Als Matriarchat wird in matriarchatstheoretischen und weiteren Publikationen ein Gesellschaftstyp bezeichnet, in dem alle sozialen und rechtlichen Beziehungen über die Abstammung der mütterlichen Linie organisiert sind, in dem die religiösen Vorstellungen auf eine Ahnfrau oder Große Göttin zurückgeführt werden und in dem Frauen eine zentrale Rolle in Gesellschaft und Religion einnehmen. Es wird dabei oft nicht unterschieden, ob die zentrale Stellung den Müttern oder den Frauen allgemein zugeschrieben wird. Auch eine hypothetische Gesellschaftsordnung,Editors of Encyclopædia Britannica: matriarchy (social system). In: Encyclopædia Britannica. 2013, abgerufen am 30. Oktober 2013 (englisch; Stand: Juli 2008, Elizabeth Prine Pauls): „matriarchy, hypothetical social system in which the mother or a female elder has absolute authority over the family group; by extension, one or more women (as in a council) exert a similar level of authority over the community as a whole. […] The consensus among modern anthropologists and sociologists is that while many cultures bestow power preferentially on one sex or the other, matriarchal societies in this original, evolutionary sense have never existed. However, some scholars continue to use the terms matriarchy and patriarchy in the general sense for descriptive, analytical, and pedagogical purposes.“ in der Frauen oder Mütter darüber hinaus die alleinige politische Macht innehaben, wird als Matriarchat bezeichnet.E. W. Müller: Mutterrecht. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. and 6, 1984, S. 261.

Im populären Sprachgebrauch der Gegenwart wird unter Matriarchat eine Gesellschaftsordnung verstanden, die vorrangig von Frauen geprägt ist. Es gibt jedoch keine wissenschaftlich allgemein anerkannte Definition des Begriffs Matriarchat.Elke Hartmann: Zur Geschichte der Matriarchatsidee. Antrittsvorlesung (= Öffentliche Vorlesungen der Humboldt-Universität. Heft 133). Universität Berlin 2004, abgerufen am 30. Oktober 2013 (PDF; 304 kB; 37 Seiten).

Seit dem 19. Jahrhundert luden zahlreiche Wissenschaftsdisziplinen, kulturelle, soziale und religiöse Strömungen den Begriff – oft unter der Bezeichnung „Mutterrecht“ – mit immer wieder anderen Vorstellungen und Inhalten auf und verwendeten ihn in dem jeweiligen historischen und kulturellen Zusammenhang entsprechend ihrer Weltanschauung. Es wurde auch darüber gestritten, ob es sich bei dem Matriarchat um Fakten oder um Wunsch- bzw. Angstbilder handelt.Meret Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat. Zur Gebrauchsgeschichte eines Arguments. Chronos, Zürich 2011, S. 21 ff. (Dissertation Universität Zürich 2010). Vergleiche auch: Peter Davies: Myth, Matriarchy and Modernity. de Gruyter, 2010; Cynthia Eller: Gentlemen and Amazons. The Myth of Matriarchal Prehistory. 1861–1900, University of California Press 2011. Es ist weitgehender Forschungskonsens, dass „sich das Matriarchat als Mutterherrschaft spiegelbildlich zum Patriarchat historisch nicht nachweisen lässt“.Birgit Heller: Matriarchat. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Band 6, 1997, Sp. 1475. Ähnlich Gerda Lerner: The Creation of Patriarchy. Oxford University Press, New York 1986, ISBN 0-19-503996-3, S. 31.

Synonyme für Matriarchat sind die heute kaum mehr verwendeten Begriffe Mutterrecht und Gynäkokratie.Die Bezeichnung Gynaikokratie von altgriechisch γυναικοκρατία gynaikokratía (Frauenherrschaft) ist seit dem 4. Jahrhundert vor Christus nachweisbar. Diese semantische Gleichsetzung oder Bedeutungsinterpretation wird aber nicht von allen Theorien zum Matriarchat angenommen, sehen sie doch im Matriarchat keine direkte, konträre Herrschaftsform zum Patriarchat.Vergleiche Uwe Wesel: Der Mythos vom Matriarchat. 1980, S. 35. Für matriarchal sind gebräuchlich matriarchalisch oder matrizentrisch. In Abgrenzung dazu beschreiben die ethnosoziologischen Begriffe matrilinear, matrilokal und uxorilokal Abstammungs- und Wohnsitzregeln. Mit Matrifokalität wird in der Ethnologie eine zentrale Rolle von Müttern in matrilinearen, patrilinearen oder anderen Verwandtschaftssystemen bezeichnet.Vergleiche z. B. Nancy Tanner: Matrifocality in Indonesia and Africa and Among Black Americans. In: Michelle Zimbalist Rosaldo, Louise Lamphere (Hrsg.): Women, Culture and Society. Stanford University Press, Stanford 1974, S. 129–156, hier S. 129: „Matrifocality is found within a variety of kinship types. […] Descent and matrifocality vary independently. […] This can occur in matrilineal and patrilinear systems as well as in bilateral system.“ Siehe auch: Gabriele Rasuly-Paleczek: Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, 2011, S. 152, abgerufen am 30. Oktober 2013 (PDF; 747 kB; in archive.org). Sowie: Brian Schwimmer: Matrifocality: An emerging empirical and theoretical issue. In: Tutorial: Kinship and Social Organization. Department of Anthropology, University of Manitoba, Kanada 2003, abgerufen am 30. Oktober 2013 (englisch).

Etymologie Matriarchat ist ein Kunstwort, das im deutschen Sprachraum erstmals Ende des 19. Jahrhunderts auftaucht,Der niederländische Rechtsethnologe George Alexander Wilken hat die Bezeichnung Matriarchat 1884 mit seinem Buch Das Matriarchat (Das Mutterrecht) bei den alten Arabern. Autorisierte Übersetzung aus dem Holländischen (Leipzig, 1884) als Erster benutzt. Vergleiche Meret Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat. 2011, S. 19. in Analogie zum bereits bestehenden Begriff PatriarchatWortschatz-Eintrag: und in Anlehnung an die bis dahin gebräuchlichen Bezeichnungen MutterrechtVgl. etwa Ernst Kornemann: Mutterrecht. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Supplement 6. Stuttgart 1935, Sp. 557–571. und Gynaikokratie. Das Wort setzt sich zusammen aus und oder ἀρχή archḗ „Anfang; Regierung“ (siehe dazu Vorsilbe archi-, Erz-, Ober-).

Geschichte der Matriarchatstheorien

Die Anfänge der Theorien zu Matriarchaten entstammen rechtshistorischen und ethnologischen Beiträgen des 18. und des 19. Jahrhunderts.Die erste Beschreibung einer mutterrechtlichen Gesellschaft stammt von dem Irokesen-Missionar J. F. Lafitau: Moeurs des sauvages amér. comparées aux moeurs des premiers temps 1. 2 (Paris 1724). J. J. Bachofen: Das Mutterrecht. Eine Untersuchung der Gynaikokratie der alten Welt (1861). stellt eine theoretisch-spekulative Rekonstruktion des Matriarchats in der Frühgeschichte des nahen Ostens dar. Vergleiche E. W. Müller: Mutterrecht. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. (HWPh), Band 6, 1984, S. 261. Der historische Materialismus (aber auch schon Johann Jakob Bachofen) versteht das Matriarchat als eine allgemeine und notwendige Stufe der Gesellschaften der Ur- und Frühgeschichte. Im 20. Jahrhundert gehörten sie zum Bestand marxistisch orientierter Kulturwissenschaften.Franz Borkenau: Von der minoischen zur griechischen Kultur. In: ders.: Ende und Anfang. Stuttgart 1984 (Ursprünglich unter dem Titel Zwei Abhandlungen über griechische Mythologie in der Zeitschrift Psyche. April 1953) Dabei wurden auch schwärmerische Elemente mit historischen Tatsachen verbunden, um einen Gegenentwurf zur patriarchalischen Struktur westlicher Industriegesellschaften zu gewinnen. Das Patriarchat wurde weitgehend für soziale Zustände und moralische sowie psychologische Haltungen und Zwänge verantwortlich gemacht und das Matriarchat dabei entweder positiv als utopischer Urzustand der Gesellschaft oder abwertend als rückschrittliche Kulturstufe gedeutet.Birgit Heller: Matriarchat. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Band 6, 1997, Sp. 1475: „Die M[atriarchat]-Kontroverse ist bis heute ideologisch überfrachtet u[nd] dient oft der Legitimierung gesellschaftl[icher] Machtverhältnisse“.

Die These der Existenz einer allgemeinen vorgeschichtlichen matriarchalen Kulturstufe oder zumindest eines Kults einer Großen Göttin wurde vom Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem in der englischen Urgeschichte und Archäologie relativ häufig vertreten. Deutschsprachige Prähistoriker hatten in den 1930er Jahren die Nähe zum Nationalsozialismus gesucht. Ein herausragender Vertreter war Oswald Menghin, der mit seinem Buch Die Weltgeschichte der Steinzeit (1931) die Meinung vertrat, dass vor allem die neolithischen Kulturen durch ein Matriarchat geprägt waren. Als Folge herrschte in Westdeutschland nach 1945 in der Ur- und Frühgeschichte eine dezidierte Zurückhaltung im Bereich Theoriebildung.Meret Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat. Zürich 2011, S. 142. In der sowjetischen Archäologie machte sich eine marxistische Deutung der Urgeschichte bemerkbar: Die in den 1920er und 30er Jahren entdeckten paläolithischen Venusfiguren galten als Belege für ein urkommunistisches Matriarchat.Meret Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat. 2011, S. 260 f.

Während in einschlägigen Fachwissenschaften der Rückgriff auf den Matriarchatsbegriff als ungeeignet für die Erforschung von sozialen Systemen und der ihnen innewohnenden Macht- und Geschlechterverhältnisse abgelehnt wird,Elke Hartmann: Zur Geschichte der Matriarchatsidee (= Öffentliche Vorlesungen der Humboldt-Universität. Heft 133). Berlin 2004 (Antrittsvorlesung; 2. Auflage 2006). vergleiche auch: Ilse Lenz: Geschlechtssymmetrische Gesellschaften: Wo weder Frauen noch Männer herrschen. In: Ruth Becker, Beate Kortendiek (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. 3. Auflage. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17170-8, S. 30–31 (). erfolgte ab Ende der 1970er Jahre eine Aneignung durch Vertreterinnen der essentialistischen Zweige des Second-Wave-Feminismus. Sie gehen – wie Bachofen – davon aus, dass das Matriarchat im Besonderen eine Zeit der Ur- und Frühgeschichte war, in der vor allem Frauen kulturschöpferisch und -prägend waren, aber nicht geherrscht haben. Siehe auch: Feministische Matriarchatsideen seit der zweiten Frauenbewegung.

Vorschläge zur Bestimmung des Matriarchatsbegriffs In den Fachwissenschaften und auch in sonstigen Publikationen wurden und werden unterschiedlichste Präzisierungen des Begriffs „Matriarchat“ vorgeschlagen.

Johann Jakob Bachofen

Johann Jakob Bachofen (1861) und in dessen Rezeption u. a. Friedrich HeilerFriedrich Heiler: Die Frau in den Religionen der Menschheit. (= Theologische Bibliothek Töpelmann 33). De Gruyter, Berlin 1977. sahen als konstitutive Merkmale einerseits das Bestehen mutterrechtlicher Institutionen, andererseits eine „hervorragende Stellung der Frau in Kult u[nd] Religion (zum Beispiel als Ahnfrau, Seherin, Priesterin)“ „die Verehrung einer weibl[ichen] Gottheit“Birgit Heller: Matriarchat. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 6, 1997, Sp. 1475.

Merkmale der bachofenschen Gynaikokratie sind:Helga Laugsch: Der Matriarchatsdiskurs (2011), S. 92 f. Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat, S. 67 ff. Soziale Vorrangstellung der Mutter; alleiniges Erbrecht der Töchter; dem Mutterbruder komme eine Sonderstellung zu; Recht der Frau, sich ihren Partner selbst zu wählen. Muttermord sei das größte Verbrechen und unsühnbar. In der Religion nähmen Göttinnen, ausgehend von der einen Erdgöttin, in deren Verehrung er den Ursprung jeder Religion annahm, und deren Priesterinnen eine überragende Stellung ein. Wirtschaftlich finde sich hoch entwickelter Ackerbau, der gemeinschaftlich von Frauen betrieben werde. Männer würden die Jagd betreiben und seien häufig abwesend. Politisch gelte allgemeine Gleichheit und Freiheit; die Frau stehe an der Spitze des Staates, wobei gewisse Aufgaben an Männer delegiert würden.

Bachofen gebrauchte den Terminus Gynaikokratie, doch implizierte dies bei ihm nicht Herrschaft von Frauen über Männer. Erst die Übersteigerung der Gynaikokratie habe schließlich zum Ende des Mutterrechts und zum Sieg des Vaterrechts geführt, dem eine Phase des Kampfes zwischen Amazonen und patriarchalen hellenischen und römischen Heroen vorausgegangen sei. „Die Frau überreizte ihre Macht, und es gelang den Männern die Vorherrschaft zu erlangen.“

Birgit Heller