Ein Schnellboot ist ein kleines Kriegsschiff, das von Verbrennungsmotoren (Diesel- oder Ottomotoren) oder Gasturbinen angetrieben wird und hohe Geschwindigkeiten von zum Teil über 50 Knoten (kn) (über 90 km/h) erreichen kann. Ursprünglich waren Schnellboote mit Torpedos bewaffnet. Heutige Schnellboote sind mit Seezielflugkörpern als Hauptbewaffnung ausgerüstet.
Geschichte bis 1945 Die Entwicklung des Schnellbootes geht auf die Zeit des Ersten Weltkriegs zurück, als Großbritannien, Italien und Deutschland jeweils kleine bewaffnete Boote entwickelten, die von Verbrennungsmotoren angetrieben wurden.
Großbritannien mini|MTB kehren von einer Schnellbootabwehrpatrouille zum Schutz der Invasionskräfte zurück, 1944
Schon vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte die Royal Navy kleine Boote, die als Beiboote von Kreuzern zum Einsatzort an die Küste gebracht werden sollten. Während des Krieges sollten diese durch ihren geringen Tiefgang die Minenfelder vor der deutschen Küste überfahren können. Zunächst meist noch ohne Torpedobewaffnung, wurden sie als CMB (Coastal Motor Boats) bezeichnet. Noch während des Ersten Weltkrieges wuchsen sie auf Größen um 17 t Verdrängung mit Torpedobewaffnung an. Diese Boote operierten schon selbstständig zur Überwachung der Küste. Die kleineren CMB von unter 10 t Verdrängung trugen dabei einen einzelnen Torpedo, die Größeren zwei Torpedos in einer Rinne im Achterschiff, die von dort einfach rückwärts ins Wasser glitten, und hatten sonst höchstens ein oder zwei MG zur Bewaffnung.
Im Zweiten Weltkrieg setzte die Royal Navy unterschiedliche Boote ein. Die Spannbreite ging dabei von einigen Booten, die etwa den größeren CMB des Ersten Weltkrieges entsprachen, bis zu für Schnellboote sehr langsamen Einheiten (unter 30 kn) mit fast 100 t Verdrängung. Überwiegend waren es jedoch kleine Gleitboote von 40 bis 50 t Verdrängung, die unter den Bedingungen der Nordsee und des Atlantiks auch wetterbedingt nur eingeschränkt einsetzbar waren. Sie wurden mit Ottomotoren angetrieben, was wegen des hohen Treibstoffverbrauches die Reichweite beschränkte. Außerdem gerieten die Boote bei Feuergefechten mit deutschen Booten leichter in Brand. Sie waren von geringem offensiven Nutzen und vor allem damit beschäftigt, die deutschen Schnellboote zu bekämpfen.Sea Warfare, Chris Bishop, De Agostini Aerospace Publishing, London 1999 Im Gegensatz zu ihren deutschen Kontrahenten waren sie, sobald verfügbar, auch mit Sonar und Radar ausgestattet.
Die Royal Navy setzte bei ihren Schnellbooten überwiegend auf eine Spezialisierung der Bewaffnung. Die MTB (Motortorpedoboote) waren meistens mit zwei Torpedorohren, MG und im Verlauf des Krieges auch mit ein bis zwei Maschinenkanonen sowie Wasserbomben ausgerüstet. Die MGB (Motorkanonenboote) trugen keine Torpedos, dafür mehr Maschinenwaffen und Geschütze bis zu einem Kaliber von 7,5 cm. Diese beiden Varianten sollten sich im Gefecht mit ihren jeweiligen Stärken ergänzen.
Nach dem Krieg wurden auch Boote mit leistungsfähigen Dieselmotoren wie den Napier Deltic oder mit Gasturbinen (z. B. Vosper-Klasse) ausgerüstet. Einige solcher Boote wurden auch an die Vereinigten Staaten, Norwegen und andere verbündete Marinen geliefert. Nach 1958 beschaffte die Royal Navy keine neuen Schnellboote mehr.Für den ganzen Absatz: Angus Konstam: British Motor Torpedo Boat 1939–1945. Osprey Publishing Ltd., Oxford 2003, ISBN 978-1-84176-500-6 (englisch)
Italien
Die Entwicklung der in Italien als MAS bezeichneten Boote begann schon vor dem Ersten Weltkrieg. Die Abkürzung stand ursprünglich für „Motobarca Armata SVAN“ (Bewaffnetes Motorschiff SVAN), wobei S.V.A.N. eine italienische Werft war (Società Veneziana Automobili Nautiche), wurde später aber als Akronym für „Motoscafo anti sommergibile“ (Anti-U-Boot-Motorboot) aufgefasst. Zunächst sah man ebenfalls die Hauptaufgabe der MAS in der U-Boot-Abwehr, und die Bewaffnung bestand dementsprechend aus Kanonen. Die Boote wurden aber bald auch mit Torpedos ausgestattet, dann stand MAS auch für: „Motoscafo Armato Silurante“ (bewaffnetes torpedierendes Motorboot). Mit einem Boot dieses Typs gelang der italienischen Marine 1918 ein spektakulärer Erfolg, als MAS 15 das österreichisch-ungarische Schlachtschiff Szent István versenkte. mini|links| MAS 96, das beim Angriff auf den k.u.k. Marinestützpunkt Bakar 1918 zum Einsatz kam Die Typenvielfalt der italienischen Schnellboote ist gewaltig. Praktisch jede Werft brachte eigene Entwürfe in Kleinserien heraus (zum Teil auch nur einzelne Boote). In Bewaffnung und Leistungen bietet sich ein verwirrendes Bild, auch weil die Boote zum Teil erheblich umgerüstet und neuklassifiziert wurden.
Die ersten Boote waren dabei so klein, dass ihre Seegängigkeit sehr eingeschränkt war und sie die untere Grenze darstellen für Boote, die noch wirkungsvolle Waffen tragen konnten. Sie waren nur gut 16 m lang, knapp 2,5 m breit und hatten ein Gesamtgewicht von um 14 t. Die Bewaffnung bestand entweder aus zwei Torpedos (ohne Rohre) und Maschinengewehren, oder aus ein bis zwei leichten Geschützen (bis zu 7,6 cm). Zum Legen von Minen umgerüstet, konnten sie bis zu vier Minen auslegen. Der Antrieb erfolgte zunächst mit Ottomotoren von 400 bis 500 PS, mit denen Geschwindigkeiten von 17 bis 27 Knoten erreicht wurden.
Beeinflusst von englischen Konstruktionen wuchsen die Boote gegen Ende des Ersten Weltkriegs an und erreichten bis zum Zweiten Weltkrieg Dimensionen von um 20 m Länge, 4,5 m Breite und knapp 30 t Gewicht. In Anlehnung an deutsche Entwürfe wurden während des Zweiten Weltkrieges auch Boote mit fast 100 t gebaut. Die Fahrleistung stieg auf über 40 Knoten. Dennoch blieben aber auch immer Typen mit wesentlich geringeren Abmessungen in Gebrauch.Italienische Schnellboote bei
Sowjetunion mini|Sowjetisches Schnellboot vom Typ Komsomolez des Zweiten Weltkrieges
Nachdem die Sowjets in den Auseinandersetzungen infolge der Oktoberrevolution Bekanntschaft mit englischen CMBs gemacht hatten, die gegen sie eingesetzt wurden, entwickelten sie schon Mitte der 1920er Jahre eigene Entwürfe. Diese stammten vom Flugzeugkonstrukteur Tupolew und wiesen viele Merkmale aus dem Flugzeugbau auf. Diese Boote bewährten sich allerdings im Zweiten Weltkrieg nicht. Stattdessen erhielt die UdSSR während des Krieges MTB und PT-Boote im Rahmen der Rüstungsunterstützung durch die USA.
USA
mini|links|PT-Schnellboot Die USA entwickelten im Zweiten Weltkrieg Schnellboote, die Patrol Torpedo Boats oder kurz PT-Boats genannt wurden, obwohl die offizielle Bezeichnung auch Motor Torpedo Boats war. Die Boote waren vor allem für den Einsatz im Pazifik als Überwachungskräfte in der vielfach aus Riffen und Atollen bestehenden Inselwelt Polynesiens bestimmt. Die Entwürfe waren stark von britischen MTB beeinflusst, und wie diese und italienische Boote waren sie nur eingeschränkt seegängige Gleitboote.
PT-Boote waren überwiegend mit 12-Zylinder-V-Ottomotoren von Packard ausgestattet und mit vier Torpedorohren sowie verschiedenen Maschinenkanonen und Wasserbomben bewaffnet. Die Bestückung mit Maschinenkanonen variierte sehr stark, zum Teil kamen auch Mehrfachgranatwerfer und Torpedos ohne Rohre zum Einsatz.
Es wurden insgesamt über 700 PT-Boote gebaut und neben dem Pazifik auch im Mittelmeer und Ärmelkanal eingesetzt. Besonders bekannt wurde PT-109, dessen Kommandant der spätere Präsident der USA, John F. Kennedy, war. PT-Boote wurden auch an alliierte Marinen abgegeben.
