Der Jahrmarkt von Sorotschinzy ist der Titel einer Komischen Oper in zwei bzw. drei Akten von Modest Mussorgski nach der Erzählung Der Sorotschinsker Jahrmarkt aus dem ersten Teil von Nikolai Gogols Sammlung Abende auf dem Weiler bei Dikanka. Mussorgski komponierte die Oper zwischen 1874 und 1881, vollendete sie jedoch nicht. Die szenische Uraufführung mit Klavierbegleitung fand am 30. Dezember 1911 im Komödientheater in Sankt Petersburg statt. Nach seinem Tod gab es mehrere Versuche, die Oper zu vervollständigen.

Handlung

Die Oper spielt Mitte des 19. Jahrhunderts an einem heißen Tag im ukrainischen Dorf Sorotschinzy.

Erster Akt

Jahrmarkt in Sorotschinzy

Auf dem belebten Jahrmarkt herrscht turbulentes Treiben der Verkäufer, Zigeuner, Juden und Besucher. Der Bauernbursche Grizko erscheint mit seinen Freunden. Er trifft auf die junge Parasja, die zusammen mit ihrem Vater Tscherewik gekommen ist. Tscherewik hofft, Weizen und seine Stute verkaufen zu können. Parasja wünscht sich bunte Bänder für ihr Haar. Ein Zigeuner warnt das Volk vor dem teuflischen „roten Kittel“ und Schweinerüsseln, die abends aus einem Schuppen hervorkriechen. Grizko verliebt sich unterdessen in die schöne Parasja. Tscherewik tritt dazwischen, gibt seine Einwände aber schnell auf, als er feststellt, dass Grizko der Sohn seines Freundes ist und Parasja heiraten möchte. Zusammen gehen sie ins Wirtshaus, um zu feiern.

Am späten Abend verlässt Tscherewik mit einem Saufkumpan, seinem „Gevatter“, betrunken das Wirtshaus („Dudu, rududu, rududu“). Er trifft auf seine Frau Chiwrja und erzählt ihr von dem zukünftigen Schwiegersohn. Doch Chiwrja ist alles andere als begeistert, denn Grizko hatte sie erst kurz zuvor beleidigt und mit Dreck beworfen. Sie beschimpft ihren Mann und möchte auf keinen Fall einen solchen Taugenichts in die Familie aufnehmen. Tief enttäuscht singt Grizko, der den Streit mitangehört hat, ein trauriges Lied (Lied und Dumka „Mein Herz, mein armes Herz, was jammerst und stöhnst du?“). Ein Zigeuner verspricht ihm seine Hilfe, wenn er Grizkos Ochsen für zwanzig Rubel erhält. Grizko bietet sie ihm für fünfzehn an, falls der Zigeuner wirklich Wort halten sollte. Nachdem der Zigeuner ihm fünf Rubel Anzahlung gegeben hat, die Grizko nicht zurückzuzahlen braucht, falls sein Vorhaben scheitern sollte, schlägt Grizko ein.

[Zweiaktige Fassung von Nikolai Tscherepnin:] Im Dunkeln träumen Parasja und Grizko von ihrem zukünftigen Glück und versprechen sich die Treue.

Zweiter Akt

Hütte des Gevatters

Nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen hat, erwacht Tscherewik im Haus des Gevatters, bei dem er während des Jahrmarkts mit seiner Familie wohnt.In einigen Opernführern findet sich die Angabe, dass der zweite Akt im Haus Tscherewiks spielt. Das widerspricht jedoch der Angabe im erhaltenen Szenarium Mussorgskis. Der Bauer Tscherewik ist von außerhalb mit dem Wagen zum Jahrmarkt gekommen, um dort Weizen zu verkaufen. Chiwrja bereitet Essen vor – jedoch nicht für ihren Mann, sondern für ihren Liebhaber Afanassi, den Sohn des Popen, mit dem sie dort ein Stelldichein vereinbart hat. Chiwrja und Tscherewik streiten eine Weile, bis Chiwrja ihn hinauswirft, um den Wagen zu bewachen. Während sie ungeduldig auf ihren Geliebten wartet, werkelt sie weiter in der Küche, lamentiert über ihren nichtsnutzigen Mann und singt zum Zeitvertreib ein Lied („Bis ich Brudeus fand“). Endlich kommt Afanassi – er war vor dem Haus in die Nesseln gefallen. Chiwrja überhäuft ihn mit ihren Köstlichkeiten. Doch als sie sich näher kommen, kehrt Tscherewik mit dem Gevatter und vielen Gästen zurück, und Chiwrja muss ihren Geliebten verstecken.

