mini|hochkant=1.3|Heimkehr von verwundeten Kriegsgefangenen aus dem Russischen Kaiserreich am Sedantag 1915 (Lübeck Hauptbahnhof) Kriegsgefangener ist ein Begriff aus dem Kriegsvölkerrecht. Das Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen vom 12. August 1949 definiert ihre Rechte und legt Regeln für ihre Behandlung und Freilassung fest.Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen. Abgeschlossen in Genf am 12. August 1949, deutsche Übersetzung.Kriegsgefangene und Häftlinge. Internationales Komitee vom Roten Kreuz, abgerufen am 14. Juni 2022. Vorläufer waren das Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen vom 27. Juli 1929Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen vom 27. Juli 1929, deutsche Übersetzung. und die Haager Landkriegsordnung von 1907.Abkommen betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs. Abgeschlossen in Den Haag am 18. Oktober 1907, deutsche Übersetzung.
Geschichte Antike Der Sieger in einer Schlacht verfügte im Altertum nach Gutdünken über das Leben und den Besitz derer, die ihm ausgeliefert waren. Es gab keine Trennung zwischen Kombattanten und Zivilbevölkerung.Karl-Heinz Ziegler: In der Hand des Feindes. Kriegsgefangenschaft von der Antike bis zum Zweiten Weltkrieg. Hrsg. von Rüdiger Overmans. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 1999 (Buchbesprechung: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 2001, S. 466). Das Schicksal der Besiegten reichte von der Niedermachung auf dem Schlachtfeld über Verstümmelung bis zur Verschleppung oder dem Zwang zur Heeresfolge.vgl. Vasile Lica: Römische Kriegsgefangene und „Geiseln“ in Dakien. In: Bonner Jahrbücher 1993, S. 161–163, doi:10.11588/bjb.1993.0.61996. Aber auch die einfache Freilassung blieb möglich. Ein weitverbreitetes Schicksal war die Versklavung.Arno Orzessek: Vom Umgang mit Kriegsverlierern. Deutschlandfunk Kultur, 22. August 2013. Bereits zu Beginn der schriftlichen Überlieferung wird von Kriegen berichtet, die eben zum Zweck der Sklavenbeschaffung geführt wurden. Assyrische Quellen aus der Zeit Hammurabis berichten vom Freikaufen versklavter Kriegsgefangener.Erich Ebeling: Reallexikon der Assyriologie. Band 7, ISBN 978-3-11-010437-0.
Auch im antiken Griechenland hatten Kriegsgefangene keinen besonderen Rechtsstatus. Die allgemeine Rechtsauffassung war, dass der Stärkere über den Schwächeren herrschen dürfe und solle. Das übliche Verfahren war der Verkauf oder die Auslösung der gefangenen gegnerischen Krieger. Thukydides berichtet an mehreren Stellen über Kriegsgefangene im Peloponnesischen Krieg. 421 v. Chr. bot Sparta den Frieden auf Vorkriegsbasis an, um die 120 Spartiaten (Vollbürger) zurückzuerhalten, welche sich in der Schlacht von Sphakteria ergeben hatten. Die Überlebenden der Sizilischen Expedition wurden 413 v. Chr. in die Steinbrüche von Syrakus gesperrt, wo sie elend zugrunde gingen. Nach der Schlacht bei Aigospotamoi wurden etwa 3000 Gefangene gemacht. Lysandros ließ nach einem Strafgericht alle athenischen Vollbürger hinrichten, weil sie „den Anfang mit ungesetzlichen Handlungen unter den Hellenen gemacht hatten.“Xenophon: Hellenika.
In der römischen Kultur wurde ähnlich verfahren. Die „menschliche Kriegsbeute“ (lt. captivus)captivus. Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Hannover 1913 (Nachdruck Darmstadt 1998), Band 1, Sp. 987. zeno.org, abgerufen am 15. Juni 2022. war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Auf den Triumphzügen der siegreichen Feldherren bildeten die zur Schau gestellten Kriegsgefangenen ein wesentliches Element. In den Bürgerkriegen wurden die Legionäre der unterlegenen Partei oft begnadigt oder in die eigenen Reihen eingegliedert. Im Jahr 71 v. Chr. wurden sämtliche ca. 6000 gefangenen Sklaven des Spartacus-Aufstandes entlang der Via Appia gekreuzigt; die Römer unterschieden hier offenbar zwischen Bürgern und Sklaven.
