Bhankora ist eine lange gerade Naturtrompete aus Kupfer, die hauptsächlich in der Region Garhwal im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand in der religiösen und säkularen Zeremonialmusik gespielt wird. Die seltene bhankora gehört zu einer Reihe von geraden Metalltrompeten, die in Indien unter anderem als karna, in Tibet als dungchen und in Nepal als ponga bekannt sind und ausschließlich zeremoniell verwendet werden. In altindischer Zeit bezeichnete Sanskrit bakura vermutlich ein Schneckenhorn, das im Krieg und bei religiösen Ritualen geblasen wurde. In der Mogulzeit gehörten aus der arabisch-persischen Militärmusik stammende gerade Metalltrompeten zu den repräsentativen Palastorchestern.
Herkunft und Verbreitung Altindische Zeit mini|Relief am Westpfeiler des Nordtors vom Stupa 1 in Sanchi, 1. Jahrhundert v. Chr. Fremdländische Besucher kommen zur Verehrung des Stupas. In der unteren Reihe stehen sieben Musiker. Von links: zwei Langtrompeten mit Tierköpfen wie bei der keltischen Carnyx, Doppelblasinstrument, Fasstrommel, Sanduhrtrommel, Rahmentrommel, vermutlich Bogenharfe vina. Auf altindischen Abbildungen sind an Blasinstrumenten hauptsächlich Querflöten, wenige Längsflöten sowie einzelne, vermutlich aus dem Westen eingeführte Doppelblasinstrumente mit Rohrblättern (dem griechischen aulos entsprechend), Panflöten, Schneckenhörner (Sanskrit shankha) und Langtrompeten zu erkennen. Davon haben sich bis heute in großer Zahl Querflöten (bansuri, murli, venu), in der regionalen nordindischen Volksmusik einige Doppelflöten (wie die alghoza), in der religiösen Ritualmusik verwendete Schneckenhörner und einige Naturtrompeten unterschiedlicher Größe und Form erhalten.
Bereits im Rigveda, dem vermutlich im 2. Jahrtausend v. Chr. entstandenen ältesten Teil des Veda, kommt zweimal das Sanskritwort bakura mit der mutmaßlichen Bedeutung „Blasinstrument“, eingeschränkt auf „Trompete“ oder „Horn“ vor. Die Bedeutung wird aus dem Zusammenhang hergeleitet: In der einen Textstelle steht bákura mit dem Verb dhmā, „blasen“, in Verbindung. Die als Zwillinge auftretenden Ashvins, jugendliche Himmelsgötter in der vedischen Religion, blasen die bakura, damit es Licht werde für die Menschen (Arier). In der anderen Stelle ist bákurá ein Adjektiv für das Substantiv drti, „Haut“, „Tasche“. Die Götter blasen die bákurá-Tasche und mischen das vor Feinden schützende Wundergetränk Soma.Alastair Dick: Bákura. In: Grove Music Online. 3. September 2014.
Curt Sachs (1913) fasst beide Textstellen zusammen: „Mit dem Bakura auf die Feinde losblasend verschafften sie (die Açvin) weiten Glanz dem Ariervolk“ und gibt die aus Verb und Substantiv wörtlich zusammengestellte Übersetzung von bakura als „Sackpfeife“ wieder.Curt Sachs: Reallexikon der Musikinstrumente. Julius Bard, Berlin 1913, S. 27b, s.v. „Bákura“ Dies gilt, obwohl von manchen Autoren wiederholt, als unglaubwürdig. Jedenfalls scheint die bakura ein lautes, im Krieg eingesetztes Blasinstrument gewesen zu sein. In The History of Musical Instruments (1940) zählt Sachs vier im Rigveda erwähnte Instrumentennamen auf: aghati (vermutlich Zimbeln), gargara (Saiteninstrument, vermutlich die vina genannte Bogenharfe), vana (vermutlich eine Flöte, weil von den Sturmgottheiten Maruts geblasen) und bakura. Hinzu kommt das als heilig verehrte Ritualinstrument, die Kriegstrommel dundubhi.Guy L. Beck: Divine Musical Instruments. In: Knut A. Jacobsen (Hrsg.): Brills Encyclopedia of Hinduism. Band 5, 2013, ISBN 978-90-04-17896-0 Die Bedeutung von Sanskrit bakura erschließt Sachs nun, indem er eine Verbindung zu Malagasy bakora für „Schneckenhorn“ herstellt.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W.W. Norton & Co., New York 1940, S. 152. Malagasy ist die westlichste austronesische Sprache, die auf Madagaskar gesprochen wird und mit einigen Sprachen auf den Malaiischen Inseln näher verwandt ist. Ein denkbarer Zusammenhang ist durch den Kultureinfluss indischer Siedler und Händler gegeben, die in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten die Malaiischen Inseln erreichten. Von dort brachten malaiische Seefahrer ihre durch die Inder mit Sanskritwörtern angereicherte Sprache und materielle Kultur in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends nach Madagaskar. Ein verlässlicher Nachweis für diese hypothetische Herleitung von bakora lässt sich kaum finden.