Aus Furcht vor dem berüchtigten roten Kittel flüchten sich die Gäste in ein Saufgelage (Kosakenlied: „Du, du, rududu“). Ihre Angst erreicht einen Höhepunkt, als ein Gegenstand aus dem Versteck Afanassis fällt. Zu ihrem Entsetzen lädt Tscherewik den Kittel übermütig ins Haus ein. Darauf erzählt der Gevatter die ganze Geschichte: Einst sei ein Teufel aus der Hölle gejagt worden. Er habe aus Kummer in der Schenke dieses Orts seinen gesamten Besitz vertrunken und dem Wirt schließlich noch seinen roten Kittel verpfändet – unter der Bedingung, dass dieser ihn ein Jahr aufbewahren sollte, bis er ihn wieder einlösen werde. Der Wirt habe den Kittel jedoch an einen Reisenden verkauft. Als der Teufel später in Gestalt eines alten Mannes zurückgekehrt sei und den Kittel verlangt habe, habe der Wirt jede Kenntnis darüber geleugnet. Der Alte sei fortgegangen, doch am Abend seien in jedem Fenster Schweinerüssel erschienen. In diesem Moment erschrecken die Gäste erneut wegen eines Geräuschs aus Afanassis Versteck. Der Gevatter erzählt weiter, dass die Schweine in die Stube eingedrungen seien und den Wirt verprügelt hätten, bis er seine Schuld eingestanden habe. Seitdem suche der Teufel jedes Jahr auf dem Markt von Sorotschinzy nach seinem Kittel.

Nachdem der Gevatter seine Erzählung beendet hat, schlägt das Fenster auf und ein Schweinerüssel schaut herein – der Schachzug des Zigeuners. Panik entsteht unter den Gästen. Tscherewik ergreift anstelle seiner Kappe einen Tontopf und stülpt ihn sich über den Kopf. Afanassi fällt in einen Unterrock Chiwrjas gehüllt aus seinem Versteck und wird für den Teufel gehalten. Alle fliehen.

[Zweiaktige Fassung von Tscherepnin:] Der Zigeuner tritt mit Grizko und einigen jungen Leuten ein und zieht Afanassi den Umhang herunter. Chiwrjas Untreue ist aufgedeckt. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als in die Hochzeit ihrer Stieftochter mit Grizko einzuwilligen.

Dritter Akt (Fassung von Lamm/Schebalin)

Erstes Bild. Straße in Sorotschinzy

In ihrer Panik laufen der Gevatter und Tscherewik, dessen Kopf noch immer im Topf steckt, umher, stoßen zusammen und halten sich gegenseitig für den Teufel. Der Zigeuner tritt mit einigen jungen Leuten ein und bezichtigt die beiden, Tscherewiks Stute gestohlen zu haben. Grizko überredet die anderen, die beiden freizulassen, sofern Tscherewik in seine Hochzeit mit Parasja einwilligt. So geschieht es. Tscherewik lässt die Einwände seiner Frau nicht mehr gelten. Grizko verkauft dem Zigeuner wie vereinbart seine Ochsen. Alle gehen nach Hause.

Grizko legt sich unter einem Baum schlafen. In der „Traumvision des Bauernburschen“ stellt der Chor einen Hexensabbat dar, über den Tschernobog, der altslawische „schwarze Gott“ oder Oberteufel, wacht. Erst der Klang der Morgenglocken und Kirchengesang macht dem Treiben ein Ende. Die Hexen und Dämonen fliehen. Grizko wacht verwundert auf.

Zweites Bild. Straße vor der Hütte des Gevatters

Parasja kommt aus der Hütte. Sie sehnt sich nach ihrem Geliebten, vertreibt dann aber ihre schwermütigen Gedanken, singt ein fröhliches Lied und tanzt einen Hopak, in den auch ihr Vater einstimmt („Parasjas Dumka“). Grizko und der Gevatter erscheinen mit einer Gruppe von jungen Leuten. Tscherewik gibt dem Paar seinen Segen, doch erneut widerspricht Chiwrja energisch. Der Zigeuner und einige Bauernburschen greifen ein und führen sie fort. Die Oper endet mit einem fröhlichen Hochzeitstanz (Hopak) der jungen Leute.

