Canarios (Einzahl Canario) waren die ersten bekannten Einwohner der Insel Gran Canaria. In der populärwissenschaftlichen Literatur werden die Canarios häufig zusammen mit den Ureinwohnern der anderen Inseln, den Altkanariern, fälschlich als Guanchen bezeichnet. In der spanischsprachigen Literatur ist auch der Begriff „Antiguos Canarios“ verbreitet, um sie damit von den heutigen Bewohnern der Kanarischen Inseln zu unterscheiden.
Die erste Anwesenheit von Menschen auf den Kanarischen Inseln ist für das 10. Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen. In der Zeit vom ersten Jahrhundert v. Chr. bis zum dritten Jahrhundert n. Chr. bestanden enge Beziehungen zu Rom oder zu den unter römischem Einfluss stehenden Gebieten Nordafrikas. Diese Verbindungen brachen im Lauf des 4. Jahrhunderts n. Chr. vollkommen ab. Seit dieser Zeit lebten die Canarios ohne Kontakte zum Festland und zu den anderen Inseln. In den folgenden etwa 1000 Jahren entwickelten sie eine eigene Kultur. Nach der Eroberung der Insel am Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Canarios durch verschiedene Maßnahmen der neuen Herrscher als eigenständige Ethnie ausgelöscht.
Herkunft
Als ein Modell für die Erklärung der Besiedlung der Kanarischen Inseln wurde am Ende des 20. Jahrhunderts die hipótesis mediterránea (mittelmeerische Hypothese) entwickelt. Darin wird die Theorie vertreten, dass die ersten Protagonisten der Besiedlung der kanarischen Inselgruppe phönizisch/punische Seefahrer waren, die ab der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. Siedlergruppen aus dem Círculo del Estrecho auf die Inseln brachten. Als „Círculo del Estrecho“ wird die ausgedehnte geopolitische Zone bezeichnet, die sich über den äußersten Süden der Iberischen Halbinsel und den westlichen Teil der nordafrikanischen Küste am Übergang des Atlantischen Ozean zum Mittelmeer erstreckt. Die Besiedlung war keine einmalige Aktion, sondern ein kontinuierlicher Vorgang, der am Ende alle Inseln betraf. Die Herkunft der Siedler war vermutlich nicht einheitlich. Dafür sprechen die bei ethnologischen und genetischen Vergleichen von archäologischen Funden festgestellten Unterschiede in der Zusammensetzung der Bevölkerung. Die ältesten durch Radiokarbonmethode nachgewiesene Funde für Anwesenheit von Siedlungen auf der Insel Gran Canaria stammen allerdings erst aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Die engen Beziehungen zwischen den Kanarischen Inseln, dem Mittelmeerraum und den unter römischem Einfluss stehenden Gebieten Nordafrikas brachen im Lauf des 4. Jahrhunderts n. Chr. vollkommen ab. Da die Altkanarier keine nautischen Kenntnisse und nicht die Werkzeuge für die Herstellung seegängiger Schiffe hatten, lebten die Canarios in den folgenden etwa 1.000 Jahren ohne Kontakte zum Festland und zu den anderen Inseln und entwickelten so eine eigenständige Kultur.
Aussehen mini| Ureinwohner der Insel Gran Canaria, dargestellt Ende des 16. Jahrhunderts durch Leonardo Torriani Das Aussehen der Canarios wurde vor der Eroberung nicht immer einheitlich beschrieben. Im 19. Jahrhundert wurde aufgrund „rassenkundlicher“ Untersuchungen ein Bild der Canarios verbreitet, das nach den Ergebnissen neuerer archäologischer Untersuchungen heute nicht mehr vertreten wird. Als gesichert gilt, dass die männlichen Ureinwohner der Kanarischen Inseln mit einer Größe von etwa 1,70 m größer waren als der Durchschnitt der kastilischen Eroberer. Blaue Augen und blonde Haare kamen besonders bei Kindern vor, waren aber eher selten.
Die Berichte der zeitgenössischen Chronisten, die Zeichnungen Leonardo Torrianis von 1592 und die Beschreibungen Abreu Galindos zu Beginn des 17. Jahrhunderts über die Bekleidung der Canarios unterscheiden sich erheblich. Mit der Zunahme der kulturellen Anpassung wurde eine immer größere Menge an gleichzeitig getragenen Kleidungsstücken beschrieben. Außer der Aussage von Niccoloso da Recco aus dem Jahr 1341, dass die Canarios quasi nackt herumliefen, stimmt keine Beschreibung der schriftlichen Überlieferungen mit der Kleidung überein, die man eindeutig durch archäologische Funde festgestellt hat.
