mini|hochkant|Der Verleger Hein Kohn, 1950er Jahre Hein Kohn (* 25. März 1907 in Augsburg; † 1. Oktober 1979 in Hilversum, Niederlande), geboren als Heinz Kohn, war ein deutsch-niederländischer Verleger und Literaturagent.

Familie Heinz Kohn war ein Sohn des (jüdischen) Augsburger Tuchfabrikanten Eugen Kohn (1854–1909) und dessen Ehefrau Hermine (* 29. Juni 1868 in Jülich; † 31. Oktober 1940 in Hilversum), geborene Hirsch. Sein älterer Bruder war der Historiker Ernst Kohn-Bramstedt.Herbert A. Strauss, Werner Röder (Hrsg.), Hannah Caplan, Egon Radvany, Horst Möller, Dieter Marc Schneider (Bearb.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945, Band 2: The Arts, Sciences, and Literature. Walter de Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-5981-0089-5, S. 139–140, 642.

Heinz Kohn heiratete 1930 Rosel (* 15. Dezember 1904 in Augsburg; † 5. Oktober 1969 in Hilversum), geborene Sirch.Schriftliche Auskunft der vollständigen Lebensdaten seiner Mutter Rosel durch deren Sohn Menno (* 1945) vom 19. Juni 2019. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor, Werner Rudolf (* 5. September 1935 in Hilversum; † 24. März 2017 in Bergisch Gladbach)Werner Rudolf Kohn, auf: wirtrauern.de und Menno (* 1945).W. Engel, B. van der Schuyt: De bewoners van de 's-Gravelandseweg te Hilversum. Ruim twee eeuwen dorpsgeschiedenis. Uitgeverij Verloren, Hilversum 2005, ISBN 978-90-655-0832-4, S. 236–237.Internationaal Literatuur Bureau, auf: lindakohn.nl

Schule und Ausbildung Heinz Kohn besuchte vom 24. April 1920 bis zum 21. März 1923 das reformpädagogische Landerziehungsheim Freie Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald,Abgangszeugnis für Heinz Kohn, geb. 26. März 1907 in Augsburg. Seine letzte Klassenstufe dort war die Obertertia (Jahrgangsstufe 9), die er erfolgreich abgeschlossen hat; ihm wurde die Reife für die Untersekunda (Jahrgangsstufe 10) bestätigt. Urkundenvordruck maschinenschriftlich ausgefüllt durch die Freie Schulgemeinde Wickersdorf, 21. März 1923, gestempelt und eigenhändig signiert durch Schulleiter Martin Luserke.Peter Dudek: „Alles braver Durchschnitt“? Impressionen zur Schülerschaft der FSG Wickersdorf 1906–1945. In: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 2017. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2018, ISBN 978-3-7815-2237-4, S. 234–279 (Zitatstelle: S. 256). wo er der Kameradschaft von Carl Maria Weber angehörte. Sein ein Jahr älterer Cousin Walter (* 1906) begleitete ihn 1920 dorthin, wurde in diesem Internat jedoch nur kurzzeitig vom 20. Februar bis zum 31. August desselben Jahres unterrichtet.Tatsächlich verzeichnet ist ein Werner Kohn mit Geburtsjahr 1906. In: Schülerverzeichnis der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen, Hessen. Ab 1924 machte Heinz Kohn eine zweijährige Ausbildung in der Lampart’schen Verlags- und Sortimentsbuchhandlung in Augsburg. Nach dem Abschluss seiner Lehre besuchte er die Buchhändlerschule in Leipzig. Während dieser Zeit wurde er politisch aktiv und sympathisierte mit der Sozialdemokratie. Er trat in die Sozialistische Arbeiter-Jugend (SAJ) und das überparteiliche Bündnis Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold ein.Peter Manasse: Boekenvrienden Solidariteit, turbulente jaren van een exiluitgeverij. Biblion Uitgeverij, Den Haag 1999. ISBN 9054831782, S. 9, 13, 55, 58, 68, 70, 79, 94, 106.