Unabhängig davon übersetzen Walter Kaufmann (1981) und andere Musikwissenschaftler bakura als „Schneckenhorn“, das seit der mittelvedischen Zeit (Anfang des 1. Jahrtausends v. Chr.) unter dem Sanskritnamen shankha bekannt ist. Schneckenhörner sind auf Reliefs an den Stupas von Bharhut (2.–1. Jahrhundert v. Chr., von einem Affen geblasen), Sanchi (2.–1. Jahrhundert v. Chr.) und Amaravati (2. Jahrhundert n. Chr.) abgebildet. Den altindischen Texten zufolge wurden Schneckenhörner hauptsächlich für religiöse Rituale verwendet, sie erscheinen als Attribut Vishnus und anderer Götter und dienten darüber hinaus als Signalinstrumente im Krieg, wo sie den Lärm und das Kriegsgeschrei bei den Schlachten noch übertönten. Dies taten sie auch in der Schlacht der göttlichen Helden, die im großen indischen Epos Mahabharata geschildert wird. Jeder der Helden blies in sein individuelles Schneckenhorn.Jeremy Montagu: The Conch Horn. Shell Trumpets of the World from Prehistory to Today. Hataf Segol Publications, 2018, S. 55. Dem Mahabharata ist zu entnehmen, dass Trommel und Schneckenhorn spielende Musiker bei Schlachten dabei waren, aber einen Sonderstatus genossen und im Kampf nicht getötet werden durften. Im musiktheoretischen Werk Natyashastra, das um die Zeitenwende entstand, kommt shankha neben der Trompete tundakini vor.Walter Kaufmann, 1981, S. 34, 76. In ganz Indien blasen brahmanische Priester Schneckenhörner in Hindutempeln, daneben werden Schneckenhörner traditionsbewusst bei Hochzeitszeremonien verwendet.Alastair Dick: Śaṅkh. In: Grove Music Online. 20. Januar 2016.
Im Rigveda werden mehrfach rote und dunkle Metalle (ayas) erwähnt, worunter vermutlich Kupfer und Eisen verstanden wurde, aus denen die Metallgießer Waffen, Kultgefäße, Schmuck und sehr wahrscheinlich zur Entstehungszeit des Stupas I von Sanchi auch Musikinstrumente – Idiophone und Trompeten – herstellten. An diesem Stupa ist (am Westpfeiler des nördlichen Torana) ein Relief aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. mit einer Gruppe von Musikanten und Besuchern zu sehen, die gekommen sind, um den Stupa zu verehren. Am linken Rand der unteren Reihe blasen zwei Musiker offenbar lange gerade Metalltrompeten, die sie mit nach hinten geneigten Köpfen fast senkrecht nach oben halten. Die Trompeten enden nicht in einem Schalltrichter, sondern wie bei der keltischen Carnyx in einem stark gebogenen Tierkopf mit einem aufgesperrten Maul. Die übrigen Musiker spielen ein Doppelblasinstrument, eine Doppelkonustrommel, eine Sanduhrtrommel, eine Rahmentrommel und vielleicht eine Bogenharfe.Walter Kaufmann, 1981, S. 64.
