Die Ostsee, international Baltisches Meer (lateinisch Mare Balticum), ist ein fast vollständig von Land umschlossenes Binnenmeer im Norden Europas. Sie grenzt an neun Staaten und steht über die dänischen Meerengen mit der Nordsee in Verbindung. Die Ostsee liegt komplett auf dem Kontinentalschelf und ist somit ein Epikontinentalmeer, was ihre relativ geringe mittlere Tiefe von etwa 55 Metern begründet. Die tiefste Stelle liegt mit 459 m im Landsorttief südlich von Stockholm. Mit einer Fläche von rund 390.000 km² und einem Volumen von etwa 21.000 km³ zählt sie zu den größten Brackwassermeeren der Erde.BSH-Jahresbericht 2023 (PDF) BSH-Website, abgerufen am 28. Oktober 2025.

Geprägt ist die Ostsee durch ihren geringen Salzgehalt, den eingeschränkten Wasseraustausch und die starke Schichtung des Wasserkörpers. Diese Faktoren machen sie ökologisch besonders empfindlich, aber auch zu einem bedeutenden Forschungsgebiet für Klima-, Umwelt- und Meereswissenschaften.HELCOM - Helsinki Commission, Baltic Marine Environment Protection Commission (2024): Annual Report 2024 - An overview of HELCOM’s activities in 2024. In: Baltic Sea Environment Proceedings, Heft 201. PDF. Als wirtschaftlich und politisch wichtiger Raum ist sie zugleich Verkehrsweg, Energie- und Fischereiregion sowie Schauplatz internationaler Kooperation – und zunehmend geopolitischer Spannungen, sichtbar z. B. im Falle des Anschlags auf die Nord-Stream-Pipelines oder die Drohnen-Zwischenfälle auf dänischen und schwedischen Flughäfen.

Namensgebung und Etymologie Der Name „Ostsee“ ist in den germanischen Sprachen verbreitet – Østersøen (dänisch), Östersjön (schwedisch), Oostzee (niederländisch) – und spiegelt die östliche Lage aus Sicht der nordwesteuropäischen Länder wider. In vielen anderen Sprachen heißt das Meer dagegen „Baltische See“ oder „Baltisches Meer“, in Anlehnung an die lateinische Bezeichnung Mare Balticum, die erstmals im 11. Jahrhundert von Adam von Bremen in seiner Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum erwähnt wurde.

Der Ursprung des Wortes „Baltic-“ ist nicht eindeutig geklärt. Möglicherweise leitet es sich vom altnordischen Belt (für die dänischen Meerengen) oder vom litauischen Wort baltas („weiß“) ab, das in der Hydronymie häufig für helle oder klare Gewässer steht. In antiken Quellen wurde das Meer auch als Mare Suebicum (nach den Sueben) oder Aestenmeer (nach dem Volk der Ästier) bezeichnet.

Geologie und Entstehung Das Becken der Ostsee ist ein tektonisch altes Senkungsgebiet, das Teil des Baltischen Schilds ist – einer der ältesten geologischen Strukturen Europas. Das Grundgebirge besteht aus kristallinen Gneisen und Graniten, die im Präkambrium entstanden und damit bis zu 1,8 Milliarden Jahre alt sind.Boris Winterhalter, Tom Flodén, Heikki Ignatius, Stefan Axberg, Lauri Niemistö (1981): Geology of the Baltic Sea. In: Aarno Voipio (Hrsg.): The Baltic Sea. Elsevier Oceanography Series, Elsevier, Band 30 (1981), S. 1–121. ISBN 978-0-444-41884-5. doi:10.1016/S0422-9894(08)70138-7. Darüber lagern Sedimentgesteine jüngeren Alters, die in den Senken und Becken abgelagert wurden. Besonders im südlichen Teil der Ostsee finden sich Sandsteine, Tone und Kalksteine aus dem Mesozoikum und dem Paläozoikum, die von den Eiszeiten überprägt wurden.

Entstehungsgeschichte

Die heutige Gestalt der Ostsee ist nicht das Ergebnis tektonischer Prozesse, sondern das Produkt der Weichsel-Kaltzeit, der letzten Eiszeit, die bis etwa 11.700 Jahre vor heute andauerte. Die mächtigen Gletscher modellierten das Relief, schürften Rinnen und Becken aus und hinterließen nach ihrem Rückzug ein stark gegliedertes Unterwasserrelief mit Rinnen, Becken und Schwellen.

Nach dem Abschmelzen der skandinavischen Eismassen bildete sich schrittweise ein neues Meeres- und Seensystem. Dabei wechselten sich Phasen von Süß- und Salzwassereinfluss ab. Diese Entwicklungsphasen sind heute durch Sedimentanalysen, Fossilfunde und Isotopenmessungen gut belegt.

Entwicklungs-phase Zeit (ungefähr) Charakter Bemerkungen Baltischer Eisstausee ca. 12.600–10.200 v. h. Süßwassersee Vom Eis aufgestaut; entwässerte nach Südwesten; Spuren heute in Mittelschweden und Finnland sichtbar. Yoldiameer ca. 10.200–9.500 v. h. Brack- bis Salzwassermeer Kurzzeitige Verbindung zum Weltmeer über Mittelschweden; benannt nach der Muschel Yoldia (Portlandia arctica). Ancylussee ca. 9.500–8.000 v. h. Süßwassersee Durch Landhebung vom Meer abgetrennt; benannt nach der Schnecke Ancylus fluviatilis. Littorinameer ca. 8.000–4.000 v. h. Salzhaltigeres Brackwassermeer Durch Überflutung der dänischen Landbrücken wieder mit dem Atlantik verbunden; Klimaoptimum des Holozäns. Postlittorinische Ostsee ca. 4.000 v. h. – heute Brackwassermeer Entspricht der heutigen Ostsee; schwankende Salinität und Küstenlinien durch Meeresspiegel- und Klimaveränderungen.

Diese Abfolge zeigt, dass die Ostsee in wenigen Jahrtausenden mehrfach ihren Charakter änderte – von einem See über ein Brackwassermeer zum heutigen komplexen Übergangssystem zwischen Süß- und Salzwasser.

Postglaziale Landhebung und Küstenentwicklung mini|Die Auswirkungen der postglazialen Landhebung in Stockholm. Nach dem Rückzug der Gletscher hob sich das zuvor vom Gewicht der Eismassen niedergedrückte skandinavische Land wieder – ein Prozess, der bis heute anhält und als isostatische Landhebung bezeichnet wird. In Finnland und Nordschweden steigt das Land noch immer um bis zu 8 mm pro Jahr, während sich der südliche Ostseeraum (Deutschland, Polen, Baltikum) leicht absenkt. Dadurch verändern sich Küstenverläufe, Tiefenprofile und Wasserstände stetig.

Im Verlauf der letzten 8.000 Jahre entstanden die typischen Küstenformen der Ostsee:

im Norden die felsigen Schärenküsten, im Westen die durch Gletscherzungen geformten Förden, im Süden die flachen Bodden- und Haffküsten, auf Inseln wie Rügen, Öland oder Gotland Kliffküsten aus Kreide und Kalkstein.

Geographie

Lage und Abgrenzung Die Ostsee ist ein Nebenmeer des Atlantischen Ozeans im Nordosten Europas zwischen der Skandinavischen Halbinsel, dem Baltikum und dem mitteleuropäischen Festland. Sie erstreckt sich in West-Ost-Richtung über rund 1300 Kilometer – von der Flensburger Förde bis zum Finnischen Meerbusen bei Sankt Petersburg – und in Nord-Süd-Richtung über etwa 1400 Kilometer, etwa zwischen 54° und 66° nördlicher Breite sowie zwischen 10° und 30° östlicher Länge. Die Ostsee ist nahezu vollständig von Land umschlossen. Sie grenzt im Westen an Dänemark und Deutschland, im Norden an Schweden und Finnland, im Osten an Russland und die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen und im Süden an Polen.

Es gibt vier Meerengen zwischen Ostsee und Nordsee: Großer Belt, Kleiner Belt, Öresund und Kattegat.

Diese Übergänge sind für den Austausch von Wasser, Salz und Nährstoffen von entscheidender Bedeutung. Der östliche Weg, der Öresund, ist an seiner schmalsten Stelle nur 2 km breit, flach (Schwellentiefe 8 m) und etwa 55 km lang. Der zentrale Weg ist etwa 180 km lang und durchschnittlich etwa 13 m tief. Er besteht aus dem Großen Belt und dem Fehmarnbelt und wird im Osten durch die Darßer Schwelle (18 m tief) abgeschlossen, die flachste Schwelle für den Hauptzufluss. Die dritte Verbindung ist der Kleine Belt mit einem Querschnitt von nur 16.000 m² im Vergleich zu 255.000 m² des Großen Belts und 80.000 m² des Sunds. Daher erfolgen etwa 70 % der Zu- und Abflüsse durch den Großen Belt; der Kleine Belt ist in dieser Hinsicht zu vernachlässigen. Diese schmalen Zugänge bestimmen das Verhältnis zwischen Süßwasser- und Salzwassereintrag.Jüri Elken, Wolfgang Matthäus (2008): Kap. A.1.1, Baltic Sea Oceanography. In: The BACC Author Team (Hrsg.): Assessment of Climate Change for the Baltic Sea Basin. Berlin und Heidelberg 2008. ISBN 978-3-540-72785-9, S. 379–386 (hereon.de PDF).

Ob das Kattegat zur Ostsee zählt, wurde oder wird unterschiedlich bewertet:

In der Ozeanographie gilt als Grenze meist die Darßer Schwelle nordöstlich von Rostock, wo die Salzkonzentration nach Osten deutlich abnimmt. In internationalen Umweltabkommen, z. B. im Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Ostseegebietes (Neue Helsinki-Konvention, 1992), wird auch das Kattegat als „Eingang zur Ostsee“ einbezogen.Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Ostseegebietes (Neue Helsinki-Konvention, 1992) BFN-Website, abgerufen am 26. Oktober 2025.

Als „Eigentliche Ostsee“ (engl. Baltic Proper) wird üblicherweise jener Teil der Ostsee bezeichnet, der außerhalb der drei größeren Golfe – Bottnischer, Finnischer und Rigaer Meerbusen – liegt. Die Eigentliche Ostsee bildet somit das zentrale und größte Teilbecken der Ostsee.Martin Jakobsson, Christian Stranne, Matt O'Regan, Sarah L. Greenwood, Bo Gustafsson, Christoph Humborg, Elizabeth Weidner (2019): Bathymetric properties of the Baltic Sea. In: Ocean Science, Band 15 (2019), Ausgabe 4, S. 905–924. doi:10.5194/os-15-905-2019.

Im Gegensatz zur Nordsee, die offen mit dem Atlantik verbunden ist, besitzt die Ostsee keinen direkten Zugang zum Ozean und unterliegt daher stark eingeschränkten Gezeiten sowie einer eigenen Wasserstandsdynamik.HELCOM - Helsinki Commission, Baltic Marine Environment Protection Commission (2018): State of the Baltic Sea – Second HELCOM holistic assessment 2011-2016. Baltic Sea Environment Proceedings, Heft 155. PDF

mini|Die Beltsee und ihre Meerengen mini|Ostsee und Anrainerstaaten

Die Fläche der Ostsee beträgt je nach geographischer Abgrenzung etwa 377.000 bis 412.560 km². Manche Autoren zählen das Kattegat und die Beltsee/den Öresund noch zur Ostsee, andere sehen die Grenze bereits an den dänischen Meerengen.HELCOM - Helsinki Commission, Baltic Marine Environment Protection Commission (2021): Climate Change in the Baltic Sea. 2021 Fact Sheet. Baltic Sea Environment Proceedings, Heft 180 (2021). Helsinki Commission (helcom.fi PDF). Nimmt man nur die „Eigentliche Ostsee“ (den „Baltic Proper“) ohne Kattegat, liegt die Zahl näher bei 377.000 km².

Wissenschaftliche Organisationen wie HELCOM verwenden ozeanographische Kriterien (Salzgehalt, Strömungssysteme, Schwellen) für die Definition der Ausdehnung, während statistische Quellen oft politisch-administrative Grenzen der Anrainerstaaten heranziehen.

Merkmal Wert Nord–Süd-Ausdehnung ca. 600 km West–Ost-Ausdehnung ca. 1.300 km Küstenlänge (ohne Inseln) ca. 8.000 km Breitengrade 54°–66° N Längengrade 10°–30° E

Küstenstaaten und Einzugsgebiet An die Ostsee grenzen neun Staaten direkt: Dänemark, Deutschland, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden und Russland. Die Küsten- und Randräume sind sehr unterschiedlich geformt. In Nordskandinavien treten Eisbildungen im Winter regelmäßig auf, speziell in Teilen des Bottnischen Meerbusens und in Küstenregionen Finnlands und Russlands.Reinhard Lampe: Küstentypen. In: Gerhard Rheinheimer (Hrsg.): Meereskunde der Ostsee. Zweite Auflage, Springer-Verlag Berlin Heidelberg. 1996. ISBN 978-3-540-59351-5. doi:10.1007/978-3-6.p-85211-4, S. 17–33.

Unterregionen und Teilbecken mini|1. Bottenwiek, 2. Bottensee, 3. Schärenmeer, 4. Ålandsee, 5. Finnischer Meerbusen, 6. Nördliches, 7. Westliches, 8. Östliches Gotlandbecken, 9. Rigaischer Meerbusen, 10. Danziger Becken, 11. Bornholmbecken, 12. Arkonabecken, 13. Kattegat, 14. Beltsee, 15. Öresund.

Die Ostsee ist durch eine komplexe Kaskade von Tiefenbecken geprägt, die durch unterseeische Schwellen voneinander getrennt, durch Rinnen miteinander verbunden sind. Diese Beckenstruktur ist von entscheidender Bedeutung für die Zirkulation, die Schichtung und die ökologischen Bedingungen des Binnenmeers.

mini|Wichtige Ostseebecken als Relief. Modell im Akwarium Gdyńskie, dem Aquarium von Gdynia. Von West nach Ost gliedert sich die Ostsee in folgende Hauptbecken: