Der Artikel Geschichte Stralsunds behandelt die Entwicklung der Stadt Stralsund.
Gegründet als slawische Siedlung im 10. Jahrhundert, erhielt die Siedlung Stralow im Jahr 1234 das Lübische Stadtrecht verliehen. Stralsund kam nach dem Erlöschen des Fürstentums Rügen 1325 an Pommern-Wolgast und war seit dem 14. Jahrhundert nach Lübeck die bedeutendste Hansestadt im südlichen Ostseeraum. Vom 17. bis ins frühe 19. Jahrhundert gehörte Stralsund zum Besitz des Königs von Schweden im Heiligen Römischen Reich, danach kam es zur preußischen Provinz Pommern und war Sitz eines Regierungsbezirkes. Von 1949 bis 1990 gehörte die Stadt zur DDR. Seit 1990 Teil der Bundesrepublik Deutschland, ist Stralsund Kreisstadt des Landkreises Vorpommern-Rügen und, zusammen mit Greifswald, Oberzentrum im Landesteil Vorpommern des Landes Mecklenburg-Vorpommern.
mini|hochkant=1.2|Stralsund nach Mattheus Merian d. Ä.
Basis dieses Artikels Die Basis dieses Artikels bildet für die Angaben bis in die 1980er Jahre ganz überwiegend das von Herbert Ewe im Jahr 1984 anlässlich des Stadtrechtsjubiläums Stralsunds herausgegebene Werk „Geschichte der Stadt Stralsund“. Daran beteiligt waren Konrad Fritze, Johannes Schildhauer, Herbert Langer, Hans-Joachim Hacker, Reinhard Kusch, Herbert Ewe selbst, Karl Heinz Jahnke, und Dietrich Richter. Aufgrund der Entstehungszeit der Ausgabe kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch die politische Ideologie dieser Zeit in die Darstellungen einfloss.
10. bis 13. Jahrhundert Slawische Siedlung bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts Die Insel Rügen und Teile des gegenüberliegenden Festlandes gehörten zum Siedlungsgebiet der slawischen Ranen, die sich bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts ihre politische Selbständigkeit bewahrt hatten und eine der letzten nichtchristlichen Völkerschaften in Mitteleuropa waren. Im Jahr 1168 endete der jahrelange Zwist mit den christlichen Nachbarn mit dem Sieg des Dänenkönigs Waldemar I. über die Ranen und der Eroberung ihres Hauptheiligtums, der Jaromarsburg am Kap Arkona. Nach dem Sieg der Dänen wurden die slawischen Fürsten Lehnsleute der dänischen Krone und nahmen den christlichen Glauben an. Die Fürsten zogen nunmehr gegen die pommerschen Umlandgebiete zu Felde und sannen darauf, ihre Macht auch auf dem Festland auszubauen. Die Siedlung Strale lag strategisch günstig an der Kreuzung der Handelswege zwischen Rostock, Demmin, Rügen und Stettin. Die vorgelagerte Insel Stralow bot einen natürlichen Hafen, einer der Gründe für die Stadtansiedlung.
Der Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus berichtete, dass die Dänen schon im 12. Jahrhundert die Insel Stralow als Liegeplatz für ihre Schiffe bei Kriegszügen ins Landesinnere nutzten. Auf dieser Insel befand sich lange vor der Gründung der Stadt ein slawisches Fischerdorf. Als gesichert gilt, dass es sich zum Zeitpunkt der Stadtgründung bereits um eine große Siedlung handelte. Dazu kam der Umstand, dass Sümpfe und Teiche eine Verteidigung erleichterten. Die Stadtteiche wurden erst später ausgebaut. Die Lage am Strelasund ermöglichte die Zufahrt zur Ostsee auf zwei Seiten. Aufgrund der reichen Heringsbestände der Gewässer siedelten sich viele Kaufleute an, die darin ihre Handelsgrundlage sahen.
mini|Urkunde der Stadtrechtsverleihung von 1234 Stadtrechtsverleihung 1234 Am 31. Oktober 1234 verlieh der slawische Fürst Wizlaw I. zu Charenza (Rügen) dem Fischerdorf Stralow am Strelasund das Lübische Stadtrecht mit folgendem Text:
Die Urkunde, die im Stadtarchiv Stralsund verwahrt wird, besteht aus einem 5,5 × 15 Zentimeter großen Pergamentstreifen. Unüblich sind der spärliche Inhalt und die Größe, aber auch, dass keine Zeugen für diesen Akt benannt sind.
Die Stadtgründung erfolgte von Seiten der rügenschen Fürsten nicht selbstlos: Der Handel sollte der wirtschaftlichen Entwicklung und die zu erwartenden Abgaben der fürstlichen Kasse dienen. Gemäß der damals geltenden Kastellaneiverfassung unterstand ein Dorf dem jeweiligen Landvogt, eine Stadt aber direkt dem Fürsten. Auch die Stralsunder Kaufleute profitierten, da mit der Verleihung des Stadtrechts auch die Zollfreiheit verbunden war.
