mini|hochkant=1.35|Neustadt bei Coburg von Süden mini|hochkant=1.35|Innenstadt von Süden mini|Mündung des Steinwegs in den Marktplatz

Neustadt bei Coburg (amtlich: Neustadt b.Coburg), früher Neustadt an der Heyde, ist eine Große Kreisstadt im oberfränkischen Landkreis Coburg. Sie bildet mit der unmittelbar angrenzenden thüringischen Partnerstadt Sonneberg eine geografisch und ökonomisch zusammenhängende urbane Einheit in der Metropolregion Nürnberg. Die erste Nennung als Stadt erfolgte 1316.Greiner, Albert: Geschichte der Stadt Neustadt (Herzogtum Coburg) bis 1650. Coburg 1905. Urkundenbuch S. V.

Geografie Geografische Lage Die Stadt liegt im Nordosten des Landkreises Coburg im Obermainischen Hügelland an den südlichen Ausläufern des Frankenwaldes, zu Füßen des Neustadter „Hausberges“, des Muppberges, eines 515,5 Meter hohen Zeugenberges. Durch die Kernstadt fließt die Röden, durch östliche Gemeindeteile die Steinach.

Stadtgliederung Die Stadt Neustadt bei Coburg hat 22 Gemeindeteile (in Klammern ist der Siedlungstyp angegeben):

Geschichte mini|hochkant|Evangelische Stadtkirche St. Georg, Haupteingang mini|Evangelische Auferstehungskirche

Stadtnamen Neustadt bei Coburg hieß bis 1850 Neustadt an der Heyde, danach Neustadt an der Haide.Helmut Scheuerich: Geschichte der Stadt Neustadt bei Coburg im zwanzigsten Jahrhundert, Zweiter Band, 1993, S. 1. Ab dem 1. Juli 1892 lautete die amtliche Bezeichnung Neustadt (Herzogthum Coburg).Regierungs- und Intelligenzblatt für das Herzogthum Coburg, 2. Juli 1892 1921 folgte die offizielle Umbenennung in Neustadt bei Coburg.Bayerischer Staatsanzeiger, 22. April 1921.

Die Landesherrn im Mittelalter Als Graf Hermann von Wolweswac in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts mit dem Bau einer Zollburg an der Rödenfurt die Stadt Neustadt gründete, lag die Oberherrschaft in den Händen der Grafen von Andechs, der späteren Herzöge von Meranien. In einer Urkunde vom 16. Juni 1248 wurde der Marktflecken (forum) Neustadt erstmals erwähnt. Die nächsten Landesherren waren die Henneberger, unter denen Neustadt 1316 als Stadt bezeichnet wurde. 1353 kam Neustadt als Bestandteil der Pflege Coburg an das Haus Wettin, bei dem es bis zum Ende des Ersten Weltkriegs blieb. Seitdem führt die Stadt auch den doppelschwänzigen, rot bewehrten schwarzen Löwen im Wappen, der an den damaligen wettinischen Landesherrn, den Markgrafen Friedrich den Strengen von Meißen, erinnert.

Entwicklung der Stadt bis 1500 Neustadt lag an einer wichtigen Heer- und Handelsstraße zwischen Nürnberg und Leipzig, deren Furt durch die Röden bzw. die Brücke über den Fluss der Grund für die Zollstation war. Die Straße sorgte für den Aufschwung des Handwerks und der Beherbergungsbetriebe. Das Zentgericht, vorher im heutigen Gemeindeteil Fechheim beheimatet, dem früheren geistlichen und weltlichen Mittelpunkt des Gebietes, wurde um 1300 nach Neustadt verlegt.1288 in Fechheim belegt, 1317 in Neustadt; Verlegung 1330 urkundlich genannt. - Quellen: 1288 Schöttgen und Kreysig III, Nr. 37 und 39; 1317: Urbar der Henneberger; 1330: Schaumberg-Regesten II, S. 34 Im 14. Jahrhundert erhielt die Stadt eine Pfarrkirche, nachdem vorher nur die Wallfahrtskirche St. Ottilia auf dem Muppberg bestanden hatte. Am Ende des Mittelalters dürfte die Stadt etwa 570 Einwohner gezählt haben. Ab 1510 ist in Neustadt ein mittelalterliches Leprosorium nachweisbar, das als Sondersiechenhaus bezeichnet wurde und bis 1632 bestand.

Reformation Wie im ganzen Kurfürstentum Sachsen hielt auch in Neustadt die Reformation früh ihren Einzug. Zwischen 1525 und 1528, der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt, beriefen Rat und Pfarrvolk mit Bartholomäus Wyeser den ersten evangelischen Prediger, da sie mit ihren in der alten Lehre befangenen Geistlichen nicht mehr einverstanden waren. 1530 predigte Martin Luther am Karfreitag in der Neustadter Sankt-Georg-Kirche.

