mini|hochkant|Otto Hahn, 1938rahmenlos|hochkant|klasse=notpageimage skin-invert-image|Unterschrift von Otto Hahn
Otto Emil Hahn (* 8. März 1879 in Frankfurt am Main; † 28. Juli 1968 in Göttingen) war ein deutscher Chemiker und ein Pionier der Radiochemie, der als „Vater der Kernchemie“Glenn T. Seaborg: Introduction to: Otto Hahn: A Scientific Autobiography. Charles Scribner’s Sons, New York 1966, S. IX. gilt. Hahn zählt zu den bedeutendsten Naturwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts.Ende 1999 veröffentlichte das Nachrichtenmagazin Focus das Ergebnis einer Umfrage unter 500 führenden deutschen Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Medizinern nach den wichtigsten Forschern des 20. Jahrhunderts (Heft 52/1999, S. 103–108, online). Der experimentelle Chemiker Otto Hahn wurde – nach den theoretischen Physikern Albert Einstein und Max Planck – auf den dritten Platz und somit zum bedeutendsten empirischen Naturforscher des Jahrhunderts gewählt. Mit Fritz Straßmann und Lise Meitner entdeckte er Ende 1938 die Kernspaltung und läutete damit das Atomzeitalter ein. Für die Entdeckung der Kernspaltung des Urans und des Thoriums wurde ihm 1945 der Nobelpreis für Chemie des Jahres 1944 verliehen.
Zwischen 1905 und 1921 entdeckte Hahn zahlreiche Isotope (heute Nuklide genannt). Von 1907 bis 1938 arbeitete er mit Lise Meitner zusammen. 1909 entdeckte er den radioaktiven Rückstoß, 1917 das Element Protactinium (mit Meitner), 1921 die Kernisomerie beim „Uran Z“. Seit 1912 arbeitete Hahn am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin, das er von 1928 bis 1946 als Direktor leitete. In der Zeit des Nationalsozialismus engagierte er sich für gefährdete Juden. Nach Einsteins Urteil war er „einer der Wenigen, die aufrecht geblieben sind und ihr Bestes taten während dieser bösen Jahre“.
Hahn war ab 1946 der letzte Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) sowie von 1948 bis 1960 der erste Präsident der aus der KWG hervorgegangenen Max-Planck-Gesellschaft. Seit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 gehörte er zu den schärfsten Kritikern der nuklearen Aufrüstung der Großmächte und der durch unkontrollierte Atomtests fortschreitenden radioaktiven Verseuchung der Erde. Dagegen setzte er sich wiederholt für die friedliche Nutzung der Kernenergie ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Otto Hahn einer der einflussreichsten Vorkämpfer für globale Völkerverständigung und internationale Entspannungspolitik. Sein aktiver Pazifismus verschaffte ihm weit über Deutschland hinaus hohes Ansehen.
Leben bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Kindheit und Jugend mini|Denkmal zum Geburtshaus in Frankfurt am Main
Otto Hahn wurde am 8. März 1879 als jüngster Sohn des Glasermeisters und Unternehmers Heinrich Hahn (1845–1922, „Glasbau Hahn“) und dessen Frau Charlotte Hahn geb. Giese (1845–1906) in Frankfurt am Main geboren. Er verlebte zusammen mit seinen Brüdern Karl, Heiner und Julius eine behütete Kindheit. Laut Walther Gerlach waren die Verhältnisse im Elternhaus „einfach“ und „solide“; der neun Jahre ältere Stiefbruder Karl sei an Ottos Erziehung beteiligt gewesen.Walther Gerlach, Dietrich Hahn 1984, S. 14 f.
Otto Hahn interessierte sich während der Schulzeit für Literatur, Musik, Wanderungen, Turnen und Theater, vor allem aber für den Spiritismus. Die „okkulten“ Phänomene, über die damals viel geschrieben wurde, faszinierten ihn. Sie beunruhigten ihn dermaßen, dass er sich schließlich entschieden davon abwandte. Danach lehnte er lebenslang alles Spekulative ab.
Mit etwa 15 Jahren begann Hahn sich in besonderer Weise für Chemie zu interessieren und unternahm zusammen mit einem Schulkameraden in der Waschküche seiner Mutter einfache chemische Experimente:
Der Vater, durch innovative Ideen, Fleiß und Sparsamkeit zu Wohlstand gekommen, hätte Otto Hahn gern als Architekten gesehen, da er mehrere Wohn- und Geschäftshäuser gebaut oder erworben hatte. Aber er ließ sich überzeugen, dass sein Sohn Otto beabsichtigte, die Laufbahn eines Industriechemikers einzuschlagen.
