Haus aus Morgendämmerung (Originaltitel: House Made of Dawn) ist ein Roman des amerikanischen Schriftstellers N. Scott Momaday aus dem Jahr 1968. Es war im Jahr 1969 das erste Buch eines amerikanischen Ureinwohners, das mit dem Pulitzer-Preis in der Kategorie Fiktion ausgezeichnet wurde. Haus aus Morgendämmerung ist weitestgehend für seine tragende Rolle im Durchbruch der indigenen Literatur Amerikas und seine Relevanz für die indigene Anthropologie Amerikas bekannt.
Hintergrund Die Geschichte des Romans Haus aus Morgendämmerung wurde vom Autor ursprünglich in einer Sammlung von Gedichten erzählt. Später schrieb er sie zu kleinen Geschichten um und fügte diese anschließend zu einem vollständigen Roman zusammen. Die Erzählung basiert zu großen Teilen auf persönlichen Erfahrungen Momadays als Teil der Jemez Pueblo im US-Bundesstaat New Mexico, die er mit Fiktion verbindet und ist auch durch Glauben und Rituale inspiriert.
Ähnlich wie der Protagonist des Romans lebte Momaday sowohl außer- als auch innerhalb der westlichen Gesellschaft. Er wuchs innerhalb eines Reservats auf und besuchte später außerhalb des Reservats die Schule sowie die Universität. Manche Details des Romans basieren auf wahren Begebenheiten. Momady erzählt in seinen Memoiren beispielsweise von einem Vorfall in Jemez, auf welchem der Mord im Roman basiert. Ein Ureinwohner tötete damals einen New Mexico State Trooper, was zu heftigen Diskussionen in der gesamten amerikanischen Gesellschaft führte. Auch das Programm der Umsiedlungshelfer entstammt der Realität: Viele Freunde Momadays aus dem Reservat wohnten mit der Hilfe dieses Programms in Los Angeles, Chicago oder Detroit und waren dort nicht glücklich, wie der Protagonist im Roman. Der Aussage verschiedener Historiker nach ist der Roman sehr präzise bei der Darstellung der Peyote Religion, einer Religion der amerikanischen Ureinwohner. Allerdings finden die Rituale der Peyote normalerweise in einer Wüste statt, nicht in der Stadt.
Handlung Der Handlungszeitraum des Romans liegt zwischen dem 20. Juli 1945 und dem 28. Februar 1952. Die Erzählung besteht aus einem undatierten Prolog und vier datierten Abschnitten, die in Walatowa (traditioneller Name für die Jemez), New Mexico und in Los Angeles, Kalifornien, spielen. Neben der Rahmenhandlung, die aktuelle Geschehnisse aus dem Leben Abels erzählt, werden immer wieder verschiedene Rückblenden und Erinnerungen aus den Perspektiven verschiedener Charaktere eingebettet.
Abel ist der Protagonist des Romans, ein junger amerikanischer Ureinwohner. 1920 als Sohn eines unbekannten Vaters und einer Walatowa-Mutter geboren, wuchs er nach deren Tod bei seinem Großvater Francisco in einem Stamm des Pueblo-Volkes im US-Bundesstaat New Mexico auf. Zu Beginn des Romans kehrt Abel traumatisiert aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, hat ein Alkoholproblem und Schwierigkeiten, sich wieder in das Leben innerhalb der Gemeinschaft des Stammes einzugewöhnen.
Er nimmt eine Arbeit als Holzhacker auf, die durch den Dorfpriester Father Olguin vermittelt wurde. Anschließend arbeitet er bei Angela St. James, einer reichen, frisch verheirateten, weißen Frau, die sich wegen der Heilwirkung der Mineralquellen ohne ihren Mann in der Gegend aufhält. Angela verführt Abel und verspricht, ihm zu helfen, das Reservat zu verlassen, sowie Möglichkeiten einer besseren Arbeitsstelle. Auch durch diese Affäre merkt Abel, dass seine Rückkehr in das Reservat nicht geglückt ist. Er fühlt sich nicht mehr heimisch. Nach einem Ritual zur Feier des Santiagofestes wird er von dem Albino Juan Reyes gedemütigt und ersticht diesen anschließend. Während des Prozesses beteuert Abel den Mord als gerechtfertigt und äußert, dass er wieder so handeln würde. Er erhält eine Gefängnisstrafe von 6 Jahren.
