mini|Siegfried Lenz (1969) rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|Unterschrift Siegfried Lenz deutscher Schriftsteller Siegfried Lenz (* 17. März 1926 in Lyck, Ostpreußen; † 7. Oktober 2014 in Hamburg) war ein deutscher Schriftsteller und einer der bekanntesten deutschsprachigen Erzähler der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Als sein wichtigstes Werk gilt der viel übersetzte und auch verfilmte Roman Deutschstunde (1968), der die Zeit des Nationalsozialismus und einen falsch verstandenen Pflichtbegriff behandelt. Auch Lenz’ erste Kurzgeschichten-Sammlung von 1955, So zärtlich war Suleyken, wurde wegen der neuartigen Erzählweise und Verwendung ostpreußischer Umgangssprache in Masuren sehr erfolgreich.

Leben Siegfried Lenz war der Sohn eines Zollbeamten und wuchs in Masuren auf. Nach dem frühen Tod des Vaters zog seine Mutter mit ihrer Tochter weg und ließ den gerade schulpflichtig gewordenen Siegfried bei der Großmutter, die am Ufer des Lyck-Sees wohnte.Monika Klein, Siegfried Hirsch: Siegfried Lenz – Spuren im deutsch-dänischen Grenzland. In: Hohenfelder und Uhlenhorster Rundschau. 2/2015, S. 16–18. Im Jahr 1939 konnte er zunächst im Dorf Saugen (Ostpreußen) an einem „Landjahr“ teilnehmen und sich schließlich zu einem neunmonatigen Kurs für Hochbegabte qualifizieren, der an der Klaus-Harms-Schule in Kappeln in Schleswig-Holstein abgehalten wurde. Während fünf Mitschüler zu einer Napola-Schule überwiesen wurden, besuchte Lenz ein Internat in Samter. Lenz beschreibt später das Leben dort, lässt aber die Vorbereitung in Kappeln aus.Erich Maletzke: Siegfried Lenz: Eine biographische Annäherung. Zu Klampen Verlag, 2014, S. 19 f.

Soldat Nach dem Notabitur 1943 in Samter wurde Siegfried Lenz im Zweiten Weltkrieg zur Kriegsmarine eingezogen. Er beantragte am 12. Juli 1943 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 20. April 1944 aufgenommen (Mitgliedsnummer 9.803.727).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/25531035Dieter Hildebrandt soll in NSDAP gewesen sein. In: Die Welt. 30. Juni 2007. Lenz sei, so wurde 2014 berichtet, davon ausgegangen, dass er ohne sein Wissen in einem Sammelverfahren in die Nazi-Partei aufgenommen worden sei. Nach Forschungsstand 2009 sei eine Aufnahme ohne eigenes Zutun allerdings nicht möglich gewesen.Armin Nolzen: „Vom ‚Jugendgenossen‘ zum ‚Parteigenossen‘. Die Aufnahme von Angehörigen der Hitler-Jugend in die NSDAP“. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): „Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder“. Frankfurt am Main 2009, S. 123–150. Am 20. April 1945 wurde er in einem Massenbeförderungsverfahren zum Fähnrich zur See ernannt.Monika Klein, Siegfried Hirsch: Siegfried Lenz – Spuren im deutsch-dänischen Grenzland. In: Hohenfelder und Uhlenhorster Rundschau. 2/2015, S. 16–18. Kurz vor Kriegsende desertierte er in Dänemark vom Kadettenschulschiff Hansa und geriet auf seiner Flucht in Schleswig-Holstein in britische Kriegsgefangenschaft. bei Radio Bremen vom 8. Oktober 2014. (Archiv) Dort wurde Lenz zum Dolmetscher einer britischen Entlassungskommission. In dem 1966 erschienenen Aufsatz Ich zum Beispiel berichtete er sowohl von der Euphorie des 17-jährigen Lenz bei der Einberufung als auch über die spätere Ernüchterung sowie das erlösende Ende der Lügen beim Kriegsende.Der 8. Mai 1945. Ende und Anfang. SRF, 8. Mai 2015, Minute 14:40

Nachkriegsjahre Nach seiner Entlassung besuchte er von 1945 bis 1948 die Universität Hamburg, um dort Philosophie, Anglistik und Literaturwissenschaft zu studieren. Von 1946 bis 1949 wohnte er in Bargteheide, das er 1969 in der Erzählung Waldgänge und 2009 in der Novelle Landesbühne erwähnte. Sein Studium brach er vorzeitig ab und wurde 1948 Volontär bei der Tageszeitung Die Welt.Whoswho.de: Siegfried Lenz Von 1950 bis 1951 war er Feuilleton-Redakteur bei dieser Zeitung. Dort lernte er auch seine Ehefrau Liselotte („Lilo“, * 4. August 1918; † 5. Februar 2006) kennen, die seine Manuskripte las, abtippte und später einige seiner Bücher illustrierte. Die Ehe wurde 1949 geschlossen. Der Vorabdruck seines eigenen ersten Romans im Literaturteil der Tageszeitung, den Willy Haas entschied, ermutigte ihn, ein Leben als freiberuflicher Schriftsteller anzustreben.„Literatur ist Selbstzeugnis“ Siegfried Lenz im Gespräch mit Ulrich Wickert. In: Über die Phantasie und das Alter. Hommage zum 85. Geburtstag. Hoffmann und Campe, Hamburg 2001, S. 7–26.

Schriftsteller Im Jahr 1951 veröffentlichte Siegfried Lenz seinen ersten Roman bei Hoffmann und Campe: Es waren Habichte in der Luft. Mit dem Honorar finanzierte er eine Reise nach Kenia. Aus dieser entstand 1958 seine Erzählung Lukas, sanftmütiger Knecht, in der unter anderem der Mau-Mau-Aufstand verarbeitet ist. Sein zweiter Roman Der Überläufer, ebenfalls 1951 verfasst, konnte erst 2016 posthum veröffentlicht werden. Seitdem lebte Lenz als freier Schriftsteller in Hamburg, von 1958 bis 1986 parallel dazu während der Sommermonate auf der dänischen Insel Alsen. Im Anschluss besaß Lenz für die Sommermonate einen Bungalow in Tetenhusen.Erich Maletzke: Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung. Klampen Verlag, Springe 2006, ISBN 3-934920-88-8, S. 172 f. Im Jahr 2010 verkaufte er dieses Haus und lebte bis zu seinem Tod 2014 während der Sommermonate auf der dänischen Insel Fünen, auf der seine zweite Ehefrau Ulla Reimer ein umgebautes Försterhaus besaß.

Lenz war regelmäßiger Gast des Literatentreffens Gruppe 47. Er gehörte zum Hamburger Büro des Kongresses für kulturelle Freiheit. Gemeinsam mit Günter Grass engagierte er sich für die SPD und unterstützte die neue Ostpolitik Willy Brandts. Zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages wurde er 1970 nach Warschau eingeladen. Im Oktober 2011 wurde er Ehrenbürger seiner ostpreußischen Geburtsstadt.Siegfried Lenz wird Ehrenbürger seiner Heimatstadt. In: Die Welt. 18. Oktober 2011.

Die Zusammenarbeit mit dem Verlag Hoffmann und Campe leitete Albrecht Knaus.

Lenz war ab 1967 Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Er gehörte der Freitagsgesellschaft Helmut Schmidts an. Ab 2003 war er Gastprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Ehrenmitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg.

Späte Jahre mini|hochkant|Grabstätte Nach dem Tod seiner Ehefrau Lieselotte 2006 heiratete der inzwischen 84-jährige im Juni 2010 seine langjährige Hamburger Nachbarin Ulla Reimer.Siegfried Lenz heiratet langjährige Nachbarin. Spiegel Online, 13. Juni 2010. Im Frühjahr 2014 gab er bekannt, sein persönliches Archiv dem Deutschen Literaturarchiv Marbach zu überlassen. Undatierte Mitteilung auf der Homepage des Verlags Hoffmann und Campe (abgerufen am 2. Juli 2014). Im Juni 2014 gründete er eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz im Hamburger Stadtteil Barmbek, die sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung seines Werkes widmen soll. Diese Stiftung vergibt auch seit 2014 den Siegfried Lenz Preis.Siegfried Lenz gründet Stiftung und lobt hoch dotierten Preis aus. In: Hamburger Abendblatt vom 18. Juni 2014 (abgerufen am 2. Juli 2014).

Am 7. Oktober 2014 starb Siegfried Lenz im Alter von 88 Jahren in Hamburg.Schriftsteller Siegfried Lenz ist tot. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Oktober 2014 (abgerufen am 7. Oktober 2014). Er wurde am 28. Oktober 2014 neben seiner ersten Frau Liselotte auf dem Friedhof Groß Flottbek beigesetzt.knerger.de: Das Grab von Siegfried Lenz und seiner Frau Zuvor fand eine Trauerfeier in der Hauptkirche St. Michaelis statt.Helmut Schmidt: „Ich werde ihn sehr vermissen“. In: Hamburger Morgenpost online, 28. Oktober 2014, abgerufen am 28. Oktober 2014. Lenz lebte von 1963 bis zu seinem Tod in einer Villa in Hamburg-Othmarschen, die 2017 abgerissen wurde.Wohnhaus von Schriftsteller Siegfried Lenz in Othmarschen wird abgerissen. shz.de, 16. November 2017

Werk mini|Lenz bei einer Lesung in Bonn (1969) Neben 15 Romanen verfasste Siegfried Lenz über hundert Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele, Essays, Reden, Rezensionen und mischte sich immer wieder ins politische Tagesgeschehen ein. Laut Hanjo Kesting gehörte er neben Heinrich Böll und Günter Grass „zu den bestimmenden und herausragenden Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur“. In seinen frühen Jahren war er einer der Wegbereiter des Genres der Kurzgeschichte in der deutschsprachigen Literatur und blieb lange deren herausragender Vertreter. Über Jahrzehnte hinweg finden sich Modellgeschichten wie Das Feuerschiff (1960) im Kanon der Schullektüre. Erst spät etablierte sich Lenz mit Romanen wie Deutschstunde (1968), Heimatmuseum (1978) und Arnes Nachlaß (1999) auch als Meister der langen Prosaform. Noch 1963 urteilte etwa Marcel Reich-Ranicki: „Dieser Erzähler ist ein geborener Sprinter, der sich in den Kopf gesetzt hat, er müsse sich auch als Langstreckenläufer bewähren.“Hanjo Kesting: Der Geschichtenerzähler – Siegfried Lenz. In: Ein Blatt vom Machandelbaum. Deutsche Schriftsteller vor und nach 1945. Wallstein, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0274-7, S. 185–186, 190–191, Zitat S. 191.

Zunächst war Lenz vor allem beeinflusst von Ernest Hemingway, der ihm „die Möglichkeit eines Selbstverständnisses“ eröffnete. In den 1960er Jahren distanzierte er sich von Hemingway und wandte sich vor allem seinem „bewunderten Vorbild“ William Faulkner zu.Ute Müller: William Faulkner und die deutsche Nachkriegsliteratur. Königshausen und Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-2970-4, S. 201. Lenz’ konventionelle Erzählweise, die an Erzähler des 19. Jahrhunderts erinnert, führte zur Kritik, er sei ein Traditionalist und seine Werke seien „altmodisch“. Marcel Reich-Ranicki belegte Lenz mit dem Prädikat „der gütige Zweifler“. Hanjo Kesting beschreibt seine Gelassenheit und seinen Humor als zentrale Eigenschaften, die sein Werk ebenso bestimmen wie „die Haltung des Epikers, die Welt und die Menschen lieber zu verstehen als zu verurteilen“. Dabei blieb Lenz jederzeit auch Pädagoge, der nach eigener Aussage aufzeigen wollte, „daß es richtiges und falsches Handeln gibt“.Hanjo Kesting: Der Geschichtenerzähler – Siegfried Lenz. In: Ein Blatt vom Machandelbaum. Deutsche Schriftsteller vor und nach 1945. Wallstein, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0274-7, S. 191–193. In einer vielzitierten Rede betonte er: „Ich schätze nun einmal die Kunst, herauszufordern, nicht so hoch ein wie die Kunst, einen wirkungsvollen Pakt mit dem Leser herzustellen, um die bestehenden Übel zu verringern.“

Kurz vor Lenz’ Tod wurden etwa 80 bisher unbekannte Gedichte gefunden, die zwischen 1947 und 1949 entstanden sein sollen. Thema sind seine Kriegserlebnisse und die Probleme im Nachkriegsdeutschland. Es ist noch offen, ob die Gedichte veröffentlicht werden.Lübecker Nachrichten. 7. September 2014, S. 30.

Ursprünglich hätte sein 1951 verfasster Roman Der Überläufer bereits 1952 veröffentlicht werden sollen, doch zog der Verlag die bereits gegebene Zusage aus politischen Gründen zurück,Volker Weidermann: Der Feind im Buch. In: Der Spiegel. 9/2016 vom 27. Februar 2016, S. 116–119. (wie es zum Beispiel 1948 auch Heinrich Böll mit seiner Erzählung Das Vermächtnis ergangen war). Der Roman handelt von einem deutschen Soldaten, der sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Partisanen und damit der Roten Armee anschließt, und konnte erst postum im Jahr 2016 erscheinen.Heide Soltau: Wiederentdeckung Roman von Siegfried Lenz., ndr.de, 25. Februar 2016, abgerufen am 29. Februar 2016. Zu seinem 100. Geburtstag im März 2026 erschien Am Widerhaken hängt das Glück. Ein Fisch-Lesebuch.

Lenz’ Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Teile davon sind im Literaturmuseum der Moderne in Marbach in der Dauerausstellung zu sehen, insbesondere das Manuskript zu Deutschstunde.

Auszeichnungen und Ehrungen

In den 1970er Jahren sollte Lenz das Bundesverdienstkreuz erhalten. Er lehnte jedoch mit dem Hinweis ab, dass er Bürger einer Hansestadt sei. Laut Günter Grass war der wahre Grund jedoch, dass auch viele ehemalige Nationalsozialisten den Orden bekommen hatten.Lübecker Nachrichten, 8. Oktober 2014, S. 3