Studium in Marburg und München Nach dem Abitur an der Klinger-Oberrealschule in Frankfurt am Main begann Hahn 1897 bei Theodor Zincke an der Philipps-Universität Marburg sein Studium der Chemie und Mineralogie, als Nebenfächer belegte er Physik bei Franz Melde und Philosophie bei den Neukantianern Hermann Cohen und Paul Natorp, die einen entscheidenden Einfluss auf sein bereits empirisch geprägtes wissenschaftliches Denken und Handeln haben sollten. Da sein Vater den Beitritt zu einer pflichtschlagenden Verbindung ablehnte, wurde Hahn Mitglied im „Naturwissenschaftlich-Medizinischen Verein Studierender“ zu Marburg, einer damals nicht schlagenden und nicht couleurtragenden, aber unbedingte Satisfaktion gebenden Studentenverbindung und Vorläuferin der heutigen Landsmannschaft Nibelungia.Otto Hahn: Mein Leben. Erweiterte Neuausgabe. Piper Verlag, München/Zürich 1986, ISBN 3-492-00838-0, S. 46. Wegen einer Beleidigung focht Hahn einmal ein Duell mit schwerem Säbel aus, dabei wurde er am rechten Arm leicht verletzt.Erich Kuntze-Braack: Sigambria/Hercynia. Ein Stück Rheinfranken-Geschichte. In: Rheinfranken-Zeitung. 45. Jahrgang, 1978, Heft 2, S. 26–28. Hahns Gegner bei dem Fechtkampf war Paul Friehmelt, Inaktiver der Burschenschaft Sigambria Marburg, den Hahn aus Jugendtagen kannte. Friehmelt grollte Hahn, in Marburg nicht bei seiner Sigambria aktiv geworden zu sein, und beleidigte ihn bei einer Begegnung in Frankfurt am Main. Die Säbelmensur wurde in Breslau ausgetragen, wo Friehmelt mittlerweile studierte.
Das dritte und vierte Semester verbrachte Hahn bei Adolf von Baeyer an der Universität München, wo er sich, angeregt durch Besuche der Alten Pinakothek, nebenher auch mit wachsendem Interesse der Kunstgeschichte widmete. Im Juli 1901 promovierte er in Marburg magna cum laude bei Theodor Zincke mit einer Dissertation über „Bromderivate des Isoeugenols“, ein Thema aus der klassischen organischen Chemie.
Nach Ende seines einjährigen Militärdienstes im Infanterie-Regiment Landgraf Friedrich I. von Hessen-Cassel (1. Kurhessisches) Nr. 81 in Frankfurt am Main entschloss sich der junge Chemiker, für zwei Jahre als Assistent seines Doktorvaters Theodor Zincke an die Universität Marburg zurückzukehren.
London mini|William Ramsay in seinem Labor, University College London mini|Ernest Rutherford im Physiklabor der McGill University, Montreal 1905
Hahn strebte eine Tätigkeit in der Industrie an. Aus diesem Grund und zur Verbesserung seiner Sprachkenntnisse wechselte er 1904 auf Empfehlung Zinckes an das University College London und wurde Mitarbeiter von Sir William Ramsay, dem berühmten Entdecker der Edelgase. Hier beschäftigte sich Hahn mit dem seinerzeit noch jungen Gebiet der Radiochemie. Bei der Arbeit mit Salzen des Elements Radium entdeckte Hahn 1905 das „Radiothorium“, nach damaligen Vorstellungen ein neues radioaktives chemisches Element. Ramsay war begeistert und führte Hahn in die wissenschaftlichen Kreise Londons und der Royal Society ein, wo er seine Entdeckung in einem Vortrag erklären und anschließend in den Proceedings of the Royal Society publizieren konnte. Es ist – abgesehen von der Dissertation – die erste von über 250 wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Am 8. März erschien bereits ein zusammenfassender Bericht mit dem Titel A new Element in einer Londoner Tageszeitung, dem Daily Telegraph. Tatsächlich war das Radiothorium aber ein damals noch unbekanntes Isotop des schon bekannten Elements Thorium: 228Th, ein Alpha-Strahler.
