mini|hochkant=1.2|Beyond the Wall of Sleep, Illustration in der Zeitschrift Weird Tales, 1938
Jenseits der Mauer des Schlafes (englischer Originaltitel Beyond the Wall of Sleep) ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers H. P. Lovecraft aus dem Jahr 1919.
Es handelt sich um eine der ersten veröffentlichten Kurzgeschichten des später für seine Horrorgeschichten bekannten Lovecraft, zugleich wird sie als seine früheste Science-Fiction-Geschichte betrachtet. Sie handelt von einem augenscheinlich verrückten Mann aus den Catskill Mountains, der nach einem Mord in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wird. Der Erzähler, ein Assistenzarzt der Anstalt, versucht, der Ursache der Verrücktheit auf den Grund zu kommen. Während der Mann schläft, tritt der Arzt deshalb mit einem kosmischen Wesen in Kontakt, das im Körper des Patienten gefangen ist und auf Rache an dem Dämonenstern Algol sinnt.
Inhalt mini|Audiodatei Beyond the Wall of Sleep (englisch)
Jenseits der Mauer des Schlafes handelt von einem Mann namens Slater (bzw. Slaader) aus den Catskill Mountains, der nach einem Anfall und einem brutalen Mord an einem anderen Menschen im Jahr 1900 in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wird. Slater wird als verrückt und gefährlich dargestellt. Er wird zeitweilig von einer unmenschlichen Kraft besessen, plaudert über jenseitige Ebenen und einen Gegner aus den Sternen, an dem er sich zu rächen sucht. Während einer dieser Episoden, bei denen das fremde Wesen die Kontrolle über ihn übernimmt, tötet Slater einen Nachbarn und wird nach der Verhaftung in die Klinik eingeliefert. Bei der Einlieferung wirkt er ruhig, dümmlich und teilnahmslos; wenige Tage später bekommt er einen Tobsuchtsanfall und muss beruhigt werden. Während seiner Raserei „plapperte er in seinem Hinterwäldlerdialekt von großen Gebäuden aus Licht, Ozeanen voller Sterne, seltsamer Musik und schattigen Bergen und Tälern.“ Zusätzlich beschrieb er ein „geheimnisvoll strahlendes Wesen […], das zitterte und lachte und ihn verhöhnte.“ Er wolle „durch Abgründe der Leere emporschweben und jedes Hindernis niederbrennen, das sich ihm in den Weg stellte“, um das Wesen zu töten.
Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive eines Assistenzarztes der Klinik geschrieben, der hinter der offenkundigen Verrücktheit Slaters und dessen Träumen und Phantasien ein tiefer verborgenes Geheimnis vermutet. Der junge Mediziner vertritt die Ansicht, dass Traumgebilde auf messbaren Schwingungen beruhen, und hat deshalb schon vor Längerem Apparate konstruiert, um diese zu messen, seine Versuche jedoch letztlich aufgegeben. Aufgrund des aktuellen Falles reaktiviert er eines seiner „kosmischen Radios“, um sich Zugang zu Slaters Geist zu verschaffen. Nach mehreren Versuchen gelingt es ihm, telepathisch mit dem Wesen in Slater zu kommunizieren. So erfährt er, dass Slater von einem überirdischen und zeitlosen Wesen übernommen wurde und dieses in ihm gefangen war. Während der Kommunikation stirbt Slater, und das Wesen in ihm kann aus dem Körper ausbrechen:
mini|Überreste der Nova GK Persei von 1901, erstellt 2015 aus der Überlagerung von Aufnahmen im Röntgenbereich (blau), im sichtbaren Bereich (gelb) und im Radiowellen-Bereich (rosa). Die Aufnahmen stammen von den Weltraumteleskopen Chandra und Hubble und vom Very Large Array.
Das Wesen teilt ihm mit, dass es auf Rache an dem Stern Algol sinnt und diese erst nach dem Tod Slaters vollführen kann:
Die Geschichte endet offen mit einem Zitat aus dem Werk von Garrett P. Serviss, dass Astronomen das Entstehen eines neuen Sterns, der Nova Persei am 22. Februar 1901, in der Nähe von Algol beobachtet haben:
Entstehung und Veröffentlichungen Nach Angaben von Sunand T. Joshi und David E. Schultz wurde die Geschichte vor allem durch einen Artikel der New York Tribune vom 27. April 1919 mit dem Titel How Our State Police Have Spurred Their Way to Fame inspiriert, in dem eine Familie als „Die Slaters“ bezeichnet und als Beispiel für das dekadente Elend der Bergbewohner beschrieben wurde. Lovecraft kombinierte die Geschichte mit Eindrücken, die er aus dem astronomischen Werk Astronomy with the Naked Eye von Garrett P. Serviss gewonnen hatte, das zu seiner Bibliothek gehörte und das Datum erklärt. Serviss beschrieb darin unter anderen die Nova Persei von 1901, die auch am Ende der Geschichte erwähnt wird. Die Nova war ein wichtiges astronomisches Ereignis, da vergleichbare Erscheinungen wie die Supernovae von 1054 und 1572 sehr lange zurücklagen, und erschien kurz vor dem Beginn von Lovecrafts Interesse für das Fach.So Sunand T. Joshi: H. P. Lovecraft - Leben und Werk. Band 1. Deutsch von Andreas Fliedner, Golkonda-Verlag, München 2017, S. 332.
mini|hochkant|H. P. Lovecraft, Fotografie aus dem Jahre 1915|alt=Kopfporträt von H.P. Lovecraft in schwarz-weiß; er blickt direkt in die Kamera und trägt eine gerundete Brille, das dunkle Haar ist seitlich gescheitelt. Bekleidet ist er mit einem dunklen Anzug, einem weißen Hemd und einer dunklen Fliege. mini|hochkant|Titelblatt der Weird Tales vom März 1938, in der Beyond the Wall of Sleep erschien.
Die Kurzgeschichte Beyond the Wall of Sleep erschien zum ersten Mal als Beitrag in der von John Clinton Pryor herausgegebenen Amateur-Zeitschrift Pine Cones, Ausgabe 6, im Oktober 1919. Im Oktober 1934 wurde sie in Fantasy Fan veröffentlicht und im März 1938 erschien sie erneut in Weird Tales. In der Fassung im Fantasy Fan von 1934 wurde ein Einschub „Freud to the contrary with his puerile symbolism“ („Freuds kindischem Symbolismus zum Trotz“) ergänzt, der sich auf die sexuelle Deutung vieler Träume durch Sigmund Freud bezieht. Dieser wurde auch in der Weird Tales und in späteren Ausgaben übernommen, obwohl er im Original nicht vorhanden war.
In den meisten Versionen wird das Werk durch eine Zeile aus Ein Sommernachtstraum von William Shakespeare eingeleitet:
In Weird Tales wurde sie eingeleitet mit dem Anreißer:
1943 wurde die Geschichte in dem Sammelband Beyond the Wall of Sleep des Verlages Arkham House aufgenommen, danach erschien sie mehrfach in weiteren Sammelbänden mit Lovecraft-Texten. 2014 wurde die Geschichte in die Sammlung The New Annotated H.P. Lovecraft von Leslie S. Klinger aufgenommen, 2017 erschien sie auch in der ins Deutsche übersetzten Version H.P. Lovecraft – Das Werk in einer neuen Übersetzung von Andreas Fliedner und Alexander Pechmann.
Interpretation und Rezeption Interpretation Joshi und Schultz stellen heraus, dass es keine inhaltlichen Überschneidungen mit Beyond the Wall von Ambrose Bierce gibt, da es sich bei letzterer um eine konventionelle Geistergeschichte handelt. Ein Einfluss könnte durch die Geschichte Before Adam von Jack London bestanden haben, es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass Lovecraft diese gelesen hatte. In Londons Geschichte geht es um einen Mann, der Träume von einem Vorfahren aus früheren Zeiten hat, und der sich äußert mit dem Satz „Nor … did any of my human kind ever break through the wall of my sleep“. Laut Joshi und Schultz gibt es weitere Parallelen in den Geschichten. Sie sehen Lovecrafts Geschichte als spiegelbildlich zu Before Adam an.
Für S. T. Joshi präsentiert die Kurzgeschichte einige „wirkungsvolle Ideen“, leidet hingegen an der stellenweise unübersichtlichen Handlungsführung, dem preziösen Stil und dem selbstgefälligen Standesbewusstsein des Autors.Sunand T. Joshi: H. P. Lovecraft - Leben und Werk. Band 1. Deutsch von Andreas Fliedner, Golkonda-Verlag, München 2017, S. 332. Er weist darauf hin, dass Lovecraft die Berglandschaft nicht aus eigener Anschauung kannte und vermutlich durch den Amateurdichter Jonathan E. Hoag auf sie aufmerksam gemacht wurde, der im Bundesstaat New York lebte und den er seit etwa 1916 kannte. Joshi vermutet, dass Lovecraft die ihm unbekannte Region als Schauplatz wählte, um sein gesellschaftliches Überlegenheitsgefühl den degenerierten „Hinterwäldlern“ gegenüber zum Ausdruck bringen zu können. Seltsam ist für ihn auch, dass Lovecraft eine Erklärung für unnötig hielt, warum die Wesenheit ausgerechnet den Körper Slaters wählte. Andererseits schätze er das Werk dafür, dass es Motive späterer Arbeiten vorwegnahm. Anders als Dagon enthalte es „kosmische“ Elemente, indem das Universum den Hintergrund einer Geschichte bilde, die sich zunächst um ein schlichtes Verbrechen drehe. Das Motiv des Traums verbinde sie mit anderen frühen Werken wie Polaris und The Tomb.Sunand T. Joshi: H. P. Lovecraft - Leben und Werk. Band 1. Deutsch von Andreas Fliedner, Golkonda-Verlag, München 2017, S. 333.
mini|hochkant|Garrett Putnam Serviss, November 1925; Lovecraft nutzte sein Werk Astronomy with the Naked Eye als Inspiration und zitiert ihn am Ende seiner Geschichte.
Laut Leslie S. Klinger handelt es sich bei der Geschichte um „reine Science-Fiction, geschrieben bevor dieses Genre existierte.“ Den Mittelpunkt bildet die technische Erklärung der Übertragung von Gehirnwellen und die Schilderung eines Ereignisses, das anhand astronomischer Daten nachprüfbar ist. Nach seiner Ansicht „versucht Lovecraft hier zum ersten Mal die Idee der Gedankenübertragung auszuloten, der er später in Der Flüsterer im Dunkeln und Der Schatten aus der Zeit tiefgründiger nachgehen wird.“ Demnach verfolgt er „eine Idee, die die Tür zu Reisen durch Raum und Zeit auf eine Art öffnete, die man sich vorher nicht vorstellen konnte.“
Zudem enthüllt diese Erzählung auch nach Klingers Ansicht „nicht zuletzt Lovecrafts tiefverwurzelte Abneigung gegen Menschen, die keinen makellosen neuenglischen Stammbaum besaßen.“ Dabei bezieht er sich auf die Beschreibung des Joe Slater aus den Catskill Mountains, der in der Geschichte als typischer Bewohner dieses Landstrichs geschrieben wird:
Generell galten zur Zeit der Entstehung der Geschichte Menschen aus den Catskill Mountains für die Bewohner der Städte als rückständig und ungebildet. Klinger führt für dieses Vorurteil zum einen Artikel aus den Catskill Mountain News auf, der den Fall einer Familie beschreibt, die für das Töten eines Fuchses in ihrem Hühnerstall zu einer Geldstrafe verurteilt wurden, und einen weiteren über die New York State Troopers, in dem die Bewohner der Region ähnlich beschrieben wurden wie von Lovecraft: „Die Catskills und ihre Ausläufer, deren Täler ein Volk beherbergen, das so gesetzlos und verkommen ist wie das der Hochländer im Süden und der Adirondacks, deren Bewohner seit Jahren eine herzliche Abneigung gegen alle von Menschen erlassenen Gesetze hegen.“ In einem Ort namens Polly Hollow, in dem „viele Familien Slater (sprich Slaater) heißen“, könne nach diesem Artikel „keiner der Einwohner lesen oder schreiben“ und sie werden als „verkommen“ beschrieben. Klinger schreibt weiter, dass es diese White-Trash-Bevölkerung nie gegeben habe. Nach seinen Angaben konnten nach einer Volkszählung von 1910 nur 1,6 % der einheimischen weißen Landbevölkerung nicht lesen und der Anteil der Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren, die eine Schule besuchten, lag mit 41,3 % auf dem Land sogar höher als der Anteil von 34 % in der Stadt.
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