mini|Thronender Zeus, nach Phidias (c. 430 BC), 2. Jh. v. Chr. Kultbilder oder Kultusbilder sind bildliche Darstellungen, die in religiösen Kulthandlungen eine besondere Verehrung genießen. Sie können eine Gottheit, ihr Symbol oder höhere Wesen darstellen, aber auch religiös bedeutsame Personen, Ereignisse oder Szenen.

Als Religionswissenschaftler unterscheidet Burkhard Gladigow das Kultbild und die Statuette einer Gottheit: Die Statuette ist ein Hilfsmittel bei bestimmten Ritualen, während das Kultbild Ziel der Verehrung ist. Im Bild, so nimmt man an, ist die Gottheit regelmäßig und verlässlich gegenwärtig. Das Konzept einer ständigen Präsenz der Gottheit im Bild zieht nach sich, dass man mit diesem Bild auf eine bestimmte Weise täglich umgehen muss. Wie ein Herrscher wird es zum Beispiel gewaschen und bekleidet, und typischerweise werden ihm Reaktionen eines lebenden Menschen (Sprechen, Weinen, Bluten usw.) zugeschrieben., hier Sp. 1562f.

Kultbilder im Alten Orient Ägypten Für die Weise, wie die Gottheit im Kultbild gegenwärtig vorgestellt wurde, ist in der Ägyptologie der Begriff „Einwohnung“ üblich. Kunst, Ritus und Sprache wirken so zusammen, dass die eigentlich im Himmel weilenden Gottheiten in ihre Statuen „herabsteigen.“Jan Assmann: Ägyptische Geheimnisse. Fink, München 2004, S. 123–125. (online) Die Textquellen, die man dafür nennt, stammen allerdings aus der Spätzeit, meistens aus Dendera. Ein Beispiel: Mit sḫm wird das „Verfügungs- und Machtbild“ der unsichtbaren Gottheit bezeichnet. Es gibt ihr eine Gestalt und ist während des Rituals dieser Gott.Jan Assmann: Ägyptische Geheimnisse. Fink, München 2004, S. 133.

Im Mittelpunkt des ägyptischen Tempelrituals stand ein meist kleines (geschätzt etwa 50 cm hohes) Kultbild (ʿẖm) aus Holz, Stein oder Metall, das in einem Schrein aufgestellt war. Die meisten Tempel hatten mehrere Kultbilder und Schreine. Durch das Mundöffnungsritual wurde aus einem von Handwerkern hergestellten Objekt ein Kultbild, durch das die Gottheit handeln konnte. Die Verehrung galt nicht dem Kultbild, sondern der Gottheit, die sich im Kultbild manifestierte.Stephen E. Thompson: Art. Cults. An Overview. In: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt. Oxford University Press, Online-Version von 2005.

Das tägliche Ritual verlief an allen Schreinen in ähnlicher Form und stammte ursprünglich aus dem Tempel des Re in Heliopolis, wo es die Geburt der Sonne am Morgen darstellte. Dann zog das Ritual Elemente des Osiris-Kults an sich (die Wiederbelebung des zerstückelten Körpers des Osiris); das Kultbild wurde im Ritual sowohl als Re als auch als Osiris angesprochen. Das Ritual ist (wenn auch nicht in allen Einzelheiten) durch Reliefs bekannt, auf denen der Pharao als Priester amtiert, sowie aus Papyri, deren Texte sich auf das Ritual beziehen.

