mini|Eingang ins Färmeltal: Spillgerte links, Zuhäligen und Albristhubel rechts Das Färmeltal, von den Einheimischen «Färmel» genannt, ist ein abgeschlossenes Seitental des Obersimmentals im Berner Oberland in der Schweiz. Das Tal wird entwässert durch den Färmelbach, der in Matten in die Simme fliesst. Die Geschichte des Tals kann über 700 Jahre zurückverfolgt werden. Das Leben der Bergbauern ist «geprägt vom Leben mit Naturgefahren».Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, Vorwort.

Lage und Geografie mini|Albristhorn, unterhalb Obersteg Um ins Färmeltal zu gelangen, reist man mit dem Zug von Bern über Spiez nach Zweisimmen, wo der Reisende in die Montreux-Berner Oberland-Bahn Richtung Lenk einsteigt. In Matten, das zur Gemeinde St. Stephan gehört, zweigen die Strasse und Wanderwege ins Färmeltal ab. Im Tal selber existiert kein öffentlicher Verkehr, aber es ist mit dem Auto oder zu Fuss erreichbar.

Das Färmeltal gehört zu den Voralpen. Der höchste Punkt auf dem Talboden, dort, wo die Strasse endet, beträgt 1651 m. ü. M. Der bekannteste Berg des Färmeltals ist das Albristhorn mit einer Gipfelhöhe von 2762 m. ü. M. Weitere Gipfel sind das Gsür mit 2708 m ü. M. und die Spillgerten mit 2476 m. ü. M. Auf der westlichen Seite gelangt man von St. Stephan auf dem alten Saumweg über den Dachboden in den Färmel und weiter über den Pass Grimmifurggi 2022 m. ü. M. ins Diemtigtal.

Das Tal verläuft sichelförmig und ist ungefähr 9 km lang.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 14. Der Talgrund verläuft zu Beginn nordöstlich und endet in südöstlicher Richtung am Fuss des Färmelbergs. Der Charakter des Tals entspricht einem Trogtal, geologisch gehört es zum Penninikum.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 10–14. Neben Kalkbergen wie die Spillgerten besteht das Tal aus verschiedenen Typen von Flysch.Landschaftsqualität im Kanton Bern. Projektperimeter: Obersimmental–Saanenland. Amt für Landwirtschaft und Natur, Oktober 2014, rev. 1. Juli 2015, S. 5. Es ist der geologische Aufbau, der „die mannigfaltige Gestaltung“ des Gebiets hervorgebracht hat.Die obere Grenze der Dauersiedlungen im Simmental in ihrer Abhängigkeit von Bodengestalt und Landwirtschaft. Paul Köchli, Geographica Helvetica 1947, S. 9.

mini|Gsür Mit seinen grossen Höhenunterschieden deckt das Tal sowohl die subalpine als auch alpine Vegetationsstufe ab. Die Waldgrenze liegt bei ungefähr 1800 m. ü. M. Der Wald hat in erster Linie die Funktion eines Schutzwalds gegen Lawinen, Erdrutsche und Steinschlag. Der grösste Anteil nehmen Nadelbäume wie die Fichte und Tanne ein, ein kleiner Prozentsatz macht der Bergahorn aus.

In einer Landschaftsanalyse des Kanton Berns ist zum Färmeltal folgendes zu lesen:Landschaftsqualität im Kanton Bern. Projektperimeter: Obersimmental–Saanenland. Amt für Landwirtschaft und Natur, Oktober 2014, rev. 1. Juli 2015, S. 16.

Die Moorlandschaft auf dem Albrist ist im Bundesinventar der Moorlandschaften mit der Objektnummer 339 aufgenommen und umfasst 333 ha. Die geschützte Landschaft wird nicht als Weide, sondern als Bergwiese genutzt. Gewisse Parzellen werden nur alle zwei Jahre geschnitten, andere besonders nasse Flächen noch seltener. Die trockenen Hügeln zwischen den Mooren werden häufiger gemäht, so dass „sich ein mosaikartiges Muster unterschiedlicher Pflanzengesellschaften und Nutzungsstadien ergibt.“Kantonaler Sachplan Moorlandschaften. Regierungsrat des Kantons Bern, Bern 2000. S. 57.

