mini|Hermann Weil mini|Schallplatte von Hermann Weil mit eigener Komposition (Berlin 1922) Hermann Wilhelm Weil (25. September 1876 in Mühlburg – 6. Juli 1949 im Blue Mountain Lake, New York) war ein deutscher Kammersänger des Stimmfaches Bariton. Er gehörte fast 30 Jahre, mit Unterbrechungen, dem Ensemble der Stuttgarter Hofoper an, war zwischendurch in New York und in Wien engagiert sowie als Heldenbariton mehrfach bei den Bayreuther Festspielen verpflichtet. Er wurde wegen seiner jüdischen Herkunft bereits in den 1920er Jahren angefeindet und nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Jahr 1933 entlassen. Er und seine Familie emigrierten 1939 in die Vereinigten Staaten.Weil, Hermann. In: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945. München 1999 (Google-Books-Schnipsel)
Leben und Werk Hermann Weil wuchs als Sohn von Manuel Weil und Barbara Hörz in Karlsruhe auf und besuchte hier ein Gymnasium.Hermann Weil. In: Erich H. Müller (Hrsg.): Deutsches Musiker-Lexikon. Dresden 1929, S. 1557 Eigentlich wollte Weil Grundschullehrer werden, entschloss sich jedoch zu einem Studium der Musikwissenschaft, der Musiktheorie und des Dirigierens am Konservatorium Karlsruhe. Einer seiner Lehrer war der Dirigent Felix Mottl. Eine pianistische Ausbildung erhielt er bei Stephan Krehl.Hermann Weil. In: Jürgen Kesting: Die Grossen Sänger. Band 1. Hoffmann und Campe, 2008, S. 206 f.; (erste Ausgabe bei Claassen, 1986, Band 2, S. 854 f.) Er nahm auch Gesangsunterricht bei Adolf Dippel in Frankfurt am Main. 1900 wurde er als Korrepetitor an das Hoftheater von Karlsruhe verpflichtet. 1901 debütierte er am Stadttheater Freiburg als Opernsänger, in der Partie des Wolfram von Eschenbach in Wagners Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg. Im Jahre 1902 heiratete er Charlotte Johanna, geb. Keßler (geboren am 28. Februar 1879 in Frankfurt/Main), eine Studienkollegin im Fach Gesang.Michael Hepp, Hans Georg Lehmann: Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger 1933–45 nach den im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen. 1985, S. 723Henry C. Lahee: The Grand Opera Singers of To-Day. Boston 1922, S. 338 und 352 (Hathitrust-Digitalisat)Hannes Heer: Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der „Juden“ aus der Oper 1933 bis 1945. Der Kampf um das Württembergische Landestheater Stuttgart. Eine Ausstellung. Metropol Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86331-303-6, S. 106.
1904 wechselte er von Freiburg nach Stuttgart und wurde an die Stuttgarter Hofoper engagiert, „an der er bis 1933 sehr große Erfolge erzielen konnte“.Weil, Hermann, Bariton. In: K. J. Kutsch, Leo Riemens: Unvergängliche Stimmen – Sängerlexikon. Bern / München, 1975, S. 704; 2. überarb. Auflage 1982, S. 749 f. Er hielt diesem Haus dreißig Jahre die Treue und blieb auch während seiner Auslandsengagements Gastsänger. Er wurde rasch zu einer Stütze des Ensembles. Sein Schwerpunkt lag auf dem deutschen Fach, er trat in Werken von Mozart, Beethoven, Kreutzer, Lortzing, Wagner, R. Strauss und Pfitzner auf. Er war an drei wichtigen Stuttgarter Erstaufführungen beteiligt, als Jochanaan in der Salome von Oscar Wilde und Richard Strauss, als Orest in der Elektra von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss sowie als Dietrich im Armen Heinrich von Hartmann von Aue und Hans Pfitzner. Im März 1909 sang er eine tragende Rolle in der Uraufführung der Oper Prinzessin Brambilla von Walter Braunfels. Er profilierte sich aber bereits in Stuttgart auch mit exzellenten Vorstellungen im italienischen und im französischen Fach und wurde aufgrund seiner Leistungen zum königlichen Kammersänger der Hofoper ernannt.
1906 wurde er in der Freimaurerloge Zu den 3 Cedern in Stuttgart zum Freimaurer aufgenommen.Matrikelbuch, Matr. Nr. 593, Archiv der Freimaurerloge Zu den 3 Cedern. in Stuttgart.
