mini|Codex Amiatinus, fol. 5r: Esra beim Schreiben einer Bibel in neun TeilcodicesVgl. Peter Brandt: Endgestalten des Kanons, Berlin/Wien 2001, S. 239. (Northumbria um 700 n. Chr.)

Der Kanon des Alten Testaments ist ein Arrangement der als heilig betrachteten Bücher, die das Christentum aus dem Judentum übernommen und als ersten Teil seiner christlichen Bibel aus Altem und Neuem Testament eingegliedert hat. Dabei geht es sowohl um die Auswahl der Bücher als auch um deren Anordnung. Die Geschichte des Kanon berücksichtigt die Bücherarrangements in den über tausend Jahren der handschriftlichen Überlieferung, den Bibeldruck und die Bücherlisten, die teils von einzelnen Personen, teils von kirchlichen Gremien mit unterschiedlicher Verbindlichkeit erstellt wurden.

Im Umfang des alttestamentlichen Kanons unterscheiden sich die christlichen Konfessionen. Die Stellung der Deuterokanonischen Schriften (im evangelischen Sprachgebrauch oft: Apokryphen) ist ein klassisches kontroverstheologisches Thema.

Mit der Kanonischen Exegese wurde seit Ende des 20. Jahrhunderts der alttestamentliche Kanon nicht nur in seinem Bücherumfang, sondern in seiner Bücherabfolge und in seiner Büchergruppierung relevant.

Dreiteiliger jüdischer Kanon: Tanach Die früheste jüdische Kanonliste, welche die einzelnen Bücher der Hebräischen Bibel (Tanach) benennt und ihnen Verfasser zuordnet, findet sich im Babylonischen Talmud:Traktat Bava batra 14b-15a. (Online)Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel (= Schriften der Hochschule für Jüdische Studien. Band 8). 4., völlig neu überarbeitete Auflage, Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2019, S. 5.

Tora: Bereschit (Genesis), Schemot (Exodus), Wajikra (Levitikus), Bemidbar (Numeri), Devarim (Deuteronomium) Neviʾim: Jehoschua (Josua), Schoftim (Richter), Schemuʾel (Samuelbuch), Melachim (Königebuch), Jirmejahu (Jeremia), Jechezkeʾl (Ezechiel), Jeschaʿjahu (Jesaja), Tre ʿaśar (Zwölfprophetenbuch). Ketuvim: Rut, Tehillim (Psalmen), ʾIjov (Ijob), Mischle (Sprüche), Kohelet, Schir haSchirim (Hoheslied), ʾEcha (Klagelieder), Danijʾel (Daniel), ʾEster, ʿEzraʾ (Esra-Nehemia-Buch), Divre haJamim (Chronikbuch).

Es handelt sich um eine anonyme alte Tradition (Baraita), über deren Datierung kein Konsens besteht. Die Abfolge der fünf Bücher der Tora (hier ergänzt) wird als selbstverständlich vorausgesetzt und nicht erwähnt. Wahrscheinlich hielten die Rabbinen es aber für notwendig, eine Büchersequenz von Neviʾim und Ketuvim festzulegen, als es üblich wurde, mehrere biblische Bücher auf die gleiche Buchrolle zu schreiben. Zwei Ordnungsprinzipien wurden kombiniert: bei den historischen Büchern die geschichtliche Abfolge, bei den übrigen der Umfang des Buches (in abnehmender Folge).Peter Brandt: Endgestalten des Kanons, Berlin/Wien 2001, S. 63–66.

