Die Südliche Grant-Gazelle (Nanger granti) ist eine Art aus der Gattung der Spiegelgazellen innerhalb der Familie der Hornträger. Sie kommt in Ostafrika vor, hauptsächlich im nordwestlichen Tansania sowie im südwestlichen Kenia, und lebt in offenen Savannenlandschaften. Es handelt sich um einen großen Vertreter der Gazellen. Charakteristische Merkmale finden sich neben den markant gebogenen Hörnern unter anderem in dem seitlich auskeilenden hellen Rumpffleck. Das Sozialleben ist komplex und besteht aus variierenden Herdengruppen unterschiedlicher Geschlechterzusammensetzung zuzüglich einzelgängerischen männlichen Individuen. Die Tiere ernähren sich hauptsächlich von harten Gräsern und weichen Pflanzenbestandteilen. Die Fortpflanzung findet ganzjährig statt, in der Regel bringt ein Muttertier nur ein Junges zur Welt. Die Südliche Grant-Gazelle wurde im Jahr 1872 wissenschaftlich eingeführt. Ursprünglich galten alle Grant-Gazellen als zu einer Art gehörig. Genetische Untersuchungen aus dem Beginn des 21. Jahrhunderts teilten diese aber in drei unabhängige Linien auf. Der Gesamtbestand der Grant-Gazellen gilt als ungefährdet.

Merkmale mini|links|Südliche Grant-Gazelle im Ngorongoro-Krater Die Südliche Grant-Gazelle ist eine vergleichsweise große Gazellenart. Sie erreicht eine Kopf-Rumpf-Länge von 134 bis 153 cm bei männlichen und rund 127 cm bei weiblichen Tieren, hinzu kommt ein 27 bis 34 cm langer Schwanz. Die Schulterhöhe beträgt bei Männchen 84 bis 94 cm, bei Weibchen 75 bis 83 cm. Dementsprechend variiert das Gewicht männlicher Individuen zwischen 58 und 81,5 kg und das weiblicher zwischen 38 und 67 kg. Der Rücken sowie die Seiten sind rotbraun gefärbt, die Bauchseite und zusätzlich die Innenseiten der Gliedmaßen erscheinen weißlich. Weitere weiße Flecken treten an der Kehle und am hinteren Rumpf auf. Letzterer, als „Spiegel“ bezeichnet, erstreckt sich bis über den Schwanzansatz, ist ungeteilt und keilt seitlich etwas in den Körper aus. Hier trennen zusätzliche schmale schwarze und senkrecht stehende Streifen die rötlichbraune Grundfärbung vom weißen Fleck. Die Schwanzunterseite und das buschige Schwanzende sind ebenfalls schwarz. Die Schwanzoberseite ist weiß und unterscheidet sich damit von der rötlichbraunen der Östlichen Grant-Gazelle (Nanger petersii). Bei dieser ist der Rumpffleck außerdem geteilt. An den Seiten verläuft jeweils ein horizontales Band, das allerdings bei männlichen Tieren nicht sehr stark ausgeprägt ist wie bei weiblichen. Im Gegensatz dazu haben die Männchen der Nördlichen Grant-Gazelle (Nanger notatus) einen markanteren Seitenstreifen. Der Kopf sitzt auf einem kräftigen Hals. Im Gesicht umrahmt ein schwarzer Streifen die Augen, die Nase bedeckt ein dunkler, dreieckiger Fleck. Die Voraugendrüsen sind klein. Die Ohren werden 16 bis 18,5 cm lang. Hörner kommen bei beiden Geschlechtern vor. Sie sind stark geringelt und bei Weibchen graziler gestaltet als bei Männchen. Ihre Form erinnert grob an eine Leier, am Kopf steigen sie zuerst steil auf, biegen dann deutlich seitlich nach außen und zeigen mit der Spitze nach hinten. Die Länge beträgt 50 bis 80 cm bei Männchen und 30 bis 45 cm bei Weibchen. Die Hornspitzen stehen 26 bis 66 cm weit auseinander.

Verbreitung und Lebensraum mini|Die Verbreitungsgebiete der drei Arten der Grant-Gazellen Die Südliche Grant-Gazelle kommt in Ostafrika vor. Das Verbreitungsgebiet reicht vom Elmenteitasee im Ostafrikanischen Graben ostwärts über Nairobi bis zum Tsavo-West-Nationalpark, durch einzelne Ausbreitungsbewegungen ist die Gazellenart auch im Westen des Tsavo-East-Nationalparks anzutreffen. Im Südwesten schließt der Lebensraum das Serengeti-Ökosystem mit ein. Die Tiere leben in offenen, trockenen Savannenlandschaften, teilweise aber auch in eher geschlossenen Habitaten, wo sie aber weitgehend buschige Täler nutzen. Unter Umständen sind sie auch in kühleren Hochlagen anzutreffen. In der Regel toleriert die Südliche Grant-Gazelle keine weichen Böden.