Frederick Soddy, der 1913 die Begriffe Isotopie und Isotop prägte, hielt es für eine „merkwürdige historische Tatsache“, dass nach Marie Curies Versuchen mit Uran-Mineralien (Ende 1897) niemand mit Thorium-Mineralien arbeitete, bis Otto Hahn im Jahr 1905 das „Radiothorium“ entdeckte. Weiterhin empfand es Soddy als erstaunlich, dass der junge Otto Hahn, der damals noch „ein blutiger Anfänger auf dem Gebiet der Radiochemie“ war, auf Anhieb das Radiothorium gewinnen konnte, während es vielen anderen Chemikern, die es danach versuchten, nicht gelang.Frederick Soddy, Vortrag auf der 2. Tagung der Nobelpreisträger in Lindau, 23. Juni 1952.
Montreal Im Herbst 1905 wechselte Hahn auf Empfehlung von Ramsay an das McDonald Physics Building der McGill University in Montreal, Kanada, um bei Ernest Rutherford seine Kenntnisse zu vertiefen. Hier erlernte Hahn unter anderem die Analyse der Alphastrahlen, die Messung der Gasionisation, der Reichweite und der elektromagnetischen Ablenkung, und konnte mit diesen neuen Methoden die (nach damaliger Terminologie) radioaktiven chemischen Elemente Thorium C (heute: das Poloniumisotop 212Po), Radium D (das Bleiisotop 210Pb) und Radioactinium (das Thoriumisotop 227Th) entdecken, was Rutherford zu der Bemerkung veranlasste: „Hahn has a special nose for discovering new elements.“Otto Hahn: Mein Leben. Verlag Bruckmann, München 1968, S. 75.
Gemeinsam mit Ernest Rutherford publizierte Hahn zwei Arbeiten über die Alphastrahlen des Radiothoriums und über die Masse der Alphapartikel des Thoriums im Philosophical Magazine, der damals – zusammen mit der britischen Nature – führenden wissenschaftlichen Zeitschrift.Otto Hahn: On some Properties of the alpha-Rays from Radiothorium. (Comm. by Prof. E. Rutherford). In: Phil. Mag., 1906, (6), 11, S. 793–805.Ernest Rutherford, Otto Hahn: Mass of the alpha-particles from Thorium. In: Phil. Mag., 1906, (6), 12, S. 371–378.
Forschung an der Berliner Universität
Entdeckung des Mesothoriums (Radium 228) Im Sommer 1906 kehrte Hahn nach Deutschland zurück und wurde Mitarbeiter am I. Chemischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin bei Emil Fischer, der Hahn eine „Holzwerkstatt“ im Chemischen Institut als eigenes Labor zur Verfügung stellte.. Dort entdeckte Hahn in wenigen Monaten – mit äußerst primitiven Apparaturen – das Mesothorium I, das Mesothorium II und – unabhängig von Bertram Boltwood – die Muttersubstanz des Radiums, das Ionium. Das Mesothorium I (das Radiumisotop 228Ra) erlangte in den folgenden Jahren große Bedeutung, da es sich – ähnlich dem Curieschen Radiumisotop 226Ra – hervorragend für die medizinische Strahlentherapie eignete, mit dem großen Vorteil, dass es in der Herstellung nur die Hälfte kostete. Für die Entdeckung des Mesothoriums I, das seinerzeit auch als „deutsches Radium“ bekannt war, wurde Otto Hahn 1914 erstmals von Adolf von Baeyer für den Chemie-Nobelpreis vorgeschlagen.
Entdeckung des radioaktiven Rückstoßes mini|Gedenktafel für Otto Hahn und Lise Meitner am früheren Chemischen Institut der Universität Berlin, Hessische Straße, Berlin-Mitte
Im Juni 1907 habilitierte sich Hahn an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Am 28. September 1907 lernte er im Physikalischen Institut bei Heinrich Rubens die fast gleichaltrige Physikerin Lise Meitner kennen, die von Wien nach Berlin gewechselt war. Hier begann die 30 Jahre lang dauernde Zusammenarbeit und lebenslange innige Freundschaft der beiden Wissenschaftler. Die im Mai 1908 in der Physikalischen Zeitschrift erschienene Abhandlung Über die Absorption der Beta-Strahlen einiger Radioelemente ist die erste gemeinsame Publikation (von insgesamt 50), und bereits kurze Zeit später veröffentlichten Hahn und Meitner die Entdeckung eines neuen kurzlebigen Produktes des Actiniums, des Actinium C.
Nachdem die Physikerin Harriet Brooks 1904 zum ersten Mal den radioaktiven Rückstoß beobachtet, aber falsch gedeutet hatte, gelang es erst Otto Hahn 1908/09, den Rückstoß bei der -Umwandlung nachzuweisen und richtig zu interpretieren. Hahn formulierte das so: