Der Vierjahresplan bezeichnet die auf dem Auftrag Adolf Hitlers gründende nationalsozialistische Wirtschaftsprogrammatik, ab 1936 binnen vier Jahren die wirtschaftliche und militärische Kriegsfähigkeit durch Autarkie und forcierte Aufrüstung zu erreichen. Dazu wurde ab Ende 1936 eine entsprechende Vierjahresplanbehörde unter Hermann Göring eingerichtet.

Im Ausland nahm man den Verstoß gegen den Versailler Vertrag zwar durchaus wahr, sanktionierte das Deutsche Reich jedoch nicht.

Entstehung Ein Vorläufer war das Schlattmann-Programm unter der Ägide von Hjalmar Schacht. Am 18. Oktober 1936 erließ Hitler die Verordnung zur Durchführung des Vierjahresplans, die Hermann Göring die Generalvollmacht für die Lenkung aller wirtschaftlichen Maßnahmen übertrug, die für die Erreichung der Kriegsfähigkeit notwendig seien.Dietmar Petzina: Autarkiepolitik im Dritten Reich. Der nationalsozialistische Vierjahresplan (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 16). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968, S. 57 f.

Unter Göring wurde der Vierjahresplan als eine Oberste Reichsbehörde institutionalisiert.Dietrich Eichholtz: Vierjahresplan, in: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. München 2007, ISBN 978-3-423-34408-1, S. 851 f. Ihr Zweck bestand darin, Autarkie und Kriegsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu schaffen. Der Plan wurde auf dem Reichsparteitag der NSDAP im September 1936 mit der Begründung der Notwendigkeit einer Wehrhaftmachung des deutschen Volkes verkündet. Göring führte die Behörde aus dem Preußischen Staatsministerium und stellte sie als Beauftragter für den Vierjahresplan im Oktober 1936 im Berliner Sportpalast der Öffentlichkeit vor. Der Plan diene vor allem der Ernährungssicherung der Deutschen.Tim Schanetzky: „Kanonen statt Butter“. Wirtschaft und Konsum im Dritten Reich. C.H. Beck, München 2015, S. 150.

Das nationalsozialistische Regime selbst bezeichnete den 1936 institutionalisierten Vierjahresplan bis Kriegsende als „zweiten Vierjahresplan“, um an ein seit 1933 bewährtes Propagandamotiv anzuknüpfen. Schon vor den Märzwahlen 1933 hatte Hitler bei verschiedenen Gelegenheiten propagiert, er brauche vier Jahre Zeit, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, und Propagandaminister Joseph Goebbels die Presse angewiesen, darüber stets unter der Überschrift „Gebt mir vier Jahre Zeit“ zu berichten. Der Vierjahresplan 1936 bis 1940, so Goebbels, basiere nun auf diesem „ersten Vierjahresplan“.Tim Schanetzky: „Kanonen statt Butter“. Wirtschaft und Konsum im Dritten Reich. C.H.Beck, München 2015, S. 150 f.

Der Plan Durchschnittliche Gold- und Devisenbestände Deutschlands in Mio. ReichsmarkMonatlicher Bericht des Wehrwirtschaftsstabes über den „Stand der wirtschaftlichen Lage. 1.2.1938“ BA-MA Wi I F 5/543. entnommen aus: Friedrich Forstmeier, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Wirtschaft und Rüstung am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. 2. Auflage. Droste, Düsseldorf 1981, ISBN 3-7700-0399-3, S. 85. 1928 1929 1930 1931 1932 1933 1934 1935 1936 2.405 2.506 2.806 1.914 975 530 165 91,0 75,0

mini|Reichsgesetzblatt vom 19. Oktober 1936: Verordnung zur Durchführung des Vierjahresplanes Ziel war die Ausrichtung der Wirtschaft auf die beschleunigte Rüstung und Autarkie, da Deutschland mit seiner Rohstoffabhängigkeit vom Ausland sonst keinen längeren Krieg führen konnte.

Denkschrift zum Vierjahresplan

Der Vierjahresplan wurde durch eine geheime, etwa August 1936 verfasste Denkschrift Adolf Hitlers befohlen. Diese leitete Hitler ein mit der These, ein Krieg mit der Sowjetunion sei unvermeidlich.

Die zentralen Forderungen in Hitlers Denkschrift waren:

Wolfgang Michalka (Hrsg.): Deutsche Geschichte 1933–1945. 1999, S. 112. Wilhelm Treue: Dokumentation: Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan 1936. 1955.