Lebensweise Territorialverhalten Das Sozialverhalten der Südlichen Grant-Gazelle ist komplex. Den Grundbestand bilden verschiedene Herdenstrukturen, die an sich aber relativ instabil sind. Herden aus rein weiblichen Tiere umfassen durchschnittlich 6,1 Individuen, bei Harems, also einschließlich eines dominanten Männchens, sind es durchschnittlich 9,6 Individuen. Junggesellengruppen aus nur männlichen Tieren bestehen aus durchschnittlich 4,6 Individuen. Gemischte Verbände aus sowohl männlichen als auch weiblichen Tieren können mitunter groß werden und im Schnitt 46,5 Individuen einschließen, die obere Grenze kann bei 400 und mehr liegen. Im letzten Fall handelt es sich um Kongregationen mehrerer Verbände, die innerhalb weniger Stunden wieder zerfallen. Daneben treten auch einzelne Böcke auf, die dann ein territoriales Verhalten zeigen. Alle bekannten Herdenstrukturen der Südlichen Grant-Gazelle sind in waldigeren Landschaften größer als in der offenen Savanne. Abweichend hiervon werden die gemischten Gruppen in geschlosseneren Gebieten kleiner und bestehen aus nur rund einem Dutzend bis maximal 40 Tieren. Generell stellen die gemischten Verbände in der Serengeti etwa die Hälfte aller Herdenformen, in waldigeren Landschaften gehen sie auf etwa 12 % zurück und es dominieren eher die Harems mit rund einem Drittel der Herden. Variationen lassen sich auch über das Jahr hinweg feststellen. Die Gruppengröße der Herden nimmt in der Regenzeit ab, gleichzeitig steigt die Territorialität der männlichen Tiere an. In der Trockenzeit sinkt die Territorialität wieder, während gleichzeitig die gemischten Verbände zunehmen.

mini|Südliche Grant-Gazelle in der Serengeti Die Junggesellengruppen der männlichen Tiere schließen junge und ältere Böcke ein. Innerhalb der Gruppe gibt es eine altersabhängige Hierarchie. Die Tiere untereinander tragen zahlreiche Sparringskämpfe aus. Während der Wanderung der Junggesellengruppe läuft das dominante Männchen hinter den untergeordneten Individuen, gleiches gilt für die Harems. Die territorialen Böcke besetzen Reviere von 2,5 bis 10 km² Größe. In der Serengeti erreichen diese einen Durchmesser von 1 bis 2 km, im Ngorongoro-Krater belaufen sie sich hingegen auf 300 bis 600 m. Sie liegen in den Schweifgebieten der größeren Herdenverbände, die sich auf bis zu 20 km² ausdehnen. Innerhalb dieser vollzieht eine Herde tägliche Wanderungen zu den verschiedenen Fress- und Ruhestellen. Sie legt dabei täglich rund 10 km zurück, der Zug findet im Reihenmarsch statt. Die Aktionsräume können sich an den Grenzen mit denen anderer Herden überschneiden, was auch einzelnen Individuen das Wechseln der Gruppe ermöglicht. Verlässt ein territorialer Bock hingegen sein Revier, um mit einer Herde zu ziehen, so erlangt er den Status eines Junggesellen. Andererseits kann ein Männchen eines Harems den territorialen Bock vertreiben und selbst territorial werden. In waldigeren Gebieten halten sich rein weibliche Gruppen mit Jungtieren häufig über mehrere Monate im Gebiet eines territorialen Bockes auf, sie fungiert dann als Harem des Besetzers. In Regionen mit großen Wanderungsbewegungen der Herden wie in der Serengeti sind die Territorien der Böcke dagegen weitgehend instabil. Die Grenzen werden durch besondere Landschaftsmarken definiert und in der Regel mit Urin oder Kot gekennzeichnet. Die nur kleine Voraugendrüse der Südlichen Grant-Gazelle spielt bei der Reviermarkierung im Gegensatz zu zahlreichen anderen Gazellen wie den Thomson-Gazellen keine Rolle. Ansprüche auf Territorien drücken Männchen durch Wischen mit den Hörnern durch das Gras aus. Außerdem präsentieren sie sich auf erhöhten Stellen in seitlicher Position mit hoch gehaltenem, hin und her schwingendem Kopf, wodurch sie ihre kräftige Nackenmuskulatur zeigen; vor allem die schwingende Kopfbewegung ist ungewöhnlich für Gazellen. Diese Position halten sie bis zu einer viertel Stunde. Bei Revierkämpfen umkreisen sich die Kontrahenten mehrfach langsam in bis zu 10 m Abstand und kommen dann mit gesenktem Gehörn bis auf 3 m zusammen. Danach recken sie die Köpfe und präsentieren ihren Kehlfleck. In fast der Hälfte der Fälle gibt einer der Kontrahenten auf, in etwa einem Viertel der Fälle kommt es zum Kampf. Dieser besteht in einem Ringwettstreit, bei dem die Hörner ineinander verkeilt werden.

