Saterfriesisch oder Saterländisch (Eigenbezeichnung ) ist die Sprache der Saterfriesen und die letzte verbliebene Varietät der ostfriesischen Sprache. Die saterfriesische Sprache oder das Saterländische wird in der Gemeinde Saterland im Landkreis Cloppenburg nach unterschiedlichen Schätzungen von 1500 bis 2500Diese Zahlen nennt Fort in seinem Handbuchartikel Das Saterfriesische (In: Horst H. Munske et al. (Hrsg.): Handbuch des Friesischen. Tübingen 2001, S. 410): „Gegenwärtige Schätzungen schwanken zwischen 1500 und 2500.“ Dieter Stellmacher kam 1995 nach einer groß angelegten Fragebogenaktion auf einer Zahl von 2225 Sprechern (Dieter Stellmacher: Das Saterland und das Saterländische. Oldenburg 1998). Ethnologue nennt eine Sprecherzahl von 5000, die lediglich auf einer großzügigen Schätzung in Bezug auf die Einwohnerzahl der Region beruht (es handelte sich hierbei ursprünglich nicht um eine Angabe zur Sprecherzahl, sondern zur geschätzten Zahl von Personen, die sich dieser Volksgruppe zurechnen). Menschen gesprochen. Damit handelt es sich um eine der kleinsten Sprachinseln Europas. Während vor einigen hundert Jahren in Ostfriesland und den anderen friesischen Gebieten östlich der Lauwers die ursprüngliche ostfriesische Sprache durch niedersächsische Dialekte verdrängt wurde (besonders ostfriesisches Platt und Gronings zeigen noch ihr friesisches Erbe), überlebte das Saterfriesische als friesische Sprache im Saterland.
Klassifikation Das Saterfriesische ist in diachroner Betrachtung ein emsfriesischer Dialekt des Ostfriesischen. Die emsfriesischen Dialekte wurden im westlichen Teil der ostfriesischen Halbinsel sowie in den Groninger Ommelanden bis zur Lauwers gesprochen. Ihnen gegenüber standen die weserfriesischen Dialekte des Ostfriesischen, die vom östlichen Teil der Ostfriesischen Halbinsel bis jenseits der Weser gesprochen wurden.
Synchron betrachtet ist das Saterfriesische eine eigene Sprache, die mit der westfriesischen Sprache und dem ebenfalls vom Aussterben bedrohten Nordfriesischen die friesische Sprachgruppe bildet. Die drei friesischen Sprachen stammen gemeinsam vom Altfriesischen ab, haben sich aber seit Jahrhunderten auseinanderentwickelt. Von den noch lebenden friesischen Dialekten steht das Helgoländer Friesisch dem Saterfriesischen am nächsten.Marron C. Fort: Das Saterfriesische. In: Horst H. Munske u. a. (Hrsg.): Handbuch des Friesischen. Tübingen 2001, S. 418. Nächste verwandte Sprache der friesischen Varietäten ist das Englische.
Früher wurden Friesisch und Englisch häufig in einer anglo-friesischen Sprachgruppe zusammengefasst. Heute werden Englisch und Friesisch meist gemeinsam mit der niederdeutschen Sprache (und manchmal auch der niederländischen Sprache) als Sprachen nordseegermanischer (oder ingwäonischer) Herkunft eingeordnet. Das genetisch eng mit den friesischen Sprachen verwandte Niederdeutsch hat aber bereits seit altsächsischer Zeit eine andere Entwicklung genommen und viele nordseegermanische Merkmale eingebüßt.vgl. Hans Frede Nielsen: . In: Horst H. Munske (Hrsg.): Handbuch des Friesischen. Niemeyer, Tübingen 2001. Das Saterfriesische steht allerdings seit langer Zeit in einem engen Sprachkontakt mit den niederdeutschen Dialekten der Umgebung.
Geschichte Siedler aus Ostfriesland, die um 1100 ihre angestammten Wohnsitze wahrscheinlich unter dem Druck von Naturkatastrophen verlassen hatten,Hanne Klöver: Spurensuche im Saterland. Ein Lesebuch zur Geschichte einer Gemeinde friesischen Ursprungs im Oldenburger Land. Norden 1998, S. 30. etablierten die Ursprünge des Saterfriesischen im Saterland. Da bereits zu dieser Zeit einige sächsische Bewohner im Saterland lebten, begann bereits zu dieser Zeit der enge Sprachkontakt mit dem Niederdeutschen.
In den friesischen Gebieten auf der ostfriesischen Halbinsel begann bereits im frühen 16. Jahrhundert der Rückgang der ostfriesischen Sprache zugunsten des Niederdeutschen. Der ostfriesische Dialekt des Saterlandes konnte sich vor allem aufgrund der geographischen Besonderheiten des Landes erhalten: Die Saterfriesen standen jahrhundertelang durch die sie umgebenden Moore nur in geringem Kontakt mit ihren Nachbarn. Die auf einem Sandrücken erbauten Dörfer bildeten praktisch eine Insel. Bis ins 19. Jahrhundert waren die Bewohner fast ausschließlich per Boot über das Flüsschen Sagter Ems () zu erreichen, in seltenen Fällen bei extremen Witterungsverhältnissen auch über die ausgetrockneten oder zugefrorenen Moore.