Gastauftritte führen ihn 1907 ans Stadttheater AugsburgAllgemeine Zeitung, München, 4. Mai 1907, S. 4 und 1909/1910 nach München.Allgemeine Zeitung, München, 17. Juli 1909, S. 675Allgemeine Zeitung, München, 5. März 1910, S. 1 1909 erfolgte sein erstes Auslandsengagement: In Amsterdam übernahm er die Rolle des Sebastiano in Eugen d’Alberts spätromantischer Oper Tiefland. Später sang er an diesem Haus auch den Kurwenal in Wagners Tristan und Isolde.
Unter künstlerischer Mitarbeit von Hofkapellmeister Erich Band hat sich Hermann Weil 1911 mit dessen Frau Olga Band-Agloda (Sopranistin), Meta Diestel und Karl Erb zum „Neuen Stuttgarter Vokalquartett“ vereinigt.Neue Musik-Zeitung, Band 32, 1911, S. 162 1911 war das Jahr seines internationalen Durchbruchs. Er wurde an die Metropolitan Opera (Met) in New York und von den Bayreuther Festspielen verpflichtet. In New York debütierte er als Kurwenal und interpretierte in der Folge in sechs Spielzeiten insgesamt 16 Partien in 115 Vorstellungen.Irving Kolodin: The Metropolitan Opera 1883–1939, New York 1940. (HathiTrust-Digitalisat) Von 1912 bis 1914 war er auch an der Oper von Boston engagiert. 1912 wirkte er an der Met in einer konzertanten Aufführung von Monteverdis L’Orfeo mit. Bei der US-amerikanischen Erstaufführung des Rosenkavaliers am 9. Dezember 1913 in der Met sang er den Faninal. 1916 war er in Glucks Iphigénie en Tauride zu hören. Weitere wichtige Rollen in New York waren aus seinem Wagner-Repertoire Wolfram, Telramund, WotanRing Cycle Begins At Metropolitan; An Excellent Performance of “Das Rheingold” Is Conducted by Artur Bodanzky. Hermann Weil As Wotan – Mme. Rappold Sings the Bartered Goddess Freia, and Henri Scott is Donner for First Time. In: New York Times, 4. Februar 1916. und Wanderer.
Bei den Bayreuther Festspielen debütierte er 1911 als Amfortas und Gunther. Alternierend mit Walter Soomer (Bassbariton) sang er den Sachs. 1913 wurde er an das Royal Opera House Covent Garden in London eingeladen, wo er den Jochanaan in Salome gab. Weitere Gastspiele führten ihn an die Mailänder Scala, nach Madrid, Berlin und Brüssel.Hermann Weil. In: Horst Seeger: Opern Lexikon. Berlin 1986, S. 679 mini|hochkant|Hermann Weil in New York, 1917 fotografiert von George Grantham Bain Nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg wurde der Sänger ab 1917 als „feindlicher Ausländer“ interniert. Auch während der Haft engagierte er sich künstlerisch: 1919 debütierte eine aus deutschen Sängern zusammengestellte Operntruppe im Lexington Theatre in Lexington (New York). Doch aufgrund des Drucks antideutscher Gruppierungen, geführt von Kriegsveteranen, endete die Spielzeit, bevor sie begann.Michael Scott: The record of singing. Vol 2: 1914 to 1925. London 1979, S. 225 Danach kehrte er nach Europa zurück und nahm ein 3-Jahres-Engagement als Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper an. Auch in Wien überzeugte er mit seiner universellen Einsetzbarkeit (im französischen Fach als Escamillo in Carmen und als Graf Nevers in den Hugenotten; im italienischen Fach als Graf Luna im Troubadour sowie im gesamten deutschen Fach von Mozart bis zur Gegenwart). Insgesamt verkörperte Weil mehr als 100 verschiedene Rollen in seiner Laufbahn. In den Jahren 1923 und 1924 folgte eine weitreichende und lukrative Amerika-Tournee mit der German Opera Company. Danach übernahm er in Bayreuth den Part des Hans Sachs in den Meistersingern von Nürnberg, eine seiner Paraderollen.