Sprache Man nimmt an, dass alle Altkanarier zur Zeit der ersten Besiedlung der Inseln in der Zeit zwischen 500 v. Chr. und 300 n. Chr. die gleiche Sprache hatten. Im Lauf der folgenden mehr als 1000 Jahre Isolation entwickelten sich die Sprachen auseinander. Die Sprachen, die heute unter dem Begriff Guanche zusammengefasst werden, unterschieden sich so stark, dass im 15. Jahrhundert die Bewohner der einen Insel von denen der anderen nicht verstanden wurden. Aus dem, was von den Sprachen überliefert wurde, stellten Linguisten eine Ähnlichkeit mit den Sprachen der Berbervölker Nordafrikas fest.
Gesellschaft mini|Grenzverlauf zwischen dem Reich von Gáldar (dunkel) und dem Reich von Telde (hell) Aus zeitgenössischen Berichten von Europäern lässt sich ein Bild der Gesellschaft der Ureinwohner nach den ersten Kontakten mit europäischen Kulturen erstellen. In der Gesellschaft der Canarios gab es offenbar eine strenge Hierarchie. Auf der untersten Stufe standen die freien Männer, die mit produktiven Tätigkeiten beschäftigt waren. Darüber stand eine Adelsklasse. Sie hatte militärische Funktionen und die politische und wirtschaftliche Macht. Die Mitglieder des Adels waren nicht produktiv tätig. Heiraten fanden grundsätzlich nur innerhalb der getrennten sozialen Gruppen statt. Die jungen Männer aus adeligen Familien wurden in einer Zeremonie in den Adelsstand erhoben. Bei hervorragenden Leistungen z. B. im Kampf konnten auch Personen von einfacher Herkunft in die Gruppe der Adeligen aufgenommen werden. An der Spitze der Hierarchie stand der Herrscher, der Guanarteme. Er entstammte der Herrscherfamilie und wurde von dem Rat der Adeligen bestimmt.
Zur Zeit der Eroberung im 15. Jahrhundert war die Insel Gran Canaria in zwei Herrschaftsgebiete (Guanartematos) geteilt. Diese bestanden aus je sechs Stammesgebieten, an deren Spitze jeweils ein Stammesführer (Guayre) stand. Der Rat (Consejo) unter dem Vorsitz des Guanarteme war eine zivile Einrichtung, in der alle Adeligen vertreten waren. Er hatte die Aufgabe, den Guanarteme in allen Regierungsaufgaben zu beraten und zu unterstützen. Er hatte auch die Stellung eines Gerichtshofes. Der Kriegsrat (Sabor) war eine Adeligenversammlung mit Zuständigkeiten militärischer Art. Er wurde aus den Heerführern gebildet. Der höchste Priester (Faycán) entstammte wie der Guanarteme der Herrscherfamilie. Als Adeliger war er Mitglied des Rates. Er war der Vermittler zwischen den Menschen und dem Sonnengott. Zu seinen Aufgaben gehörte die Verwaltung der Kornspeicher. Er kümmerte sich um die Abgaben und die Verteilung des Korns in Krisenzeiten. Der Herrscher (Guanarteme) traf alle politischen Entscheidungen. Er war der oberste Heerführer. Er entschied auch in religiösen Angelegenheiten.
Religion Aufgrund der schriftlichen Berichte, die seit der Mitte des 14. Jahrhunderts vorliegen, und aufgrund von archäologischen Funden kann davon ausgegangen werden, dass Sonne und Mond von den Canarios als höchste göttliche Wesen verehrt wurden. Das höchste Wesen, das die Canarios „Acoran“ nannten, wurde vermutlich durch die Sonne verkörpert.
Außer an Götter glaubten die Canarios an böse Geister („Tibicenas“), die sie sich als tierartige Wesen, häufig mit einem Hundekopf, vorstellten. Auf der Insel Gran Canaria wurde eine Anzahl kleiner, „Ídolillos“ genannte Figuren gefunden. Die Fundorte deuten nicht darauf hin, dass die Figuren als Götter oder Geister angebetet oder verehrt wurden. Sie werden heute, im Gegensatz zu ihrer Bezeichnung „Ídolo“, nicht als Götterbilder, sondern im Sinn von Amuletten gedeutet.