13. bis 16. Jahrhundert Deutsche Besiedlung im 13. Jahrhundert Im Zuge der Christianisierung kamen bald Menschen aus den westelbischen Gebieten: Niedersachsen, Westfalen, Holsteiner, Friesen, Holländer und Flamen zogen in den ostelbischen Raum. Nach und nach nahmen sie Besitz von den neuen Siedlungsräumen, wie die Gründungswelle der Städte entlang der Ostseeküste belegt. Aus der Stadtgründungsurkunde geht hervor, dass es sich bei den Gründern Stralsunds wohl um Rostocker Kaufleute handelte. Dazu kamen weitere Einwanderer. Anhand der Namen im Stadtbuch von 1270 und im Bürgerbuch ab 1319, die oft auf die regionale Herkunft deuteten, ist erkennbar, dass knapp ein Drittel aus dem direkten Umland (Festland und Rügen) stammte und zwei Drittel aus ferneren Gegenden – bis hin nach Nowgorod, Italien, Böhmen – zugezogen waren. Obwohl die Stadt auf ehemals slawisch besiedeltem Territorium lag, überwog schon bald der Anteil der Deutschen. Die Slawen mussten sich bald den deutschen Zuwanderern in Sprache und Lebensweise anpassen.
Am 25. Februar 1240 stellte Fürst Witzlaw I. auf seinem Prohner Schloss eine zweite Urkunde aus, die bedeutsam für Stralsund war. In dem Text nannte Witzlaw I. nochmals die Stadtrechtsverleihung nach Rostocker Vorbild, erwähnt wurde auch erstmals Stralesund als Stadtname. Die Stadt erhielt das Fährdorf (antiquus navalis transitus) gegen Zahlung von neunzig Mark rügenscher Münze und die Insel Strale sowie Wälder (heute: Frankenvorstadt) und Äcker (heute: Kniepervorstadt) innerhalb der Stadtgrenzen als Geschenk. Zusätzlich gestattete die Urkunde den Stralsundern freien Fischfang und die Jagd auf Niederwild. Sie garantierte auch die Zollfreiheit im gesamten Fürstentum. Schnell entwickelte sich die junge Stadt zu einem aufblühenden Handelsstandort und als Konkurrenz zu den bestehenden Handelsstädten. Im Jahr 1249 überfiel eine Flotte Lübecks unter Alexander von Soltwedels unerwartet die Stadt und legte sie in Schutt und Asche, die Stadt wurde aber schnell wieder aufgebaut.
Die Anlage der Stadt im 13. Jahrhundert Die ursprüngliche Stadt reichte bis an die heutigen Straßen Papenstraße und Apollonienmarkt. In der Altstadt, ausgehend vom Alten Markt als damaligem Stadtzentrum, wurden beeindruckende Bauten errichtet. Die Nikolaikirche wurde 1276 erstmals erwähnt, im langen inneren Gang des angrenzenden Rathauses befanden sich ursprünglich die Verkaufsstände vieler Händler. Das Gebiet südwestlich davon gehörte zunächst weiterhin dem Rügenfürsten, der dort vermutlich schon seit 1242 seine Niederlassung hatte und im Jahr 1251 ein Dominikanerkloster gründete. Da die ursprüngliche Altstadt bald an ihre räumlichen Grenzen stieß, siedelten sich die Bürger auch in der Neustadt an. Diese wurde 1256 erstmals urkundlich erwähnt. Im Jahre 1270 war erstmals vom Neuen Markt die Rede, mit dem 1298 die Marienkirche erwähnt wurde. Diese Pfarrkirche ersetzte die Peter-und-Paul-Kirche, von der nichts erhalten ist; vermutlich befand sie sich an der Ecke Frankenstraße und Badstüberstraße.
Beide Teile der Stadt wurden ab 1261 durch einen gemeinsamen Befestigungsring geschützt, der Ende des 13. Jahrhunderts fertiggestellt wurde. Als günstig erwies sich dabei die Lage der Stadt, die von allen Seiten durch Wasser (Strelasund, Stadtteiche) begrenzt war. Zehn Stadttore, nämlich sechs Wassertore und vier Landtore, bestehend aus Außen- und Innentor, befanden sich in der Stadtmauer. Ein fünftes landseitiges Tor wird vermutet. Dieses soll allein dem Landesherrn vorbehalten gewesen sein.
Da die räumliche Situation in der Altstadt aufgrund des prosperierenden Handels immer schwieriger wurde, begann in den 1260er Jahren die Erweiterung mit dem Zusammenwachsen von Alt- und Neustadt zum Ende des 13. Jahrhunderts. 1271 wurden große Teile der überwiegend aus Holz gebauten Stadt durch ein Feuer zerstört. Danach wurde die Stadt mit einem erheblich höheren Anteil an Backsteinbauten erneuert. 1283 gab es drei Ziegeleien in Stralsund.