Politisch gehörte das Land nicht zur im 15. Jahrhundert entstandenen Grafschaft Ostfriesland, sondern war im Laufe der Zeit verschiedenen Herrschaften unterworfen und kam zuletzt zum Land Oldenburg. Die politische und später vor allem konfessionelle Grenze nach Ostfriesland einerseits – die Saterländer waren nach der Reformation rekatholisiert worden – sowie die Stammes- und Sprachgrenze in Richtung Oldenburg sorgten für eine zusätzliche Abschottung.
Das 19. Jahrhundert – mit der Erschließung des Saterlandes durch Straßenbau, Eisenbahn und die Moorkolonisierung – kennzeichnet den Anfang des Niedergangs der saterfriesischen Sprache, allerdings wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg die bis dahin noch recht geschlossene saterfriesische Sprachgesellschaft aufgebrochen, und das Hochdeutsche hielt verbreitet Einzug. Das bereits vor hundert Jahren vorhergesagte Aussterben ist allerdings bislang ausgeblieben. Die absolute Zahl der Sprecher ist bis zum Ende des 20. Jahrhunderts relativ konstant geblieben,Zahlen laut Sprachstatistiken in Marron Curtis Fort: Saterfriesisches Wörterbuch. Hamburg 1980, S. 46 und Dieter Stellmacher: Das Saterland und das Saterländische. Oldenburg 1998. die Sprecher des Saterfriesischen sind in der Gemeinde heute jedoch deutlich in der Minderheit.
Geografische Verteilung Das Saterfriesische ist in der heutigen Gemeinde Saterland noch in allen vier Ortschaften verbreitet. Stellmacher gibt auf Basis seiner Umfrage von 1995 an, dass 39,7 Prozent der Einwohner der Ortschaft Ramsloh (saterfriesisch ) Saterfriesisch sprechen, in Scharrel () sind es 28,9 Prozent, in Strücklingen () 26,2 Prozent. Im erst im 19. Jahrhundert besiedelten Sedelsberg () sind es nur 9,6 Prozent.Dieter Stellmacher: Das Saterland und das Saterländische. Oldenburg 1998, S. 28. Auf historischem Saterländer Grund liegen auch die nicht friesischsprachigen Ortschaften Idafehn (Gemeinde Ostrhauderfehn), Elisabethfehn (Gemeinde Barßel) und Neuscharrel (Stadt Friesoythe). Die Fehnsiedlungen sind von Anfang an hauptsächlich von Oldenburg und Ostfriesland aus besiedelt worden und damit nicht oder kaum friesischsprachig. Neuscharrel entstand im 19. Jahrhundert von Scharrel aus, wie in der Kolonie Sedelsberg hatte das Friesische aber einen schweren Stand. Ende des 19. Jahrhunderts zählte Paul Kollmann in Neuscharrel noch 59 friesischsprachige Einwohner (12,7 Prozent).Paul Kollmann: Der Umfang des friesischen Sprachgebiets im Großherzogtum Oldenburg. In: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1 (1891), S. 400 ff.
Offizieller Status mini|350px|Zweisprachiges Ortsschild der Ortschaft Scharrel (Skäddel) Seit 1999 in Deutschland die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen in Kraft getreten ist, genießt das Saterfriesische als anerkannte Minderheitensprache besonderen Schutz und Recht auf Förderung. Im Saterland ist die Sprache auch zum Amtsgebrauch zugelassen. Die Ortsschilder der vier Saterländer Ortschaften sind zweisprachig ausgezeichnet. Rund 300 Kinder lernen die Sprache freiwillig in der Schule und in Kindergärten (Siehe auch: Friesischunterricht in Deutschland). Seit 2004 hat das Saterfriesische einen eigenen Sendeplatz auf dem lokalen Sender Ems-Vechte-Welle.
Für diese Sprache existiert kein eigenes ISO-639-2-Kürzel, es kann gem verwendet werden, was für „sonstige germanische Sprachen/Dialekte“ gilt. Das ISO/DIS-639-3-Kürzel ist stq.
Dialekte Das Saterfriesische kann in die drei Ortsdialekte von Scharrel, Ramsloh und Strücklingen-Utende unterteilt werden. Die Unterschiede sind allerdings gering.vgl. Marron C. Fort: Das Saterfriesische. In: Horst H. Munske u. a. (Hrsg.): Handbuch des Friesischen. Tübingen 2001, S. 419.
Phonetik und Phonologie Das Saterfriesische gilt in seiner Lautung als sehr konservativ, wie auch das gesamte Ostfriesische konservativ in Bezug auf das Altfriesische war.Arjen Versloot: Grundzüge Ostfriesischer Sprachgeschichte. In: Horst H. Munske et al. (Hrsg.): Handbuch des Friesischen. Tübingen 2001. Die folgenden Angaben basieren auf den Untersuchungen von Marron Fort.Siehe: Marron C. Fort: Das Saterfriesische. In: Horst H. Munske et al. (Hrsg.): Handbuch des Friesischen. Tübingen 2001, S. 411/412. Und: Marron C. Fort: Saterfriesisches Wörterbuch, Hamburg 1980, S. 64/65.
