mini|hochkant|Charlotte Houtermans, geborene Riefenstahl, mit ihrer Tochter Giovanna, genannt „Bamsi“, und ihrem Ehemann Fritz Houtermans in Berlin, 1933 Charlotte Houtermans (* 24. Mai 1899 in Bielefeld,Das z. Zt. in der Deutschen Biographie, in der VIAF, im Kalliope-Verbund, der Deutschen Nationalbibliothek (von der DNB mittlerweile korrigiert) und weiteren deutschsprachigen Sekundärquellen zitierte Geburtsjahr 1903 ist falsch. Demgegenüber ist das in den englischsprachigen Quellen genannte Geburtsjahr 1899 korrekt. Lt. schriftlicher Auskunft des Amtsleiters des Stadtarchivs Bielefeld vom 3. Mai 2019, Oberarchivrat Dr. Jochen Rath, wurde Johanne Auguste Charlotte Houtermans geb. Riefenstahl, am 24. Mai 1899 in Bielefeld geboren. Zitiert nach: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, 100-1899,1: Geburtsregister Bielefeld 1899, Bd. 1, Nr. 840/1899, Geburtseintrag der Johanne Auguste Charlotte Riefenstahl. Deutschland; † 6. Januar 1993 in Northfield, Minnesota, Vereinigte Staaten), geborene Johanne Auguste Charlotte Riefenstahl, auch Charlotte Houtermans-Riefenstahl, genannt „Schnax“,Misha Shifman: Standing Together in Troubled Times. Unpublished Letters by Pauli, Einstein, Franck and Others. World Scientific Publishing, Hackensack, New Jersey 2017, ISBN 978-981-3201-00-2, S. 27. war eine deutschamerikanische Physikochemikerin und Hochschullehrerin. Sie war die erste (und dritte) Ehefrau des deutschen Physikers Fritz Houtermans.Houtermans, Charlotte. In: Deutsche Biographie, auf: deutsche-biographie.de
Familie Charlotte Riefenstahl war das älteste von drei Kindern des in Bielefeld wirkenden Redakteurs Friedrich Carl Gustav Riefenstahl (* 6. September 1861 in Königsberg; 4. Februar 1919 in Bielefeld) und dessen Ehefrau Margarethe Henriette Elisabeth Charlotte Riefenstahl (* 2. Juni 1874 in Magdeburg; † 9. Mai 1957 in Gadderbaum), geborene Worch.Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, 300-1919,1: Sterberegister Bielefeld 1919, Bd. 1, Nr. 123/1919, Sterbeeintrag des Vaters Friedrich Carl Gustav Riefenstahl.Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, 304-1957: Sterberegister Gadderbaum 1957, Nr. 334/1957, Sterbeeintrag der Mutter Margarethe Henriette Elisabeth Charlotte Riefenstahl, geb. Worch.
Aus der ersten Ehe von Charlotte Riefenstahl mit Fritz Houtermans gingen zwei Kinder hervor, Giovanna (* 1933 in Berlin), genannt „Bamsi“, und Jan (* 11. April 1935 in Charkiw).Ann M. Hentschel: The Physical Tourist: Peripatetic Highlights in Bern (PDF-Datei; 3,9 MB). In: Physics in Perspective, Vol. 7, Ausgabe 1 (März 2005), S. 107–129 (Zitatstelle S. 123–124).Viktor J. Frenkel: Professor Friedrich Houtermans – Arbeit, Leben, Schicksal. Biographie eines Physikers des zwanzigsten Jahrhunderts (PDF-Datei; 9,8 MB), S. 9, 13, 44, 115, 117, 31, 40, 42, 46, 51, 56, 57, 62, 63, 64, 65, 73, 74, 104, 105, 110. In: Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, auf: mpiwg-berlin.de Giovanna Fjelstad-Houtermans absolvierte die Harvard University und lehrte als Professorin für Mathematik in Northfield, Minnesota. Jan Houtermans wurde Physiker an der University of California im kalifornischen Berkeley.Jan Houtermans: On the quantitative relationships between geophysical parameters and the natural C14 inventory, auf: worldcat.org
Studium mini|hochkant|Charlotte Houtermans’ Verehrer Robert Oppenheimer als Doktorand in Göttingen, 1926/27 Nach ihrem Schulbesuch begann Charlotte Riefenstahl im Jahr 1922 ein Studium der Physik an der Georg-August-Universität in Göttingen, u. a. bei Max Born, Richard Courant, James Franck, David Hilbert, Emmy Noether, Robert Pohl und Carl Runge. 1926, in einem von James Franck gehaltenen Proseminar, lernte sie Fritz Houtermans kennen.Edoardo Amaldi: The Adventurous Life of Friedrich Georg Houtermans, Physicist (1903–1966), Springer Science & Business Media, Berlin/New York 2012, ISBN 978-3-642-32854-1, S. 11. Sie soll während ihres Studiums sowohl von ihrem Kommilitonen Robert Oppenheimer als auch ihrem späteren Ehemann umworben worden sein, die beide mit ihr das Studium abschlossen.Misha Shifman: Standing Together In Troubled Times: Unpublished Letters Of Pauli, Einstein, Franck And Others. World Scientific, Hackensack, New Jersey, 2017, ISBN 978-981-3201-00-2, S. 34f.Kai Bird / Martin J. Sherwin: American Prometheus: The Triumph and Tragedy of J. Robert Oppenheimer, Vintage Books, 2006, ISBN 978-0-375-72626-2, S. 63, 69.