Im Jahr 1269 gab Fürst Wizlaw II. urkundlich bekannt, dass er der neuen Stadt Schadegard („Graue Burg“) die Stadtrechte entziehen und sie „zum Gedeihen und Nutzen seiner geliebten Bürger zu Stralsund aufgeben“ werde („propter melius bonum et propter utilitatem futuram […] burgensium nostrorum videlicet dilectorum Stralesund“). Einige Historiker vermuten eine Identität der Neustadt mit Schadegard. Dem steht die urkundliche Erwähnung der Neustadt als solche um 1256 entgegen.
Obwohl sich die Stadt recht schnell entwickelte, waren in den ersten 50 Jahren noch viele Flächen innerhalb der Stadtgrenze unbebaut. Die Grundlage für die Versorgung der Stralsunder mit Lebensmitteln bildete die sogenannte Feldmark, deren Äcker, Weiden und Gärten Bürgern der Stadt und den Ackerbürgern gehörten. Die zahlreichen Gewerke waren zumeist in kleineren Betrieben angesiedelt. Getreide wurde z. B. zum Teil direkt in der Stadt verarbeitet, was der Name Mühlenstraße belegt.
Die große Bedeutung der Bierherstellung zeigte sich im Vorhandensein eines im ersten Stadtbuch erwähnten Hopfenmarktes. Der Charakter als Seestadt war prägend für weitere Handwerkszweige wie das Schiffbauerhandwerk. Die ersten Aufzeichnungen berichten zwar erst 1393 von acht Werften auf dem Gebiet der heutigen Frankenvorstadt, aus anderen Quellen kann geschlossen werden, dass schon vor der Stadtgründung Schiffe gebaut wurden. Aus Wismar wurde 1284 vom Kauf Stralsunder Schiffe berichtet. Aber auch alle Handwerke rund um Schiffbau und Handel hatten sich in Stralsund angesiedelt, so beispielsweise Böttcher, denn der Handel mit nahezu allen Produkten erfolgte damals in Tonnen und Fässern.
Handel und Gewerbe im 13. Jahrhundert Die Handwerker spielten in der Politik keine bedeutende Rolle; das Lübische Stadtrecht untersagte die Mitgliedschaft von Angehörigen der Handwerkerschaft im Rat der Stadt. Dies führte im Laufe der Jahre immer wieder zu Streit mit den Kaufleuten, die im Rat die Geschicke der Stadt bestimmten. Diese exportierten vor allem landwirtschaftliche Produkte, Brenn- und Bauholz, Fisch, Tran, Getreide, Hopfen, Rinder und Schweine sowie Bier. War anfangs noch der Handel hauptsächlich auf die einheimischen Produkte beschränkt, wurde die Palette alsbald insbesondere im Fernhandel erweitert. Die Stralsunder Kaufleute waren dadurch zu Zwischenhändlern geworden.
Da Stralsund auf dem Gebiet eines dänischen Lehens lag, war es nahezu selbstverständlich, dass die Stralsunder ihre ersten Handelsbeziehungen nach dort knüpften. Nachgewiesen sind diese erstmals im Jahr 1249. Für dieses Jahr belegte eine Urkunde, dass Schiffbrüchige aus den rügenschen Fürstentümern vom Strandrecht auszunehmen waren. Wichtig für die Kaufleute der Stadt der Aufbau und der Pflege von Handelsbeziehungen zu Kaufleuten aus Flandern (Brügge), Spanien, Italien, Frankreich und dem süddeutschen Raum. Handelsbeziehungen existierten ferner nach England und Schweden, Probleme bereiteten die Beziehungen nach Norwegen. Dafür lief das Geschäft mit Händlern aus dem baltischen Raum hervorragend. Nowgorod (Peterhof), Riga, Reval und Pskow waren Ziele von Fernreisen. Dass gerade der Handel im Osten bedeutende Gewinne erbrachte, zeigt noch heute das Rigafahrergestühl (auch Nowgorodfahrergestühl genannt) in der Nikolaikirche. Wichtigste Gilde der Kaufmannschaft war zu damaliger Zeit in Stralsund die der Gewandschneider.
Die erstarkende Wirtschaftskraft brachte den Vorteil mit, dass sich die Stralsunder von ihren Landesherren, den rügenschen und später den pommerschen Fürsten, weitreichende Privilegien erkaufen konnten, die beinahe an eine Autonomie heranführten. Allerdings blieb Stralsund der rechtliche Status einer Freien Stadt, wie ihn Lübeck oder Hamburg erreichten, immer verwehrt – dafür spielte Stralsund eine zu große strategische Rolle in den Plänen der jeweils Herrschenden.