Warum und wofür Armee und Wirtschaft 1940 hauptsächlich einsatz- und kriegsfähig sein sollten, hatte Hitler vor seinem Schlussfazit in der Denkschrift wie folgt erläutert:

Hermann Göring trug die Denkschrift in einer Kabinettssitzung am 4. September 1936 vor. Er erörterte die Pläne mit den Worten: Er schloss die Kabinettssitzung mit dem Hinweis:

Entwicklung und Durchführung Auf organisatorischer Ebene sah Görings Erlass vom 22. Oktober 1936 die Einrichtung eines kleinen Ministerrats der wirtschafts- und sozialpolitischen Ressorts für Grundsatzentscheidungen vor, während ein aus den jeweiligen Staatssekretären bestehender Generalrat „als exekutive Koordinierungsinstanz“ fungieren sollte. Da der Ministerrat selten zusammentrat, wurde der eigentlich untergeordnete, aber wöchentlich tagende und alle Probleme des Vierjahresplan erörternde Generalrat .Dietmar Petzina: Autarkiepolitik im Dritten Reich. Der nationalsozialistische Vierjahresplan (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Band 16). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968 (zugleich: Mannheim, Wirtschaftshochschule, Dissertation, 1965: Der nationalsozialistische Vierjahresplan von 1936), S. 58 f.

Die Methoden waren durch Rohstoffkontingentierung, Investitionen sowie Lenkung des Arbeitseinsatzes gekennzeichnet. Unter anderem war es das Ziel, die Autarkie der deutschen Wirtschaft mit Hilfe der unrentablen Erzeugung synthetischer Ersatzstoffe, wie Leuna-Benzin, Buna-Kautschuk, Kunstdünger und Sprengstoff, zu erreichen.

Im Rahmen des Vierjahresplans gründete die NS-Regierung unter anderem die Reichswerke Hermann Göring, die dem Abbau und der Verhüttung von armen Eisenerzen dienten. Als Verantwortlicher wurde Göring eingesetzt. Der Vierjahresplan war nicht besonders effektiv organisiert. Dennoch konnte die Wirtschaftsleistung erheblich gesteigert werden. Vom Frühjahr 1942 bis zum Februar 1943 wurde unter der Leitung Albert Speers der Ausstoß an Rüstungsgütern verdoppelt, wofür aber hauptsächlich eine stark gesteigerte Zuteilung an Stahl ursächlich war.Tim Schanetzky: „Kanonen statt Butter“. Wirtschaft und Konsum im Dritten Reich. C.H.Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-67515-7, S. 218.

Vor der Öffentlichkeit verkündete Göring am 28. Oktober 1936 im Berliner Sportpalast den Vierjahresplan unter anderem als eine Konzeption zur Sicherung der Ernährung des Volkes. ip-klaeden.selfhost.eu

Am 17. Dezember 1936 hielt Göring vor über 100 Industriellen eine Rede im Preußenhaus über die Durchführung des Vierjahresplans; in dieser Rede äußerte er:

Nach Göring sprach Hitler und strich heraus, dass das beibehalten werden und die Erzeugung gesteigert werden müsse, dafür werde dem Vierjahresplan, als größtem und revolutionärsten Wirtschaftsprogramm, jedes einzelne Interesse untergeordnet. Der Teilnehmer Rudolf Siedersleben, Teilhaber des Otto-Wolff-Konzerns, zählte 200 Teilnehmer und vermerkte, dass die Versammlung von den Reden Görings und Hitlers war und während der Ansprachen und zum Schluss begeisterten spontanen Beifall spendete.Wolf-Ingo Seidelmann: »Eisen schaffen für das kämpfende Heer!«. Die Doggererz AG – ein Beitrag der Otto-Wolff-Gruppe und der saarländischen Stahlindustrie zur nationalsozialistischen Autarkie- und Rüstungspolitik auf der badischen Baar. Konstanz und München 2016, S. 88. Siedersleben versandte einen Vermerk über die Veranstaltung an die Betriebsleiter seines Konzerns und erhielt nur markige Kommentare des Einverständnis und keinerlei Kritik für diesen ökonomischen Kriegskurs als Antwort.Jost Dülffer: Die »Gruppe Otto Wolff« 1929 bis 1945. In: Peter Danylow, Ulrich S. Soénius (Hrsg.): Otto Wolff. Ein Unternehmen zwischen Wirtschaft und Politik. München 2005, S. 176.

Laut der Denkschrift Hitlers war der Vierjahresplan nur als vorübergehende Lösung anzusehen (). Demgemäß wurde ab 1941 die Planung zunächst unter Fritz Todt und nach dessen Tod ab Februar 1942 unter Speer völlig auf die totale Kriegswirtschaft umgestellt.

Am 18. Oktober 1936 ernannte Hitler Göring zum „Bevollmächtigten für den Vierjahresplan“, womit seine Macht im NS-Staat noch weiter zunahm. Der Plan löste den Neuen Plan Hjalmar Schachts ab. Durch die Ernennung Görings wurde die Macht von Hjalmar Schacht beschnitten, der Ende November von seinem Posten als Wirtschaftsminister zurücktrat.

Ab diesem Zeitpunkt der Ernennung Görings durch Hitler unterscheidet Dietmar Petzina drei Phasen für die Entwicklung und Durchführung des Vierjahresplans, wobei Göring als „Diktator auf dem Gebiet der Wirtschaft“ fungiert habe: 1.) Eine eher weit gefächerte noch recht allgemeine Planung und Aktivität zwischen Oktober 1936 und Sommer 1938. 2.) Den Zeitraum einer ganz auf kriegswirtschaftliche Mobilmachung orientierten Wirtschaftspolitik von Juli 1938 bis zum Kriegsbeginn im September 1939. 3.) Die Phase der Verschmelzung des Vierjahresplanes mit der Kriegswirtschaft vom Herbst 1939 bis 1942.Dietmar Petzina: Autarkiepolitik im Dritten Reich. Der nationalsozialistische Vierjahresplan. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968, S. 57. Der Plan sei gewesen und sollte durch die Schaffung wirtschaftlicher Unabhängigkeit Hitlers ermöglichen.Dietmar Petzina: Autarkiepolitik im Dritten Reich. Der nationalsozialistische Vierjahresplan. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968, S. 194.

Das Forschungsinstitut der Vereinigten Stahlwerke, die Kohle- und Eisenforschung GmbH betrieb, auf Initiative von Albert Vögler umfangreiche Autarkieforschung für den Vierjahresplan.Andreas Zilt: Rüstungsforschung in der westdeutschen Stahlindustrie. Das Beispiel der Vereinigte Stahlwerke AG und Kohle- und Eisenforschung GmbH. In: Helmut Maier (Hrsg.): Rüstungsforschung im Nationalsozialismus. Organisation, Mobilisierung und Entgrenzung der Technikwissenschaften. Göttingen 2002, S. 198 und 212.

Am 1. November 1939 wurde die Haupttreuhandstelle Ost (HTO) als Behörde des Vierjahresplans errichtet.Bekanntmachung über die Errichtung einer Haupttreuhandstelle Ost vom 1. November 1939. In: Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Nr. 260, 6. November 1939. Mit der Leitung der HTO beauftragte Hermann Göring den Bürgermeister a. D. Max Winkler. Ihre Aufgabe war die Erfassung, Verwaltung und Verwertung des Vermögens des polnischen Staates und seiner Bürger nach der Besetzung polnischen Staatsgebiets durch deutsche Truppen ab dem 1. September 1939 (Überfall auf Polen). Die Historiker Werner Röhr und Ingo Loose beschrieben die Funktion der HTO als eine „staatliche Regulierungsinstanz für konkurrierende Beuteansprüche“,Werner Röhr: Zur Wirtschaftspolitik der deutschen Okkupanten in Polen 1939–1945. In: Dietrich Eichholtz (Hrsg.): Krieg und Wirtschaft. Studien zur deutschen Wirtschaftsgeschichte 1939–1945. Berlin 1999, S. 221–251, hier S. 234. „die für eine der größten Raubaktionen verantwortlich zeichnete, die die Nationalsozialisten im besetzten Europa überhaupt übernahmen“.Ingo Loose: Rezension zu: Rosenkötter, Bernhard: Treuhandpolitik. Die »Haupttreuhandstelle Ost« und der Raub polnischer Vermögen 1939–1945, Essen 2003, und zu: Dingell, Jeanne: Zur Tätigkeit der Haupttreuhandstelle Ost, Treuhandstelle Posen 1939 bis 1945. Frankfurt a. M. 2003. In: H-Soz-u-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften, 8. November 2004; hsozkult.de abgerufen am 28. Dezember 2023.