Wolle ist das aus zusammenhängenden Fasern bestehende Fell des Hausschafes sowie im weiteren Sinne das spinn­fähige Unterhaar anderer Säugetiere, unter anderem der Kaschmirziege, des Alpakas und des Angorakaninchens. Letztere werden häufig mit einem tierspezifischen Vorsatz versehen (z. B. Alpakawolle) oder als „Haar“ (z. B. Kamelhaar) bezeichnet.

Wolle ist ein nachwachsender Rohstoff, der seit dem vierten vorchristlichen Jahrtausend weltweit verwendet wird und bis heute trotz Kunstfasern und Baumwolle in der internationalen Wirtschaft große Bedeutung besitzt.Almut Bick: Die Steinzeit. Theiss WissenKompakt, Stuttgart 2006, ISBN 3-8062-1996-6.

Etymologie Das Wort für Wolle hat in den meisten Untergruppen der indogermanischen Sprachfamilie Entsprechungen, die auf eine gemeinsame Vorform zurückgehen (rekonstruiert als uridg. *h₂wĺ̥h₁-neh₂-), z. B. in den germanischen Sprachen Englisch, Niederländisch, Schwedisch, Isländisch, aber auch in baltischen Sprachen (litauisch vìlna) oder im Keltischen (walis. gwlân). Auch lateinisch lāna (in den romanischen Sprachen fortgesetzt z. B. als span. lana, frz. laine, port. lã oder rum. lână) gehört hierher (aus älterem *wlānā). Beispiele für Kognaten in älteren Sprachen sind Altnordisch (ull), Hethitisch (hulana) und Altindisch (ūrna).Wolfgang Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen Noch nicht geklärt ist die mögliche Verwandtschaft mit lat. vellus „(Schaf-)Wolle; Schaffell, Vlies; Fell, Haut“ und vellere „rupfen“, das vermutlich in die Zeit zurückweist, als Wolle noch nicht geschoren, sondern ausgerauft wurde.Denkbar ist auch eine etymologische Verwandtschaft zu Wald, das ursprünglich möglicherweise „Büschel“ bedeutet und ebenfalls mit lateinisch vellere verwandt sein könnte. Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage. De Gruyter, Berlin 2002, ISBN 3-11-017473-1, S. 969 und 996.

Die Tatsache, dass wir für die indogermanische Ursprache das Wort für Wolle erschließen können, gibt unter der Voraussetzung einer ausreichenden Datierung für das Auftreten des Wollschafes einen entscheidenden Hinweis für deren Alter, und indirekt auch für die indogermanische Urheimat.

Kulturgeschichte

Wolle im engeren Sinne ist ein besonderer Haartyp bei Hausschafen, der in einem langen Prozess züchterischer Veränderungen aus dem Haarkleid der Wildschafe entstanden ist. Von den vorderasiatischen Entstehungsgebieten breitete sich die Technologie rund um die Verwendung von Schafwolle nach Europa, Asien und in den Osten Afrikas aus, insbesondere der Iran und Ägypten wurden schon bald nach dem ersten Auftreten in Vorderasien von der neuen Technologie erreicht. In Europa hat sich die Wollnutzung des Schafes spätestens im Übergang zur Bronzezeit endgültig durchgesetzt, nachdem zuvor ausschließlich Pflanzenfasern, vor allem die Flachsfaser, zur Textilherstellung verwendet worden waren.

In Altamerika wurde Wolle im zentralen Andengebiet und in den angrenzenden Gebieten ab etwa 5000 v. Chr. verwendet; sie stammte von domestizierten und wilden Kamelartigen, vermutlich Alpakas. Sie ist als echte Weberei ab 2500 v. Chr. in Peru nachgewiesen, erreichte zwischen 2000 und 200 v. Chr. im zentralen Andengebiete in der Weberei ihren Höhepunkt und konnte ab etwa 800 v. Chr. an der südperuanischen Küste auch gefärbt werden (sog. Paracas-Textilien).Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage. F. A. Brockhaus, Mannheim 1994, ISBN 3-7653-1200-2, Band 24, S. 336; Wolfgang Haberland: Amerikanische Archäologie. WBG, Darmstadt 1991, ISBN 3-534-07839-X, S. 180, 214.

In Nordamerika finden sich ebenfalls Wollwebereien. Sie wurden vor allem aus Bergziegenwolle hergestellt, etwa die Decken der zu den Tlingit gehörenden Chilkat an der Nordwestküste in Alaska. Die Navajos des Südwestens verwendeten neben Baumwolle Schafwolle für ihre Webereien, mit der sie Kleider und Decken herstellten.Hans Läng: Kulturgeschichte der Indianer Nordamerikas. Gondrom Verlag, Bindlach 1993, ISBN 3-8112-1056-4, S. 304, 378.

