mini|Fujiwara no Otsugu (773–843), ein Adliger und Minister in der Heian-Zeit, spielt eine wagon. Zeichnung von Kikuchi Yōsai im Zenken Kojitsu, einer Sammlung von Biografien historischer Persönlichkeiten, veröffentlicht 1903. Wagon (, auch , zusammengesetzt aus , „Japan“, und , „Zither“) ist eine seltene sechssaitige Wölbbrettzither mit beweglichen Stegen, die ihren beiden Namen entsprechend einen hervorgehobenen Status als einziges in Japan entwickeltes Saiteninstrument genießt, während der Ursprung der bekannteren koto mit 13 Saiten in China vermutet wird. Die Wölbbrettzither erscheint in Japan ohne unmittelbares Vorbild um die Zeitenwende, in der Yayoi-Zeit, und besitzt als wagon seit dem 8. Jahrhundert ungefähr die heutige Form. Die wagon wird ausschließlich in der religiösen Kultmusik und zur Tanzbegleitung im Shintō sowie in einigen Genres der höfischen Musik Gagaku verwendet.

Herkunft mini|Javanische Bambusröhrenzither gumbeng mit zwei idiochorden Saiten. Tropenmuseum, Amsterdam, vor 1936. Zu den Urformen von Zithern, die nur einen geraden Saitenträger, der zugleich Resonanzkörper ist, und eine oder mehrere parallel darüber gespannte Saiten benötigen, gehören die Bambusröhrenzithern, die eine idiochorde (aus der äußeren Schicht der Bambusröhre ausgeschnittene) Saite besitzen. Nach einem früher mutmaßlich weit größeren Verbreitungsgebiet werden sie bis heute in Asien in den Volksmusiken von Nordostindien (gintang, chigring) über Indonesien (guntang), Philippinen (kolitong) und im Hochland von Vietnam gespielt.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 190. Bambusröhrenzithern gehören zum charakteristischen Instrumentarium der ältesten Völker auf den Malaiischen Inseln.Artur Simon: Southeast Asia: Musical Syncretism and Cultural Identity. In: Fontes Artis Musicae. Band 57, Nr. 1, Januar–März 2010, S. 23–34, hier S. 25. Eine Weiterentwicklung der idiochorden Bambusröhrenzithern sind heterochorde Instrumente, darunter die sasando auf der indonesischen Insel Roti, die mit 24 oder mehr über die gesamte Oberfläche der Bambusröhre gespannten Stahlsaiten eine Besonderheit darstellt. Eine andere Entwicklungsrichtung führt zu hauptsächlich im zentralen und östlichen Afrika vorkommende Floßzithern, bei denen mehrere Röhren, die jeweils eine Saite tragen, parallel miteinander verbunden sind. Curt Sachs (1923) erkennt überdies in Bambusröhrenzithern die Vorstufe der südostasiatischen Krokodilzithern (etwa der mí-gyaùng saung in Myanmar und der krapeu oder takhe in Kambodscha), die er wiederum für die Ahnen der ostasiatischen Wölbbrettzithern wie der chinesischen guzheng hält.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens (zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde). 2. Auflage, Georg Reimer, Berlin 1923, S. 103. Deutlich ist die Entwicklung von der Bambusröhrenzither valiha zur Kastenzither marovany auf Madagaskar an der übernommenen Spielhaltung zu erkennen.Rolf B. Roth: Die Abgrenzung „Indonesiens“ nach Raum und Zeit: Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Indo-Pazifik. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 112, Heft 1, 1987, S. 1–44, hier S. 20. Als Urahn der Wölbbrettzithern kommen laut Curt Sachs und Kurt Reinhard (1956) insbesondere die Halbröhrenzithern aus Bambus in Frage, bei denen eine Bambusröhre längs gespalten und eine Hälfte an der Außenseite mit Saiten bespannt wird.Kurt Reinhard: Chinesische Musik. Erich Röth-Verlag, Kassel 1956, S. 138. Halbröhrenzithern aus Bambus sind selten und waren im südlichen Afrika (tshidzholo, obsolet), auf einigen ostindonesischen Inseln (santo auf der Insel Flores)Jaap Kunst: Music in Flores: A Study of the Vocal and Instrumental Music Among the Tribes Living in Flores. Brill, Leiden 1942, S. 129. und im alten China vertreten. Aufgrund ihrer Herkunft werden die Wölbbrettzithern in die Gruppe der Halbröhrenzithern klassifiziert,Ulrich Wegner: Zithern. B. Außereuropäische Zithern. II. Röhrenzithern. 2. Halbröhrenzithern. In: MGG Online, November 2016 obwohl sie generell nicht aus einer halben Röhre (Rinne), sondern in der älteren Form aus einem an der Unterseite in der Mitte ausgedünnten Brett (frühere kasachische jetigen) und in der heute allgemein üblichen Form aus einem Resonanzkasten mit gewölbter Decke bestehen.