Kriege und Brände mini|Stadtbrand 1839 Kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg dürfte die Stadt auf ungefähr 1000 Einwohner angewachsen sein. In der Kriegszeit zeigte sich, dass die Lage an der Straße, die nun auch von den verschiedenen Kriegsparteien genutzt wurde, indirekt auch zerstörerische Wirkung haben konnte. Trotz der Neutralität des Coburger Landesherrn, des Herzogs Johann Casimir, richteten die Truppendurchzüge große Schäden an, die nach dem Kriegseintritt des Herzogtums noch wesentlich schlimmer wurden. Ohne Feindeinwirkung jedoch kam es 1636 zu einem großen Stadtbrand, nach dem von etwa 190 Feuerstätten nur noch 36 standen. 1839 legte ein zweiter großer Brand 179 der 226 Häuser der Stadt in Schutt und Asche, auch das Rathaus mit dem Archiv. Die Kirche wurde schwer beschädigt.

Die Spielwarenindustrie mini|Bahnhofstraße: Ehemaliges Werk 1 von Max Oscar Arnold und später Hausser Durch die Nähe des Thüringer Waldes gab es in Neustadt schon bald holzverarbeitende Handwerker wie Schreiner, Tischler, Drechsler, Ludelmacher (Hersteller von hölzernen Säuglingsflaschen), Löffler und Büttner, die nebenbei auch schon Dockenwerk, also Spielwaren, herstellten. Etwa um 1600 begann man im benachbarten Sonneberg die Produkte dieser Handwerker mit der neu entwickelten Wismutmalerei zu verzieren. Mit Johann Andreas Greiner siedelte sich der erste Vertreter des Maler- und Bossiererhandwerks 1748 in Neustadt an. Bossierer formten den sogenannten Teig, eine Masse aus Schwarzmehl und Leimwasser, frei aus der Hand zu Spielwaren. Die Spielwarenherstellung wurde schließlich der bedeutendste Wirtschaftszweig in Neustadt. Eine Vielzahl von Hausgewerbetreibenden war in differenzierten Herstellungsverfahren tätig. Es gab Puppenmacher, Arm- und Beinanstreicher, Puppenschuhmacher, Augeneinsetzer, Wimpernmacherinnen, Puppenfriseusen usw.; auch einige größere Manufakturen entstanden, als wichtigste die von Max Oscar Arnold. Den größten Aufschwung hatte die Branche ab 1870 durch den Export. Mit dem Ersten Weltkrieg brach dieser Absatzmarkt weg, die früheren Abnehmerländer bauten eigene Spielwarenfertigungen auf.

Entscheidung für Bayern Als 1918 mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Novemberrevolution die Monarchie in Deutschland abgeschafft wurde, galt das auch für das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha, dem Neustadt zuletzt angehörte. Zunächst war die Stadt Teil des Freistaates Coburg. Da dieser aber für sich zu klein war, stand eine Entscheidung bezüglich des Anschlusses an Bayern oder an Thüringen an. In einer Volksbefragung am 30. November 1919 stimmten 276 Neustädter Bürger für den Beitritt des Freistaates Coburg zum thüringischen Staat und 2794 dagegen. Somit gehörte ab dem 1. Juli 1920 auch Neustadt zum Freistaat Bayern. Der Neustadter Industrielle und Politiker Max Oscar Arnold hatte sich tatkräftig für diesen Anschluss eingesetzt. Im Staatsvertrag des Freistaats Bayern mit dem Freistaat Coburg über die Vereinigung Coburgs mit Bayern vom 14. Februar 1920 wurde in Paragraf 2 vereinbart, dass die Stadt Neustadt kreisfrei bleibt.

Die politischen Verhältnisse in der Weimarer Republik mini|Im November 1923 werden in Neustadt Truppen der Notpolizei ausgebildet. In der Weimarer Republik galt Neustadt Anfang der 1920er-Jahre als „links“ eingestellt. Zum Deutschen Tag in Coburg 1922 kamen daher aus Neustadt kaum Anhänger Hitlers, dafür viele Gegendemonstranten. Am 26. Oktober 1923 rückte auf Veranlassung der Bayerischen Staatsregierung eine Kompanie Notpolizei in Neustadt ein. Der vaterländische Verband sollte die örtliche Polizei unterstützen und als Grenzschutz Nordbayern die Grenze zu Thüringen sichern. Am 21. November 1923 verließ die Kompanie nach Ablösung durch die Landespolizei wieder Neustadt. Am 9. Juli 1924 wurde eine NSDAP-Ortsgruppe in Neustadt gegründet, die 370 Mitglieder im Jahr 1927 hatte. Bei der Reichstagswahl im Mai 1924 konnte sie mit 42,33 % für den Völkischen Block einen Erfolg erzielen, doch sank ihr Stimmenanteil bei den Wahlen im Dezember 1924 wieder auf 25,48 %.