Nach Zentralasien, insbesondere Usbekistan, die Mongolei bis hin nach China ist die Wollweberei erst sehr spät gelangt. Wolle verwendete man hauptsächlich zur Filzherstellung und für die Herstellung von Teppichen, oder man beschränkte sich auf die Nutzung der Felle als Pelze, etwa beim Karakulschaf.

Im Gegensatz zum Schaf hat das Haarkleid der Ziegen nur wenige züchterische Veränderungen bei der Wollnutzung erfahren. Lediglich die Angoraziege bildet eine Ausnahme: Ihr Vlies ähnelt dem des Wollschafes. Allerdings stellt Kaschmirwolle lediglich Unterwolle dar, die den Ziegen beim Wollwechsel ausgekämmt wird, und das Haarkleid der Kaschmirziege ist gegenüber der Stammform Bezoarziege nur wenig verändert. Über die Anfänge der Gewinnung und Verarbeitung von Ziegenwolle ist indes wenig bekannt.

Eigenschaften von Wolle Biochemie Wolle ist wie Seide aus faserförmigen Strukturproteinen oder Gerüsteiweißen (Skleroproteine) aufgebaut. Im Falle der Wolle ist dies Keratin. Jedoch unterscheiden sich Wolle und andere Tierhaare vom Fibroinfaden etwa der Seide durch ihren hohen Schwefelgehalt (drei bis vier Prozent), der auf dem hohen Gehalt des Keratins an der Doppelaminosäure Cystin beruht, die mit ihren Disulfidbrücken das Keratin besonders stabil vernetzt. Thermisch oder chemisch können diese Brücken aufgespalten werden, so dass das Keratin verformbar wird (z. B. Dauerwelle). Keratine sind in Wasser, Säuren und Basen unlöslich und werden durch die meisten eiweißspaltenden Enzyme nicht angegriffen, sind also auch unverdaulich (außer durch Kleidermotten).Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage. F. A. Brockhaus, Mannheim 1994, ISBN 3-7653-1200-2, Band 11, S. 607.

Physikalische und technische Eigenschaften der Faser Die Faserproteine sind anfälliger gegen chemische Schädigungen und ungünstige Umgebungsbedingungen als das Zellulose-Material pflanzlicher Fasern. Die Wollfaser ist gröber als textile Fasern wie Baumwolle, Leinen, Seide und Kunstseide. Die Wollfaser hat einen Durchmesser zwischen 16 µm und 40 µm. Die gröberen Fasern sind am längsten. Feine Wolle misst ca. 4 cm bis 7,5 cm; extrem grobe Fasern erreichen sogar eine Länge von bis zu 14 cm. Wollfasern besitzen einen annähernd runden Querschnitt. Die Faseroberfläche hat eine dachziegelartige Schuppenstruktur. Dadurch können sich unterschiedlich gerichtete Wollfasern aneinander verhaken und verfilzen (was die Pillingneigung von Wolle erklärt). Charakteristisch für Wolle ist ihre wellenförmige Struktur (Kräuselung) mit bis zu zwölf Wellen pro Zentimeter bei feinen Fasern und zwei oder weniger bei groben Fasern. Die Farbe ist gewöhnlich weißlich, kann aber auch braun und schwarz sein, besonders bei den gröberen Typen, die wiederum einen stärkeren Glanz aufweisen als die feinen Fasern. Die Höchstzugspannung der Einzelfaser im trockenen Zustand liegt zwischen 130 und 210 N/mm² bzw. die feinheitsbezogene Höchstzugkraft zwischen 0,10 und 0,16 N/tex. Im nassen Zustand verlieren die Fasern 5 bis 25 % ihrer Festigkeit gegenüber den Werten im trockenen Zustand, was im Gegensatz zum Verhalten von Pflanzenfasern steht. Die Höchstzugkraftdehnung trocken liegt bei 28 bis 48 %, im nassen Zustand zwischen 29 und 61 %. Die elastische Faser kehrt nach begrenzter Streckung oder Kompression zu ihrer ursprünglichen Länge zurück und verleihen daraus gefertigter Kleidung so die Fähigkeit, die Passform zu bewahren, schön zu fallen und nicht so leicht einzugehen. Wolle, die während der Tuchherstellung gestreckt wurde, kehrt darum allerdings auch beim Waschen zur ursprünglichen Faserlänge zurück. Da die Fähigkeit, sich zu kräuseln und zu wellen, es den Fasern ermöglicht, aneinander zu haften, ergeben selbst locker gewebte Garne einen starken Stoff. Sowohl Kräuselung wie Elastizität erlauben die Herstellung locker strukturierter Garne und Stoffe, die wärmedämmende Luft einschließen und zurückhalten. Die geringe Dichte von Wolle erlaubt die Produktion sehr leichter Stoffe. Wolle nimmt Farbe sehr leicht auf.The New Encyclopædia Britannica. 15. Auflage. Encyclopædia Britannica, Chicago 1993, ISBN 0-85229-571-5, Band 12, S. 746 f.