Wirken Nach seinem Examen war er für den Verlag Volksstimme der SPD tätig, danach als Buchverkäufer für das Verlagshaus der Norddeutschen Volksstimme in Bremerhaven, später als Herausgeber bei der Büchergilde Gutenberg in Berlin. Ab 1930 war er auch Filmkritiker für die sozialistische Tageszeitung Hamburger Echo. Zusammen mit seinem Freund Friedrich Oetinger übernahm er die Leitung der Heinrich Heine-Buchhandlung in Hamburg, die beide sehr erfolgreich führten. Sie gaben Schriften heraus, die sich gegen den Nationalsozialismus richteten, 1931/32 auf der Basis ihnen zugespielter Briefe das Enthüllungsbuch Liebesbriefe des Hauptmann Röhm.Der Furcht so fern, dem Tod so nah. In: Der Spiegel, 20 (1957), 15. Mai 1957, auf: spiegel.de

Nach der Machtabtretung an die Nationalsozialisten flüchtete Heinz Kohn am 5. Mai 1933, fünf Tage vor den reichsweiten Bücherverbrennungen, in die Niederlande. Dabei erhielt er, der keinen Reisepass besaß, Hilfe durch seinen Augsburger Schulfreund Paul Baumgärtner, der bei der Nederlandsche Seintoestellen Fabriek (NSF) als Ingenieur beschäftigt war. Vorausgegangen waren das Ermächtigungsgesetz, die Verbote oppositioneller Parteien, vieler Presseorgane, der Gewerkschaften, das Auftritts- und Arbeitsverbot für jüdische Schauspieler, Sänger und Schriftsteller, der Boykott jüdischer Geschäfte, die Eröffnung des ersten Arbeitslagers für Oppositionelle in Dachau und der Ausschluss u. a. jüdischer Beamter aus dem Staatsdienst.

In den Niederlanden kam Heinz Kohn zusammen mit seiner Ehefrau Rosel zunächst bei seinem Schulfreund Paul Baumgärtner in Hilversum unter, bevor er eine eigene Wohnung beziehen konnte.Kohn, Hein (Heinz). In: Exilarchiv, Deutsche Nationalbibliothek, auf: dnb.de Dort passte er seinen Vornamen an den niederländischen Sprachgebrauch an und verkürzte ihn auf „Hein“.

Beim niederländischen Rundfunksender VARA (= Vereinigung der Arbeiter-Radioamateure), in den ihn Paul Baumgärtner in dessen Funktion als Mitglied der technischen Kommission eingeführt hatte, traf er den deutschen Sänger Ernst Busch und entschloss sich, das von diesem gesungene Solidaritätslied (Text: Bertolt Brecht, Musik: Hanns Eisler) zusammen mit weiteren Liedern Buschs zu veröffentlichen. Das durch Kohn gedruckte Gedicht wurde als Handout an Besucher musikalischer Auftritte Ernst Buschs überreicht.Els Andringa: Deutsche Exilliteratur im niederländisch-deutschen Beziehungsgeflecht: Eine Geschichte der Kommunikation und Rezeption 1933–2013 (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Band 137). Walter de Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-1103-4202-4, S. 121.

mini|hochkant|Ernst Toller: In de boeien (= In Fesseln), Zeichnung von Käthe Kollwitz, erschienen im Exilverlag Boekenvrienden Solidariteit, Hilversum 1935 mini|hochkant|Flugblatt für Leser des Exilverlags Boekenvrienden Solidariteit, um 1935 mini|hochkant|Exlibris Hein Kohn, Hilversum Nach dem Vorbild der Büchergilde Gutenberg gründete er im Januar 1934 zusammen mit dem niederländischen Dichter Martinus „Martien“ Beversluis (1894–1966), den er bei Zusammenkünften des Autorenkollektivs der Zeitschrift Links Richten kennengelernt hatte,Beversluis, Martinus. In: Biografisch Woordenboek van het Socialisme en de Arbeidersbeweging in Nederland (BWSA), auf: socialhistory.orgMehring im niederländischen Exilband »Brandende Woorden«, 23. Februar 2015, auf: walter-mehring.info den Exilverlag Boekenvrienden Solidariteit (= Bücherfreunde Solidarität),Paul Arnoldussen: Beversluis, Martinus. In: Biografisch Woordenboek van het Socialisme en de Arbeidersbeweging in Nederland (BWSA). Der Artikel basiert auf der vorhergehenden Veröffentlichung in: BWSA, 7 (1998), S. 13–16, auf: socialhistory.orgMartien Beversluis, auf: deutsche-digitale-bibliothek.de der bis 1936 unter dieser Bezeichnung Bücher verlegte. Der Name des Verlags wurde von Brechts Solidaritätslied abgeleitet. Boekenvrienden Solidariteit unterschied sich von den Amsterdamer Exilverlagen Querido und Allert de Lange, die primär auf Bücher für den deutschsprachigen Markt setzten, durch eine strikt antifaschistische und pazifistische Ausrichtung und das Ziel, sehr preiswerte Bücher internationaler Autoren in niederländischer Übersetzung für Angehörige der so bezeichneten Arbeiterklasse aufzulegen, außerdem durch seine rasche Integration in das niederländische Verlagswesen. Dadurch entsprach Kohns Anliegen denen der niederländischen Verlage De Arbeiderspers und Wereldbibliotheek, mit denen er in der Folge in Kontakt stand.

