mini|280px|The Story of the Glittering Plain or the Land of Living Men. Druck: Kelmscott Press. Text von William Morris, Illustrationen von Walter Crane, 1894 Die Kelmscott Press war von 1891 bis 1898 eine englische Privatdruckerei. Sie wurde von dem englischen Dichter, Politiker und Designer William Morris gegründet. Dieser war mit seinen Forderungen an ein schönes Buch richtungweisend für den Beginn einer neuen Buchkultur und Buchkunstbewegung in England, die später auch in Deutschland fruchtete.
Hintergrund Morris’ Beschäftigung mit der Buchkunst Morris verbrachte während des Studiums viel Zeit in der Bodleian Library und studierte hier alte illuminierte Handschriften und Inkunabeln. Er hatte eine Vorliebe für die Lebensweise im Mittelalter und großes Interesse an der gotischen Architektur und der Archäologie. Mittelalterliche Dichter und ihre Werke, wie die von Geoffrey Chaucer, Jean Froissart oder Thomas Malory, faszinierten ihn zeit seines Lebens und besaßen eine Vorbildfunktion für ihn. Nach Albert Kapr knüpfte Morris deshalb auch „bei der Buchkunst der Renaissance an, besonders bei den venezianischen Wiegendrucken.“Albert Kapr: Schriftkunst, 1971, S. 206
Schon in Oxford legte er den Grundstock für seine eigene wertvolle Büchersammlung, und sein Stilempfinden begann sich auszuprägen. Unzufrieden mit der Gesellschaftsstruktur, der sozialen Situation der benachteiligten Arbeiterklasse und dem Verfall des englischen Kunstgewerbes, suchte Morris nach neuen gesellschaftlichen und künstlerischen Werten und philosophischen Ansätzen. Neben den Schriften von John Keats und Thomas Carlyle spielten die des Kunsthistorikers John Ruskin eine besondere Rolle in Morris Leben. In Ruskins Veröffentlichungen fand Morris „Reflexionen über das Wesen von Kunst, Definition von Schönheit und deren Voraussetzungen.“Hans-Christian Kirsch: William Morris – ein Mann gegen die Zeit. S. 59.
Für die Herausgabe eines Magazins verwendete Morris eine in Vergessenheit geratene Type, die Caslon, für die Typographie. Ab 1856 befasste sich Morris intensiv mit Kalligrafie. Sein Schriftstil war ganz an die von ihm verehrte Epoche angelehnt. In späteren Versuchen setzte er die Antiqua ein. Seine Werke zeigten schon hier eine reiche Buchdekoration.
Die Situation des englischen Buchmarktes im 19. Jahrhundert Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert beeinflusste mehr und mehr die Buchproduktionen und das ursprünglich damit verbundene Kunstgewerbe. Auf dem Buchmarkt verbreiteten sich billige Massenproduktionen. Der Einsatz neu entwickelter Maschinen, wie die Setz- und Druckmaschine, ermöglichte zwar eine schnellere und günstigere Herstellung der Bücher, führte jedoch gleichzeitig zu enormen Qualitätsverlusten in handwerklich-künstlerischer Hinsicht. Technische und kommerzielle Aspekte gewannen die Oberhand. Morris missfielen minderwertiges, dünnes Papier, schlechte Typographie und Satz des gesamten Textblocks, sowie Einbände ohne gestalterischen Anspruch.
Privatdruckereien wie die Chiswick Press, kleine handwerkliche Betriebe, die seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts existierten, leiteten eine Reform und Wiederbelebung der Buchkunst ein. Die qualitativ wertvollen Drucke der Chiswick Press, welche die Erinnerung an die Blütezeit der englischen Druckerkunst aufrechterhielt, hatte Morris kennengelernt.
Gründung von Kelmscott Press mini|hochkant|Die Druckerei in Hammersmith Den Anstoß zur Gründung einer eigenen Druckerei erhielt Morris durch seinen langjährigen Freund Emery Walker. Auf der ersten Ausstellung der 1888 gegründeten „Arts & Crafts Exhibition Society“ hatte Walker einen Vortrag über die Geschichte des Druckwesens gehalten. Morris hatte ihm Bücher und Manuskripte aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt und sah nun in der Lichtbildervorführung die Vergrößerungen dieser Schriften aus dem 15. Jahrhundert. Die Schönheit und Vollkommenheit in den Proportionen der mittelalterlichen Schriften beeindruckte ihn. Er entwickelte nun den Wunsch, eine eigene schöne Schrift zu entwerfen und damit verbunden die Idee der Gründung einer eigenen Druckerei. Nach dem Vortrag soll er geäußert haben: „Kommen Sie, Walker, lassen Sie uns eine neue Schrift entwerfen!“.Hans-Christian Kirsch: William Morris – ein Mann gegen die Zeit. S. 231. In der Literatur wird der 15. November 1888 als der eigentliche Gründungstag von Kelmscott Press genannt. Die erste Veröffentlichung der Druckerei erschien im Januar 1891. Walker lehnte zwar das Angebot einer Partnerschaft mit Morris ab, blieb aber als bedeutender und wichtiger Berater mit ihm in Kontakt.