1927 veranstalteten die Nationalsozialisten einen Frankentag in Neustadt, bei dem auch Adolf Hitler eine Rede hielt. Im Vorfeld hatte der Nationalsozialist Franz Schwede aus Coburg verkündet, dass sich die Partei der Stadt keineswegs sicher war: „Neustadt! – Das ist ein seit Jahren festumrissener Begriff für jeden SA-Mann und jeden politischen Soldaten des Führers. Denn seit Jahren wehrt sich diese marxistische Brutstätte mit allen brutalen Mitteln der kommunistischen Kampfmethoden gegen das Vordringen des Nationalsozialismus in ihren Mauern. Neustadt! – Das bedeutet Kampf bis aufs Messer, Kampf bis aufs Blut!“. Allerdings erhielten auch 68 Neustadter das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP.

Die Äußerung Schwedes zeigt die starke Polarisierung der politischen Meinung in dieser Zeit in Neustadt. Das hing auch mit der sozialen Struktur der Stadt zusammen, die 1923 so beschrieben wurde: „Neustadt hat rund 9000 Einwohner. […] Im Gegensatz zu den meisten bayerischen Mittelstädten ist Neustadt ein reiner Industrieort. Die Bevölkerung setzt sich aus einer großen Zahl kleinerer Spielwarenhersteller, den für dieses Gewerbe tätigen Heimarbeitern und den Arbeitern einiger größerer Betriebe zusammen.“ Von den 1925 in der Kernstadt ansässigen 834 Spielwarenbetrieben waren 787 Hausgewerbetreibende.Helmut Scheuerich: Geschichte der Stadt Neustadt bei Coburg im zwanzigsten Jahrhundert. Zweiter Band, Neustadt bei Coburg 1993.

Der Geschäftsumfang der Spielwarenindustrie, die das Wirtschaftsleben der Stadt bestimmte, verzeichnete ab 1929 einen starken Rückgang. Die schlechte Wirtschaftslage führte unter anderem dazu, dass 1933 von den rund 9000 Einwohnern 6809 Personen Unterstützung irgendwelcher Art von der öffentlichen Hand bezogen und von rund 1200 Schulkindern 713 unterernährt waren.Helmut Scheuerich: Geschichte der Stadt Neustadt bei Coburg im zwanzigsten Jahrhundert. Erster Band, Neustadt bei Coburg 1989.

Die Reichstagswahl von 1928 brachte 36,15 % der Stimmen für die NSDAP, aber auch 40,37 % für die SPD und 9,85 % für die KPD (alle übrigen zusammen: 13,63 %). Ab Juli 1932 überflügelten die Nationalsozialisten (48,89 %) die linken Parteien (SPD: 34,33 %, KPD: 11,31 %, Sonstige: 5,47 %). Die Wahl vom März 1933 ergab 50,47 % der Stimmen für die Nationalsozialisten gegenüber 32,44 % für die SPD und 11,35 % für die KPD (Übrige zusammen 5,13 %).

Nach den Stadtratswahlen am 17. November 1921 entfielen auf die Bürgerliche Liste elf, die Sozialistische Arbeitsgemeinschaft (SPD und KPD) vier und die USPD ein Sitz. Nach der Stadtratswahl am 7. Dezember 1924 stellten die SPD sechs, der Verein Bürgerlicher Wähler fünf, der Völkische Block (ab 18. Mai 1926 Nationalsozialistische Stadtratsfraktion) drei und die KPD zwei Räte. Bei der Stadtratswahl am 8. Dezember 1929 hatten die SPD sechs, die NSDAP sechs, der Bürgerverein drei und die Wirtschaftliche Vereinigung einen Sitz erhalten.

Zeit des Nationalsozialismus Am 11. März 1933 bestellte der Stadtrat 21 SA- und SS-Mitglieder als Hilfspolizeibeamte für eine Verhaftungswelle von Regimegegnern und Juden. Im März 1933 erfolgten 104 Hausdurchsuchungen und 18 Personen wurden in Schutzhaft genommen. Die Inhaftierten kamen anfangs nach Coburg ins Gefängnis oder in die 95er-Kaserne und wurden teilweise auch in einem Gebäude der dortigen Stadtpolizei, in der Rosengasse neben dem Rathaus (alte Herberge), misshandelt. Ab 13. April 1933 waren die Regimegegner aus Neustadt in Hassenberg inhaftiert und wurden von einem Kommando der Neustadter SA bewacht. Nachdem die SPD am 22. Mai 1933 verboten worden war, wurden in Neustadt etwa 60 Hausdurchsuchungen durchgeführt und 40 Personen in Gewahrsam genommen, von denen 10 über Coburg ins KZ Dachau kamen.