Am 27. November 1926 übernahm Hermann Weil die Titelpartie in der Stuttgarter Folgeinszenierung nach der Dresdner Premiere von Busonis Doktor Faust, mit Fritz Windgassen als Mephistopheles.Christoph Gaiser: . christoph-gaiser.de (PDF;1,6 MB). Parallel zu seinen Auftritten in Oper und Konzert war Hermann Weil stets auch in weiteren Tätigkeitsbereichen aktiv, als Musikforscher, Pianist, Gesangslehrer und Dirigent.
Bereits in den Jahren 1924 und 1925, als er wiederholt den Sachs zur Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele verkörperte,Carl Siegmund Benedict: Bayreuther Gedanken. In: Neue Musik-Zeitung, Heft 12, 1924, S. 302; . war Hermann Weil Ziel heftiger antisemitischer Attacken verbaler Natur. Der „Grüne Hügel“ war zu dieser Zeit bereits ein „chauvinistisches Treibhaus“ geworden, wo Weil wie auch sein Kollege Friedrich Schorr als Juden angefeindet wurden.Bernd Mayer, Frank Piontek: Jüdisches Bayreuth. Bayreuth, 2010 (Google-Schnipsel)
Als am 15. März 1933 Gauleiter Wilhelm Murr zum Württembergischen Staatspräsidenten gewählt wurde, war das berufliche Schicksal des Sängers besiegelt, der 1923 als Ensemblemitglied an die Stuttgarter Oper zurückgekehrt war und wie der Sänger Peter Müller zu den Publikumslieblingen wurde, „dessen Charme die Damenwelt umfing“.Stuttgarts Theaterlieblinge. In: Otto Borst: Stuttgart – Die Geschichte der Stadt. Stuttgart / Aalen 1973, S. 333 und 409 Eine der ersten Amtshandlungen des neuen NS-Kultusministers Christian Mergenthaler war die Absetzung des Generalintendanten Albert Kehm, des Verwaltungsdirektors und der Oberspielleiter von Oper und Schauspiel der Staatstheater Stuttgart. Kehm wurde zum 1. August 1935 gekündigt; aber bereits ab 27. März „beurlaubt“.Alfred Kehm. In: Theaterlexikon der Schweiz online; abgerufen am 13. April 2019 Den Nationalsozialisten Otto Krauß setzte er als neuen Intendanten ein und innerhalb eines Monats wurden alle Juden entlassen.Kurt Leipner: Chronik der Stadt Stuttgart. 1982, S. 10Georg Günther: Ein Ort »besonders liebevoller Pflege« – Die Verdi-Tradition an der Stuttgarter Oper von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Georg Günther, Reiner Nägele (Hrsg.): Musik in Baden-Württemberg, Jahrbuch 2001. J.B. Metzler, Stuttgart 2001, ISBN 978-3-476-01872-4, S. 51. (Google-Books)Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier: „Sie brauchen nicht mehr zu kommen!“ Die Verdrängung der Künstlerinnen und Künstler jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung aus dem Stuttgarter Theater- und Musikleben durch die Nationalsozialisten. Stuttgart 2008, 76 S. (Broschüre aus Anlass und in Ergänzung der Ausstellung „Verstummte Stimmen“ an der Staatsoper Stuttgart, 2008. Textauszug online bei Hagalil, 6. November 2008) Dies betraf neben Hermann WeilHannes Heer: Verstummte Stimmen: die Vertreibung der „Juden“ aus der Oper 1933 bis 1945; der Kampf um das Württembergische Landestheater Stuttgart: eine Ausstellung. 2008, S. 84 u. a. die Schauspieler Max Marx, Heinz Rosenthal und Fritz Wisten, den Sänger Hermann Horner, die Chorsängerin Elsa Reder, die Tänzerin Suse Rosen und den Oberspielleiter der Oper, den schwedischen Regisseur Harry Stangenberg.Andreas Kolb: Betreff: Beschäftigung von Juden. Ausstellung „Verstummte Stimmen“ in Stuttgart. In: Oper & Tanz, 2008/6. Fritz Wisten und Herman Weil, zu den „Großen Alten am Landestheater zählend“, entließ man im März 1933, weil Mergenthaler jetzt Leute wollte, „die einen heldischen Zug im Herzen haben“.
In Zusammenarbeit mit dem Landesarchiv haben der Historiker Hannes Heer u. a. in der 2008 herausgegebenen Dokumentation „Verstummte Stimmen“ die Vertreibung der Juden aus der Oper 1933 bis 1945 eingehend dargestellt. Die Vorgänge um die Entlassung von Hermann Weil werden darin wie folgt beschrieben: