Der Kanon der Bibel, genannt auch Bibelkanon oder Kanon der Heiligen Schrift, ist jene Liste von Schriften, die das Judentum und das Christentum als Bestandteile ihrer Bibel festgelegt (kanonisiert) und so zum Maßstab (Kanon) ihres Glaubens und ihrer Lebensgestaltung gemacht haben.
Im Judentum wurde zuerst die Tora, die fünf Bücher Mose, zur normativen Heiligen Schrift. Ihr wurden weitere prophetische und weisheitliche Schriften zur Seite gestellt.
Die jüdische Jesusbewegung hat dann diese dreiteilige Sammlung beibehalten („Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht.“ ). In weiterer Folge hat die Alte Kirche das Alte Testament (AT) dem Neuen Testament (NT) vorangestellt. Damit hat sie zugleich die bleibende Geltung der jüdischen Bibel für den christlichen Glauben bestätigt.
Die Lutherbibel begrenzt das AT auf jene 39 Bücher, deren hebräische Texte in anderer Anordnung auch im Tanach kanonisiert sind. Andere vorchristliche, jüdische Schriften, die weiterhin in der Römisch-katholischen, den Alt-katholischen und den Orthodoxen Kirchen uneingeschränkt Anerkennung finden, werden im evangelischen Umfeld als apokryph bezeichnet, im katholischen Umfeld als deuterokanonisch.
In der Christenheit galten die vier Evangelien sowie eine Sammlung von Paulusbriefen bereits im 2. Jahrhundert als normativ. Damit war der Kern des Neuen Testaments festgelegt, aber es blieben noch „Randfragen der Unsicherheit“. Um 400 hat sich dann der genaue Umfang des Neuen Testaments mit 27 Schriften durchgesetzt.
Begriff
Kanon, bedeutet je nach Kontext unter anderem Richtschnur, Regel, Vorschrift.Hjalmar Frisk: Griechisches etymologisches Wörterbuch. Band 1. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 1960, ISBN 978-3-8253-0652-6, S. 780 s. v. (Digitalisat). Im Sinne eines ethischen Maßstabes, oder einer Vorschrift für eine Erkenntnis, ein Urteil oder Verhalten, also einer handlungsleitenden Norm kennt Paulus von Tarsus den Begriff kanṓn ( und ). Schriften christlicher Theologen verbinden ihn seit etwa 150 mit Begriffen wie Wahrheit, Glauben und Kirche (lateinisch: regula veritatis/fidei/ecclesiae) und beziehen ihn zur Abgrenzung von Häresien auf Teile oder die Gesamtheit der in der Kirche anerkannten Glaubens- und Lehrtradition.
Dabei bezeichnete der Ausdruck sowohl einen inhaltlichen Wahrheitsanspruch als Norm dieser Tradition als auch ihren äußeren Umfang als Katalog oder Liste maßgebender Dokumente:
Erst seit etwa 350 ist der Kanonbegriff in der heute gebräuchlichen Verwendung nachweisbar. So grenzt z. B. Athanasius im Jahr 367 kanonische Bücher gegenüber apokryphen Schriften ab. Seither bezogen ihn christliche Theologen auf alle in der Kirche anerkannten heiligen Schriften, also auf ihre Bibel. Bis dahin wurden bereits, wie in den Evangelien bezeugt, normative Schriften des Alten Testaments unter dem Begriff „das Gesetz und die Propheten“ zusammengefasst (; ; und entsprechend etc.). Gleichzeitig war für die wichtigen neuen Bücher und Briefe der allgemeine Begriff geläufig.Wilhelm Schneemelcher: Bibel III: Die Entstehung des Kanons des Neuen Testaments und der christlichen Bibel. In: Bibel – Böhmen und Mähren. (= Theologische Realenzyklopädie. Band 6). Verlag Walter de Gruyter, Berlin / New York 1980, ISBN 978-3-11-008114-5, S. 25 ff.
Tanach
Die jüdische, auf Hebräisch und teilweise auf Aramäisch abgefasste Bibel entstand in einem längeren Prozess. Am Beginn standen wohl mündliche Überlieferungen, die dann verschriftet wurden. Es wurde zusammengestellt, redigiert und abgeschrieben.
Im Mittelpunkt standen die als Gottes Offenbarung geltenden Rechtstraditionen. Das Deuteronomium, Devarim, hebräisch: „Worte“, zitiert, ergänzt und aktualisiert ältere Gesetzeskorpora, autorisiert sie als große Moserede und gab ihnen damit für alle Israeliten kanonischen Rang. Eine Vorform des Deuteronomiums legitimierte Josias Kultzentralisation (um 622 v. Chr.). Die feierliche Verlesung der Tora nach dem Wiederaufbau des Tempels (ab 539 v. Chr.; Neh 8,1) setzt ihre kanonische Geltung für das Judentum voraus. Abgeschlossen war sie spätestens mit dem Beginn ihrer griechischen Übersetzung (um 250 v. Chr.). Sie blieb auch für die Samaritaner, die sich vom Jerusalemer Tempelkult trennten, die alleingültige Heilige Schrift: Daraus entstand ihr Samaritanischer Pentateuch.
Um 200 v. Chr. war auch die Sammlung der Prophetenbücher abgeschlossen, die der Tora als zweiter Hauptteil der jüdischen Bibel nachgeordnet wurden. Sie sind in den Schriftrollen vom Toten Meer (entstanden zwischen 200 v. und 40 n. Chr.) als bekannt vorausgesetzt und großenteils in Handschriften überliefert und kommentiert.
Das apokryphe Buch Jesus Sirach (um 190 v. Chr. entstanden) setzt eine dreiteilige, aus Tora (den fünf Büchern des Mose), Geschichts- (Jos, Ri, Sam, Kön) und Prophetenbüchern (Jes, Jer, Ez und Zwölfprophetenbuch) bestehende Bibel voraus. Der um 117 v. Chr. entstandene griechische Prolog dazu nennt eine unbestimmte Zahl weiterer, poetisch-weisheitlicher „Schriften“.
Um 90 n. Chr. sagte Flavius Josephus, dass es bei den Juden 22 Bücher Heiliger Schriften entsprechend der Anzahl der Buchstaben des hebräischen Alphabets gebe: „Es [gibt] bei uns nicht Tausende von Büchern, die nicht übereinstimmen und sich widersprechen, sondern nicht mehr als 22 Bücher, welche die Niederschrift des ganzen Zeitraums enthalten und zu Recht Vertrauen gefunden haben. Und von diesen stammen fünf von Moses, welche die Gesetze umfassen und die Überlieferung vom Ursprung der Menschheit bis zu seinem eigenen Ende; dieser Zeitraum ist nur wenig kürzer als dreitausend Jahre. Vom Tod des Moses bis zur Herrschaft des Artaxerxes, des Königs der Perser nach Xerxes, haben die auf Moses folgenden Propheten die Begebenheiten ihrer Zeit aufgezeichnet in dreizehn Büchern; die übrigen vier enthalten Hymnen an Gott und Lebensanweisungen für die Menschen.“Flavius Josephus: Contra Apionem 1. Buch, 38–40. Hier zitiert nach: Daniel Stökl Ben Ezra: Qumran. Die Texte vom Toten Meer und das antike Judentum (= Jüdische Studien. Band 3). Tübingen 2016, S. 181 f. Die 13 Bücher der Propheten und die 4 Bücher Hymnen und Lebensanweisungen führt Josephus nicht namentlich an. Um 100 nannte eine davon unabhängige Quelle, nämlich das 4. Buch Esra (14,18–48), 24 von Esra diktierte, verbalinspirierte heilige Schriften; 24 als doppelte Zahl der Zwölf Stämme Israels bzw. der Monate.Erich Zenger, Christian Frevel: Heilige Schrift der Juden und der Christen. In: Christian Frevel (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. 9., aktualisierte Auflage. Stuttgart 2016, S. 11–36, hier: S. 22. Auf 24 Bücher kommt man, wenn 1/2 Sam, 1/2 Kön, 1/2 Chr, Esr/Neh und das Zwölfprophetenbuch als je ein Buch gezählt werden. Um die Zahl der von Josephus genannten 22 Bücher zu erreichen, kann man das Richterbuch und das Buch Rut sowie das Jeremiabuch und die Klagelieder Jeremias zusammenfassen.
Es ist unsicher, wann der Umfang des dritten Teils im Judentum festgelegt wurde. Bis um 1980 sprach die theologische Forschung von einer Synode von Jabne; dort sollte um 100 über einige umstrittene Schriften von Rabbinern beraten und entschieden worden sein. Als Indiz dafür wurden Diskussionen über die Frage gewertet, ob das Predigerbuch und das Hohelied „die Hände verunreinigten“ Mischna (mJad 3,5).Hans Jürgen Becker: Bibel, II. Altes Testament. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. (RGG), 4. Auflage, Tübingen 1998, S. 1410. John Barton meint, dass diese Unsicherheit (ob sie die Hände verunreinigen) darauf beruhte, dass in diesen Büchern der Gottesname JHWH fehlt (weil es ohnehin seltsam klingt, dass die Lektüre heiliger Schriften „die Hände verunreinigen“ sollten). Demnach wäre hier nicht die Kanonizität dieser Schriften in Frage gestellt.John Barton: Die Geschichte der Bibel. Von den Ursprüngen bis in die Gegenwart. Stuttgart: Klett-Cotta 2020, S. 275.
