Die Orang-Utans (Pongo) sind eine Primatengattung aus der Familie der Menschenaffen (Hominidae). Von den anderen Menschenaffen unterscheiden sie sich durch ihr rotbraunes Fell und durch ihren stärker an eine baumbewohnende Lebensweise angepassten Körperbau. Sie leben auf den südostasiatischen Inseln Sumatra und Borneo; die Bestände beider Inseln werden heute als drei getrennte Arten geführt: Borneo-Orang-Utan (Pongo pygmaeus), Sumatra-Orang-Utan (Pongo abelii) und der Tapanuli-Orang-Utan (Pongo tapanuliensis).
Merkmale Allgemeines mini|links|Die Gliedmaßen der Orang-Utans sind an eine baumbewohnende Lebensweise angepasst.
Orang-Utans erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 1,25 bis 1,5 Metern. Hinsichtlich des Gewichtes herrscht ein deutlicher Geschlechtsdimorphismus: Männchen sind mit 50 bis 90 Kilogramm nahezu doppelt so schwer wie Weibchen, die 30 bis 50 Kilogramm auf die Waage bringen. Tiere in Gefangenschaft neigen hingegen dazu, deutlich schwerer zu werden; Männchen können dabei ein Gewicht von nahezu 200 Kilogramm erreichen. Die Sumatra-Orang-Utans sind im Allgemeinen etwas leichter und zierlicher als ihre Verwandten auf Borneo. Das eher dünne und zottelig wirkende Fell der Orang-Utans ist dunkelrot oder rötlich braun gefärbt – bei den Tieren aus Sumatra meist etwas heller.
Die Gliedmaßen dieser Tiere zeigen starke Spezialisierungen an eine baumbewohnende Lebensweise. Die Arme sind sehr lang und kräftig und können eine Spannweite von 2,25 Metern erreichen. Die Hände sind hakenförmig und langgestreckt, der Daumen hingegen sehr kurz und nahe an der Handwurzel lokalisiert. Die vergleichsweise kurzen Beine sind sehr beweglich und nach innen einbiegbar, was dem senkrechten Klettern an Baumstämmen dient. Die Großzehe ist analog zum Daumen verkürzt und liegt relativ nah an der Fußwurzel, die übrigen Zehen sind hingegen verlängert und gebogen. Insgesamt erwecken die Füße dadurch einen handähnlichen Eindruck.
Kopf und Zähne mini|Ältere Männchen, besonders bei Borneo-Orang-Utans, entwickeln auffällige Wangenwülste.
Der Kopf der Orang-Utans ist durch den hohen, gerundeten Schädel und die vorspringende, gewölbte Schnauze charakterisiert. Im Gegensatz zu den afrikanischen Menschenaffen sind die Überaugenwülste nur schwach ausgeprägt und die Augen sind klein und stehen eng beisammen. Die Schädel der Männchen sind allerdings wie die der Gorillas mit Sagittal- und Nuchalkämmen (Wülsten an der Oberseite des Kopfes und am Nacken) ausgestattet, die als Muskelansatzstellen dienen. Beide Geschlechter tragen einen Bart, wobei der der sumatranischen Art länger ist. Männliche Tiere sind überdies mit einem Kehlsack ausgestattet, der bei der borneanischen Art besonders groß ist. Erwachsene Männchen haben auffällige Wangenwülste, diese wachsen das ganze Leben und sind bei alten Tieren am deutlichsten ausgeprägt. Bei Borneo-Orang-Utans wachsen diese Wülste nach außen und sind nahezu unbehaart, bei Sumatra-Orang-Utans liegen sie flach am Kopf und sind mit weißen Haaren bedeckt.
Wie alle Altweltaffen haben Orang-Utans 32 Zähne, die Zahnformel lautet I2-C1-P2-M3. Die mittleren Schneidezähne sind groß, die äußeren hingegen stiftförmig und klein. Die Eckzähne der Männchen sind deutlich größer als die der Weibchen; die Backenzähne sind durch niedrige Zahnhöcker und eine stark gekräuselte Kaufläche charakterisiert, was eine Anpassung an die oft hartschalige Nahrung darstellt.
Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitungsgebiet der Orang-Utans
Noch vor einer Million Jahren kamen die Orang-Utans in ausgedehnten Gebieten Südostasiens vor. Ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet reichte vom südlichen China über Thailand, Vietnam bis nach Java, was durch Fossilienfunde in Südchina, Vietnam und der Insel Java belegt ist. In Teilen dieses Gebietes dürften sie zumindest bis vor wenigen tausend Jahren überlebt haben. Auf Java lebten sie noch in niederländischer Kolonialzeit, auf dem Festland noch in frühgeschichtlicher Zeit.