1928 promovierte sie bei Gustav Tammann mit dem Dissertationstitel Über den Walzvorgang und die Rekristallisation beim Silber und Gold und die Änderung des elektrischen Widerstandes bei den selbsthärtenden Legierungen Blei-Quecksilber und Blei-Natrium.
Wirken mini|Am Vassar College in Poughkeepsie, New York, lehrte Charlotte Houtermans 1927/28 und 1939/40 an dem von Edna Carter geleiteten Physikalischen Institut mini|Am Winthrop College in Rock Hill, South Carolina, lehrte Charlotte Houtermans ab 1928/29 Anschließend ging sie in die Vereinigten Staaten, wo sie 1927/28 am Vassar College, einer Elitehochschule, in Poughkeepsie im Bundesstaat New York lehrte und als Forschungsassistentin beschäftigt war.Charlotte Riefenstahl wird als „Research Assistant in Physics“ bezeichnet. In: Monica Healea and Charlotte Houtermans: The Relative Secondary Electron Emission Due to He, Ne, and A Ions Bombarding a Hot Nickel Target. In: Physical Review, Vol. 58, Nr. 7 (1940), S. 608–610.Misha Shifman: Standing Together In Troubled Times: Unpublished Letters Of Pauli, Einstein, Franck And Others. World Scientific, Hackensack, New Jersey, 2017, ISBN 978-981-3201-00-2, S. 75. Dort hatte sie sich erstmals 1924 bei Edna Carter beworben.Misha Shifman: Standing Together In Troubled Times: Unpublished Letters Of Pauli, Einstein, Franck And Others. World Scientific, Hackensack, New Jersey, 2017, ISBN 978-981-3201-00-2, S. 40–41. Houtermans freundete sich in der Folge eng mit Carter an. Diese vermittelte ihr eine Anschlussbeschäftigung am Winthrop College in Rock Hill, South Carolina.Misha Shifman: Standing Together In Troubled Times: Unpublished Letters Of Pauli, Einstein, Franck And Others. World Scientific, Hackensack, New Jersey, 2017, ISBN 978-981-3201-00-2, S. 42–43.
1930, bei einer Reise in die Sowjetunion, anlässlich der Teilnahme an der ersten Allunionskonferenz der Physiker in Odessa, heiratete sie ihren ehemaligen Kommilitonen Fritz Houtermans während eines Ausflugs in den Kaukasus.Iosif B. Khriplovich: The Eventful Life of Fritz Houtermans. In: Physics Today, 45, 7, 29 (1992). doi:10.1063/1.881313. Als Trauzeugen fungierten Wolfgang Pauli und Rudolf Peierls. Die Eheschließung wurde danach in Suchumi registriert. Als sie die Heiratsurkunde in Deutschland dem Standesamt vorlegten, konnte sie niemand entziffern, weil sie in Abchasisch verfasst war.
1932 übersetzte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann das Buch von Georgi Antonowitsch Gamow Der Bau des Atomkerns und die Radioaktivität aus der russischen Sprache.Houtermans, Friedrich Georg (1903–1966), auf: wolfram.com
Das Haus der Houtermans’ wurde von vielen Wissenschaftlern frequentiert, die sich zu ihren Freunden zählten, so beispielsweise Wolfgang Pauli, Georgi Gamow und Lew Landau aus der UdSSR, Victor Weisskopf aus Wien, Michael Polanyi, dessen Nichte Éva Amália Striker und Alexander Weißberg. Lange Diskussionen befassten sich mit Geschichte, Politik, Marxismus, Literatur und Kunst. Zeitweilig trafen mehr als dreißig Teilnehmer zusammen, zumeist Physiker. Zusätzlich stießen Patrick M. Blackett, Maria Goeppert, Igor Tamm aus Moskau und Iwan Obreimow aus Charkiw hinzu. In seinen Memoiren schwärmt Victor Weisskopf von diesen nahezu wöchentlich stattfindenden Abenden. Diese wurden von den Teilnehmern scherzhaft als „Eine kleine Nachtphysik“ bezeichnet, in Anlehnung an die nicht nur von Deutschen und Österreichern gleichermaßen geschätzte „Nachtmusik“ Wolfgang Amadeus Mozarts.