Aus christlicher Perspektive beschrieb Hieronymus den dreiteiligen Kanon der Hebräischen Bibel um 390 im Prologus galeatus, dem Vorwort zu den Samuel- und Königebüchern in der Vulgata:

Fünf Bücher Mose, die Thorath, Gesetz, genannt werden: Genesis (Bresith), Exodus (Hellesmoth), Levitikus (Vaiecra), Numeri (Vaiedabber), Deuteronomium (Addabarim); Der zweite Teil der Propheten: Josua, Richter (Sopthim) mit Rut, Samuelbuch, Königebuch (Malachim), Jesaja, Jeremia [mit Klagelieder],Hieronymus erwähnte die Klagelieder an dieser Stelle nicht, es ist aber eindeutig, dass er sie als zum Jeremiabuch gehörig einordnete. Ezechiel, Zwölfprophetenbuch (Thareasra); Der dritte Teil, die heiligen Schriften (Hagiographa): Ijob, Psalmen, Salamon (= Sprüche (Masaloth), Kohelet (Accoeleth), Hoheslied (Sirassirim)), Daniel, Chronikbuch (Dabreiamin), Esra-Nehemia-Buch, Ester. Diese Aufstellung ist der talmudischen Baraita recht ähnlich. Die Bücher stimmen überein, ihre Anordnung variiert leicht. Rut und Klagelieder werden jeweils Prophetenbüchern zugeordnet und deshalb im zweiten Hauptteil einsortiert; die Reihenfolge der Neviʾim und Ketuvim weicht etwas ab: Jesaja rückt zwei Plätze nach vorne, Ijob und Psalmen tauschen die Plätze, Esra-Nehemia und Ester rücken ans Ende.Peter Brandt: Endgestalten des Kanons, Berlin/Wien 2001, S. 125 f.

Zeit der handschriftlichen Vervielfältigung Griechische Tradition Septuaginta-Handschriften mini|Wiener Genesis: Illustration zu Gen 48, Jakob segnet seine Enkel Ephraim und Manasse (Syrien, 6. Jahrhundert)

Die frühen Christen übernahmen die heiligen Schriften des Judentums in Gestalt der griechischen Septuaginta. Von einem jüdischen Septuaginta-Kanon kann nach Anneli Aejmelaeus allerdings nur eingeschränkt die Rede sein: Die Übersetzung des Pentateuch wurde im alexandrinischen Judentum als autoritative Schrift anerkannt, die Prophetenbücher (Neviʾim) stießen auf unterschiedliches Interesse, und entsprechend schwankt die Qualität der Übersetzung. Die Ketuvim sind recht frei übersetzt, hierbei könnte es sich um private Übersetzungsprojekte handeln. Es handelte sich demnach um eine Sammlung von Schriftrollen, die in den griechischsprachigen jüdischen Gemeinden in mehr oder weniger hohem Ansehen standen. Erst die christlichen Codices der Spätantike machten daraus einen Kanon der griechischen Bibel.Anneli Aejmelaeus: Die Septuaginta als Kanon, Berlin/Boston 2012, S. 322 f.

Bei den wichtigsten christlichen Septuaginta-Handschriften ergibt sich folgendes Gesamtbild ihres Aufbaus:Peter Brandt: Endgestalten des Kanons, Berlin/Wien 2001, S. 187.

Es gibt drei Hauptteile: geschichtliche, prophetische und poetische Bücher. Die geschichtlichen Bücher stehen immer am Anfang, die Reihenfolge der beiden anderen Teile wechselt. In den geschichtlichen Büchern der späteren Minuskel-Handschriften bildet der Oktateuch (Fünf Bücher Mose, Josua, Richter, Rut) eine feste Gruppe: Die Zäsur zwischen Rut und dem 1. Buch der Königtümer (= 1. Samuel) ist tiefer als die zwischen Deuteronomium und Josua. Ob das auch schon bei den früheren Majuskel-Handschriften so war, ist schwer zu entscheiden.Peter Brandt: Endgestalten des Kanons, Berlin/Wien 2001, S. 174 f. und 184 f. An den Oktateuch schließen die vier Bücher der Königtümer und die zwei Bücher der Chronik (Paralipomenon) an. Bei den Prophetenbüchern stehen Jesaja, Jeremianische Schriften, Ezechiel und Danielschriften stets in dieser Reihenfolge. Das Zwölfprophetenbuch kann am Anfang oder am Ende seinen Platz finden. Bei den poetischen Büchern gibt es ebenfalls einen festen Kern, der aus Sprüche, Kohelet und Hohelied besteht. Ijob kommt vor oder hinter dieser Dreiergruppe. Das liturgisch sehr wichtige Buch der Psalmen kann am Anfang der poetischen Schriften oder unmittelbar vor dem Neuen Testament eingeordnet werden – wenn es nicht als separates Buch ausgegliedert wurde. In manchen Septuaginta-Handschriften fehlt deshalb das Buch der Psalmen. Die weniger wertgeschätzten Bücher sind in ihrer Anordnung variabel. Dazu gehören, in jeweils absteigender Bedeutung, bei den Geschichtsbüchern die Esdrasschriften, Ester, Judit, Tobit und die vier Makkabäerbücher, bei den poetischen Schriften das Buch der Weisheit und Jesus Sirach. „Es sei betont, daß diese Differenzierungen in der Wertschätzung nicht deckungsgleich sind mit der Abwertung deuterokanonischer Bücher aus Argumenten der Veritas hebraica: Die im jüdischen Kanon enthaltenen Bücher Esra-Neh und Est sind hier umstritten, die dort nicht enthaltenen griechischen Jer- und Dan-Zusätze hingegen nicht.“

Peter Brandt widerspricht dem Klischee des Septuaginta–Aufbaus als einem „achterlastigen Arrangement mit Schwerpunkt auf den Propheten“. In Endstellung begegnen demnach bei den Manuskripten sowohl Propheten als auch Weisheitsliteratur oder weniger wertgeschätzte Bücher.Peter Brandt: Endgestalten des Kanons, Berlin/Wien 2001, S. 192. Die These, dass die frühen Christen in dem dreiteiligen jüdischen Kanon Tora – Propheten – Schriften die Reihenfolge der letzten beiden Teile vertauscht hätten, um die Propheten nahe an das Neue Testament heranzubringen,So beispielsweise Albert de Pury: Der Kanon des Alten Testaments. In: Thomas Römer et al. (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. Die Bücher der Hebräischen Bibel und die alttestamentlichen Schriften der katholischen, protestantischen und orthodoxen Kirchen. TVZ Theologischer Verlag, Zürich 2013, S. 3–24, hier S. 6 ist nicht zu belegen. Dagegen spricht, dass die Entstehung des dreiteiligen jüdischen Kanons lange brauchte und die Bücherabfolge des Tanach während der Herausbildung der christlichen Bibel im zeitgenössischen Judentum „nur eine mögliche Alternative innerhalb sich herausbildender Kanonformationen“ war.Christoph Dohmen: Hermeneutik des Alten Testaments, Stuttgart 2019, S. 166.

Kanonlisten von Synoden Die Bücherlisten altkirchlicher Autoren und die Kanonlisten von Synoden ergeben ein etwas anderes Bild. Hier folgen die drei Hauptteile Geschichtsbücher, Poetische Schriften und Prophetenbücher fast immer in dieser Reihenfolge. Dafür kann ein chronologisches Kriterium verantwortlich sein, da die poetischen Schriften David und Salomo zugeschrieben wurden, die früher lebten als die Propheten. Am Ende mancher Kanonlisten werden die weniger wertgeschätzten Bücher aufgezählt.Peter Brandt: Endgestalten des Kanons, Berlin/Wien 2001, S. 211 f.

Die Beschlüsse der Trullanischen Synode (692) haben unter den altkirchlichen Kanonlisten besonderes Gewicht, da sie in der Orthodoxie als ökumenisch betrachtet werden. Indem die Synode sechs verschiedene und offensichtlich voneinander abweichende Bücherarrangements lokaler Synoden (eine davon aus dem lateinischen Raum: die Synode von Karthago) und einzelner Kirchenväter gleichermaßen billigte, gab sie zu erkennen, dass diese Vielfalt im 7. Jahrhundert unproblematisch war:Elias Oikonomos: Die Bedeutung der deuterokanonischen Schriften in der orthodoxen Kirche. In: Siegfried Meurer (Hrsg.): Die Apokryphenfrage im ökumenischen Horizont, Stuttgart 1993, S. 26–40, hier S. 37.