Nach der Zeit im Gefängnis schließt sich Abel in Los Angeles zunächst einer Gruppe lokaler, ebenfalls umgesiedelter junger Männer aus verschiedenen Reservaten an, fühlt sich jedoch auch hier nicht wirklich zugehörig. Nur mit Benally (genannt Ben), der wie Abel aus einem Reservat in New Mexico stammt, freundet er sich an. Ben verschafft ihm einen Job und nimmt ihn in seine Wohnung auf.
Abels Sozialarbeiterin Milly wird zu seiner festen Freundin, und mit ihr und Ben erlebt er auch glückliche Tage. Dennoch gerät er immer wieder in Schwierigkeiten – für die vor allem den Sozialarbeitern, Bewährungshelfern, Polizisten und anderen ehemaligen Reservatsbewohnern in Los Angeles die Schuld zugewiesen wird, die ihn lächerlich machten und demütigten. Nachdem er hierauf mit Alkoholkonsum und Fernbleiben von der Arbeit reagiert, wird er auch von seinem Chef erniedrigt und kündigt daraufhin. Eine Abwärtsspirale beginnt, und Abel ist regelmäßig alkoholisiert, leiht sich Geld von Ben und Milly, das er nie zurückzahlt, während er sich nur im Apartment aufhält und schläft. Ben wirft ihn schließlich hinaus. Abel möchte sich daraufhin an Martinez rächen, einem korrupten Polizisten, der Ben ausgeraubt und Abel mit seinem Schlagstock geschlagen hatte. Abel findet Martinez und wird von ihm fast zu Tode geprügelt und mit Verletzungen am Strand zurückgelassen. Angela St. James besucht ihn im Krankenhaus und gibt ihm neuen Lebensmut. Anschließend wird er von Ben in den Zug gesetzt und er fährt zurück in sein Reservat.
Nach seiner Rückkehr in das Reservat in New Mexico pflegt Abel seinen sterbenden Großvater Francisco, der ihm Geschichten aus seiner Jugend erzählt. Da er als einer der Stammesältesten mit zahlreichen Zeremonien und Ritualen vertraut ist, betont er die Wichtigkeit der Verbundenheit mit den Traditionen seines Volkes. Nach dem Tod des Großvaters nimmt Abel an einem Ritual teil, von welchem dieser ihm erzählt hatte – dem Rennen der Toten. Während er rennt, beginnt er für sich selbst und den Verstorbenen zu singen. So kehrt er mental schließlich zurück zu seinem Volk und findet endlich seinen Platz in der Welt.
Motive und Symbole Ähnlich, wie in vielen Werken der indigenen amerikanischen Literatur, ist das Motiv der Entfremdung und damit einhergehend die Suche nach der eigenen Identität sehr zentral in Haus aus Morgendämmerung. Aufgewachsen im Reservat hat Abel nicht nur mit den Erlebnissen während des Kriegs und deren Auswirkungen, sondern auch mit dem Leben in der Metropole Los Angeles große Probleme. Durch seine Abwesenheit während des Kriegs verliert er – wie viele Ureinwohnern Amerikas während und nach dem Zweiten Weltkrieg – die Verbindung zu seinem Volk. Die Vereinigung der Lebensweise des Stammes mit der Gegenwart einer modernen Welt, ist ein grundlegendes Problem für jede Generation amerikanischer Ureinwohner, potentiell auch für diejenigen, die nicht in den Krieg gezogen sind.
Großvater Francisco repräsentiert die traditionellen Werte des Stammes. Er steht symbolisch für die ältere Generation, welche das kulturelle Erbe bewahrt und versucht, es an die jüngeren Mitglieder der Gemeinschaft weiterzugeben. Durch seine Erziehung entwickelt Abell eine Verbindung zu seinem Stamm sowie einen Sinn für Natur, Leben und Tod. Allerdings behindert Franciscos Erziehung Abel auch zeitweise in seiner Identitätsbildung, beispielsweise untersagt er ihm eine Beziehung zu seiner symbolischen Ersatzmutter Josie.
Ein weiteres Symbol für Abels Isolation und die Losgelöstheit von seiner Herkunft ist sein Problem mit der Artikulation. Gerade innerhalb von Stämmen, die eine lange orale Tradition pflegen, ist der Verlust der Macht über die eigenen Worte ein ausschlaggebender Faktor. Das Wort hat vor allem in rituellen Traditionen einen hohen Stellenwert, die Sprache an sich eine wichtige Bedeutung. Je größer also Wortschatz und das Wissen über traditionelle Geschichten und Legenden, desto besser kann ein jeder in den Stamm integriert werden – oder eben nicht.