Etymologie Bis in die heutige Zeit kann man der ans hochdeutsche gelehnten Bezeichnung Fermel begegnen, wie zum Beispiel auf Wegweisern im Simmental oder auf älteren Landkarten. Entsprechend dem heutigen Zeitgeist, der den regionalen Eigenheiten wieder mehr Gewicht gibt, ist der Name Färmel vermehrt anzutreffen. So ist auf den heutigen Karten der Fluss und die Talbezeichnung durchgehend mit Färmel bez. Färmeltal eingetragen.

Historisch sind die Namen „Vermil“ und „Fermill“ überliefert. Für deren Herkunft kursieren verschiedene Deutungen. Das lateinische Wort „ferrum“ für Eisen würde auf den roten Stein mit Eisengehalt hinweisen, der im Färmel zu finden ist.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 148. In eine andere Richtung weisen Ortsnamen mit ähnlich klingenden Namen in Österreich und in der übrigen Schweiz, die allesamt von Walsern besiedelt worden sind. Eindeutig geklärt ist die Herkunft des Namens bis heute nicht.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 17–18.

Von besonderem Interesse sind die historischen und aktuellen Flurnamen des Tals. Sie weisen auf Eigennamen von Besitzern und landschaftlichen Besonderheiten hin, die über Generationen hinweg weiter gegeben wurden. „Bibertsche“ deutet auf einen durchfliessenden Bach, „Brand“ auf eine Rodung im Wald, „Bruch“ auf Sumpfland, „Blütti“ auf nackten, kahlen Boden. „Stalde“, ein weit verbreiteter Flurname, steht für einen steilen Weg, den man noch vor sich hat, oder auch „Stigelsgueot“, der eine Steigung anzeigt. Namen wie „Sparisboden“, „Tannersbode“ oder „Gassebrunner“ weisen auf Besitzer hin, die vor langer Zeit gelebt haben, oder sie zeigen auf den jetzigen Bewirtschafter wie im Fall von Gobelis oder Zahlers Weid.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 19–21.

Geschichte Das Simmental ist seit der prähistorischen Zeit besiedelt worden, aber „eine dichtere Besiedlung“, die bis St. Stephan gereicht hat, „hat wahrscheinlich erst in der alemannischen Zeit eingesetzt“.Die obere Grenze der Dauersiedlungen im Simmental in ihrer Abhängigkeit von Bodengestalt und Landwirtschaft. Paul Köchli, Geographica Helvetica 1947. S. 20. Die älteste Erwähnung des Färmeltals stammt aus einer Urkunde des Klosters Sels aus dem Jahr 1275.Die obere Grenze der Dauersiedlungen im Simmental in ihrer Abhängigkeit von Bodengestalt und Landwirtschaft. Paul Köchli, Geographica Helvetica 1947. S. 20. Weitere Urkunden aus den Jahren 1329 und 1352 behandeln Verkäufe von Heuwiesen im Vermil.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 36. Darüber hinaus liegt die Geschichte des Färmels bis ins 16. Jh. mehr oder weniger im Dunkeln.

Im Jahr 1391 kauften die Berner vom Freiherr Rudolf von Aarburg die Herrschaft Simmenegg, das heutige Obersimmental, um sie zu den bereits eroberten Gebieten im Tal der Simme einzuverleiben. Mit dem Herrschaftswechsel erhielten die Bäuerten neben der ursprünglichen wirtschaftlichen Nutzungsfunktion auch Verwaltungsfunktionen. Dies spiegelt sich in den jüngeren Urbarien, die bäuertweise aufgenommen sind. „Spätestens im 16. Jahrhundert entstehen zudem neue Nutzungskorporationen, die Berggenossenschaften.“Boltigen: ein Beitrag zur historischen Siedlungsgeographie im Simmental. Robert Tuor, Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde Band (Jahr): 37 (1975), S. 95. Sie sind das Resultat der viehwirtschaftlichen Nutzung, die sich im ganzen Simmental durchgesetzt hat.Boltigen: ein Beitrag zur historischen Siedlungsgeographie im Simmental. Robert Tuor, Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde Band (Jahr): 37 (1975), S. 106–107. Die Überlieferungen der Bäuerten und Alpkorporationen aus dem Färmeltal bestätigen deren Erscheinen aus dieser Zeitspanne.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 37.

Paul Köchli schreibt 1947 in seiner Untersuchung über die obere Grenze der Dauersiedlungen im Simmental:Die obere Grenze der Dauersiedlungen im Simmental in ihrer Abhängigkeit von Bodengestalt und Landwirtschaft. Paul Köchli, Geographica Helvetica 1947. S. 3.