Mittelalter Eine Änderung des Status der Kriegsgefangenen erfolgte, als das Dritte Laterankonzil im Jahre 1179 den Verkauf von Christen in die Versklavung verbot. Dadurch war es nicht mehr rentabel, viele Gefangene zu machen: Gefangenes Fußvolk wurde auf dem Schlachtfeld niedergemacht oder einfach laufengelassen. Um das Lösegeld von höhergestellten Kriegsgefangenen bildete sich ein lukratives Gewerbe.Hannelore Zug Tucci: Kriegsgefangenschaft im Mittelalter. Probleme und erste Forschungsergebnisse. In: Krieg im Mittelalter. 2001, S. 123–140. Ein berühmtes Beispiel ist die Gefangennahme von Richard Löwenherz 1192.
Zu Zeiten der großen Söldnerheere im ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit wurden oft bereits auf dem Schlachtfeld Gefangene gegenseitig ausgetauscht. Für Offiziere oder Generale gab es dabei bestimmte Quoten im Verhältnis zu Fußsoldaten. Gängige Praxis war es auch, Kriegsgefangene zu entlassen, wenn sie schworen, nicht mehr in den Konflikt einzugreifen.vgl. Jörg Rogge: Das Kriegswesen im späten Mittelalter und seine Erforschung: neure englische und deutsche Arbeiten zu Krieg, Staat und Gesellschaft. In: Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit. Universität Potsdam 2004, S. 20–33.
mini|hochkant|Preussischer Husar mit Gefangenen, Gemälde von Emil Hünten, 1862 Neuzeit Die Massenaushebungen zum Kriegsdienst nach der Französischen Revolution führten dazu, dass nunmehr hunderttausende Kriegsgefangene anfielen und versorgt werden mussten. Gleichzeitig setzte sich die Auffassung durch, dass Kriege hauptsächlich Angelegenheiten der Staatswesen seien und den gefangenen Soldaten gewisse Rechte zuständen.vgl. Florian Kern: Kriegsgefangenschaft im Zeitalter Napoleons. Über Leben und Sterben im Krieg. Berlin, Peter Lang 2018. ISBN 978-3-631-76193-9.
Im Deutsch-Französischen Krieg standen den 8000 deutschen mehr als 400.000 französische Kriegsgefangene gegenüber, sodass ein Austausch nicht in Frage kam. Theodor Fontane schildert seine Erlebnisse als deutscher Kriegsgefangener in Kriegsgefangen. Erlebtes 1870 sowie in seinem Notizbuch.Theodor Fontane: Notizbücher. Genetisch-kritische und kommentierte Edition. Hrsg. von Gabriele Radecke. Göttingen 2019. Notizbuch D06: Kriegsschauplatz 1870. Die Probleme bei der Internierung und Versorgung dieser Massen waren ein wesentlicher Auslöser für die Schaffung der Haager Landkriegsordnung.
Kolonialgewalt durch die Exekution von Kriegsgefangenen und situative Exzesse gab es vor dem Ersten Weltkrieg etwa während des Boxeraufstands oder des Russisch-Japanischen Kriegs.vgl. Bastian Matteo Scianna: Gewaltkulturen von den Kolonialkriegen bis zur Gegenwart. Konferenz des Deutschen Historischen Instituts Warschau mit dem Deutschen Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Kooperation mit der Universität Potsdam. Potsdam, 4. bis 6. Juni 2015. Militärgeschichtliche Zeitschrift 2016, S. 145–150.
Erster Weltkrieg mini|hochkant=.85|Österreichisch-ungarische Kriegsgefangene in Russland 1915 mini|hochkant|Von deutschen Truppen gefangene verwundete Russin, die an der Front mitgekämpft hatte (1915) mini|Wehrmachtssoldaten mit einem gefangen genommenen „Flintenweib“, Russland, 1942
Während des Ersten Weltkrieges gerieten sieben bis neun Millionen Soldaten in Kriegsgefangenschaft, davon 5 Mio. an der Ostfront.Alan Rachaminov: POWs and the Great War. Captivity on the Eastern Front. New York 2002 (englisch). Bedingt durch die Stellungskriege an der Westfront war die Anzahl der Kriegsgefangenen dort geringer.Guido Thiemeyer: Der Erste Weltkrieg. Ein Forschungsbericht. Archiv für Sozialgeschichte 2007, S. 683–694, 688 f.