Vokale Während das Hochdeutsche nur 16 lange und kurze Vokale und drei Diphthonge kennt, zeigt das Saterfriesische 21 lange und kurze Vokale (Monophthonge) und 16 Diphthonge.Marron C. Fort: Dät Näie Tästamänt un do Psoolme in ju aasterlauwersfräiske Uurtoal fon dät Seelterlound, Fräislound, Butjoarlound, Aastfräislound un do Groninger Umelounde. Carl-von-Ossietzky-Universität, Oldenburg 2000, ISBN 3-8142-0692-4, S. XII.
Monophthonge Der Konsonant /r/ wird im Silbenauslaut häufig vokalisch als realisiert.
Kurzvokale: Phonem Laut Beispiel Bemerkung /a/ Fat (Fett) /ä/ Sät (Weile) /e/ ze (sie) Schwa /i/ Lid (Glied) /o/ Dot (kleines Kind) /ö/ bölkje (rufen) /u/ Buk (Buch) /ü/ Jüpte (Tiefe)
Halblange Vokale: Phonem Laut Beispiel Bemerkung /ie/ [] Piene (Schmerz) /uu/ [] kuut (kurz)
Langvokale: Phonem Laut Beispiel Bemerkung /aa/ [] Paad (Pfad) /ää/ [] tään (dünn) /ee/ [] Dee (Teig) /íe/ [] Wíek (Woche) /oa/ [] doalje (beruhigen) /oo/ [] Roop (Seil) /öä/ [] Göäte (Rinne) /üü/ [] Düwel (Teufel) /úu/ [] Múus (Maus)
Diphthonge Phonem Laut Beispiel Bemerkung /ai/ [] Bail (Bügel) /au/ [] Dau (Tau) /ääu/ [] sääuwen (selbst) /äi/ [] wäit (nass) /äu/ [] häuw (hieb) /eeu/ [] skeeuw (schief) /ieu/ [] Grieuw (Vorteil) /íeu/ [] íeuwen (eben) /iu/ [] Kiuwe (Kinn) /oai/ [] toai (zäh) /oi/ [] floitje (flöten) /ooi/ [] swooije (schwingen) /ou/ [] Bloud (Blut) /öi/ [] Böije (Windbö) /uui/ [] truuije (drohen) /üüi/ [] Sküüi (Bratensaft)
Konsonanten Plosive: Stimmhafte Plosive werden heute im Auslaut in der Regel verhärtet. Insbesondere bei älteren Sprechern finden sich aber noch unverhärtete Auslaute.
Phonem Laut Beispiel Bemerkung /p/ Pik (Pech) /t/ Toom (Zaum) /k/ koold (kalt) /b/ Babe (Vater) Im Auslaut gelegentlich stimmhaft /d/ Dai (Tag) Bei älteren Sprechern gelegentlich stimmhaft im Auslaut /g/ Gäize (Gans) Insbesondere bei jüngeren Sprechern verbreitete Realisationsvariante anstelle von .
Frikative: Phonem Laut Beispiel Bemerkung /g/ [, ] Gäize (Gans), Ploug (Pflug) Stimmhafter velarer Frikativ, im Auslaut und vor stimmlosen Konsonanten stimmlos realisiert. Bei jüngeren Sprechern gibt es statt eine Tendenz zum Plosiv wie im Deutschen, diese Entwicklung spiegelt sich aber in der Regel noch nicht in den wissenschaftlichen Untersuchungen wider. /f/ [, ] Fjúur (Feuer) Durch angehängte Endung zwischenvokalisch stimmhaft realisiert: ljoof – ljowe (lieb – liebe) /w/ Woater (Wasser) Normalerweise ein stimmhafter labiodentaler Frikativ wie im Deutschen, nach u allerdings als bilabialer Halbvokal realisiert (s. u.). /v/ [, ] iek skräive (ich schreie) Vor stimmlosen Konsonanten stimmlos realisiert: du skräifst (du schreist) /s/ [, ] säike (suchen), zuuzje (sausen) Stimmhaftes im Anlaut ist ungewöhnlich für friesische Dialekte und auch im Saterfriesischen selten. Es ist kein Minimalpaar s – z bekannt, /z/ ist daher wohl kein Phonem. Bei jüngeren Sprechern findet sich bei einem /s/ + einen weiteren Konsonanten auch immer häufiger als Realisation, also z. B. bei „fräisk“ (friesisch) nicht [] sondern []. Diese Entwicklung spiegelt sich aber in der Regel noch nicht in den wissenschaftlichen Untersuchungen wider. /ch/ truch (durch) Nur im In- und Auslaut. /h/ hoopje (hoffen) Nur im Anlaut.