mini|Der Limes Tripolitanus mit der Clausura

Wadi-Skiffa-Clausura, auch Skiffa-Clausura, ist die moderne Bezeichnung eines kleinen römischen Sperrwerks, das für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am rückwärtigen Limes Tripolitanus, einem tiefgestaffelten System von Kastellen und Militärposten,Michael Mackensen: Kastelle und Militärposten des späten 2. und 3. Jahrhunderts am „Limes Tripolitanus“. In: Der Limes 2 (2010), S. 20–24; hier: S. 22. in der römischen Provinz Africa proconsularis, später Tripolitania, zuständig war. Die in weiten Teilen geradlinige Befestigungsanlage gehörte zu dem großen militärischen Sperrgürtel, der das fruchtbare küstennahe Land der Provinz vor Angreifern aus der Wüstenregion verteidigen und gleichzeitig den Warenhandel für Rom kontrollieren sollte. Zudem wurden die Hirtennomaden aus den wüstennahen Gebieten daran gehindert, durch unerlaubte Grenzübertritte in die Konfrontation mit den bedeutenden landwirtschaftlichen Produktionsstätten im Osten des Landes, insbesondere der Djeffara-Ebene, zu geraten. Der teilweise noch im Gelände erkennbare Schuttwall des Sperrwerks sicherte eine Pass-Straße durch das Wadi Skiffa. Dieses befindet sich am Djebel Demmer zwischen den Höhenzügen des Berglandes von Dahar in Südtunesien, Gouvernement Tataouine.

Lage

Die Clausura befindet sich am oberen Ende eines Trockentals, das rund drei Kilometer nördlich und parallel zu einem kleineren Wadi am Djebel Demmer, einer Gebirgsgruppe auf den Höhenzügen des Dahar, liegt. Dort, in dem kleinen Wadi, sind heute die Reste der Wadi-Skiffa-Clausura (Süd) zu finden.Wadi-Skiffa-Clausura (Süd) bei Beide Täler verlaufen bergab nach Westen. Wie an vielen bereits in der Antike genutzten Pässen über den Dahar führt auch hier eine moderne Straße über den Pass. Diese Trasse folgt im weiteren Verlauf nicht der antiken Linie. Diese zog zu dem am Wadi bel Recheb gelegenen Kleinkastell Bir MahallaKleinkastell Bir Mahalla bei und weiter hinab bis zu dem am gleichen Wadi gelegenen Kleinkastell Tisavar,Kleinkastell Tisavar bei das am Östlichen Sandmeer, der ehemaligen Außengrenze des römischen Reiches, errichtet wurde. Neben dem Namen Skiffa ist das Trockental auch unter dem Namen Wadi Aukoil bekannt.Joëlle Napoli: Recherches sur les fortifications linéaires romaines (= Collection de École Française de Rome 229), École française de Rome, Rome 1997, ISBN 2-7283-0371-1, S. 450.

Forschungsgeschichte Der erste Hinweis auf die Clausura stammt aus dem Jahr 1894. Sie war dem französischen Artillerieleutnant Henri Lecoy de la Marche bei einer archäologischen Expedition aufgefallen, wobei er einem doppelten Fehler aufsaß. Von seinem einheimischen Führer in die Irre geführt, wähnte er sich im Wadi Bel Recheb, wobei der das hier von ihm entdeckte Sperrwerk für einen römischen Staudamm hielt.David Mattingly, Barri Jones: A New ‘Clausura’ in Western Tripolitania. Wadi Skiffa South. In: Libyan Studies, 17 (1986), S. 92. Die wichtigste frühe Auswertung der Befunde stammt aus dem Jahr 1896 und wurde von dem französischen Forschungsreisenden Paul Blanchet (1870–1900) vorgenommen. Blanchet, der den Fehler Lecoy de la Marches nicht wiederholte, war 1895 vor Ort gewesen. Er erkannte die Baureste bereits als Sperranlagen des afrikanischen Limes.Paul Blanchet: Mission archéologique dans le centre et le sud de la Tunisie (Avril-Août 1895). In: Nouvelles Archives des Missions Scientifiques et Littéraires. Choix de rapports et instruction., 9, Paris 1899, S. 103–156; hier: S. 140, 141, 155. Unabhängig von Blanchet fiel der geographische Fehler Lecoy de la Marches im Jahr 1901 auch dem französischen Hauptmann Hilaire bei seiner eigenen archäologischen Expedition auf.Hilaire Capt.: Note sur la voie stratégique romaine qui longeait la frontière militaire de la Tripolitaine. Essai d’identification des gîtes d’étapes de la portion de cette voie comprise entre ad Templum et Tabuinati. In: Bulletin archéologique du Comité des travaux historiques et scientifiques. 1901, S. 115–125; David J. Mattingly: Tripolitania. Batsford, London 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 187.

Zwischen 1901 und 1902 erforschte der französische Archäologe und Limespionier Paul Gauckler (1866–1911) im Auftrag der tunesischen Antikendirektion den Limes Tripolitanus. Unterstützt wurde er dabei durch die Dienststelle für innere Angelegenheiten und militärisches Personal,Paul Gauckler: Le Centenarius de Tibubuci (Ksar-Tarcine, Sud tunisien). In: Comptes-rendus des séances de l’Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. 1902, S. 321–340; hier S. 321. mit dem unter anderem die Vorplanungen zu den Wüstenexpeditionen erstellt wurden. Gauckler lieferte ein genaueres Bild des Torhauses als Blanchet und nahm dort weitere Vermessungen vor. Der französische Archäologe Pol Trousset besuchte die Anlagen um 1970 und beschrieb sie 1974.Pol Trousset: Recherches sur le limes Tripolitanus, du Chott el-Djerid à la frontière tuniso-libyenne. (Etudes d’Antiquites africaines). Éditions du Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2-222-01589-8. S. 97, 139–141. Im Rahmen des zwischen 1979 und 1989 durchgeführten UNESCO Libyan Valleys Archaeological Survey untersuchten 1982 weitere Archäologen, darunter der Brite David Mattingly, die Ruinen. Der Ausbau der unbefestigten Wüstenpiste zu einer modernen Straße zwischen 2016 und 2017 erfolgte ohne archäologische Begleitung. Dabei wurde in unmittelbarer Nähe des Torhauses, erstmals seit dem Beginn der Forschungen, römische Bausubstanz zerstört.

Baugeschichte Die in das dritte Jahrhundert n. Chr. datierenden Ostraca aus dem in Libyen gelegenen Grenzkastell Gholaia/Bu Njem bestätigen die Beteiligung einer regulären Garnison an routinemäßigen polizeilichen Aufgaben sowie der Überwachung von Zivilisten.Robert Marichal: Les ostraka de Bu Njem. In: Comptes rendus de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres (1979), S. 436–437. Mit den Clausurae von Zraia und Skiffa sollte der Limesabschnitt von Talalati gesichert werden.Hédi Ben Ouezdou, Pol Trousset: Aménagements hydrauliques dans le Sud-Est tunisien. In: Contrôle et distribution de l’eau dans le Maghreb antique et médiéval. (= Collection de l’École française de Rome 426) École française de Rome, Rom 2009, ISBN 978-2-7283-0797-5, S. 1–18; hier: S. 12 (Fußnote 28). Die militärischen Führung hatte den Limes Tripolitanus in mehrere Teilbereiche gegliedert, die von Abschnittskommandanten befehligt wurden. Am Sperrwerk von Skiffa kontrollierte eine kleine Einheit römischer Soldaten den Warenverkehr und sicherte das dicht besiedelte Gebiet der Provinz im Osten gegen unerlaubte Grenzübertritte ab. Im östlichen Talgrund des Dahar lag zur rückwärtigen Grenzsicherung das 263 n. Chr. errichtete Kastell Talalati. In der dort gefundenen Bauinschrift wird dieser Grenzabschnitt als Limes Tripolitanus bezeichnet.. Die am Djebel Demmer installierten Sperrwerke bildeten zudem mit dem nördlich gelegenen Kleinkastell Benia bel Recheb,Kleinkastell Benia bel Recheb bei das in einer Linie mit den Talsperren lag, eine Einheit.Pol Trousset: Recherches sur le limes Tripolitanus, du Chott el-Djerid à la frontière tuniso-libyenne. (Etudes d’Antiquites africaines). Éditions du Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2-222-01589-8. S. 96.