Parallelentwicklungen zu den altindischen geraden Metalltrompeten mit oder ohne Beziehung untereinander sind neben der Carnyx schlanke Trompetentypen des antiken Mittelmeerraums darunter der römische Lituus, dessen älteste bekannte Abbildung aus dem Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. stammt,James W. McKinnon: Lituus. In: Grove Music Online. 2001. die römische Tuba und die griechische Salpinx. Die älteste bekannte Trompetenabbildung und damit der mutmaßliche Ursprung der Trompete, lange vor den altägyptischen, goldenen und silbernen Trompetenoriginalen aus dem Grab des Tutanchamun (14. Jahrhundert v. Chr.), findet sich auf dem Bruchstück einer mesopotamischen Kalksteinstele aus Ḫafāǧī, das um 2600 v. Chr. datiert wird. Die gezeigte Trompete mit einer konischen Röhre ohne Schallbecher dürfte rund 50 Zentimeter lang gewesen sein. In Texten aus der Ur-III-Zeit (um 2000 v. Chr.) kommt ein aus Gold, Silber oder Bronze angefertigtes Blasinstrument mit dem sumerischen Namen gigid vor, der mit „langes Rohr“ übersetzt wird.Subhi Anwar Rashid: Mesopotamien. (Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band II: Musik des Altertums. Lieferung 2) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1984, S. 60. Wenig jünger sind kleine Trompeten aus denselben Metallen, die auf dem Iranischen Hochland (einer der Fundorte: Tepe Hissar, 2200–1750 v. Chr.) ausgegraben wurden. Nach der iranischen Mythologie gab der Gott Ahura Mazda dem ersten König Yima als Hilfsmittel, um vor dem Einbruch eines kalten Winters Menschen, Tiere und Pflanzen an einen geschützten Ort zu bringen, eine goldene Trompete (sufrā) und eine vergoldete Peitsche (aschtrā). Damit steht die Erzählung am Anfang der weit verbreiteten mythischen Verbindung von Trompete oder Horn mit dem Göttlichen, die den jüdischen Schofar zum Kultinstrument werden lässt, und der späteren Verwendung eines Blasinstruments als magisches Hilfsmittel bei der Jagd auf Tiere.Bo Lawergren: Iran. I. Pre-Islamic. 2. 3rd millennium bce. (iii) Trumpets. In: Grove Music Online. 2001.
Islamische Zeit bis Gegenwart mini|Drei karnal und eine gebogene shringa im Hintergrund. Kullutal in Himachal Pradesh Es ist nicht bekannt, ob die altindischen Metalltrompeten Vorläufer der heute in Indien seltenen geraden Metalltrompeten wie der bhankora oder der häufigeren halbrund oder S-förmig gebogenen Trompeten sind, die im Süden kombu und im Norden am Rand des Himalaya shringa, in Garhwal ranshringa, genannt werden. Kriegstrompeten, Kegeloboen und Trommeln aus dem arabisch-persischen Raum erreichten Indien irgendwann nach der ersten muslimischen Eroberung des Sindh 712.Alastair Dick: Nagāṙā. In: Grove Music Online. 2001. In frühislamischer Zeit besaßen die arabischen Militärmusikkapellen, Henry George Farmer (1929) zufolge, noch keine Langtrompeten in ihrer Militärmusik. Im 10. Jahrhundert gehörten dann Militärkapellen zu den Insignien des Kalifen und waren neben Kesseltrommeln (tabl, dabdab und qasa) mit langen Metalltrompeten būq an-nafīr und Kegeloboen surnay besetzt.Henry George Farmer: A History of Arabian Music to the XIIIth Century. Luzac & Co., London 1929, S. 154.
Die nachfolgend bedeutendste Kriegstrommel der muslimischen Heere war das Kesseltrommelpaar nagārā, deren arabischer Name in Indien mit der Machtübernahme des Sultanats von Delhi ab 1206 eingeführt wurde. Aus den Militärkapellen wurden bald Repräsentationsorchester an den Palästen der Herrscher, die mit dem von der Trommel abgeleiteten Namen als naqqārakhāna oder als naubat bezeichnet wurden. Nach der Aufzählung in der Hofchronik Ain-i-Akbari des Großmogul Akbar bestand dessen naqqārakhāna aus 63 Instrumenten. Davon waren zwei Drittel unterschiedliche Trommeltypen. Hinzu kamen 3 Paar Handzimbeln (arabisch/persisch sanj), 4 gerade Langtrompeten karnā aus „Gold, Silber, Messing oder einem anderen Metall“, Langtrompeten, drei weitere Metalltrompeten nafīr und 9 Kegeloboen surnay (heute in Indien shehnai).Reis Flora: Styles of the Śahnāī in Recent Decades: From naubat to gāyakī ang. In: Yearbook for Traditional Music. Bd. 27, 1995, S. 52–75, hier S. 56.
Die in Indien gebräuchlichen Namen für die ausschließlich in der religiösen und zeremoniellen Musik verwendeten Langtrompeten darunter Sanskrit karanā, Hindi kaha, qarnā, Tamil karnā sind wie Arabisch karnā mit Latein cornu, Keltisch corn(yx) und Englisch horn verbunden. Curt Sachs (1923) hält die geraden Trompeten in Indien für noch bedeutendere Sakralinstrumente als die ebenfalls bei religiösen Kulten verwendeten einwindigen Trompeten mit Schallbecher, die unter Namen wie turya, tuturi, und bhuri bekannt sind und der im 15. Jahrhundert gebräuchlichen europäischen Signaltrompete (Clairon) entsprechen.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. (2. Auflage 1923) Georg Olms, Hildesheim 1983, S. 171. Ein solches Clairon-Instrument ist die bei Prozessionen gespielte Bronzetrompete bankia in Rajasthan.