Am 12. Januar 1891 nahm die Kelmscott Press ihre Arbeit in Hammersmith auf, nur zwei Häuser entfernt von Morris’ Kelmscott House. Der Name Kelmscott war für Presse und Haus von dem von Morris angemieteten Sommersitz in den Cotswolds abgeleitet: Kelmscott Manor. Neben Edward P. Prince als Schriftschneider stellte Morris William Bowden als Schriftsetzer und Drucker ein. In relativ kurzen Abständen erschienen hier innerhalb von 8 Jahren 53 Drucke. Morris ignorierte das „moderne“ Stilempfinden und wählte die Inhalte seiner Bücher und ihre Ausstattung ganz nach seinen eigenen Vorlieben.
Morris’ Forderungen an ein schönes Buch mini|Titelseite „Hand & Soul“ von Dante Gabriel Rossetti mini|links|Morris’ Vorstellung von einem schönen Buch Morris stellte in Zusammenarbeit mit Walker seine buchästhetischen Grundsätze und Forderungen an ein schönes Buch 1893 schriftlich in der Jahresschrift der „Arts & Crafts Exhibition Society“ vor. Die Lesbarkeit der Schriften war eine seiner wichtigsten Forderungen. Er bemängelte die graue Wirkung der gedruckten Werke seiner Zeit und forderte einen klaren schwarz-weiß Kontrast auf der Buchseite. Dieser sollte durch Buchstaben mit klarer Strichstärke erreicht werden (seine erste entwickelte Schrift war eine romanische Antiqua, die Golden Type, angelehnt an die Schrift von Nicolas JensonSt. Augustine: De civitate Dei. Publisher: Nicolas Jensen, Venetiis 1475), im Gegensatz zu den in Mode gekommenen Satzschriften mit linearen, spitzen Serifen und starken Strichstärkenunterschieden der Grund- und Haarstriche (Klassizistische Antiqua wie Bodoni und Didot). Weiterhin sollte der Abstand zwischen den Wörtern gerade so groß ausfallen, dass sich die Wörter klar voneinander trennen lassen.Hans-Christian Kirsch: William Morris – ein Mann gegen die Zeit. S. 235. Auch der Zeilenabstand sollte so gering wie möglich sein, um ein kompaktes Satzbild zu erzeugen. Bei seinen Überlegungen ließ er sich von der mittelalterlichen Typografie inspirieren.Das Ideale Buch. In: William S. Peterson (Hrsg.): Das Ideale Buch. Essays und Vorträge über die Kunst des schönen Buches von William Morris. S. 70 ff.
Es sollte eine Mindestgröße der Schrift festgelegt werden. Die kleinste Schriftgröße legte er bei 12 pt (Cicero) fest, bei kleinen Büchern konnte aber auch eine Größe von 10 pt (Korpus) gewählt werden.Das Ideale Buch. In: William S. Peterson (Hrsg.): Das Ideale Buch. Essays und Vorträge über die Kunst des schönen Buches von William Morris. S. 72. Ein harmonisches Erscheinungsbild müsse das Ziel sein.
Das Verhältnis des Textes und seiner Rahmung, den Seitenrändern, sollte ein harmonisches Bild erzeugen. Eine weitere Forderung von Morris war, dass nicht nur die einzelne Seite eines Buches hervorgehoben wird, sondern die Einheit der Doppelseite des geöffneten Buches beachtet werden müsse.
Neben der Entwicklung einer lesbaren und schönen Schrift sollte auch eine dekorative Buchausstattung dessen Schönheit erhöhen. Der Buchschmuck (Ornamente und Illustrationen) sollte aber die Schrift nicht überwuchern oder derart ausgeprägt sein, dass der Leser vom Inhalt eines Buches abgelenkt würde.