Orang-Utans kommen heute nur mehr auf den Inseln Borneo und Sumatra vor. Auf Sumatra bewohnen sie die nordwestlichen Regionen und Teile der Westküste, auf Borneo sind sie vorwiegend in den südlichen und östlichen Regionen anzutreffen.
Lebensraum der Orang-Utans sind tropische Regenwälder vom Meeresniveau bis in 1500 Metern über dem Meeresspiegel. Sie sind oft in Sumpfgebieten oder in der Nähe von Flüssen zu finden, einen weiteren bedeutenden Lebensraum stellen Flügelfruchtgewächs-Wälder dar.
Lebensweise Aktivitätszeiten und Fortbewegung mini|In Hängematte rastender Orang-Utan im Zoo Gelsenkirchen, 2016 Wie alle Menschenaffen sind Orang-Utans tagaktiv. Sie haben zwei Aktivitätshöhepunkte, einmal am Vormittag und einmal am späten Nachmittag, in der Mittagszeit halten sie Rast. Zur Nachtruhe errichten sie sich ein Nest aus Ästen und Blättern.Adam van Casteren, William I. Sellers, Susannah K. S. Thorpe, Sam Coward, Robin H. Crompton, Julia P. Myatt & A. Roland Ennos: Nest-building orangutans demonstrate engineering know-how to produce safe, comfortable beds. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 16. April 2012, doi:10.1073/pnas.1200902109Haarige Bettenbauer: Orang-Utans schlummern in Komfortnestern. In: Spiegel Online. 17. April 2012 Die Höhe bietet den Orang-Utans Schutz vor Raubtieren und Parasiten. In der Regel bauen sie jede Nacht ein neues Nest, gelegentlich wird dasselbe zweimal verwendet. Orang-Utans rollen sich zum Schlafen zusammen und sind im Vergleich zu anderen Primaten Langschläfer. Für die Beobachtung von Orang-Utans ist das Zählen der Schlafnester eine wesentliche Methode der Bestandserhebung.
Orang-Utans sind vorwiegend Baumbewohner. Dort bewegen sie sich hauptsächlich fort, indem sie langsam mit allen vier Gliedmaßen klettern oder auf den Ästen gehen – ihre Bewegungen sind aber gemächlicher als beispielsweise die der Gibbons. Insbesondere wenn sie es eilig haben, schwingen sie an den langen Armen (Brachiation). Um von einem Baum auf den anderen zu gelangen, können sie, um die Distanz zu verringern, diese in heftige Schaukelbewegungen versetzen.
Orang-Utans kommen selten auf den Boden. Oft geschieht dies nur, um von einem Baum zum nächsten zu kommen, wobei ihre Bewegungen vorsichtig und scheu sind. Erwachsene Männchen können hingegen manchmal sogar Streifzüge auf dem Boden unternehmen. Dieses Verhalten ist bei der borneanischen Art häufiger, vermutlich weil es dort im Gegensatz zu Sumatra keine Tiger gibt. Ihre Fortbewegung auf der Erdoberfläche ist ein vierfüßiges Gehen; im Gegensatz zu den afrikanischen Menschenaffen (Schimpansen und Gorillas) bewegen sie sich nicht im Knöchelgang fort, sondern stützen sich entweder auf die Fäuste oder auf die Innenkante der Hände.
Territorial- und Wanderverhalten mini|Reviergröße von ansässigen Orang-Utans (daneben gibt es pendelnde und wandernde Tiere)
Orang-Utans haben mehrere Revierstrategien und können als „ansässige Tiere“, „Pendler“ und „Wanderer“ bezeichnet werden.Bezeichnungen nach Geissmann, 2003, S. 292–293
„Ansässige Tiere“ bewohnen feste Territorien. Bei Weibchen umfassen diese rund 70 bis 900 Hektar und können sich mit den Revieren anderer Weibchen überschneiden. Die Territorien der Männchen sind mit 4000 bis 5000 Hektar deutlich größer und überlappen sich meist mit denen mehrerer Weibchen. Die Länge der täglichen Streifzüge hängt mit der Reviergröße zusammen; sie dienen aber nicht nur der Nahrungsaufnahme, sondern bei Männchen auch dem Kontakt mit den Weibchen oder der Suche nach etwaigen männlichen Konkurrenten.
Die Mehrzahl der männlichen Orang-Utans etabliert jedoch kein festes Territorium, sondern zieht als „Pendler“ oder „Wanderer“ umher. „Pendler“ halten sich nur für einige Wochen oder Monate in einem Gebiet auf und wechseln mehrmals im Jahr ihren Aufenthaltsort. Oft sind sie im darauffolgenden Jahr wieder in den gleichen Gebieten anzutreffen. Die Aufenthaltsorte der „Pendler“ können mehrere Kilometer auseinander liegen, die Streifzüge dieser Tiere sind dementsprechend deutlich länger als die der ansässigen Orang-Utans. Junge erwachsene Männchen sind meist „Wanderer“, sie sind nie lange in einem Gebiet anzutreffen, sondern ziehen beständig umher. Wenn sie älter werden, können sie manchmal ein festes Revier etablieren oder aber zeitlebens Wanderer bleiben.
Sozialverhalten mini|Weiblicher Orang-Utan
Orang-Utans sind in der Regel einzeln anzutreffen, dauerhafte Bindungen gibt es nur zwischen Weibchen und Jungtieren. Dennoch interagieren diese Tiere mit Artgenossen und führen keine strikt einzelgängerische Lebensweise; die Details dieser sozialen Beziehungen sind aber noch nicht restlos bekannt.
Begegnungen zwischen Männchen verlaufen meist feindselig. Durch Rufe machen sie auf sich aufmerksam, bei direkten Begegnungen kann es auch zu Handgreiflichkeiten kommen. Weibchen reagieren hingegen friedlicher aufeinander, manchmal gehen sie zu zweit für mehrere Tage gemeinsam auf Nahrungssuche. Generell sind Sumatra-Orang-Utans sozialer als Borneo-Orang-Utans, es gibt für diese Art Beobachtungen von größeren Gruppenbildungen und auch zeitweiligen Zusammenschlüssen eines Männchens mit einem Weibchen und deren Jungtieren.
Fix ansässige Tiere dürften einen höheren sozialen Rang als herumziehende haben, was unter anderem an den unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien deutlich wird. Niederrangigere, umherziehende Männchen erzwingen oft die Fortpflanzungen mit Weibchen. Opfer dieser erzwungenen Kopulationen, manchmal anthropomorph als „Vergewaltigung“ bezeichnet, werden ihrerseits zumeist junge oder rangniedrige Weibchen. Ansässige Männchen hingegen überwachen bei ihren Streifzügen die in ihrem Revier lebenden Weibchen, um sie vor erzwungenen Kopulationen zu schützen. Aufgrund des höheren Ranges dieser Männchen dürften die Weibchen der Paarung zustimmen.K. A. Cawthon Lang: Primate Factsheets: Orangutan (Pongo) Behavior. (Zugriff am 9. Dezember 2009)
Kommunikation Orang-Utans sind ruhiger als andere Menschenaffen. Auffälligere Laute sind die lauten Schreie der Männchen. Diese dienen dazu, andere Männchen auf ihr Revier hinzuweisen und den Kontakt zu Weibchen herzustellen. Bedingt durch den größeren Kehlsack sind die Schreie der Borneo-Orang-Utans lauter und langgezogener als die der Sumatra-Orang-Utans. Über andere lautliche Äußerungen oder Kommunikationen mittels Mimik und Körperhaltungen ist wenig bekannt.
Werkzeuggebrauch mini|Orang-Utan, mit einem Stöckchen nach Insekten stochernd Der Gebrauch von Werkzeugen kommt bei Orang-Utans in freier Wildbahn seltener vor als beispielsweise bei Schimpansen. Man hat aber Tiere dabei beobachtet, wie sie Holzstöcke dazu verwendet haben, um damit zu graben, zu kämpfen oder sich zu kratzen. Um an die schmackhaften Samen von Neesia-Früchten zu gelangen, die in eine Fruchtschale mit stechenden Haaren eingebettet sind, stellen Orang-Utans aus dünnen Zweigen passende Holzstäbchen her. Vor Regen und praller Sonne schützen sie sich mit großen Blättern, die sie über ihren Kopf halten.
Der vergleichsweise geringe Werkzeuggebrauch könnte auch an der eher einzelgängerischen Lebensweise dieser Tiere liegen, was die Bedingungen für die Weitergabe erworbenen Verhaltens erschwert. Das stimmt auch mit Beobachtungen überein, wonach der Werkzeuggebrauch bei den sozialeren Sumatra-Orang-Utans weitaus häufiger ist als bei den Borneo-Orang-Utans.
Mit früher im Zoologischen Garten Osnabrück in Gefangenschaft lebenden Sumatra-Orang-Utans konnte bei Laborstudien gezeigt werden, dass die Tiere nicht nur in der Lage sind, Werkzeuge zu nutzen, sondern auch einfache Werkzeuge herzustellen (z. B. das Zusammenstecken von Metallstäben), um dadurch an ein Ziel wie Futter zu gelangen. Weitere Zoostudien haben gezeigt, dass Orang-Utans spontan und ohne Vormachen Hammerwerkzeuge nutzen, um Nüsse aufzuknacken – ein Verhalten, das (bisher) in der Wildnis bei Orang-Utans nicht nachgewiesen wurde.