China mini|Chinesische guqin mit 7 Saiten. mini|Chinesische guzheng mit 21 Saiten und verschiebbaren Stegen. Das bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. abgefasste Shījīng, „Buch der Lieder“, ist die bedeutendste Textsammlung für altchinesische Dichtung und Musik aus der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. In mehreren Gedichten werden kleine und große Zithern erwähnt, ferner Klangsteine, Gefäßflöten, Flöten, Glocken und Trommeln. Die ältesten chinesischen Brettzithern besaßen fünf Saiten, im Verlauf der Zhou-Dynastie wurde die Saitenzahl auf sieben erhöht und in einem Gedicht (Nr. 218) im Buch der Lieder ist offenbar mit guqin (ch’in) eine sechssaitige Zither gemeint, deren Saiten parallel über ein längliches Holzbrett verlaufen.Eta Harich-Schneider: The Earliest Sources of Chinese Music and Their Survival in Japan. In: Monumenta Nipponica, Bd. 11, Nr. 2, Juli 1955, S 195–213, hier S. 197, 208

Die älteste schriftliche Quelle, in der eine chinesische Halbröhrenzither erwähnt wird, deren Saiten mit einem Reibestab gestrichen wurde, heißt Jiu Tangshu („Alte Geschichte der Tang-Dynastie“) und wurde 945 fertiggestellt. Zum Streichen der yazheng genannten Zither wurde der Beschreibung zufolge in der Tang-Zeit (617/618–907) ein an seinem Ende angefeuchteter Bambusstab verwendet. Ya bedeutet, dass ein Stab ohne Haare verwendet wurde und zheng (guzheng) steht allgemein für „Wölbbrettzither“. Reibestäbe wurden möglicherweise erstmals im 6. Jahrhundert an Lauteninstrumenten in der zentralasiatischen Region Sogdien verwendet und von dort könnte diese Spieltechnik nach China gelangt sein.Harvey Turnbull: A Sogdian friction chordophone. In: D. R. Widdess, R. F. Wolpert (Hrsg.): Music and Tradition. Essays on Asian and other musics presented to Laurence Picken. Cambridge University Press, Cambridge 1981, S. 197–206, hier S. 197. Eine frühe Abbildung der yazheng ist im Yueshu („Buch der Musik“) des Chen Yang von 1104 enthalten. Zu sehen ist eine lange Zither mit ungefähr neun Saiten über einem leicht gewölbten Brett, die einer guzheng ähnlich ist. Weitere Abbildungen im Zusammenhang mit höfischen Bankettszenen und Liedvorträgen verweisen auf eine wachsende Popularität der yazheng ab dem 12. Jahrhundert. Im 14. Jahrhundert gelangte eine yazheng mit sieben Saiten als ajaeng nach Korea, wo sie bis heute gespielt wird. In China kommen die mit einem Stab gestrichenen Wölbbrettzithern nur noch regional unter verschiedenen Namen in der Volksmusik vor.Han Mei: Yazheng. In: Grove Music Online. 28. Mai 2015. doi:10.1093/gmo/9781561592630.article.L2281942 (nur über Login).