Aus welchem Land ein Soldat stammte, welches Land ihn in Gefangenschaft nahm und in welches Lager er schließlich gelangte, hatte großen Einfluss auf seine Überlebenschancen. Da viele Beteiligte am Ersten Weltkrieg – sowohl die Entente als auch die Mittelmächte – im Sommer 1914 von einer kurzen Kriegsdauer ausgegangen waren, gab es kaum Vorkehrungen für die Unterbringung einer größeren Gefangenenzahl.Kriegsgefangenschaft Deutsche Nationalbibliothek, abgerufen am 16. Juni 2022. Dennoch waren die Unterzeichnerstaaten bemüht, die Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung einzuhalten und die Gefangenen wie darin vorgesehen „mit Menschlichkeit“ zu behandeln.Jakob Zenzmaier: Kriegsgefangenschaft. Das Recht, mit „Menschlichkeit behandelt zu werden.“ Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsgesellschaft (SKB), abgerufen am 16. Juni 2022. Gleichwohl wurden in den Leipziger Prozessen auch Straftaten deutscher Offiziere im Zusammenhang mit der Behandlung von Kriegsgefangenen verhandelt.
Die Masse der Kriegsgefangenen fiel an, wenn größere Verbände die Waffen strecken mussten. Beispiele sind die 95.000 gefangenen russischen Soldaten nach der Schlacht bei Tannenberg (1914) oder die 325.000 Angehörigen der k.u.k Armee nach der Brussilow-Offensive 1916.
Deutschland hielt insgesamt 2,5 Millionen Soldaten gefangen, Russland 2,9 Millionen (darunter ca. 160.000 deutsche sowie 2,1 Mio. österreich-ungarische Soldaten)d-nb.info S. 22., Großbritannien, Frankreich und die USA 768.000. Die Zustände in den Kriegsgefangenenlagern während des Krieges waren teilweise deutlich besser als im Zweiten Weltkrieg. Auf Initiative des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) wurden der Gefangenenaustausch und die Internierung Tausender von Gefangenen in neutralen Ländern durchgeführt.7 Millionen! Die Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs. Mémorial de Verdun, abgerufen am 16. Juni 2022.
In Russland war die Situation in den Kriegsgefangenenlagern, welche häufig in unwirtlichen Gegenden Sibiriens und Zentralasiens lagen, jedoch besonders schlecht. Von den etwa 2,2 Millionen Soldaten der Mittelmächte in russischer Gefangenschaft starben etwa 25 %.Robert B. Kane, Peter Loewenberg: Disobedience and Conspiracy in the German Army, 1918–1945. McFarland, 2008, ISBN 978-0-7864-3744-3, S. 240. Berüchtigt sind die großen Fleckfieber-Epidemien in den ersten Kriegswintern oder der Bau der Murmanbahn.
In den Lagern Deutschlands war die Versorgungslage schlecht, was mit der allgemeinen Nahrungsmittelknappheit während des Krieges zusammenhing, allerdings betrug die Sterblichkeit nur 5 %.Richard B. Speed, III. Prisoners, Diplomats and the Great War: A Study in the Diplomacy of Captivity. (1990); Ferguson, The Pity of War. (1999) Ch 13; Desmond Morton, Silent Battle: Canadian Prisoners of War in Germany, 1914–1919. 1992.
Das Osmanische Reich behandelte seine Kriegsgefangenen oft schlecht. Im April 1916 ergaben sich beispielsweise 11.800 britische Soldaten, die meisten davon Inder, in der Schlacht um Kut. 4.250 von ihnen verhungerten innerhalb weniger Wochen.British National Archives: The Mesopotamia campaign.
Kriegsgefangene mit Ausnahme der Offiziere durften nach der Haager Landkriegsordnung zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft und Industrie eingesetzt werden. Sie waren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor während des Krieges und ersetzten vielfach die zu den Armeen eingezogenen männlichen Arbeitskräfte. Als mustergültig galt das japanische Kriegsgefangenenlager Bandō.David Neuhäuser: Deutsche Kriegsgefangene in Japan: Zwischen Orchester und „Stacheldrahtkrankheit.“ Der Spiegel, 2. August 2021.
Neben Soldaten wurden während des Ersten Weltkrieges auch in großem Ausmaß Zivilangehörige der Feindstaaten interniert oder in Russland nach Sibirien deportiert.