Die Südliche Grant-Gazelle tritt häufig gleichzeitig mit den verschiedenen Vertretern der Thomson-Gazellen auf. Ähnlich wie diese vollzieht auch die Südliche Grant-Gazelle in offenen Landschaften der Serengeti jährliche Wanderungen. Diese sind aber teils gegenläufig zu denen der anderen großen Pflanzenfresser der Region. Die Tiere besetzen dabei vor allem trockene Landschaften, was möglicherweise die Konkurrenz mindert. In der Regel verlässt die Südliche Grant-Gazelle während der Wanderung als letzte ein bestimmtes Gebiet.

Ernährung und Energiehaushalt Die Nahrung der Südlichen Grant-Gazelle besteht aus gemischter Pflanzenkost (mixed feeding) und setzt sich sowohl aus harten Gräsern als auch weicheren Pflanzenteilen zusammen. Die Qualität der Nahrung ist dadurch abhängig von den Jahreszeiten, generell erhöht sich der Anteil der weichen Pflanzenkost in der Regenzeit. Über das gesamte Jahr gesehen beziehen weibliche Tiere ihre Nahrung nach Analysen von Mageninhalten aus der Region um Arusha in Tansania zu 69 % von weicher und zu 27 % von harter Vegetation. Bei männlichen Tieren liegt der Anteil weicher Pflanzenbestandteile mit rund 86 % etwas höher. Die typische Ernährungsweise der Südlichen Grant-Gazelle spiegelt sich auch in Isotopenanalysen wider. Aufgrund der Anpassungen an einen trockenen Landschaftsraum benötigten die Tiere kaum Trinkwasser und kommen lange Zeit ohne Wasserzufuhr aus.

Die Südliche Grant-Gazelle ist an extrem trockene Bedingungen angepasst. Bei hohen äußeren Temperaturen kann die Körpertemperatur auf bis zu 46,5 °C ansteigen und die Umgebungstemperatur um 0,5 bis 2 °C übertreffen. Dabei fließt Körperwärme von der inneren zur äußeren Region und vermeidet so Hecheln oder Schwitzen und damit zusätzlichen Wasserverlust durch Oberflächenverdunstung an der Haut.

Fortpflanzung Die Fortpflanzung findet ganzjährig statt, es gibt aber eine höhere Geburtenrate von Dezember bis Februar und von August bis September. Die erste Phase fällt in die kurze Regenzeit, die zweite in die Trockenzeit. Anzeichen der Paarungsbereitschaft bei weiblichen Tieren finden sich unter anderem in einem starren Schwanz. Böcke folgen brünftigen Weibchen in einer typischen Körperhaltung mit erhobenem Schwanz und erhobener Nase, dabei stoßen sie stotternde Laute aus. Häufig versucht die Geiß das Männchen zu umgehen, aufdringliche Männchen drängt sie zurück. Das Treiben der Geiß durch den Bock findet bei mäßiger Geschwindigkeit statt, bei der Flucht des Weibchens folgt das Männchen nur selten, es versucht aber gelegentlich den Weg durch eine seitliche Körperhaltung zu blockieren. Mitunter drückt das Männchen ein typisches Flehmen aus, was eine provozierte Urinabgabe beim Weibchen verursacht. In rund vier Fünftel aller Fälle beendet das Männchen dann die Kontaktaufnahme. Der Geschlechtsakt wird mehrfach wiederholt, das Männchen steht dabei auf den Hinterbeinen.

Die Tragzeit dauert 198 bis 199 Tage. Es kommt jeweils ein Junges zur Welt, Zwillingsgeburten sind nicht bekannt. Der Nachwuchs wird im Gebüsch versteckt. Das Muttertier ruft das Junge mit einem blökenden Laut und nickendem Kopf zum Saugen auf. Teilweise treffen sich mehrere Weibchen zum Säugen ihrer Jungtiere. Junge Weibchen erreichen mit 420 bis 450 Tagen die Geschlechtsreife, bei Männchen dauert es fast doppelt so lang. Unter Umständen können Weibchen aber schon nach rund 210 bis 290 Tagen eigenen Nachwuchs austragen. Die Lebenserwartung in freier Wildbahn ist unbekannt, Tiere in menschlicher Gefangenschaft wurden bis zu 19 Jahre alt.

Fressfeinde und Parasiten