Gomeros waren die ersten Einwohner der Insel La Gomera. Archäologische Funde zeigen, dass Phönizier zu Beginn des ersten Jahrtausends v. Chr. die Kanarischen Inseln besuchten. Die Funde lassen vermuten, dass erste Siedlungen in der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. gegründet wurden, und man nimmt an, dass um die Zeitenwende enge Beziehungen zwischen dem Mittelmeerraum und der Insel La Gomera bestanden. Diese Beziehungen brachen im 3. bis 4. Jahrhundert n. Chr. vollständig ab. Bis in das Spätmittelalter gab es keine Verbindungen zwischen den einzelnen Inseln des kanarischen Archipels und zum Festland. In den mehr als 1000 Jahren der Abgeschiedenheit entwickelten die Gomeros eine eigene Kultur. Nach der Eroberung der Insel La Gomera im Auftrag der Krone von Kastilien im 15. Jahrhundert wurden die Gomeros als eigenständige Ethnie ausgelöscht.
Herkunft
Archäologische Funde zeigen, dass auf den Kanarischen Inseln zu Beginn des ersten Jahrtausends v. Chr. Siedlungen bestanden. Spätestens ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. wurden systematisch Siedlungen angelegt. Die seit Anfang der 1980er Jahre entwickelte „hipótesis mediterránea“ („mittelmeerische Hypothese“) geht davon aus, dass Siedlergruppen aus dem „Círculo del Estrecho“ auf die Inseln gebracht wurden. Als „Círculo del Estrecho“ wird die ausgedehnte geopolitische Zone bezeichnet, die sich über den äußersten Süden der Iberischen Halbinsel und den westlichen Teil der nordafrikanischen Küste am Übergang des Atlantischen Ozeans zum Mittelmeer erstreckt. Die Besiedlung war keine einmalige Aktion, sondern ein kontinuierlicher Vorgang, der sich am Ende auf alle Inseln erstreckte. Die Herkunft der Siedler war vermutlich nicht einheitlich. Dafür sprechen die bei ethnologischen und genetischen Vergleichen von archäologischen Funden festgestellten Unterschiede in der Zusammensetzung der Bevölkerung. Ethnologische, genetische und linguistische Forschungen bestätigen, dass die Gomeros mit den pre- und protohistorischen Berbern aus den Bergen Nordwestafrikas verwandt waren. Der Bericht von der Besiedlung Gomeras durch Personen mit abgeschnittenen Zungen In beiden Fassungen der Chronik Le Canarien wird im Kapitel 67 über Aussagen der Gomeros in Bezug auf ihre Herkunft berichtet. Es heißt da, dass die Insel La Gomera bewohnt sei von vielen Leuten, die die erstaunlichste Sprache von allen Ländern dieser Gegend sprechen. Sie sprächen nur mit den Lippen, als ob sie keine Zunge hätten. Diese Art des Sprechens wurde darauf zurückgeführt, dass ein großer Fürst angeordnet habe, ihre Vorfahren auf die Insel zu bringen und ihnen die Zungen abzuschneiden. Diese Geschichte wurde von dem Franziskaner Fray Juan de Abréu Galindo aufgegriffen, der sich auf ein heute verschwundenes Dokument aus dem 14. Jahrhundert bezieht. Die Geschichte von den abgeschnittenen Zungen erlaubte eine schlüssige Erklärung für die Herkunft des Kommunikationssystems Silbo, wenngleich bei der heutigen Art der Erzeugung der Pfiffe auch die Zunge zur Tonerzeugung benutzt wird.
Im Jahr 1977 veröffentlichte Juan Álvarez Delgado eine kritische Stellungnahme zu den Texten und kam zu dem Schluss, dass die Autoren des Le Canarien ihre Informationen nicht von auf Gomera lebenden Personen erhalten haben können, sondern es sich um eine „gelehrte Erfindung“ (invención erudita) handele. Ein großer Teil der Historiker geht heute davon aus, dass die Autoren der Chronik Le Canarien eine Geschichte, die sie aus der Literatur kannten, eingebaut haben. Es gibt darüber hinaus keinen Hinweis darauf, dass es sich bei der Besiedlung der Insel La Gomera um eine Strafmaßnahme gehandelt haben könnte.
Aussehen miniatur|Gomeros, dargestellt Ende des 16. Jahrhunderts durch Leonardo Torriani
Das Aussehen der Gomeros wird in den verschiedenen historischen Berichten jeweils sehr unterschiedlich beschrieben. Gesicherte archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Frauen mit etwa 160 cm und die Männer mit etwa 170 cm Körpergröße etwas größer waren als die Eroberer aus Europa. Die Feststellung, dass die Bewohner im Gebiet des Valle Gran Rey größer waren als die von Vallehermoso, gilt heute als überholt. Die Körper waren sonnengebräunt. Die Haare waren meist dunkel, selten aber auch blond.