Gestaltung

Orchester

Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:

Fassung von Anatoli Ljadow

Holzbläser: Piccoloflöte, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Tuba Pauken, Schlagzeug Streicher

Fassung von Nikolai Tscherepnin

Holzbläser: drei Flöten (3. auch Piccolo), zwei Oboen, Englischhorn, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, Tuba Pauken, Schlagzeug Harfe Klavier Streicher

Fassung von Wissarion Schebalin und Pawel Lamm

Holzbläser: drei Flöten (3. auch Piccolo), zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Kornette, zwei Trompeten, drei Posaunen, Tuba Pauken, Schlagzeug: kleine Trommel, große Trommel, Becken, Triangel, Tamburin, Tamtam Harfe Klavier Streicher

Szenarium

Im Nachlass Mussorgskis fand sich ein Szenarium der Oper, das er am 19. Mai 1877 in der Wohnung des Sängerehepaares A. J. und O. A. Petrow in Petersburg verfasst hatte:

Wie sich Mussorgski die Traumszene vorstellte, ist in einem Brief aus dem Jahr 1880 dokumentiert:

Musik

Seinen Jahrmarkt von Sorotschinzy bezeichnete der Komponist selbst als „Komische Oper“. Er erläuterte diesen Begriff folgendermaßen:

Er wollte die bäuerlichen Figuren also nicht lächerlich machen, sondern möglichst realistisch darstellen. Als einziger Buffo-Charakter fungiert der Popensohn Afanassi, dessen leibliche Bedürfnisse musikalisch durch kirchenmusikalische Elemente konterkariert werden.

Mussorgski teilte Golenischtschew-Kutusow auch seine dramaturgischen Vorstellungen mit:

Formal handelt es sich um eine Nummernoper, wenn auch die einzelnen Szenen ohne Pause aufeinander folgen.

Das Vorspiel schildert atmosphärisch mit ruhigen Melodien einen heißen russischen Tag. Es folgt ein scherzhafter Abschnitt, der direkt in den ersten Chorsatz mündet.

Die Gesangspartien bestehen zu einem großen Teil aus einem „rezitativischen Parlando“ oder „melodischem Rezitativ“, in dem die Melodie und die Deklamation eng verbunden sind. Die Musik ist außerdem von wiederkehrenden leitmotivartigen Motiven geprägt, durch die eine dramaturgische Einheit des Werks entsteht. Da das Werk unvollendet blieb, ist allerdings nicht sicher, ob Mussorgski dieses Verfahren tatsächlich konsequent anwenden wollte. Diese Motive sind jeweils einzelnen Personen zugeordnet, charakterisieren diese und werden auch als komisches Element eingesetzt. Dem roten Kittel ist ein wichtiges Motiv zugewiesen, das durch eine fallende kleine None auffällt und mit übermäßigen Dreiklängen der Ganztonleiter harmonisiert ist.

Eine weitere Besonderheit der Oper sind die vielen darin zitierten ukrainischen Volkslieder. Sie erscheinen in originaler Gestalt in den Chorszenen des Volks, aber auch in Dialogen und den Ariosi. Beispielsweise sind in die Szene Chiwrjas im zweiten Akt, in der sie auf ihren Geliebten wartet, gleich drei Volkslieder enthalten. Die ersten beiden fügen sich nahtlos in den Monolog ein, doch das dritte erhält die Funktion einer Arie. Die anfängliche Ablehnung Tscherewiks gegen die Heiratsabsichten Grizkos trägt dieser mit einem Zitat eines Volkslieds vor. Als Tscherewik und der Gevatter betrunken das Gasthaus verlassen, enthalten ihre Lieder Motive dreier Volkslieder. Das Gleiche gilt für den Streit Chiwrjas mit Tscherewik zu Beginn des zweiten Akts.

Ausgelassener Rundgesang des Chores:

Liebesszene nach einem lyrischen kleinrussischen Volkslied:

Werkgeschichte

mini|Titelblatt des Klavierauszugs der Fassung von César Cui, Petrograd 1916

Mussorgski begann die Komposition seiner Gogol-Oper im Jahr 1874, wie er am 4. August der Sängerin Ljubow Karmalina mitteilte. Er sah diese komische Oper als Gegenpol zu seinen beiden „Volksdramen“, 1874 fertiggestellten Boris Godunow und der 1872 begonnenen Chowanschtschina, da er fürchtete, dass ihn diese beiden „Riesengewichte […] erdrücken“ könnten. Nikolai Rimski-Korsakow berichtete, dass Mussorgski bei der Arbeit sehr planlos vorging. Er habe bereits einzelne Abschnitte komponiert, bevor überhaupt das Szenarium oder das Libretto des ersten und dritten Aktes fertiggestellt waren. Bei der Behandlung der ukrainischen Ausdrücke wurde Mussorgski vom Bassisten Ossip Petrow unterstützt, für den er die Rolle des Tscherewik konzipierte. Petrow starb jedoch bereits am 12. März 1878. Aufgrund von Zweifeln und Krisen unterbrach Mussorgski die Arbeit mehrfach. 1879 ergänzte er einige Volkslieder, die er auf einer Konzertreise durch die Ukraine mit der Sängerin Darja Leonowa gesammelt hatte. Während dieser Reise führten sie auch einige Fragmente der Oper auf, die so guten Anklang fanden, dass Mussorgski in seiner Arbeit bekräftigt wurde.