Benahoaritas oder Auaritas waren die ersten bekannten Bewohner der Kanarischen Insel La Palma. Dauerhafte Siedlungen auf der Insel und Beziehungen zum Mittelmeerraum sind aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen. Ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. lebten die Altkanarier ohne Kontakte zu den anderen Inseln. In den folgenden etwa 1000 Jahren entwickelten sie eine eigene Kultur. Nach der Eroberung der Kanarischen Inseln im Auftrag der Krone von Kastilien im 15. Jahrhundert wurden die Benahoaritas durch verschiedene Maßnahmen der Eroberer als eigenständige Ethnie ausgelöscht.

Erste Besiedelung La Palmas Über die erste Besiedlung der Kanarischen Inseln gibt es verschiedene Hypothesen. Auf der Grundlage neuer archäologischer Funde geht man heute davon aus, dass die Inseln etwa ab der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. als karthagische Kolonie besiedelt wurden. Die ältesten eindeutig datierten Funde auf La Palma, die in das 3. Jahrhundert v. Chr. zurückgehen, stammen aus der Begräbnisstätte La Palmera in Tijarafe. Die Besiedlung war kein einmaliger Vorgang, sondern ein Prozess, bei dem über längere Zeit Siedler aus verschiedenen Gebieten rund um die Meerenge von Gibraltar auf die Kanarischen Inseln kamen.

Mit der Zerstörung Karthagos im Jahr 146 v. Chr. wurden die Beziehungen zum mittelmeerischen Wirtschaftsraum unterbrochen. Im 1. Jahrhundert n. Chr. nahmen die Römer bzw. romanisierte Staaten Nordafrikas die Verbindung wieder auf. Mit der Reichskrise des 3. Jahrhunderts n. Chr. brachen die Verbindungen der Insel La Palma mit dem mittelmeerischen Kulturkreis ab. Auch die Verbindungen mit den anderen Kanarischen Inseln konnten die Benahoaritas nicht aufrechterhalten, da sie weder Werkzeuge zum Bau seetüchtiger Schiffe noch nautische Kenntnisse besaßen. In den folgenden rund 1000 Jahren bis zum 14. Jahrhundert entwickelte sich auf La Palma eine eigene Kultur der Benahoaritas.

Es gibt nur sehr wenige schriftliche Informationen über die Ureinwohner La Palmas aus der Zeit der Wiederentdeckung der Inseln durch die Europäer im 14. und 15. Jahrhundert. Die ersten umfangreicheren schriftlichen Informationen über das Leben der Ureinwohner der Insel stammen von Leonardo Torriani, der sich von 1587 bis 1593, also etwa 100 Jahre nach Eroberung auf der Insel aufhielt, und Juan de Abréu Galindo (1632). Ein Teil der Angaben dieser historischen Autoren wird durch archäologische Funde widerlegt.

Aussehen Anthropologische Untersuchungen an den wenigen vorhandenen Untersuchungsobjekten konnten keine eindeutigen Ergebnisse über das Aussehen der Benahoaritas erbringen. In den Berichten, die es aus der Zeit der Wiederentdeckung der Inseln durch die Europäer gibt, heißt es, dass die Benahoaritas die am größten gewachsenen Menschen auf den Kanarischen Inseln waren. Wissenschaftliche Studien an menschlichen Knochen aus der Zeit vor der Wiederentdeckung der Inseln durch die Europäer ermittelten eine mittlere Größe von 1,70 m für Männer und 1,65 für Frauen.

Sprache Es ist wahrscheinlich, dass zur Zeit der ersten Besiedlung die Bewohner aller Kanarischen Inseln ähnliche Sprachen oder (Berber-)Dialekte verwendeten. Da es im Verlauf der folgenden mehr als 1000 Jahre keine Verbindungen zwischen den Inseln gab, entwickelten sich die auf den verschiedenen Inseln gesprochenen Sprachen oder Dialekte, die heute meist unter der Bezeichnung Guanche zusammengefasst werden, isoliert und wiesen zu Beginn des 15. Jahrhunderts so große Unterschiede auf, dass die Bewohner einer Insel die Bewohner einer anderen Insel nicht verstehen konnten.

Gesellschaft mini|Herrschaftsgebiete auf der Insel La Palma im Jahr 14921 Aridane,2 Tihuya,3 Tamanca,4 Ahenguareme,5 Tigalate,6 Tedote,7 Tenagua,8 Adeyajamen, 9 Tagaragra,10 Tagalgen,11 Tijarafe,12 Aceró Die Insel war vor der Eroberung im Jahr 1493 in zwölf Stammesgebiete geteilt. An der Spitze jedes unabhängigen Stammes standen jeweils bis zu drei Hauptmänner. Die ethnohistorischen Quellen geben keinerlei Informationen über Regierungsorgane noch über die soziale Schichtenbildung. Das Vorhandensein mumifizierter Körper, einer Reihe von Schmuckgegenständen und anderer kunstvoller Objekte führten zu der Annahme, dass es Personen von hohem Rang gab, deren Ansehen von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft anerkannt wurde.

In dem Bericht des Portugiesen Diogo Gomes, aus der Zeit vor der Eroberung der Insel, schildert er sehr genau die Tötung von Kindern durch ihre Eltern, als eine Maßnahme gegen die Überbevölkerung. Die Benahoaritas waren angeblich nicht in der Lage, ihre Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen, und aufgrund der abgeschiedenen Insellage hatten sie keine Möglichkeiten, ihr Wirtschaftsgebiet auszuweiten. Für die Kindstötungen gibt es keine archäologischen Beweise.

Religion Nach ethnohistorischen Quellen glaubten die Benahoaritas an das Vorhandensein eines obersten Gottes, den sie „Abora“ („das höchste Licht“) nannten. Dieser Gott wohnte im Himmel, der als „tigot“ oder „tigotán“ bekannt war. Einige Forscher setzen diesen Gott mit der Sonne gleich.

Es gibt Hinweise darauf, dass die Benahoaritas den Sonnenkult feierten, in dem sie Steine auf einen Haufen stapelten. In einigen dieser „Pyramiden“, z. B. am Roque de Los Muchachos (Garafía), fand man Steine mit spiralförmigen und kreisförmigen Einkerbungen, die als Sonnensymbole interpretiert werden.

Der Mond wurde von den Benahoritas als eine der obersten Gottheiten angesehen. Er spielte als Himmelskörper bei der Bestimmung des Jahreskreislaufes neben der Sonne eine bedeutende Rolle bei der Voraussage für die Naturabläufe. Durch die Beobachtung des Mondes war es den Benahoaritas möglich, eine Wettervorhersage zu erstellen.

mini|Der Roque Idafe Ein historischer Bericht, besagt, dass die Benahoritas, wie viele Kulturen des Altertums, die Vorstellung von einer Weltachse hatten. Der Roque Idafe, ein Monolith, der sich innerhalb des Nationalparks Caldera de Taburiente befindet, war für die Benahoaritas eine solche „Axis Mundi“, ein Pfeiler, der das Himmelsgewölbe trägt und die Erde mit dem Himmel verbindet, ein Ort, an dem sich die guten Geister und die bösen Wesen befinden. An dieser Stelle brachten die Benahoaritas die Innereien ihrer geschlachteten Tiere als Opfer dar.

Auf La Palma wurden an verschiedenen Orten kleine Plastiken mit unterschiedlichen anthropomorphen, zoomorphen (tierförmigen) und nicht klar definierten Formen gefunden, die als „Ídolos von La Palma“ bezeichnet werden. Sie wurden aus Ton hergestellt und mit geometrischen Mustern verziert, ähnlich denen, die die Keramiken schmückten. Alle diese „Idolillos“ (kleine Idole) wurden von Amateurarchäologen gefunden und ohne wissenschaftliche Methodik ausgegraben. In der Mehrzahl der Fälle sind die Fundstellen und der damit verbundene kulturelle Zusammenhang unbekannt. Die Figuren tragen zwar die Bezeichnung „Ídolos“ oder „Idolillos“, ob es sich aber wirklich um heilige oder magische Gegenstände handelte, die kultisch verehrt wurden, ist nicht sicher.

Bestattung Die allgemein verbreitete Sitte war die Beisetzung der Verstorbenen in Höhlen aller Größen und Formen, von ganz kleinen Höhlen für nur einen Körper bis zu Beisetzungsstellen, die mehr als 20 Körper enthielten. In einer Begräbnisstätte im Barranco del Espigón hat man mumifizierte menschliche Überreste gefunden. Der Fund ist von besonderer Bedeutung, da es sich dabei um den einzigen dieser Art auf La Palma handelt, bei dem man die genaue Herkunft kennt. Bei den in Felle eingenähten Mumien ist man nicht sicher, ob die Mumifizierung auf konservierende Eingriffe durch Menschen oder auf zufällige Einflüsse zurückzuführen ist. Ebenso ist nicht geklärt, ob es sich bei angebrannten Knochen, die in einigen Beisetzungshöhlen gefunden wurden, um das Ergebnis einer in den Höhlen vorgenommenen Feuerbestattung oder um zufällige Brandereignisse handelte.