Die Bekleidung der Gomeros wird in historischen Berichten, die allerdings mehr als 100 Jahre nach der Eroberung durch die Europäer erstellt wurden, genau beschrieben. Diese Beschreibungen widersprechen älteren Quellen und archäologischen Funden, die besagen, dass die Gomeros nahezu nackt umherliefen und nur als Schutz gegen die Sonne oder die Kälte Umhänge aus Fell trugen.
Sprache
Zur Zeit der ersten Besiedlung der Kanarischen Inseln hatten vermutlich alle Altkanarier eine gemeinsame Sprache. Da die Bewohner der Inseln mehr als 1000 Jahre keinen Kontakt zueinander hatten, entwickelten sich die Sprachen getrennt weiter. Bei der Wiederentdeckung der Inseln durch europäische Seefahrer im 14. Jahrhundert waren die Sprachen so unterschiedlich, dass die Gomeros z. B. die Sprache der Canarios nicht verstanden. Die Sprache der Gomeros wird heute zusammen mit den Sprachen der Ureinwohner der anderen Kanarischen Inseln unter dem Begriff Guanche erforscht. Bei dem, was von der Sprache in Ortsnamen oder Namen von Pflanzen überliefert ist, stellte man eine Ähnlichkeit mit der Sprache der Berbervölker Nordafrikas fest.
Die Gomeros benutzten ein besonderes Kommunikationssystem, das heute Silbo genannt wird, um Informationen über mehrere Kilometer zu übertragen. Dabei werden die Laute der Sprache als Pfiffe wiedergegeben. Dieses Kommunikationssystem wird noch heute verwendet. Allerdings ist die Ausgangssprache seit dem 16. Jahrhundert Spanisch und nicht die Sprache der Ureinwohner.
Gesellschaft mini| Herrschaftsgebiete der Gomeros
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts hatten die Gomeros einen einzigen Herrscher, der in dem Tal residierte, das heute Valle Gran Rey genannt wird. Später wurde die Insel in vier Stammesgebiete geteilt, deren Bevölkerungen jeweils eigene Herrscher hatten. Das Stammesgebiet der Mulagua lag etwa in der Gegend des heutigen Hermigua, das der Hipalán etwa in der Gegend des heutigen San Sebastián de La Gomera, das der Orone etwa in der Gegend des heutigen Valle Gran Rey und das der Agana etwa in der Gegend des heutigen Vallehermoso. Die Herrschaftsgebiete auf der Insel erstreckten sich jeweils vom Meer bis in die Berge über alle Vegetationszonen. Daher bestanden in wirtschaftlicher Hinsicht kaum Unterschiede. Trotz der Teilung der Insel in vier Stammesgebiete trafen sich die Angehörigen der verschiedenen Stämme regelmäßig zu Besprechungen und Versammlungen, bei denen auch Feste gefeiert wurden. Die Vereinbarungen zwischen dem Stamm der Hipalán und den Mulagua beinhalteten unter anderem, dass die Hipalán ihre Ehepartner nur unter den Mulagua suchen durften und umgekehrt. Archäologische Funde deuten nicht darauf hin, dass es vor dem Eintreffen europäischer Sklavenhändler und Eroberer auf der Insel kriegerische Kampfhandlungen gegeben hat. Es wird daher davon ausgegangen, dass eine kleine Gruppe von ausgebildeten Kriegern, die als Adel interpretiert wird, erst im 14. Jahrhundert entstanden ist.
Religion Es gibt unsichere Hinweise auf den Glauben der Gomeros an ein höheres Wesen oder einen Gott, der Orahan genannt wurde. Ob dieser durch die Sonne oder den Mond verkörpert wurde, ist unklar. Einzelne Naturerscheinungen wie die Berge oder die Kräfte der Erde bildeten in ihrer Gesamtheit eine Götterwelt, die den Menschen wohlgesinnt war. Das Gegenteil, die negativen Kräfte, wurde bösartigen Wesen zugeschrieben, die durch die Figur eines Dämons symbolisiert wurde, der in Verbindung mit fürchterlichen Naturereignissen gebracht wurde. Eine Personifikation des Bösen, Yrguan oder Hirguran, hielt sich an besonderen Orten in der Natur wie Wäldern, Felsen, Quellen oder Höhlen auf.
Archäologische Funde lassen darauf schließen, dass an einigen Orten auf La Gomera religiöse Feiern und Rituale stattgefunden haben. Es gibt dort kleine schalenförmige Vertiefungen, die in den Fels gehauen wurden, die untereinander mit Kanälen verbunden sind, in die vermutlich Flüssigkeiten wie Milch, Wasser oder Blut gegossen wurden.
Ob es bei den Gomeros Priester oder Schamanen gab, also Personen, die als Vermittler zwischen den übernatürlichen Kräften und den Menschen tätig waren, ist unklar. Es gibt einige Hinweise auf eine Person, die als Aguamuje bekannt war und mit dieser Art von Tätigkeit in Verbindung gebracht werden kann.
Bestattung Die Gomeros bestatteten ihre Toten an Stellen etwas abseits der Wohnungen. Allgemein scheinen es Familienfriedhöfe gewesen zu sein, d. h. angepasst an die Größe der Gruppe von Menschen, die in dem Gebiet lebte. Darüber hinaus gibt es an bestimmten Orten Nekropolen, in denen bis zu 160 Bestattungshöhlen gefunden wurden. Die Toten wurden auf Lagern aus pflanzlichen Materialien oder Steinen oder auf Bahren aus Holz abgelegt. Es scheint, als habe man angestrebt, den direkten Kontakt des Körpers mit dem Boden zu vermeiden. Wenn es genug natürliche Höhlen in einer Gegend gab, wurden die Toten dort abgelegt. Wenn diese aber fehlten, wurden kleine Gruben von geringer Tiefe ausgehoben. In diese wurden ein oder zwei Leichname gelegt und mit Steinplatten und mit Erde bedeckt. Bei den Toten fand man wenige Grabbeigaben. In den meisten Fällen waren es Lebensmittel. Das erklärt die Tierknochen an den Bestattungsstellen. Es wurden aber auch Steinwerkzeuge und Schmuck gefunden. Eindeutige Spuren einer Konservierung von Leichnamen sind auf La Gomera nicht nachweisbar.
Wohnstätten Aus der geologischen Entwicklung der Insel La Gomera ergibt sich, dass es nur in einigen Gegenden Höhlen gibt. Das führte dazu, dass die Gomeros vor allem in Hütten lebten. Das waren runde Bauten aus unbearbeiteten Steinen, die in Gruppen als Siedlung angeordnet waren. Eine normale Siedlung wurde von einer Großfamilie benutzt und bestand aus einer großen und zwei bis sechs kleineren Hütten. Die großen Hütten hatten einen Durchmesser von etwa 3,5 bis 5 m, die kleinen 1,2 bis 2 m. Der Fußboden war teilweise in die Erde eingelassen, um eine ebene Fläche zu erhalten. Die Mauern bestanden aus ein oder zwei Reihen Steinen. Die Dächer waren vermutlich aus pflanzlichen Materialien. Von diesen Hütten ist heute wenig erhalten, da sie später durch neue Bauwerke ersetzt wurden oder die Flächen, auf denen sie standen, da sie meist einigermaßen eben waren, landwirtschaftlich genutzt wurden. Die als Wohnungen genutzten Höhlen waren nicht künstlich erweitert. Der Eingang wurde meist durch eine Mauer verkleinert. Im Inneren waren manchmal durch Mauern einzelne Räume abgeteilt. In einigen Fällen ist nachgewiesen, dass die „Küche“ vom „Wohn-Schlafzimmer“ getrennt war und in einer kleinen Höhle in der Nähe lag.
Wirtschaft Der bedeutendste Bereich der Wirtschaft der Gomeros war die Viehhaltung. Die wichtigsten Tiere waren Ziegen, gefolgt von Schafen und mit großem Abstand Schweinen. Milch, Fleisch, Felle und Knochen der Ziegen waren wichtige Lebensmittel bzw. Grundstoffe für Bekleidung, Handwerkszeuge und den Schmuck der Gomeros. Die Schafe waren nicht auf die Erzeugung von Wolle gezüchtet. Es wurden nur die Felle, nicht aber die davon getrennte Wolle verwendet. Es gab Hunde auf der Insel. Das Sammeln von Früchten, Samen und Wurzeln wild wachsender Pflanzen spielte eine größere Rolle als der systematische landwirtschaftliche Anbau von Gerste. Der Fischfang und das Sammeln von Meeresfrüchten leistete, aufgrund der wenigen geeigneten Strände, einen geringen Beitrag zur Ernährung der Gomeros. Da es außer einigen Vögeln auf der Insel kaum jagdbares Wild gab, war der Beitrag der Jagd zur Lebensmittelversorgung unbedeutend.
Gegenstände des täglichen Gebrauchs Keramik