Nach der Machtabtretung an die Nationalsozialisten kam es 1933 zu einer Haussuchung seitens der SA und einer daraus folgenden kurzzeitigen Verhaftung ihres Ehemannes wegen des Auffindens verbotener Schriften. Daraufhin verließ das Ehepaar mit ihrem Baby das Deutsche Reich und emigrierte nach England, wo die drei zunächst in der Nähe von Cambridge von Patrick Blackett und weiteren Physikern aufgenommen wurden. Durch Vermittlung von Pjotr Kapiza, zu dieser Zeit Berater der Electric and Musical Industries (EMI) in Hayes, Middlesex, mit dem bekannten Markennamen „His Master’s Voice“, erhielt ihr Ehemann eine Anstellung in deren Forschungsabteilung bei Isaac Schoenberg. Zu dieser Zeit wurden dort fernsehtechnische Systemkomponenten, beispielsweise das Ikonoskop, entwickelt. Diese Arbeit war für Fritz Houtermans jedoch nicht das Richtige. Charlotte Houtermans erinnerte sich an Besuche von Otto Frisch, Georgi Gamow, Alexander Leipunski, Wolfgang Pauli, Leo Szilard und Fritz Lange während dieser Phase. Durch Leipunski geworben, übersiedelte die junge Familie mit ihrem Baby Ende 1934 über Wien, wo sie Fritz Houtermans’ Mutter Else besuchte, nach Charkiw in die sowjetische Ukraine. Wolfgang Pauli hatte nach Erinnerung von Charlotte Houtermans besonders energisch vor diesem Schritt gewarnt.
In Charkiw war Charlotte Houtermans ebenso wie die anderen Ehefrauen der am Institut beschäftigten ausländischen Physiker damit betraut, Artikel der sowjetischen Physiker in der Zeitschrift der Sowjetunion aus der russischen in die jeweilige Fremdsprache zu übersetzen.
Als ihr Ehemann während der Stalinistischen Säuberungsaktionen im Dezember 1937 vom NKWD verhaftet und gefoltert wurde, gelang es ihr trotz einer Vielzahl bürokratischer und finanzieller Hürden, mit ihren beiden Kindern über Lettland, Dänemark und England in die Vereinigten Staaten zu entkommen. In Kopenhagen erhielten sie und ihre beiden kleinen Kinder eine umfassende Hilfe durch den dänischen Physiker und Nobelpreisträger Niels Bohr. Der deutsche Physiker und Nobelpreisträger Max von Laue reiste umgehend nach Kopenhagen, um dort mit Charlotte Houtermans zusammenzutreffen. Er schätzte Fritz Houtermans’ Talent sehr und verehrte zudem dessen Ehefrau Charlotte.
mini|Am Wellesley College in Wellesley, Massachusetts, lehrte Charlotte Houtermans ab 1940 Am 14. Januar 1938 erteilte ihr das Foreign Office eine auf sechs Monate befristete Aufenthaltserlaubnis in England. Ihre Lebenssituation mit ihren beiden kleinen Kindern erwies sich dort jedoch als prekär, so dass sie in der Folge eine Übersiedlung in die USA zur Großmutter der Kinder ins Auge fasste. Charlotte Houtermans’ Schwiegermutter Elsa Houtermans, eine promovierte Chemikerin und Lehrerin für Deutsch, Französisch und Latein, war ausweislich der Transkription ihres Affidavits für Charlotte und deren Kinder bereits im April 1935 in die Vereinigten Staaten emigriert, was ihr wiederum durch ein Affidavit ebenfalls emigrierter ehemaliger Schüler ermöglicht worden war.Misha Shifman: Standing Together in Troubled Times. Unpublished Letters by Pauli, Einstein, Franck and Others. World Scientific Publishing, Hackensack, New Jersey 2017, ISBN 978-981-3201-00-2, S. 222. Im April 1939 trafen die drei dort ein. Charlotte Houtermans nahm erneut eine Dozentur am Vassar College an und knüpfte Kontakt zu ihrem ehemaligen Kommilitonen Robert Oppenheimer, um Unterstützung zu erhalten. Anschließend, ab 1940, lehrte sie am Wellesley College in Wellesley, Massachusetts.Misha Shifman: Standing Together In Troubled Times: Unpublished Letters Of Pauli, Einstein, Franck And Others. World Scientific, Hackensack, New Jersey, 2017, ISBN 978-981-3201-00-2, S. 75–76.Misha Shifman: Standing Together In Troubled Times: Unpublished Letters Of Pauli, Einstein, Franck And Others. World Scientific, Hackensack, New Jersey, 2017, ISBN 978-981-3201-00-2, S. 42 f.