mini|Hermann Staudinger
Hermann Staudinger (* 23. März 1881 in Worms; † 8. September 1965 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Chemiker und Nobelpreisträger.
Staudinger war organischer Chemiker und begründete die makromolekulare Chemie (Polymerchemie, Chemie der Makromoleküle). Er leistete wichtige Beiträge zur Strukturaufklärung der Makromoleküle Cellulose, Stärke, Kautschuk und Polystyrol. Er entdeckte die Stoffgruppe der Ketene und fand ein Verfahren zur Darstellung von Diazomethan, eine Reduktionsmethode von Carbonylgruppen zu Methylengruppen.
Leben Hermann Staudinger kam als Sohn der Frauenrechtlerin Auguste Staudinger, geborene Wenck, und des Gymnasialprofessors Franz Staudinger zur Welt. Er hatte zwei Brüder und eine Schwester, Luise Federn-Staudinger. Sein Vater war ein führender Theoretiker der Genossenschaftsbewegung und mit tonangebenden Sozialdemokraten, unter anderem August Bebel und Eduard Bernstein, bekannt. Mit letzterem verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Die Mutter war Frauenrechtlerin. Hermann Staudinger entstammt einer Staudingerlinie aus Marburg, die sich ca. bis in das Jahr 1540 zurückverfolgen lässt. Er ist aber nicht mit Julius von Staudinger, dem Autor des Kommentars zum BGB, verwandt.
Vor Aufnahme seines Studiums erlernte Hermann Staudinger das Tischler- und Schreinerhandwerk. Der Impuls für diese Lehre ging von seinem Vater aus, der das Verständnis seiner Kinder für die Lebenswelt der Arbeiterschaft sicherstellen wollte. Auch sein jüngerer Bruder Hans Staudinger, später Spitzenbeamter im Reichswirtschaftsministerium und im preußischen Handelsministerium sowie nach seiner Emigration Professor für Wirtschaftswissenschaften in New York, ist diesem Wunsch des Vaters gefolgt.
Nach dem Abitur im Jahre 1899 am altsprachlichen Gymnasium in Worms studierte Staudinger, der anfangs Botaniker werden wollte, Chemie an der Universität Halle (Saale), an der TH Darmstadt (bei Wilhelm Staedel) und an der LMU München. Nach zwei Semestern an der TH Darmstadt legte er das erste Verbandsexamen ab. 1903 wurde er bei Jacob Volhard in Halle promoviert (Dissertation: Anlagerung des Malonesters an ungesättigte Verbindungen) und war daraufhin bis 1907 als wissenschaftlicher Assistent in Straßburg unter Johannes Thiele tätig. Hier entdeckte er 1905 die Ketene (Diphenylketen) und deren große Reaktionsfähigkeit.Thomas T. Tidwell, The first century of Ketenes (1905-2005): the birth of a family of reactive intermediates, Angewandte Chemie, Int. Edition, Band 44, 2005, S. 5778–5785. Sie wurden zum Thema seiner Habilitationsschrift (1907). Zuvor hatte schon Moses Gomberg (1900) große Aufmerksamkeit durch die Entdeckung von Triphenylmethyl-Radikalen als Beispiele organischer reaktiver Zwischenstufen erhalten.
mini|Hermann Staudinger führt ein Experiment durch, ETH Zürich, Chemiegebäude (CAB) um 1916 Staudinger wurde danach auf eine außerordentliche Professur am Institut für Organische Chemie in Karlsruhe berufen. Im Jahre 1912 folgte er einem Ruf an die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich. Hier begann er seine Forschungen an hochmolekularen Stoffen, wie Cellulose und Kautschuk. Anders als die meisten seiner Kollegen lehnte er es im Ersten Weltkrieg ab, nationalistische und kulturimperialistische Aufrufe wie das Manifest der 93 und die Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches zu unterzeichnen und verweigerte ebenfalls anders als fast alle seine Kollegen – abgesehen von Max Born und Albert Einstein – eine Mitarbeit an Forschung und Entwicklung chemischer Waffen für den Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges und lehnte deren Einsatz ab. Stattdessen sprach er sich für einen sofortigen Friedensschluss nach Eintritt der USA in den Krieg aus. Er machte auch 1917 öffentlich auf die drohende Niederlage der Mittelmächte aufgrund Materialunterlegenheit aufmerksam als Folge der entscheidenden Rolle der Technik im Krieg (Aufsatz Technik und Krieg in der Zürcher Zeitung Friedens-Warte) und schrieb Ende 1917 einen Brief an die oberste Heeresführung, in dem er zu einem Verständigungsfrieden nach dem Kriegseintritt der USA aufforderte. 1919 kam es zu einem kontroversen Disput zwischen ihm und Fritz Haber wegen dessen führender Rolle im Gaskrieg der deutschen Seite.Hans Georg Tilgner: Forschen – Suche und Sucht. Books on Demand 2000, ISBN 978-3-89811-272-7.