Die Lage einiger archäologischer Fundstellen auf Gran Canaria, wie der Roque del Bentaiga (Tejeda) oder Cuatro Puertas (Telde), lassen vermuten, dass hier astronomische Messungen vorgenommen wurden. Im Zentrum der Insel, am Fuß des Roque del Bentaiga, befindet sich ein kultischer Ort (Almogaren), an dem Rituale durchgeführt wurden, die mit der Opferung der Eingeweide von geweihten Tieren oder dem Verschütten von Milch, Blut, Wasser oder anderen Flüssigkeiten als Opfergaben verbunden waren. Von dieser Art kultischer Orte scheint es auf Gran Canaria mehrere gegeben zu haben.
Die Rituale der Canarios wurden von einem obersten Priester (Faycán) geleitet. Es wird angenommen, dass auch Frauen als Priesterinnen bei der Feier von Ritualen mitwirkten.
Bestattung mini|Modell der Grabanlage von La Guancha Die Canarios bestatteten ihre Verstorbenen auf unterschiedliche Arten. In natürlichen und künstlichen Höhlen befand sich manchmal nur eine Leiche. In den meisten Höhlen wurden aber Reste einer großen Anzahl von Menschen gefunden. Es handelte sich vermutlich um Angehörige der gleichen Familie, die im Lauf der Zeit nacheinander am gleichen Ort beigesetzt worden waren. Das gilt auch für die Grabhügel, die Beisetzungsstätten für nur eine oder auch viele Leichen waren. Grabnischen (Cistas) sind auf den Kanarischen Inseln nur auf Gran Canaria zu finden. Dabei handelt es sich um gruftartige, mit Steinen ausgekleidete Gräber.
Allgemein liegen die Beisetzungsstätten der Canarios in Gruppen zusammen und bilden Nekropolen, die manchmal mit einer Mauer umgeben waren. Die Grabstätten befanden sich normalerweise in der Nähe der Wohnungen. Das zeigt eine enge Verbindung der Welt der Lebenden mit der der Toten.
Die Körper der Verstorbenen waren in ihre Kleidung gehüllt und in Lagen von Fellen oder pflanzlichen Stoffen eingenäht. Auf Gran Canaria wurden auch einige Mumien gefunden, bei denen die Leichen durch eine konservierende Behandlung vor der Verwesung geschützt waren.
Wohnstätten mini|Fundstelle der Siedlung aus Höhlen und Häusern in Gáldar Der größte Teil der Canarios lebte in natürlichen Höhlen. Zahlreiche Höhlen blieben unverändert bis auf eine kleine Mauer im Bereich des Eingangs, die als Trockenmauerwerk errichtet wurde. Im vorderen Teil rund um die Feuerstelle spielte sich der größte Teil des Lebens ab. Im hinteren Teil waren die Schlafstellen. Die auf Gran Canaria häufig anzutreffenden künstlichen Höhlen waren in den vulkanischen Tuffstein gehauen. Sie hatten meist rechteckige oder kreuzförmige Grundrisse. Es gab aber auch Höhlen, die einen zentralen Raum besaßen, an den sich andere Räume seitlich anschlossen. Die künstlichen Höhlen waren gelegentlich zu Gruppen verbunden, deren einzelne Räume unterschiedlich genutzt wurden. Es gab in einem Ensemble einige Höhlen, die als Grabstätten dienten, andere, die als Wohnungen genutzt wurden oder als Speicher für Lebensmittel. Es war verbreitet, die Wände mit Malereien oder Petroglyphen zu schmücken, die ähnliche Motive zeigten wie die Pintaderas oder die Keramik.
Häuser wurden häufig in Gruppen in der Nähe von Höhlen gebaut. Da es auf der Insel selten ebene Flächen gibt, wurde bei einem großen Teil der Häuser die Grundfläche in den Tuffstein des Untergrundes gehauen, so dass ein Teil des Hauses unter der Erdoberfläche lag. Die Mauern wurden aus Basaltsteinen oder behauenem Tuff errichtet. Die Zwischenräume wurden mit kleineren Steinen und einer Art Mörtel aus Tonschlamm ausgefüllt. Das Dach war flach. Die Balken wurden mit Steinplatten und Pflanzengeflechten bedeckt. Darauf wurde eine Schicht Erde verteilt. Die Siedlungen der Canarios bestanden gelegentlich aus mehr als 60 Gebäuden. Dabei handelte es sich nicht nur um Wohngebäude, sondern auch um Kornspeicher. Zur Sicherung gegen Angriffe waren einige Siedlungen mit einer Mauer umgeben.
Wirtschaft mini|Kornspeicher „Cenobio de Valerón“