Während Adler und Schlange in den Religionen der südwestlichen Stämme der amerikanischen Ureinwohner oftmals für den Gewinn von übernatürlichen Kräften oder auch das Kommen des Wassers stehen, symbolisiert der Adler für Abel vor allem Freiheit und Schönheit sowie Lebendigkeit. Dass die Mitglieder der Adlerwächtergesellschaft dieses Symbol der Freiheit schließlich gefangen halten wollen, ist für Abel nicht akzeptabel. Dass er den männlichen Adler befreit, den weiblichen tötet und somit der Gemeinschaft schadet, zeigt erneut symbolisch die Entfremdung von seinem Stamm und damit den Werten seines Volkes. Vor allem das Töten des weiblichen Adlers zeigt Abels Rebellion gegen die alten Traditionen, die Unverständnis in ihm hervorrufen.
Sein Alkoholismus, der direkt zu Beginn des Romans sehr deutlich wird, ist ein Zeichen für seine Unfähigkeit, das im Krieg Erlebte zu verarbeiten, und für seine innere Instabilität, die von seiner bikulturellen Situation herrührt.
Eine besonders deutliche Reflexion seiner Unfähigkeit, die Identitätskrise nach dem Kriegseinsatz zu verarbeiten, ist jedoch der Mord an dem Albino Juan Reyes. Aufgrund seiner Niederlage gegen Reyes hegt Abel einen Groll gegen den Konkurrenten. Da dieser ausgerechnet so andersartig aussieht, bildet Abel sich außerdem ein, er sei ein Hexer und müsse getötet werden. Dieses vorurteilhafte Denken zeigt Abels Unvermögen, mit dem Unbekannten umzugehen. Seine soziale und persönliche Isolation gipfelt in diesem Ausbruch von Gewalt und Aggressivität, welcher auch stellvertretend für seine Rache an der Welt des weißen Mannes im Allgemeinen steht. Auch seine Angst vor einer übernatürlichen Macht, die Einfluss auf ihn nehmen könnte, beschreibt ein weiterverbreitetes Phänomen innerhalb indigener Gesellschaften.
Nachdem Abel in die westliche Lebensweise der Menschen in Los Angeles eintaucht, werden seine Versuche sich kulturell anzupassen vor allem durch das Symbol des Schuhs unterstrichen. Während Schuhe in vielen indigenen Gemeinschaften nur ohne bzw. mit abgeschnittenen Absätzen getragen werden dürfen, sind sie vor allem in Los Angeles und dort auch für Abel ein Statussymbol. Ein weiteres Symbol der westlichen Welt sind die Panzer, denen er im Krieg begegnet. Sie stehen für die tödliche Macht einer aggressiven Gesellschaft. Das kreierte Bild der Panzer als eine Verkörperung von Zerstörung und Tod steht in starkem Kontrast zu dem Bild des Adlers, welches Abel mit Freiheit und Leben assoziiert.
Ein Symbol, welches ebenfalls mit einem Vogel verbunden ist, taucht auf, als Abel verletzt und dem Tod nahe am Strand liegt. Das Bild des sterbenden Vogels gleicht seiner Situation. Hier taucht auch das Motiv des Mondes auf, welcher konkret Abels Vergangenheit mit seiner Gegenwart verbindet. Indem er sich in diesem Moment an den sterbenden Wasservogel erinnert, in dessen Augen er keine Angst gesehen hatte, kann er selbst etwas Mut fassen. Der Mond steht dabei symbolisch für die Möglichkeit der Wiedergeburt, die Wiedergeburt selbst wird also durch die Morgendämmerung symbolisiert. Außerdem ist der Mond auch eine romanübergreifende Verbindung zwischen verschiedenen Episoden in Abels Leben.
Das symbolische Laufen, mit dem der Roman beginnt und endet, in Verbindung mit der Morgendämmerung kann dementsprechend als eine Repräsentation von Auferstehung oder, in Abels Fall, als Rückkehr zum Ursprung und damit verbundene Heilung, gesehen werden. Dass Abel in der Morgendämmerung läuft und die vorher verlorenen Worte des „Night Chant“ singt, symbolisiert also das Ende seiner Identitätskrise und die Rückkehr zu den Werten des Stammes.
Anspielungen und Referenzen