mini|Die Hagia Sophia, einst größte Kirche der Welt, wurde 1453 in eine Moschee, 1935 in ein Museum und 2020 wieder in eine Moschee umgewandelt. Sie ist ein Wahrzeichen Istanbuls Die Republik Türkei versteht sich laut Artikel 2 ihrer Verfassung als ein „demokratischer laizistischer und sozialer Rechtsstaat“; die Bevölkerung bekennt sich überwiegend zum sunnitischen, dschaferitischen oder zum alevitischen Islam. Anders als der französische Laizismus beinhaltet der türkische keine absolute Trennung von Religion und Staat, sondern eine staatliche Kontrolle der Religion. Eigenständige politische Einmischung der Religionsgemeinschaften ist unerwünscht. Daher stehen alle Religionen ebenso wie die Hauptreligion, der sunnitische Islam, unter staatlicher Aufsicht. (PDF; 230 kB)
Die Türkei zählt neben Albanien, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo und den muslimischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu den wenigen mehrheitlich muslimischen Staaten, in denen das islamische Recht – die Scharia – nicht gilt. Aus politisch-soziologischer Perspektive tritt der sunnitische Islam in drei Varianten auf: als Staatsislam, als Volksislam sowie seit der neuesten Zeit als politischer Islam (Islamismus).Vgl. Udo Steinbach: Islam in der Türkei. In: Informationen zur politischen Bildung, Heft 277 (4/2002), Verlag Franzis, 2002
Der größte Teil der Muslime sind Sunniten, gefolgt von Aleviten, die jedoch in offiziellen Statistiken nicht eigens gezählt, sondern nominell als Muslime verzeichnet werden und deren Anteil unterschiedlich geschätzt wird (siehe unten). Zu erwähnen sind noch die Alawiten (Nusairier) und eine vor allem im Osten der Türkei angesiedelte schiitische Minderheit. Zu den religiösen Minderheiten zählen weiterhin Christen verschiedener Konfessionen, Juden, Bahai, Jesiden, Karäer u. a. Die Minderheitenpolitik der Türkei ist – gerade auch im Zusammenhang der Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der Europäischen Union – politisch sehr umstritten. mini|Das Kartal-Cemevi in Istanbul
Geschichte Die Region der heutigen Türkei blickt auf ca. 7000 Jahre Kultur- und Religionsgeschichte zurück. Als strategisch und wirtschaftlich bedeutsames Gebiet war sie vielfach Schauplatz von Völkerwanderungen, Eroberungen, politischen, wirtschaftlichen und religiösen Auseinandersetzungen, aber auch ein Zentrum von Philosophie, Theologie, Kunst und Kulturentwicklung.
Für das Christentum spielt sie historisch eine zentrale Rolle als erstes Missionsgebiet der Urkirche und Wirkungsstätte des Apostels Paulus – besonders bekannt ist seine Auseinandersetzung mit den Silberschmieden in Ephesos, als Ort der Ökumenischen Konzilien in Nicäa, Konstantinopel, Ephesos und Chalkedon, als Gebiet der altkirchlichen Patriarchate Konstantinopel und Antiochia, als Zentrum des christianisierten Oströmischen Reiches und der byzantinisch-orthodoxen Kirche.
Für den Islam spielt sie historisch eine zentrale Rolle als Zentrum des Osmanischen Reiches, dessen Sultane jahrhundertelang das Kalifat, die Herrschaft über die Gläubigen in der Nachfolge Mohammeds, innehatten, als Entstehungsort verschiedenster religiöser Orden und Bewegungen, etwa der Aleviten.
Für das Judentum spielte sie historisch eine wichtige Rolle als Zufluchtsort nach der Vertreibung der Juden aus Spanien als Verwaltungsmacht von Palästina von 1517 bis 1917 als Transitland nach Palästina für jüdische Flüchtlinge während des Holocausts.