Wohnstätten Höhlen Die Benahoaritas wohnten in den zahlreichen natürlichen Höhlen, die sich in den Seitenwänden der Barrancos befinden. Sie wurden zum größten Teil ohne irgendwelche Veränderungen genutzt. Die Bewohner beschränkten sich darauf, Trockenmauern am Eingang zu errichten, die gegen Wind und Sonne schützen. Steinbänke und Konsolen dienten dazu, Gegenstände zu lagern. Die Feuerstellen befanden sich an den Eingängen der Höhlen. Im Innersten lagen die Schlafräume. Die Qualität einer Wohnhöhle war bestimmt durch den vorhandenen Raum, die Ausrichtung, die Nähe von Quellen sowie die Möglichkeit, Fischfang und den Fang von Meeresfrüchten zu betreiben. Auf der Nord- und Nordostseite der Insel lagen die Höhlen selten über einer Höhe von 400 Metern, während auf der Ost- und der Nordwestseite ausgedehnte Siedlungen bis in 1000 Metern Höhe vorhanden waren.

Hütten In der südlichen Hälfte der Insel führte die Knappheit natürlicher Höhlen dazu, dass die charakteristischen Wohnungen in ausgedehnten Hüttenorten vom Strand bis in 1.500 Metern Höhe lagen. Die Hütten hatten einen Durchmesser von etwa 2 Metern. Der Grundriss war kreisförmig oder oval. Gelegentlich bildeten sie große gemeinsame Bauwerke mit aneinander gebauten Mauern. Ihre Eingänge waren immer zur windabgewandten Seite ausgerichtet. Die Mauern waren am Boden bis zu einem Meter breit. Die Höhe der Wände überschritt nie 1,60 Meter. Die Dächer bestanden aus Pflanzenmaterial. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich dazwischen flache Steinplatten befanden.

Ernährung Die Wirtschaft der Benahoaritas war hauptsächlich auf Hirtentätigkeit ausgerichtet. Die ethnohistorischen Daten und die zooarchäologischen Studien zeigen, dass sie gemischte Herden aus Ziegen, Schafen und Schweinen hatten. Den Hauptanteil bildeten die Ziegen. Im Verlauf des Jahres wurden die Herden in den unterschiedlichen Klima- und Wachstumszonen der Insel gehalten. Von den Viehherden hing die Lebensmittelversorgung durch Fleisch, Milch und daraus hergestellten Käse ab, auch Gegenstände des täglichen Lebens wie die Bekleidung, Schuhe, Decken, Taschen usw. waren Ergebnisse der Viehhaltung.

Die Benahoaritas ernährten sich weitgehend von Fleisch und Milchprodukten. Während man lange Zeit davon ausging, dass sie keinerlei Getreide kannten, wie es die historische Quelle Juan de Abreu Galindo im 17. Jahrhundert behauptete, wurden im Jahr 1985 während der Ausgrabungen der Höhlen von Tendal eine große Menge von Weizenkörnern, Gerstenkörnern, Linsen und Bohnen gefunden, die eine vollkommen eingerichtete Landwirtschaft anzeigen. Eine ergänzende Rolle bei der Lebensmittelversorgung spielten der Fang von Fischen und Meerestieren. Auch darüber sind die Angaben der historischen Quellen, die behaupten, dass die Benahoaritas keinerlei Fischfang betrieben, offenbar ungenau. Es wurden bedeutende Mengen von Resten von Muscheln und Fischen gefunden, die in den flachen Ufergebieten vorkommen. Die Funde zeigen auch, dass die Inselbewohner Jagd auf Vögel machten. Darüber hinaus wurden Datteln, Mocán (die Früchte einer in Makaronesien endemischen Pflanze aus der Familie der Pentaphylacaceae), Pinienkerne, Bicácaros (die Früchte der Kanaren-Glockenblume), Madroños (die Früchte des kanarischen Erdbeerbaums, Arbutus canariensis) und getrocknete und gemahlene Wurzeln des Farnkrauts gegessen. Die durch die Ausgrabungen gewonnenen Erkenntnisse über die Ernährungsweise der Benahoaritas wurden durch Knochenuntersuchungen bestätigt, die zu dem Ergebnis kamen, dass zwar ein großer Teil der Nahrung aus Fleisch bestand, aber auch nachweisbar Fisch und Pflanzen gegessen wurden.

Gegenstände des täglichen Gebrauchs Keramik mini|Gefäße der vier verschiedenen Phasen