Die tatsächliche Bedeutung solcher anerkannter Schriften konnte sehr unterschiedlich sein. Das lässt sich bei den Schriftrollen vom Toten Meer sehen:Daniel Stökl Ben Ezra: Qumran. Die Texte vom Toten Meer und das antike Judentum (= Jüdische Studien. Band 3). Tübingen 2016, S. 187 f. Die Tora hatte überragende Bedeutung, insbesondere das Deuteronomium. Unter den prophetischen Schriften stehen Jesaja und das Zwölfprophetenbuch voran, dann Jeremia, die (als prophetisch betrachteten) Psalmen und das Buch Daniel. Nicht allgemein anerkannte Schriften, wie das Jubiläenbuch und die Henochbücher, wurden ebenfalls hoch geschätzt. Dagegen sind die Chronikbücher und Esra/Nehemia kaum bezeugt und das Buch Ester fehlt ganz.
In der jüdischen Diaspora wurden anscheinend auch zusätzliche Schriften aus dem Umfeld der Septuaginta geschätzt.In der Antike wurde nur die Übersetzung der Tora als Septuaginta bezeichnet. Diese wurde ab etwa 400 der christlichen Aneignung überlassen. Neue Übersetzungen des Tanachs ins Griechische setzten sich im rabbinischen Judentum nicht durch. Solche Übersetzungen wurden von Aquila, Symmachus dem Ebioniten und Theodotion hergestellt.
Altes Testament
mini|hochkant=2|Schaubild zur Entwicklung des AT-Kanons bis zum 5. Jahrhundert (nach Franz Stuhlhofer.Franz Stuhlhofer: Die altkirchliche Kanonsgeschichte im Spiegel evangelikaler Literatur. In: Gerhard Maier (Hrsg.): Der Kanon der Bibel. Brunnen, Gießen 1990, S. 165–197, das Schaubild auf S. 166.) Es werden bei den einzelnen Kirchenvätern, Synoden und Codices nur jeweils die Abweichungen vom Tanach (linke Spalte) sowie vom die Deuterokanonika einschließenden katholischen Kanon (rechte Spalte) angegeben.
Für Jesus und die Urchristen war der bezüglich seines Umfangs noch nicht endgültig festgelegte, aber schon dreiteilige Tanach die maßgebende Heilige Schrift. Auf diese bezogen sie ihre eigene Botschaft und legitimierten sie als deren Auslegung. Trotz inhaltlicher Differenzen etwa zur Rolle der Tora im Galaterbrief (vgl. Mt 5,17 ff.) blieben die jüdischen heiligen Schriften für sie verbindliche Offenbarungszeugnisse JHWHs, dessen Willen Jesus Christus endgültig erfüllt und in seiner Auslegung bekräftigt habe.
Marcion wollte die jüdische Bibel um 150 aus der christlichen Bibel ausschließen und nur ein vom Judentum „gereinigtes“, reduziertes NT anerkennen. Demgegenüber behielten die Kirchenväter die jüdischen heiligen Schriften als gültigen ersten Teil des christlichen Bibelkanons bei.Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament. 2. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 1996, S. 28.
Die Septuaginta verdankt ihren Namen ihrer Entstehungslegende, die sich aber nur auf die fünf Bücher Mose beziehen. Ihre jüngsten Bestandteile sind etwa 100 n. Chr. als Übersetzungen entstanden.
Bei den Kirchenvätern finden sich gelegentlich auch Bezugnahmen auf die sogenannten „deuterokanonischen“ Schriften, die in Septuaginta-Handschriften enthalten sind, ohne von Rabbinern anerkannt worden zu sein. Es lässt sich nicht nachweisen, dass damals ein jüdischer, „alexandrinischer Kanon“ existiert hat.
Melito von Sardes übersetzte den griechischen Ausdruck palaia diathēkē – „Alter Bund“ (2 Kor 3,14) um 170 auf Lateinisch erstmals mit vetus testamentum („Altes Testament“) und bezog ihn auf sämtliche ihm bekannten heiligen jüdischen Schriften. Seine Liste davon umfasste alle Schriften des Tanach außer dem Buch Ester. Er stellte diese Liste laut Eusebius von Caesarea nach einer eigens dazu unternommenen Forschungsreise nach Palästina auf.Brief des Melito an Onesimus um 170 n. Chr.; die Liste von Melito auf Griechisch und Englisch. Auch Origenes kannte den Kanon des Tanach, bezeichnete die Makkabäerbücher und das Henochbuch als nicht dazugehörig und die nicht öffentlich gebrauchten Zusatzschriften als apokryph („verborgen“). Für Hieronymus war der Tanach 393 vom Heiligen Geist inspirierte hebraica veritas („hebräische Wahrheit“).