Gebrauchseigenschaften und Anwendungen Als Kleidung: Wolle kann große Mengen an Wasserdampf aufnehmen. Flüssiges Wasser wird aufgrund des enthaltenen Wollfetts von der Oberfläche der Faser abgestoßen und bietet somit bis zu einem gewissen Grad Schutz vor Nässe. Die Feuchtigkeitsaufnahme kann bis zu 33 % des Trockengewichts betragen, ohne dass sich die Wolle feucht anfühlt. Außerdem leitet sie die Feuchtigkeit schneller ab als beispielsweise die viel verwendete Baumwolle. So können Stoffwindelüberhosen aus Wolle über Nacht am Kind sein, ohne dass die Feuchtigkeit aus der Überhose an die Umgebung abgegeben wird. Wolle nimmt Schmutz schlecht an. Solange das natürliche Wollwachs nicht herausgewaschen wird, verschmutzen Wollstoffe kaum und müssen nur selten gereinigt werden. Die elastische Faser knittert kaum. Sie ist sehr farbbeständig und schwer entflammbar. Wolle brennt nicht, sondern verkohlt nur. Wolle nimmt im Gegensatz zu Kunstfasern wenig Gerüche (z. B. Schweiß) an und hat eine natürliche Selbstreinigungsfunktion – aufgenommener Geruch wird wieder an die Luft abgegeben, die Wolle riecht nach kurzem Lüften wieder neutral. Dies liegt darin begründet, dass Wolle antibakterielle Eigenschaften besitzt. Sie kann Schweiß chemisch binden und somit lange neutralisieren. Aufgrund der wasserspeichernden und luftpolsternden Eigenschaften sind Wollsocken (mind. 70 % Anteil reiner Wolle) bestens geeignet um warme Füße zu behalten. Vor allem ein feuchter Fuß wird schnell kalt. Wollsocken sind deshalb wärmender als eine Doppelschicht (kühlender) Baumwollsocken. In Abhängigkeit von der Schafrasse und der Spinntechnik kann Wolle zum Fusseln (Pilling) neigen, was man durch Fusselfrei-Ausrüstungen oder Verarbeitungsqualität mindern kann. Wollkleidung kann als unangenehm kratzig empfunden werden. Wie kratzig eine bestimmte Wollsorte ist, hängt von der Schafrasse und der Beschaffenheit der Faser ab. Allgemein lässt sich sagen, dass eine feinere Faser auch weicher und nicht kratzig ist. Die Feinheit von Wollfasern wird in Micron angegeben und reicht von 16 (sehr fein) bis 35 (grob) Micron. Für technische Anwendungen eignet sich (Schafs-)Wolle als antistatisches und schwer entflammbares Material, z. B. in den Sitzen von Autos und Flugzeugen. Als Dämmstoff: Da Wolle (bezogen auf ihr Gesamtvolumen) aus bis zu 85 % Luft besteht und Konvektion verhindert, eignen sie sich als Wärmedämmstoff. Wolle hat zudem eine so genannte natürliche Thermoregulations-Eigenschaft. Als organischer Dünger in Form von Schafwollpellets. Hierfür verwendet man die schlechten Wollqualitäten aus oben bezeichneten Qualitätsbereichen 5 und 6. Diese sind oft mit Dung behaftet, was die Verwendung als stickstoffreichen organischen Biodünger begünstigt. Schafwolle ist als Düngemittel in der BetriebsmittellisteBetriebsmittelliste für den ökologischen Landbau aufgeführt.

Gewinnung und Verarbeitung Gewinnung Der Wollgewinnung dienen Schafe, Kaschmirziegen und Angoraziegen, Angorakaninchen, Kamele und Kleinkamele wie Alpakas, Lamas und Vikunjas, Moschusochsen und Yaks.

Zur Wollgewinnung werden die Tiere geschoren oder ausgekämmt, einige Schafrassen (Soay) werden gezupft. Die unbearbeitete Wolle direkt nach der Schur wird als Schweißwolle bezeichnet.

Weiterverarbeitung mini|hochkant=0.7|links|Wollgarn mini|hochkant|Naturgefärbte Wollknäuel Für eine textile Nutzung werden direkt nach oder auch während der Schur minderwertige und verschmutzte Teile aussortiert (Bauch, Bein, Kopf und Hintern). Dazu wird das gesamte Vlies im ersten Verarbeitungsschritt auf einem Sortiertisch ausgebreitet und in Augenschein genommen. Das hochwertige Vlies wird zusammengelegt und für die weitere Verarbeitung gesammelt und verpackt. mini|Kardiermaschine