Für seine Veröffentlichungen nahm Kohn sich Reclams Universal-Bibliothek und den Bernhard Tauchnitz Verlag als Vorbilder. Beversluis übersetzte die deutschsprachigen Autorentexte für den Verlag häufig ins Niederländische. Schon das erste von Kohn verlegte Buch Brandende Woorden (= Verbrannte Worte) wurde zu einem Bestseller. Darin wurden antinazistische Gedichte von in Deutschland verbotenen Schriftstellern, Erich Arendt, Oskar Maria Graf, Erich Kästner, Johannes R. Becher, Emil Ginkel (1893–1959),Emil Ginkel. In: Deutsche Nationalbibliothek, auf: d-nb.info Alfred Kerr, Käthe Kollwitz, Walter Mehring, Max Ophüls, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Erich Weinert und Erhard Winzer,Erhard Winzer. In: Deutsche Nationalbibliothek, auf: d-nb.info abgedruckt.Brandende Woorden uit Duitschland, auf: verbrannte-und-verbannte.deArchief Jan Hilvers, 1905–1956. In: Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam.

Kohns Verlag Boekenvrienden Solidariteit war darauf ausgelegt, pro Jahr zwölf Publikationen zu veröffentlichen, die von potenziellen Kunden entweder im Abonnement für 50 niederländische Cent bezogen werden konnten oder im Einzelverkauf für 75 Cent zu erwerben waren. Um Leser wurde durch Literaturagenten geworben, die insbesondere Sozialdemokraten bzw. Gewerkschaftsmitglieder gehobener Bildung im Fokus hatten. In der Anfangszeit verlegte Kohn Broschüren mit einem Umfang von rund 50 Seiten. Ende 1935 zählte Boekenvrienden Solidariteit rund 600 Abonnenten und weitere 380 einzeln verkaufte Publikationen pro Monat. Zwei Probleme machten dem Verlag zu schaffen: Etwa ein Drittel seiner Abonnenten zahlten nicht bzw. nicht fristgerecht. Die Zahl seiner Abonnenten stagnierte, denn Kohn setzte seinen literarischen Anspruch im Hinblick auf die von ihm angepeilte Zielgruppe der Arbeiter etwas zu hoch an.Hub Hubben: Bannelingen. In: De Volkskrant, 26. November 1999, auf: volkskrant.nl

Kohn legte stets großen Wert darauf, dass seine Publikationen mit einem gepflegten Erscheinungsbild in die Hand seiner Leser gerieten, was sich sowohl in der Ausstattung als auch durch eigens verpflichtete namhafte Illustratoren für die Titelseite zeigte, beispielsweise Adolf Blitz, George Grosz, Albert Hahn jun. (1894–1953), Käthe Kollwitz, Hildo Krop (1884–1970), Meijer Bleekrode, Frans Masereel, Wybo Meijer, Melle Oldeboerrigter (1908–1976, unter seinem Vornamen bekannt) und Willem van Schaik.Melle, Künstler, auf: deutsche-digitale-bibliothek.de

Nach der Auflösung des Verlags Boekenvrienden Solidariteit, verursacht durch pekuniäre Probleme mit dem Geschäftspartner Jan Hilvers (1886–1956), gründete Kohn 1936 den Verlag Het Nederlandsche Boekengilde (= Die niederländische Büchergilde). Dieses Unternehmen zählte in der Folge neben dem aufgrund seiner geschäftlichen Interessen im Deutschen Reich unpolitisch agierenden Allert de Lange Verlag und dem in dieser Hinsicht mutigeren Querido Verlag zu den drei bedeutendsten Exilverlagen, die während der NS-Zeit in den Niederlanden publizierten.Veit Johannes Schmidinger: Transit Niederlande – Deutsche Künstler im Exil, Februar 2012, auf: uni-muenster.de