Deutschland
Die Entwicklung der deutschen Schnellboote war eng mit der Lürssenwerft in Bremen-Vegesack verbunden. Diese Werft war vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland führend im Bau von Motorsportbooten.
Deutschland experimentierte mit kleinen motorisierten Booten für ganz verschiedene Zwecke. Unterschiedliche Bewaffnungen und Motorisierungen wurden ausgeführt, ab 1916 auch mit leistungsstarken Luftschiff-Motoren. Die deutschen Boote sollten in Flandern britische Monitore angreifen und durch den geringen Tiefgang in der Lage sein, die Netzsperren vor den Monitoren zu überfahren. Boote mit Torpedobewaffnung wurden vom Reichsmarineamt 1916 in Auftrag gegeben und vom selben Jahr bis 1918 als LM 1–LM 28 in Dienst gestellt. Sie waren 7 t groß, mit einem Torpedorohr oder einem 3,7-cm-Geschütz bestückt, und liefen bei 700 PS etwa 30 kn.
In den 1920er Jahren begann man unter zivilem Deckmantel unter der Leitung von Vizeadmiral a. D. Adolf von Trotha mit ersten Versuchen für die Entwicklung neuer Schnellboote unter Verwendung sechs alter und des erst nach dem Krieg fertiggestellten LM-Boots „Luesi 1“. Diese Boote bildeten ab 1926 auf Anordnung von Kapitän z.S. Lohmann eine Versuchsflottille, mit der umfangreiche taktische Versuche und Materialerprobungen durchgeführt wurden. Mit diesem durch den Friedensvertrag von Versailles nicht erfassten Schiffstyp bot sich die Gelegenheit, die Kampfkraft und den Bestand ausgebildeten Personals innerhalb der Restriktionen zu erhöhen. Trotzdem ging die Entwicklung zunächst im Verborgenen vonstatten, weil man Reaktionen der Siegermächte fürchtete.
mini|Minenladung eines deutschen Schnellboots Die Entwicklung des typischen deutschen Schnellbootes des Zweiten Weltkrieges begann 1928, als das Schnellboot S 1, basierend auf dem Plan der schnellen Motorjacht Oheka II, entwickelt wurde. Das Boot wurde 1930 als „UZ (S) 16“ – U-Boot-Zerstörer in Dienst gestellt. Ab 1932 bildete es mit sieben verbliebenen Booten aus dem Ersten Weltkrieg und inzwischen vier neu hinzugekommenen Booten die 1. S-Flottille.Die Boote S 1 bis S 6 wurden 1936 im Spanischen Bürgerkrieg an Spanien verkauft, sechs weitere 1943 an Spanien verkaufte Boote blieben dort bis 1956/57 im Dienst; siehe Gleichzeitig wurde die offizielle Typbezeichnung „Schnellboot“ eingeführt.
Die neuen Schnellboote wurden von drei Ottomotoren mit zusammen 3000 PS auf drei Schrauben angetrieben und hatten etwa 40 Tonnen (t) Verdrängung, zwei Torpedorohre und liefen circa 37 kn. Der Linienriss des Rumpfes erwies sich als sehr gelungen und wurde bei allen Booten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges beibehalten. Da bei den Ottomotoren aufgrund von Benzindämpfen ein erhöhtes Risiko von Bränden und Explosionen bestand, erhielten die nachfolgenden Bauten erstmals die wesentlich sichereren Dieselmotoren. Ein weiterer Vorteil lag im geringeren Verbrauch der Dieselmotoren. Dieser ermöglicht eine größere Reichweite von bis zu 700 Seemeilen. Zuerst experimentierte man mit 7-Zylinder-Reihenmotoren von MAN und 20-Zylinder-V-Motoren von Daimler-Benz. Da sich letztere als deutlich brauchbarer erwiesen, wurde die Motorenbaureihe MB 501 mit 2000 PS zum Standardmotor für deutsche Schnellboote. Die Höchstgeschwindigkeit mit diesen Motoren lag bei 39 kn. Im Rahmen der Weiterentwicklung zum MB 518 wurden die Motoren durch Aufladung auf eine Leistung von 2500 PS gebracht und damit die Höchstgeschwindigkeit auf 42 kn erhöht. Mit dieser Motorisierung erweiterte sich der Aktionsraum auf die gesamte Nordsee und Ostsee bis hinauf in den Finnischen Meerbusen. mini|S 204 mit weißer Flagge nach der Übergabe an die britische Marine Die deutsche Kriegsmarine stellte während des Zweiten Weltkriegs insgesamt 14 Schnellboot-Flottillen auf, die anfangs truppendienstlich dem Führer der Schnellboote unterstanden.