Diese Entwicklung von zu Beginn saisonalen Aufenthalten zu Dauersiedlungen hat auch im Färmeltal stattgefunden. So ist im Verzeichnis des Kastellans Rudolf Ougspurgers vom 7. April 1677 eine neue Bäuert im Färmel erwähnt:Die obere Grenze der Dauersiedlungen im Simmental in ihrer Abhängigkeit von Bodengestalt und Landwirtschaft. Paul Köchli, Geographica Helvetica 1947. S. 20.

Heute gibt es im Färmel 14 Landwirtschaftsbetriebe und die Bevölkerungszahl beträgt circa 76 Personen, davon 16 Kinder.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 90.

Wirtschaft mini|hochkant=1.5|Färmeltal: Blick auf Albristhubel Richtung Süden Die zahlenmässig kleine Bevölkerung des Färmeltals lebt von der Viehwirtschaft. Als Nebenerwerb dienen die WaldbewirtschaftungIm Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 152. und der Tourismus. Die Viehzüchter des Tals haben sich schon im Jahre 1911 in einer Viehzuchtgenossenschaft zusammengeschlossen.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 115. Die Alpweiden werden, mit einer Ausnahme, genossenschaftlich betrieben.

2017 gab es 14 Landwirtschaftsbetriebe auf dem eigentlichen Talboden,Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 90. die zusammen die Bäuert Färmel bilden.

Die angrenzenden Regionen sind ebenfalls genossenschaftlich organisiert. Die Bäuert Obersteg–Zuhäligen liegt im Osten des Tals auf der Höhe. Der Färmelberg am hinteren Talende wird über eine Alpkorporation bewirtschaftet.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 73.

Im Albristgebiet oberhalb des Tals existiert auf dem Ober-Albrist ein einzelner AlpbetriebIm Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 444. und drei Alpbetriebe betreiben zusammen den Unteren Albrist.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 450.

Bäuert Die Bäuert im Färmeltal ist eine Bürgerkorporation und enthält Überreste der alemannischen Marktgenossenschaft. Sie besitzt rings um das Dorf die Wälder und oftmals auch die Vorweiden. Oberstes Organ ist die Bäuertversammlung, di Püürtsgmìì. Die Mitglieder haben ein Recht auf Brenn- und Bauholz. Zu den Pflichten gehören der Unterhalt der Wege, Brücken und Pürttagwärch. Im melodischen Simmentaler–Dialekt tönt eine Beschreibung der Bäuert folgendermassen:Usem Simetaler Wortschatz. Peter Bratschi, Simmental Zeitung, Zweisimmen, Ausgabe 29. April – 5. Mai 2019.

Bäuert Färmel mini|Die Zimmermannskunst wurde im Tal über Jahrhunderte gepflegt. Haus in der Birchlauene Der Färmel ist eine von sieben Bäuerten, die zur heutigen Gemeinde St. Stephan zusammengeschlossen sind. Die Alpgenossenschaft ist seit 1615 überliefert. Aus den Urbarien wird ersichtlich, dass das Tal früher vor allem im Sommer bewohnt war und die Besiedelung aus ein paar wenigen Häusern bestand.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 74.

Das Seybuch der Bäuert, das dem heutigen Grundbuch entspricht und in dem die Rechte am Allgemeinbesitz von Wald und Weide festgelegt sind, wurde bei einem Blitzeinschlag in das Haus von Hans Rieder im Zil am 21. August 1754 vollständig vernichtet, was einer mittleren Katastrophe gleichkam.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 77. Seit 1754 sind die Rechte der Grundeigentümer und die Satzungen der Bäuert im neuen Seybuch aufgeführt, bis sie dann später in das Grundbuch übernommen worden sind.

mini|Haus auf dem Stalden Im Seybuch wurden die Rechte am Allgemeingut mit der damaligen Masseinheit Jucharten (36 Aren) festgelegt. Dabei wurde früher unterschieden, ob das Land gedüngt oder ungedüngt (Riedmaad) war. Je mehr Land ein Bauer im Tal besass, desto grösser war sein Anteil am Allgemeingut in den Vorweiden Allmi und Bibertschen.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 78. Diese einmalige Regelung besteht bis auf den heutigen Tag. Die Flächen der Heimwesen im Tal werden proportional umgerechnet auf die Weiderechte.Im Färmeltal. M. Lempen, E. Bergmann, P. Bratschi, Zweisimmen 2017, S. 82–84. Die Verteilung der Rechte kann nur durch Kauf oder Verkauf von Landfläche im Tal geändert werden.