein meist einfach nur Dettelsau genannt.Wolf-Armin von Reitzenstein: Lexikon fränkischer Ortsnamen, S. 157.Elisabeth Fechter: Die Ortsnamen des Landkreises Ansbach, S. 138.

Für Neuendettelsau lassen sich folgende Belege sicher zuordnen:

Im fränkischen Dialekt wird der Ort „Deddlsa“Elisabeth Fechter: Die Ortsnamen des Landkreises Ansbach, S. 138. oder „Beddlhē“ genannt,Bis zum Wirken Wilhelm Löhes war der auf einem Hochplateau gelegene Ort verhältnismäßig unbedeutend und arm und wurde deswegen von den Bewohnern umliegender Orte als „Bettelhöhe“ bezeichnet. Friedrich Weiß: Der Dorfherr und seine Bauern. In: Hans Rößler (Hrsg.): Unter Stroh- und Ziegeldächern, S. 31.Nach Martin Droschke: Von Hundefressern und Zwiebeltretern (s. a. Beitrag in Frankenschau aktuell 18. Juli 2019) etablierte sich der Name erst zur Zeit Wilhelm Löhes, als dieser in umliegenden Dörfern für die Finanzierung seiner Einrichtungen um Geld „betteln“ ließ. wobei die letztgenannte Form heute kaum noch im Gebrauch ist.

Frühgeschichte Bei Mausendorf wurde 1990 ein Faustkeil gefunden, der dem Acheuléen zuzuordnen ist, also über 100.000 Jahre alt ist.Manfred Keßler: Der Rittersitz zu Dettelsau, S. 11 f. In Neuendettelsau wurden Funde aus dem Paläolithikum gemacht. Eine größere Anzahl von Fundstücken aus dem Mesolithikum gibt es in Neuendettelsau, Mausendorf und Wernsbach. Nördlich des Ortes fand man neolithische Silexartefakte und Scherben aus der Urnenfelderzeit. Ab dem 5. Jahrtausend vor Christus weisen archäologische Funde auf eine gewisse Siedlungskontinuität hin. Neuendettelsau lag an einem alten Handelsweg, der in Süd-Nord-Richtung verlaufenden „Hochstraße“; auch die Flur Weinstraße verweist auf eine früher bedeutende Fernverbindung.

Mittelalter