Kurz vor Sonnenaufgang erschien der leitende Priester (ḥm-nṯr) vor dem verschlossenen Schrein, und, da nur der Pharao das Kultbild sehen durfte, erklärte er, vom Pharao delegiert zu sein. Bei Sonnenaufgang wurde der Schrein geöffnet, und der Priester warf sich nieder, während der Kultraum mit Wasser und Weihrauch rituell gereinigt wurde. Dem Kultbild wurde eine kleine Statue der Maat gezeigt. Nun wurde das Kultbild aus dem Schrein herausgenommen und die Kleider und Salben des Vortags entfernt. Während der Schrein rituell gereinigt wurde, wurde das Kultbild auf einen Hügel reinen Sandes gesetzt, geschminkt, gesalbt und mit farbigen Gewändern sowie verschiedene Attributen bekleidet. Während des Rituals (die Quellen differieren, wann genau) wurde der Gottheit eine Mahlzeit dargeboten; von dem großen Mahl, das am frühen Morgen von den Priestern im Tempelbereich vorbereitet worden war, brachte man nur eine kleine Menge vor dem Kultbild dar, und da die Gottheit die Gabe nicht verzehrte, sondern nur ihr Wesen empfing, konnte die gleiche Mahlzeit reihum an verschiedenen Schreinen sowie vor Bildern von Verstorbenen dargeboten werden. Anschließend wurde die ganze Mahlzeit unter der Priesterschaft verteilt. Mittags und abends wurde das gleiche Ritual in schlichterer Weise wiederholt. Der Tempel ist also nicht einfach der Wohnsitz von Gottheiten, sondern der Ort ihrer regelmäßigen Herabkünfte in die Kultbilder, dank des ständigen aufmerksamen Einsatzes der Priester.Jan Assmann: Ägyptische Geheimnisse. Fink, München 2004, S. 125.

Die Kultbilder ägyptischer Gottheiten reisten stets in Barken, sei es, dass sie in barkenförmigen Schreinen von Priestern getragen wurden oder in realen Schiffen auf dem Nil fuhren. Sie konnten in ihrem Barken-Schrein entlang einer Prozessionsstraße mit verschiedenen Stationen einen anderen Tempel besuchen. Nachdem die Forschung davon ausging, dass die Schreine auf den Barken verschlossen waren, plädierte Dirk van der Plaas dafür, dass die Türen geöffnet waren, so dass die Gläubigen, die zu diesem Anlass herbeiströmten, das Kultbild sahen.Dirk van der Plaas: Voir Dieu: Quelques observations au sujet de la fonction des sens dans le culte et la dévotion de l'Égypte ancienne. In: Bulletin de la Société Français d'Égyptologie 115 (1989), S. 4–35.

Kultbilder gab es nicht nur in den Tempeln, sondern, mit bescheidenerem Ritual, in lokalen Kapellen. In den Häusern der Handwerker von Deir el-Medina fanden sich zahlreiche Wandnischen, in denen Kultbilder aufgestellt waren, bevorzugt von Meretseger, Renenutet, Sobek, Amun, Taweret und Hathor, und zu denen oft ein Opfertisch oder ein Trog für die Libation gehörten. Die Abläufe dieser häuslichen Kulte sind nicht genauer bekannt.

siehe auch: Kult in der altägyptischen Religion

Mesopotamien Das assyrische Wort ṣalmu bezeichnet neben rundplastischen Bildern von Gottheiten und Menschen auch Stelen mit Reliefdarstellungen und Kultsymbole. Götterstatuen werden in den älteren Texten selten erwähnt, woraus geschlossen wurde, dass sie im Kult ursprünglich nicht oft vorkamen; hier zeigt sich aber wohl eher die Abneigung, das Wort ṣalmu mit dem Namen einer Gottheit zu kombinieren: das Kultbild ist die Gottheit und wird deshalb vorzugsweise direkt mit dem Namen des Gottes bezeichnet.Johannes Martin Renger: Kultbild A. Philologisch (In Mesopotamien). In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie Band 6. De Gruyter, Berlin u. a. 1984, S. 307–314, hier S. 307–309.

Je nach Material waren unterschiedliche Handwerker mit der Herstellung eines Kultbilds beschäftigt, die dabei ihre ganze Kunst anwandten. Nach Abschluss der Arbeiten wurden ihnen symbolisch mit einem hölzernen Schwert die Hände abgeschlagen. Es scheint einen ikonographischen Kanon und auch Zeichnungen als Vorlage gegeben zu haben. Die Größe der Kultbilder wird auf 20–50 cm geschätzt; bildliche Darstellungen zeigen, dass die Gottheiten meist auf einem Thron sitzend dargestellt waren. Kultbilder wurden mit Attributen, Statussymbolen und Gewändern prächtig geschmückt.Johannes Martin Renger: Kultbild A. Philologisch (In Mesopotamien). In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie Band 6. De Gruyter, Berlin u. a. 1984, S. 307–314, hier S. 310.