1926 folgte Staudinger einem Ruf an das Institut für Organische Chemie der Universität Freiburg. Hier erstellte er seine bahnbrechenden Arbeiten zur makromolekularen Chemie. Aufgrund seiner pazifistischen Vergangenheit gab es Probleme mit der Berufung als Nachfolger des nach München berufenen Heinrich Wieland; viele der Freiburger Ordinarien waren dagegen, der Dekan Friedrich Oltmanns und andere setzten sich aber für Staudinger ein.
In erster Ehe war er mit Dora Staudinger (1886–1964) verheiratet. In zweiter Ehe heiratete er 1928 die Botanikerin Magda Woit (1902–1997), die über die folgenden Jahrzehnte stark in die Forschungsarbeit ihres Mannes eingebunden war. Der Biochemiker Hansjürgen Staudinger (1914–1990) war sein Sohn.
Nach der Machtübernahme Hitlers geriet Staudinger aufgrund einer Denunziation des Rektors Martin Heidegger in Misskredit; Anlass waren unter anderem seine pazifistischen Äußerungen und Aufsätze im Ersten Weltkrieg und danach,Staudinger versuchte sogar mitten im Krieg 1917 Schweizer Staatsbürger zu werden, was ihm erst 1919 gelang. wobei Heidegger von sich aus in seiner neuen Rolle als Rektor gegen Staudinger vorging. Aufgrund der Vorwürfe wurde ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn eingeleitet (siehe auch Martin Heidegger und der Nationalsozialismus, der Fall Staudinger).Claus Priesner: Hermann Staudinger und die makromolekulare Chemie in Freiburg. In: Chemie in unserer Zeit. 1987, Heft 5, S. 154.Hugo Ott: Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie. Campus, Frankfurt/M. / New York, 1988, S. 201–213. Staudinger blieb zwar im Amt, nicht zuletzt wegen seines wissenschaftlichen Ansehens und der Bedeutung der Polymerforschung, auf die Staudinger selbst zu seiner Verteidigung hinwies; Auslandsreisen wurden ihm jedoch verwehrt (Anweisung von 1937) und er musste noch 1934 ein vorsorgliches Entlassungsschreiben unterzeichnen, das aktiviert werden sollte, falls Staudinger nochmals politisch unliebsam auffiele. Auch Staudingers Wunsch, ein Kaiser-Wilhelm-Institut für Makromolekulare Chemie zu gründen, wurde 1937 wegen Bedenken zu seiner politischen Einstellung abgelehnt. Seine politische Haltung wurde von den NS-Funktionären genau beobachtet und als er 1940 mit Geldern der Industrie sein Institut für Makromolekulare Chemie gründen wollte, wurde dem stattgegeben, wobei seine guten Beziehungen zum Reichskommissar und Fabrikanten Emil Tscheulin (Präsident der Industrie- und Handelskammer in Freiburg) halfen.
Das Chemische Institut war durch den Bombenangriff am 27. November 1944 fast völlig zerstört worden. Erst 1947 konnte die Lehrtätigkeit in bescheidenem Umfang wieder aufgenommen werden und Staudinger beteiligte sich trotz fortgeschrittenen Alters aktiv am Wiederaufbau. Seine 1940 gegründete Abteilung für makromolekulare Chemie war 1951 in ein staatliches Forschungsinstitut umgewandelt worden und Staudinger leitete es nach seiner Emeritierung 1951 noch fünf Jahre ehrenamtlich. Mangels ausreichender finanzieller Förderung war es anfangs in seinem Privathaus untergebracht. Der 1953 verliehene Nobelpreis „für seine Entdeckungen auf dem Gebiet der makromolekularen Chemie“ führte neben dem öffentlichen Ruhm auch zu einer besseren Finanzierung seines Instituts (so stellte der Fonds der Chemischen Industrie unmittelbar 10.000 DM zur Verfügung).
1956 wurde er mit einer offiziellen Feier der Universität an seinem 75. Geburtstag verabschiedet. Das 1962 neu errichtete Institutsgebäude an der Universität Freiburg trägt heute den Namen Hermann-Staudinger-Haus.
mini|Das Grab Staudingers auf dem Freiburger Hauptfriedhof 1957 hielt er Gastvorlesungen in Japan, wobei er auch vom Tenno empfangen wurde, und hielt auf Einladung von Hermann Mark einen Vortrag an dessen Institut in Brooklyn, bei dem allerdings deutlich wurde, dass Staudingers Forschung an seinem Institut damals nicht mehr in allen Bereichen auf der Höhe der Zeit warGuido Deußing, Markus Weber: The life and work of Hermann Staudinger (Part 4), abgerufen am 21. April 2022. im Vergleich zu der von Mark in den USA auf breiter interdisziplinärer Basis und in enger Verbindung zur Industrie begründeten Schule.
Hermann Staudinger starb am 8. September 1965 in Freiburg im Breisgau. Seine Frau Magda veröffentlichte sieben Bände seiner Werke nach seinem Tod.
Untersuchung zur Haltung während der Zeit des Nationalsozialismus