Frühe Hochkulturen In unmittelbarer Nachbarschaft des Zweistromlandes, jedoch durch die Barriere des Antitaurusgebirges und seiner Ausläufer abgegrenzt, entwickelten sich in Kleinasien seit etwa 30.000 v. Chr. verschiedene eigenständige stein- und frühbronzezeitliche Kulturen, „die dann später von den um 2000 v. Chr. eingewanderten Hethitern zumindest in Zentral-Anatolien zu einer Einheit zusammengefasst worden sind.“Barthel Hrouda: Handbuch der Archäologie. Vorderasien I: Mesopotamien, Babylonien, Iran und Anatolien, München 1971, 9f. Der ausgeprägte Götterkult der Hethiter, der sich in den zahlreichen Tempelbezirken ihrer ausgegrabenen Hauptstadt Ḫattuša spiegelt, greift in seiner Ikonographie lokale Kulte des 3. Jahrtausends, unter anderem der Hattier, wieder auf. In Schreinen wurden Götter verehrt, dargestellt durch Symbole oder Stelen.Ein hethitischer Text beschreibt die Verschönerung eines Heiligtums namens Marash, in dem vier Gottheiten dargestellt wurden: ein Wettergott als Stier, ein Berggott als Keule, ein dritter durch fünf Kupferdolche, ein vierter in Form einer Stele mit der Abbildung einer stillenden Mutter. Der hethitische Großkönig ersetzte die Darstellungen durch einen silbernen Stier, eine Keule, geschmückt mit Darstellungen von Sonnenscheibe und Mondsichel und überragt von einer eisernen Männerfigur, eine silberne Männerstatuette mit goldenen Augen und einem Kupferdolch, sowie eine stillende Frau.
Die beiden wichtigsten Mythen hattischer Herkunft sind die kultischen Legenden von dem Fruchtbarkeitsgott Telipinu, der sich im Ärger in die Unterwelt zurückzieht und so das Land verdorren lässt, bis die Göttin Kamrušepa ihn besänftigt und wieder hervorholt; sowie von dem Kampf des Wettergottes mit dem Drachen Illuyanka, in dem dieser unterliegt und von anderen Göttern gerettet werden muss. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Göttermythen in kultischen Riten schauspielerisch dargestellt wurden, indem die Menschen die Rolle der helfenden Gottheiten übernahmen.Vgl. Jak Yakar: The later Prehistory of Anatolia. The Late Chalcolithic and Early Bronze Age, Oxford 1985, 417-429.
Die ursprüngliche Religion der Turkvölker war der Tengrismus.
Frühes Christentum Nach der Apostelgeschichte (Apg), einem Buch des Neuen Testaments, wurden die ersten christlichen Gemeinden auf dem Gebiet der heutigen Türkei von Gläubigen gegründet, die vor der Verfolgung durch Saulus (Paulus) aus Judäa flohen. Die Stadt Antiochia am Orontes (heute Antakya) wird ausdrücklich genannt.Apg 11,19-26. Dorthin wurde Paulus gerufen, nachdem er sich nach seiner Bekehrung eine Zeitlang in seiner Geburtsstadt Tarsus aufgehalten hatte, die ebenfalls in der heutigen Türkei liegt.Apg 11,25-26.
Mission des Apostels Paulus Über den Apostel Paulus und seine Tätigkeit als Wanderprediger und Missionar sind wir ausschließlich durch das Neue Testament (NT) unterrichtet, und zwar einerseits durch die Apostelgeschichte (Apg), deren zweite Hälfte sich fast ausschließlich mit Paulus beschäftigt, und andererseits durch die Briefe des Paulus, die im NT enthalten sind.
In der sogenannten „ersten Missionsreise“ besuchte Paulus zunächst Zypern, die Heimat seines Begleiters Apostel Barnabas.Apg 13,4-12.
Nach der Bekehrung des Statthalters der Insel, L. Sergius Paul(l)us, der sich historisch durch eine oder gar mehrere Inschriften nachweisen lässt,Cilliers Breytenbach: Paulus und Barnabas in der Provinz Galatien. E.J. Brill. Leiden, New York, Köln 1996. ISBN 90-04-10693-6. S. 45. reiste Paulus in dessen damals phrygische Heimatstadt,Auf diesen Zusammenhang soll zuerst (?) Ramsay hingewiesen haben. Antiochia.Die in späteren Handschriften der Apostelgeschichte benutzte Bezeichnung „Antiochia in Pisidien“ trifft auf die Zeit des Paulus nicht zu. Seine dortige Predigt führte – wie oft in der Apostelgeschichte – zur Polarisierung und zur Verfolgung der Christen, weshalb Barnabas und Paulus nach Ikonium (heute Konya), Lystra und schließlich Derbe flohen und dort ebenfalls Gemeinden gründeten, bevor sie über Antiochia bei Pisidien nach Antiochia am Orontes zurückkehrten.
Im weiteren Fortgang der Apostelgeschichte wird das Wirken von Paulus im Inneren Kleinasiens nur summarisch geschildert.Apg 16,6-8; 19,23. Umstritten ist, wie der dabei benutzte Ausdruck „Galatien“ zu verstehen ist: Während die meisten Theologen im deutschsprachigen Raum dies auf die Landschaft Galatien beziehen, macht BreytenbachCilliers Breytenbach: Paulus und Barnabas in der Provinz Galatien. Studien zu Apostelgeschichte 13f.; 16,6; 18,23 und den Adressaten des Galaterbriefes, AGJU 38, Leiden/New York/Köln 1996. darauf aufmerksam, dass im angelsächsischen Raum die meisten Forscher davon ausgehen, dass damit die auf der „ersten Missionsreise“ besuchten Gebiete gemeint sind, die in der Provinz Galatien lagen. Ein Argument für die „Provinzhypothese“ ist, dass sich nach ihr ergibt, dass Paulus in Apg 16,6-11 von Gott auf dem kürzesten Weg vom phrygischen Teil Galatiens (d. h. Antiochia bei Pisidien) nach Makedonien (Philippi) geführt wird, während sich nach der „Landschaftshypothese“ ein merkwürdiger Zickzackkurs ergibt. – Auf jeden Fall kommt Paulus dabei auch nach Troas (Troja)Apg 16,8-9., wo späterApg 20,6-12. eine christliche Gemeinde erwähnt wird.
Nach der Apostelgeschichte hat Paulus – was das Gebiet der heutigen Türkei betrifft – vor allem in Ephesus gewirktApg 18,19-21; 19,1-40., insgesamt „drei Jahre“ (was nach der damaligen Zählmethode 1 bis 3 Jahren entspricht). Nach dem (unvermeidlichen) Konflikt mit den Juden predigte er in einem angemieteten Saal und war so erfolgreich, dass er auch bei den Heiden Reaktionen hervorrief: Die Silberschmiede, die vor allem silberne Abbilder des Tempels der Artemis verkauften, organisierten eine „Demonstration“, die in tumultartigen Ausschreitungen und einer chaotischen „Volksversammlung“ endete.APG 19, 23-40; Paulus selbst schreibt weniger dramatisch 2 Kor 1,8-10.
Das Wirken des Paulus in Ephesus (d. h. in der Provinz „Asia“, deren Hauptstadt Ephesus war) ist auch in seinen Briefen bezeugt: es wird mehrmals erwähnt,z. B. 1.Kor 15,32; 2.Kor 1,8. außerdem gibt es einen Brief an die Epheser und einen Brief nach Kolossä, der an eine Gemeinde gerichtet ist, die wohl von Ephesus aus gegründet wurde.
Byzantinisches Reich
Im Byzantinischen Reich (auch Oströmisches Reich) hatte das Christentum des Byzantinischen Ritus auf heutigem türkischen Territorium seinen Höhepunkt. Die Region der heutigen Türkei war Zentrum der orthodoxen Kirche im Oströmischen Reich. Nach der zunehmenden Einnahme des Landes durch die muslimischen Seldschuken wurde das Christentum in der Region jedoch stark zurückgedrängt.
Osmanisches Reich mini|Handelsflagge von muslimischen Händlern im Osmanischen Reich
Staatsreligion im Osmanischen Reich war der Islam. Im Verhältnis zwischen offiziellem Islam und dem im Volk verbreiteten Glaubensformen des Sufismus kam es gelegentlich zu Spannungen. Der Sufismus in der Türkei verbreitete sich etwa ab dem 10. Jahrhundert, bis zum 15. Jahrhundert waren mystische Praktiken von Sufi-Orden im gesamten Reichsgebiet verbreitet. Am bekanntesten wurde der Mevlevi-Orden von Konya.
Im Osmanischen Reich war die Religionsfreiheit für Christen und Juden anfangs gewährleistet, besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dem Millet-System nach durften sie ihre Angelegenheiten selber regeln. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im Zuge der Tanzimat-Reformen das Millet-System nach und nach aufgelöst und die Gleichstellung der Religionen durchgesetzt, wenn auch gegen den Widerstand des muslimischen Klerus, der um seine Macht fürchtete. Mit der Amtsübernahme von Abdülhamid II., dem sogenannten Roten Sultan, und der Rückgängigmachung des Demokratisierungsprozesses – die Osmanische Verfassung von 1876 wurde 1878 de facto ausgesetzt – begann sich ein stetig steigender Nationalismus in Hass und Gewalt auf die Minderheiten niederzuschlagen. Eine Ursache dafür wird in der geopolitischen Einflussnahme diverser europäischer Mächte auf die nichtmuslimischen Minderheiten im Osmanischen Reich gesehen. Erste größere Massaker gegen die armenisch-apostolischen Christen wurden zwischen 1894 und 1897/98 verübt. Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts kam es schließlich zum Völkermord an den Armeniern und an den syrischen Christen (Assyrer), welche gleichfalls christlich getauft waren.Elcin Kürsat: Der Verwestlichungsprozeß des Osmanischen Reiches im 18. und 19. Jahrhundert, S. 161.
Die Republik