Die vom Handwerker fertiggestellte Figur konnte zunächst „weder Weihrauch riechen noch Brot essen oder Wasser trinken.“STT 200, 42ff, hier zitiert nach: Johannes Martin Renger: Kultbild A. Philologisch (In Mesopotamien). In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie, Band 6. De Gruyter, Berlin u. a. 1984, S. 307–314, hier S. 312. Mit Hilfe der Hemerologie wurde der geeignete Tag für die nötigen Rituale, die ihr diese Fähigkeiten verleihen sollten, ermittelt. Dann brachte man die Figur in einen Garten am Ufer von Euphrat oder Tigris. Am ersten Tag wurde ihr Mund mit Wasser gewaschen. Am Folgetag wurde die Mundöffnung der Figur mit Honig, Butter und Harzen von Zypresse und Zeder behandelt (sogenannte Mundöffnung) und das Kultbild in festlicher Prozession zu seinem Tempel gebracht, wo es in der Cella seinen Wohnsitz einnahm. Kultbilder wurden gerne bei Eroberungen von den Siegern aus ihren Tempeln verschleppt und mitgenommen; manchmal gelang es, sie zurückzuholen. Dies wurde religiös so bewältigt, dass man sich vorstellte, die Gottheit hätte erzürnt ihr Kultbild verlassen und sei wie ein Vogel in den Himmel geflogen; doch fertigte man für die geraubte Statue keine neue als Ersatz an.Johannes Martin Renger: Kultbild A. Philologisch (In Mesopotamien). In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie, Band 6. De Gruyter, Berlin u. a. 1984, S. 307–314, hier S. 313f.

Die meisten bei Ausgrabungen gefundenen rundplastischen Figuren sind nicht die eigentlichen Kultbilder, die im Zentrum der Tempelrituale standen, sondern teils Beterfiguren, teils untergeordnete Gottheiten, teils Kultbilder des privaten, familiären Kults.Ursula Calmeyer-Seidl: Kultbild B. Philologisch Archäologisch. In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie, Band 6. De Gruyter, Berlin u. a. 1984, S. 314–319, hier S. 314f.

Levante hochkant|mini|Fragment einer edomitischen Göttinnenstatue mit Hörnerkrone aus Ḥorvat Qiṭmit (Israel Museum) Für das Palästina der Eisenzeit empfiehlt sich die Unterscheidung von offiziellem Kult, Lokalkult (der Großfamilien) und privatem bzw. familiärem Kult. Nebeneinander gab es Kultbilder in Menschengestalt, Tiergestalt (z. B. als Stier), Kultsymbole (z. B. als Mondsichel) und anikonische Mazzeben und Betyle. Der offizielle Kult wurde durch die Eroberung von Samaria, Hauptstadt des Nordreichs Israel, und Jerusalem, Hauptstadt des Südreichs Juda, hart getroffen, während der lokale und private Kult relativ ungestört weiter praktiziert wurde. Eine Inschrift des Pithos A aus Kuntillet ʿAdschrud (spätes 9. / frühes 8. Jahrhundert) bezeugt in Samaria den Kult „JHWHs und seiner Aschera“; dies konnte archäologisch nicht verifiziert werden. Das Nimrud-Prisma Sargons II. erwähnt, dass sich bei der assyrischen Einnahme Samarias anthropomorphe Kultstatuetten im dortigen JHWH-Heiligtum befanden, die die Assyrer mitnahmen: „27280 Menschen zusammen mit [ihren] Str[eitwagen] und den Göttern, ihren Helfern, rechnete ich [als] Beute.“HTAT Nr. 151, S. 301. Archäologisch sind für das Nordreich wenige Metallstatuetten menschengestaltiger, schlagender oder thronender Gottheiten bekannt; häufig sind dagegen Terrakottafiguren weiblicher und männlicher Gottheiten. Nach verschiedenen biblischen Erwähnungen (, , , ) wurde in Samaria, Dan und Bet-El ein stiergestaltiges Kultbild JHWHs verehrt; die Stiere waren, wie Angelika Berlejung betont, nicht nur die Trägertiere der Gottheit. Der historische Wert bzw. die Fiktionalität dieser Angaben ist Gegenstand der Diskussion.Angelika Berlejung: Geschichte und Religionsgeschichte des antiken Israel. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments. Vandenhoeck & Ruprecht, 6., überarbeitete und erweiterte Auflage, Göttingen 2019, S. 59–192, hier S. 135 und 137.