Der Bautyp der Clausura gleicht jenem, der auch an der weiter südlich gelegenen Skiffa-Clausura beobachtet wurde. Das zeigt sich unter anderem an der Konstruktion des aus Bruchsteinen errichteten Walls, der von größeren Blöcken begleitet wird, die wie „Randsteine“ wirken.David Mattingly, Barri Jones: A New ‘Clausura’ in Western Tripolitania. Wadi Skiffa South. In: Libyan Studies, 17 (1986), S. 87–96; S. 91. Der Schuttwall ist an den erhaltenen Stellen sowohl im Trockental als auch auf dem Berggrat, den er im Norden einnimmt, zwischen drei und vier Meter breit. Im Mittelteil ist die Clausura schon stark zerstört. Sie bestand hier entweder aus einem fast vollständig abgegangenen Damm oder aus einer heute ebenfalls stark verfallenen Mauer. Möglicherweise wurde hier auch eine kombinierte Bauweise verwandt und ein Damm mit einem aufgesetzten leichten Mauerzug errichtet. Dort, wo der Wall an das Hauptflussbett des Wadis stieß, hatten die römischen Ingenieure künstliche Gerinne verbaut, um ihn gegen Hochwässer zu sichern.David J. Mattingly: Tripolitania. Batsford, London 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 188.

Blanchet erwähnt in seinem Bericht eine im Durchmesser rund fünf Meter breite Zisterne, die ebenfalls noch aus römischer Zeit stammen soll.Paul Blanchet: Mission archéologique dans le centre et le sud de la Tunisie (Avril-Août 1895). In: Nouvelles Archives des Missions Scientifiques et Littéraires. Choix de rapports et instruction., 9, Paris 1899, S. 103–156; hier: S. 141. Sie lag, wie eine seiner Skizzen wiedergibt,Joëlle Napoli: Recherches sur les fortifications linéaires romaines (= Collection de École Française de Rome 229), École française de Rome, Rome 1997, ISBN 2-7283-0371-1, S. 454. am Fuß der südliche Hügelkette, die der Schuttwall der Clausura erklimmt.Zisterne bei

Der Wall beginnt am Südrand des Wadi im unteren Drittel einer Steilwand auf knapp 400 HöhenmeternWadi-Skiffa-Clausura – südlicher Endpunkt, bei und fällt in gerader Linie bis zum rund 490 Meter entfernten Torhaus und der angrenzend vorbeiführenden modernen Straße auf rund 370 Höhenmeter ab. Noch davor, unmittelbar südlich der Zisterne, bemerkte Blanchet eine kurze Abzweigung des Walls in Richtung Südwesten auf einen Geländesporn zu. Trousset konnte bei seinen Untersuchungen im nördlichen Abschnitt des Walls keine solche Abzweigung feststellen.Joëlle Napoli: Recherches sur les fortifications linéaires romaines (= Collection de École Française de Rome 229), École française de Rome, Rome 1997, ISBN 2-7283-0371-1, S. 450. Das Sperrwerk zieht nach dem Torhaus in nördlicher Richtung rund 835 Meter linear durch das Hauptflussbett zum Fuß eines signifikanten Hügels auf 385 HöhenmeterWadi-Skiffa-Clausura – Hügelspitze, bei und steigt dann leicht nach Nordosten abknickend auf 390 Höhenmeter an. Der spitz auslaufende Hügelrücken bildet nun deutlich nach Nordosten geneigt einen leicht abfallenden kurzen Grat, dem das Sperrwerk bis zu dessen Ende folgt. Dann steigt der Schuttwall den nächsten Berghang bis auf knapp 400 Höhenmeter hinauf und bricht dann ab.Wadi-Skiffa-Clausura – nordöstliches Ende, bei

Libysche Gräber, fragliche Wachtürme