Für die Produktion ästhetisch anspruchsvoll gestalteter Bücher waren ihm auch die Qualität der Druckfarbe, des Papiers sowie des Bucheinbandes wichtig. Die Kelmscott Press versuchte „die Einheit von Type und Ornamentik, Satz und Bild“ Friedrich Adolf Schmidt-Künsemüller: William Morris und die neuere Buchkunst. S. 43. wiederherzustellen und für Morris konnte „jedes Buch ein Kunstwerk sein, wenn nur die Schrift gut ist und seiner gesamten Gestaltung genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird.“Das Ideale Buch. In: William S. Peterson (Hrsg.): Das Ideale Buch. Essays und Vorträge über die Kunst des schönen Buches von William Morris. S. 69.
Druckpraxis Papier und Farbe Morris verwendete eigens für ihn hergestelltes Papier, ein ausschließlich handgeschöpftes Papier aus Leinen von der Batchelors Papiermühle in Kent. Besondere Ausgaben ließ er auch auf dünnem Pergament (Vellum) drucken und entwarf unterschiedliche Wasserzeichen, die die Qualität des Papiers seiner Bücher besonders unterstreichen sollten.
Die damals in England übliche Druckerfarbe hinterließ einen blauen oder rötlichen Unterton und entsprach nicht Morris’ Wunsch nach einem kräftigen schwarzen Farbton. Nach der Vermittlung von Walker bezog er die Druckerfarbe von der Firma Jaenecke aus Hannover. Diese eigens hergestellte Farbe verursachte durch ihre Festigkeit Schwierigkeiten beim Druck mit der Handpresse, aber Morris konnte sich gegenüber seinen Mitarbeitern durchsetzen und bestand auf deren Verwendung.
Schrifttypen mini|Morris’ neue Drucktypen für die Kelmscott Press Von den 53 Drucken wurden 24 Exemplare und 9 Neuauflagen mit der ersten selbst entworfenen Schrift von Morris, der „Golden-Type“, gedruckt. Die „Golden-Type“ wurde von Morris nach dem ersten Druck benannt, für die man sie verwendete: die „Legenda aurea“ von Jacobus de Voragine nach einer Übersetzung von William Caxton. Als typographische Vorbilder dienten Morris unter anderem die Plinius-Ausgabe von Nicolas Jenson und die Schriften von Jakobus Rubeus. Beide waren im 15. Jahrhundert in Venedig tätig. Die „Golden-Type“ ist eine „Antiqua-Type“. Mit dem Entwurf der „Golden-Type“ versuchte er, die Antiqua seinen Ansprüchen anzupassen. Als Verfechter der Gotik und mit der Vorliebe für „wuchtige, kompakte Schriften“ versuchte Morris, „die italienische Eleganz der Antiqua mit der Ausdruckskraft der gotischen Schrift zu verbinden“.Friedrich Adolf Schmidt-Künsemüller: William Morris und die neuere Buchkunst. S. 27/28.
Im Herbst 1891 entwarf Morris eine gotische Schrift und versuchte sie „von dem Vorwurf ihrer Unleserlichkeit“ zu befreien.Hans-Christian Kirsch: William Morris – ein Mann gegen die Zeit. S. 239. Das Ergebnis war die „Troy-Type“; unter ihrer Verwendung wurden insgesamt elf Drucke veröffentlicht. Das erste mit der „Troy-Type“ gedruckte Werk war „The Recuyell of the Historyes of Troy“, ebenfalls nach einer Übersetzung von William Caxton. Als Vorbild für die „Troy-Type“ wählte Morris aber nicht, wie zu erwarten, die Textura, sondern die unter dem Einfluss der Renaissance entstandene Gotico-Antiqua. Bekannte Meister, an deren Schriftkunst er sich unter anderem orientierte, waren neben Rubeus und Jenson auch Schöffer und Zainer.
Mit der Verkleinerung der „Troy-Type“ entwarf Morris seine dritte Schrift, die „Chaucer-Type“. „The Order of Chivalry“ war 1892 das erste Buch, welches mit der „Chaucer-Type“ gedruckt wurde.The Order of Chivalry: “The Order of Chivalry,” “Le Ordenè de Chivalerie,” and the “Ordination of Knighthood” auf morrisedition.lib.uiowa.edu
Bedeutende Editionen mini|Seite aus dem „Kelmscott Chaucer“. Illustration: Edward Burne-Jones, Typographie: William Morris, 1896 „The Story of the Glittering Plain“William Morris: The story of the Glittering Plain which has been also called the Land of Living Men or the Acre of the Undying. Ornamented with 23 pictures by Walter Crane. Printed at the Kelmscott Press 1894. wurde im Mai herausgegeben und die Auflage von 200 Stück war bereits im Juni ausverkauft.