Die heute bekannteste chinesische Wölbbrettzither ist die guzheng, deren Geschichte bis ins 1. Jahrtausend v. Chr. zurückreicht. Die erste Dokumentation einer Musikaufführung mit einer guzheng enthält das Shiji („Aufzeichnungen des Historikers“) um 100 v. Chr. Demnach wurde die guzheng zusammen mit Tontrommeln und Tontöpfen zur Liedbegleitung verwendet. Laut dem ältesten chinesischen Zeichenlexikon Shuowen Jiezi aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. besaß die Zither einen Korpus aus Bambus und produzierte durch Zupfen der Saiten einen Ton „zheng“, so der lautmalerische Name des Instruments. Die ursprüngliche Verwendung von Bambus geht vermutlich auch aus dem Schriftzeichen für zheng () hervor, dessen oberer Teil das Zeichen zhú () für „Bambus“ ist.Han Mei: Zheng. In: Grove Music Online. 2001 doi:10.1093/gmo/9781561592630.article.46543 (nur über Login). Kleiner als die guzheng sind die vietnamesische Wölbbrettzither đàn tranh und die chinesische guqin, die im Unterschied zu allen anderen ostasiatischen Zithern keine Stege unter den Saiten besitzt. Eine alte und mit 25 bis 50 Saiten besonders große chinesische Wölbbrettzither ist die se. Die japanische koto mit heute 13 Seide- oder Nylonsaiten kam vermutlich in der Nara-Zeit (710–794) von China nach Japan.Willem Adriaansz: Koto. In: Grove Music Online. 2001 doi:10.1093/gmo/9781561592630.article.15420 (nur über Login). Die Ainu im nördlichen Japan spielen mit der Schalenzither tonkori, einen anderen Zithertyp, der ansonsten in Ostafrika vorkommt.

Japan mini|Japanische koto mit 13 Saiten. Malerei von Hasegawa Settei, 1878. Das Verbreitungsgebiet der Bambusröhrenzither deckt sich nur in wenigen Gegenden mit dem des Mundbogens oder Musikbogens, der vor allem im südlichen Afrika und innerhalb Asiens in Taiwan (gongqin) und vereinzelt in Indien (villadi vadyam und dhankul) vorkommt. In ihrer Form zwischen Musikbogen und Röhrenzither steht die Stabzither, die in Ostafrika als zeze bekannt ist, aber in Ost- und Südostasien praktisch fehlt. Dort sind Drachenbögen beliebt, die in Japan unari heißen.

Vor der Einführung der koto gab es in Japan bereits den heute wagon genannten Zithertyp, der damals noch den Namen koto trug. Diese altjapanische koto soll der Überlieferung zufolge aus sechs Mundbögen, die nebeneinander gelegt wurden, entstanden sein.Francis Piggott, 1909, S. 111; Laurence Picken: The Music of the Far Eastern Asia. 2. Other Countries. In: Egon Wellesz (Hrsg.): Ancient and Oriental Music. Oxford University Press, London 1957, S. 177 Die ersten Werke in altjapanischer Sprache, das Kojiki (um 712 verfasst) und das Nihonshoki (um 720), erzählen von der Bedeutung von Tanz und Musik für die kosmogonische Ordnung. Zur Musik der bekanntesten mythischen Erzählung gehörten auch Mundbögen (Jagdbögen).Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. A complete, autoritative encyclopedia of instruments throughout the world. Country Life Limited, London 1966, S. 584, s. v. „Wagon“. Sie handelt von der Sonnengöttin Amaterasu, die von ihrem später zum Wächter der Hölle beorderten Bruder und Gegenspieler Susanoo beleidigt wurde. Verärgert darüber zog sich die Sonnengöttin in eine Höhle zurück, wodurch die Erde in ewige Dunkelheit fiel. Daraufhin führte Amenouzume vor der Höhle einen von Musik und dem Gelächter der übrigen versammelten Gottheiten begleiteten humorigen und anzüglichen Tanz auf. Dies lockte die neugierig gewordene Amaterasu aus der Höhle heraus und so wurde der Himmel wieder hell. Chinesische Quellen aus der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends lassen erkennen, dass die Musik im alten Japan eine bedeutende Rolle im Alltag spielte, aber hauptsächlich eine Volksmusik mit einfachen Formen war.William P. Malm, 1959, S. 25.